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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-22 · 4 (22.1.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 Vr. Bloch'« Wochenschrift Seite 67 ordnung, deren -Erörterung.und-Lösnng allerdings von der wüsten Hetze der Gegenwart nicht zu erhoffen ist, die allerdings eine Volksvertretung nicht interessiren, in welcher Stampiglienfülscher nicht nur das Wort ergreifen dürfen, sondern sogar von Ministern ohne Glacßhandschuhen angefaßt werden. Die Frage, ob unsere gegenwärtigen strafprocessualen Zustände thalsächlich das Vorkommen von Justizmorden unmöglich machen, das weitere Problem, welches die Entschädigung unschuldig Verurtheilter und solcher, die grundlos eine Untersuchungshaft erdulden müssen, zum Gegenstand hat, sind vielleicht wichtiger als die Alternative, ob die Juden geköpft oder gehängt werden sollen. Nur der hirnrissigen Verbohrtheit jener Leute, die das „Deutsche Volksblatt" „schreiben" und bei denen als Folgeerscheinung der V e r g a n i'schen Hnngerlöhne auch der Wahnsinn des Hungers zum Ausdruck gekommen zu sein scheint, konnte es einsallen, daß die liberale Publicistik bei Erörterung des Falles Fock-Basch der zufällige Umstand, daß Frau Basch eine Jüdin ist, beeinflußt habe. Das alte Volkssprichwort vom Schelm, welcher denkt, wie er ist, zeigte sich in seiner ganzen traurigen Wirksamkeit. Jene Burschen, an deren Berschweigungs-, Vertnschungs- und Beschönigungs-Fähigkeit die zahllosen Lumpereien antisemitischer Führer tagtäglich so hohe Ansprüche stellen, können sich eine leidenschaftslose, objective und sachliche Behandlung einer Frage nicht mehr vorstellen. Alle Welt findet, daß die Anklagebehörde im Interesse des allgemeinen Rechtsbewußtseins und im Sinne des öffentlichen Rechtsgefühls besser daran gethan hätte, dort keine Mordanklage zu erheben, wo der lückenhafte Jndicienbeweis nicht einmal für eine Ehebruchsklage ausreichte. Das Verbiet der Geschwornen gibt dieser Auffassung der Sachlage lauten, beinahe einstimmigen Ausdruck. Der Staatsanwalt, dessen bisheriges Wirken seinen humanen Anschauungen ein ehrenvolles Zeugniß ausstellt, scheint den ursprünglichen Jrrthum zu verbessern, indem er auf jedes Rechtsmittel verzichtet. Nur die Verganis sind nicht einverstanden : Thut nichts, der Jude wird verbrannt; die Jüdin muß verurtheilt werden. So enthält auch der Proceß Fock-Basch einen Fall, desien Sonderbarkeit jede Verallgemeinerung von vornherein auszuschließen scheint, eine Moral: die Moral der antisemitischen Unmoral. Die freigesprochene Frau Basch, die fünf Monate in Untersuchungshaft gesessen ist und auf deren Nerven auch die aufregende Procedur der öffentlichen Gerichtsverhandlung keinen besonders wohlthätigen Einfluß ausgeübt haben dürfte, wird leider nicht geneigt sein, ihre Verleumder vor den Richter zu fordern. Der Ruf nach dem Staatsanwalt ist uns fremd, aber die Frage drängt sich einem unwillkürlich am, ob es für die Zügellosigkeit antisemitischer Unmoral gar keine Grenze gibt. Zum Nachruf auf den verewigten Präsidenten der israelitischen Cultusgrmrinde in Wien, Herrn Gustav Simon. Von Dr. Abraham Adolf Schmiedl. Warum in der bekannten biblischen Gleichnißrede die drei edlen Bäume die Führung über das große Geschlecht der Bäume entschieden voll sich ablehnten? Die _ Beantwortung dieser Frage fällt nicht schwer und das Motiv dieser drei Bäume hatte seinen triftigen Grund. Der tranbenbedeckte W e i n st o ck sagte sich : Ich zähle gewiß nicht mit Unrecht zu den hervorragenden Bürgern der Pflanzenwelt, denn meine Frucht, die Gott und Menschen erfreut, ist das sprechende Gleichniß seelenwarmer Begeisterung, welche Menschenherzen zu thatkräftigen Entschlüssen und Schöpfungen entflammt. Allein man bedenke, wie mein flüssiges Feuer, wenn es uneingedämmt bleibt, in den Adern der Menschen runrort, oft zu unüberlegtem Thun hinreißt imd selbst in den feinsten Gesellschaftskreisen zuweilen zu heftiger Rede und Gegenrede führt, die eine bleibende Verstimmung zurücklassen. Darum — so sagte der Wein stock — für mich allein tauge ich zum Führer nicht. Dann erhob sich der Oliven bäum und sagte: Auch ich zahle mit Recht zu den besseren Bäumen, denn mit meiner Frucht werden ja die Heiligthümer, die Gottestempel erleuchtet. Ja, mein sanftes, mildes Oel ein sprechendes Bild des Friede n s a m t e s, d?r besonnenen Friedensliebe — es heilt oder lindert milldestens schmerzliche Wunden. Allein der Friede und die Friedensliebe um jeden P reis sinkt zuweilen zum faulen Frieden hinab, weil sie nicht den Muth hat, für das Gute und das Rechte einzustehen mit aller Entschiedenheit. Und darum — so sagte der Olivenbanm -- für mich allein tauge auch ich zum Führer nicht. Dann kam der F e i g e nb a it ut und ries: Auch ich werde zu den besseren Bäumen gezählt und meine Frucht, die süß wie Honig ist, kann als sprechendes Bild der B e r e d t s a m k e i t gelten — denn was meine Frucht dem Gaumen ist, das ist das beredte Wort dem Ohre der Hörer. Allein: Worte — und nichts als Worte, sie sinken oft zum Lächerlichen hinab! Und darum — so ries auch der Feigenbaum — für mich allein gäbe ich keinen rechten Führer ab. Und die sämmtlichen drei Bäume riesen dann im Chore: Ein Anderes wär's, wenn wir Drei z u eine m e i nzigen Bau m e z u s a m m e n w a ch s e n könnte n, das gäbe dann in der That einen tüchtigen Führer: In der Mitte die starke Friedensliebe und aus beiden Seiten flaukirt durch die anfeuernde Begeisterung und das kluge, taktvolle Wort zur rechten Zeit und am rechten Platze. Und solch ein gottbegnadeter Führer seiner großen Gemeinde war der verewigte Präsident Herr G n st a v S i m o n. Das haben die trauernden Anitscollegen an seinem Sarge ihm ausgesprochen. Alle drei Factoren in sich vereinigend, war er die innige Friedensliebe, die zu thatkräftigen Entschlüssen anfeuernde Begeisterung, die auch immer das rechte Wort zur rechten Zeit fand. * Gustav Simon erkrankte unmittelbar nach der ersten Vorstandssitzung, die er als neugewählter Präsident leitete. Seine Wahl zum Präsidenten hatte ihm zahlreiche Beweise der Sympathie gebracht. Die türkisch-israelitische Gemeinde in Wien beglückwünschte den neugewählten Präsidenten mit nachstehender Adresse: E u er iö ü t) I g e b uv en! Mit aufrichtiger Freude vernahm die türkisch-israelitische Gemeinde zu Wien die Kunde von der Wahl Euer Wohlgeboren zum Präsidenten der Wiener israelitischen Cultusgemeinde und embietet ans diesem Anlasse der gefertigte Vorstand im eigenen, wie im Namen sämmtlicher Mitglieder der Gemeinde Euer Wohlgeboren die wärmsten und herzlichsten Glückwünsche. Hat in diesem ersten bedeutungsvollen Acte der neugewählten löblichen Repräsentanz der Cultusgemeinde sich einerseits das unerschütterliche Vertrauen rnanisestirt, das die Gemeinde und die Besten derselben ihrem alten, hochverehrten und hingebungsvollen Führer entgegenbringen, so begrüßt der gefertigte Vorstand in jenem, die letzten Vorstandswahlen in der Wiener israelitischen Cultusgemeinde in der würdigsten Weise krönenden Ereignisse der Wahl Euer Wohlgeboren zum Präsidenten der genannten Gemeinde die schätzenswertheste und erfreulichste Garantie dafür, daß das dauernde gute Einvernehmen und die freundlichsten Beziehungen, die zwischen der Wiener israelitischen Cultusgemeinde und der türkisch-israelitischen Gemeinde zu Wien bisher gepflegt und gehegt werden, ihren festen und sicheren Fortbestand haben werden. Indem der gefertigte Vorstand noch dem Wunsche Ausdruck gibt, daß es Euer Wohlgeboren gegönnt sei, auch weiterhin in völlerkörperlicher und geistiger Frische zum Wohle und zum Ruhme der großen Gemeinde, an deren Spitze Sie die Vorsehung gestellt, zu schaffen und zu wirken, zeichnet sich hochachtungs- und verehrungsvoll der Vorstand der türkisch-israelitischen Gemeinde zu Wien Lico L. A d u t t, Marco M. Rufs o, Rudolf M a z l i a ch, Salomon D. A s r i e l, Gabriel Heinr. A d u t t Se. Wohlgeboren Herrn Gustav Simon, Präsident der israelitischen Cultusgemeinde zu Wien. Unter den zahlreichen Condolenzschreiben, welche den Hinterbliebenen zugekommen sind, bestnden sich solche vom Statthalter, vom Bürgermeister, vom Reichsrathsabgeordneten Freiherrn v. K ü b e ck und vorr dem Referenten für Cultusaugelegenheiten der niederösterreichischen Statthalterei Freiherr» v. M a r x. Das Leichenbegängniß hat unter enormer Betheiligung der gesummten Bevölkerung stattgesunden und gab Zeugniß von der exzeptionellen Popularität des Verblichenen. Sowohl die Räume der Wohnung am Bauernmarkt Nr. 7, ctls auch das Vestibüle und der Hof des Hauses^ sowie der Platz vor demselben waren lange vor 10 llhr von Tranergästen besetzt. Einen mächtigen Lorbeerkranz mit weiß-rvthen Schleifen hatte das Ringtheatercuratorium gesendet. Auch von

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