Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 4 (22.1.1897)
- Date
- 1897-01-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 66 Dr. Vlvch's Wochenschrift. Nr 4 Zeitung" 5 fl. per Zeile zu bezahlen, wenn nicht mit dieser Bezahlung die Nebenabsicht verbunden ist, das Blatt dem bezahlenden Inserenten oder Texteinschalter moralisch zu verpflichten. Eine Bedingung und Voraussetzung dieser Pauschalien war, wie die Herren von der Tramway und von der Gasgesellschaft sagten, daß das Blatt sich „objectiv" verhalte. Haben wir da recht gelesen? Objectiv, das heißt gerecht und wahrheitsgetreu und die Antisemitenblätter triefen ja doch ohnehin von Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe, also von Objectivität, und diese Objectivität sollte erst durch Pauschalien erkauft werden müssen? Was aber im „gegebenen" Falle unter Objectivität zu verstehen sei, das haben natürlich die Gasgesellschast und die Tramway zu entscheiden. Wenn über die elende Beleuchtung der Straßen und über die ungenügenden Verkehrsmittel der Tramway losgezogen wird, so wird das schwerlich von den Directoren der Tramway und der Gasgesellschaft für „objectiv" angesehen werden, und der Herausgeber der „Deutschen Zeitung" und Stadtrath Dr. Wahner stand somit in einem Abhäugigkeitsverhältniffe zu städtischen Unternehmungen, die ihrerseits wieder von der Commune abhängig sind. Und das, Herr Dr. W ä h n e r, das schickt sich nicht! Was sollen wir aber erst zu den 2000 fl. sagen, welche die „Deutsche Zeitung" vom Zuckercartell bezieht? Hat das Zuckercartell vielleicht Columnen von Inseraten in der „Deutschen Zeitung" veröffentlicht? Hat es den so kostbaren Raum dieses Blattes in einem Maße in Anspruch genommen, welches mit dem großen Betrage auch nur im allergeringsten Einklang steht? O nein; der Dr. W ä h n e r hat ja selbst das tiefbeschämeude Geständniß gemacht: einige Notizen und ein A r t i k e l s i n d für die 2000 sl. erschiene n. Fürwahr, eine fürstliche Bezahlung das, noch dazu für ein Blatt von so untergeordnetem Rang und von so kleinem Leserkreis wie die „Deutsche Zeitung". Natürlich war auch da die „Objectivität" vorausgesetzt, und man muß sagen, das war eine sehr gut bezahlte Objectivität. Nun wird wohl kaum jemals ein Director oder ein Secretär zur „Deutschen Zeitung gekommen sein, um ihr zu sagen: „Wir beuten die Stadt Wien, wir beuten die Bevölkerung, wir beuten die Consumenten aus und bezahlen Euch dafür Pauschalien, daß Ihr nichts gegen uns schreibt, sondern nur das bringt, was wir Euch zuschicken." O nein, es wird nur „Objectivität" verlangt und die „Deutsche Zeitung" faßte diese Objectivität so auf, wie sie gewünscht wurde, indem sie nur die ihr von den Gesellschaften selbst zugeschickten Notizen brachte. Das ist doch „Objectivität", nicht wahr? Man kann über die 1000 fl. von der Tramway, über die 1000 fl. von der Gasgesellschast verschiedener Ansicht sein. Die Gesellschaften und die Zeitungs-Administratoren finden diese Beträge der gebotenen Leistung, nämlich Veröffentlichung von Ausweisen rc., angemessen. Was aber das Z u ck e r c a r t e l l betrifft mit den 2000 fl., die für einige Notizen und einen Artikel bezahlt wurden, so wird es dem Dr. W ä h n e r ergehen wie der Hebbelschen Maria Magdalena: Darüber kommt kein Mann hinweg. Eine junge Frau darf nun einmal kein Kind gehabt, haben und wenn es auch nur ein ganz kleines war, und wenn Dr. Wähner vom Zuckercartell 2000 fl. genommen hat, so war das keine correcte, sondern eine schmutzige geschäftliche Einnahme, war das keine Entschädigung für eine angemessene, publicistische Leistung, sondern war ein Schweiggeld, eine B e st e ch u n g. Das ist unsere Ansicht von der Sache, und wenn sie dem Herrn Dr. Wähner nicht paßt, so mag er uns vordem Schwurgericht dafür belangen, wir sind bereit, für dieselbe eiuzutreten. Der Herausgeber eines die Corruption bekämpfenden Blattes, welcher für einige Notizen und einen« Artikel vom Zuckercartell, diesem der Preisbildung und der Contingentirung gewidmeten Ring der Zuckerbarone, sich mit 20' 0 fl. bezahlen läßt und nichts bringt, als was diesem Zuckercartell angenehm ist, ist ein käuflicher, bestochener und corrupter Journalist. Es ist charakteristisch, daß der Gemeinderath Kreisel die Pauschaliengeschichten des Dr. Wähner im Gemeinderathe zur Sprache bringen wollte, und daß der vortreffliche und charakterfeste Bürgermeister, wie Herr Kreisel einem Zeugen erzählte, ihn gebeten habe, zu schweigen. Ja, wenn der Dr. Wähner ein liberaler oder gar ein jüdischer Stadtrath gewesen wäre, dann wären diese Geschichten freilich nicht vertuscht worden und dann hätten wir im „Deutschen Volksblatt" und in der „Deutschen Zeitung" gar fulminante Leitartikel lesen können, über jüdische und jndenliberale Corruption! Die Antisemiten freilich — für sie existiren die Grundsätze der öffentlichen Moral nur zur Geltendmachung im Kampfe gegen die Juden. Was sie selbst und was die antisemitische Presse betrifft, da legen sie sich die Dinge ganz so zurecht, wie sie es brauchen, mit einer Kühnheit, welche zeigt, daß sie sich vollständig sicher fühlten. Das geht so weit, daß sogar eine kaiserliche Verfügung zu Gunsten der freiwilligen Rettungsgesellschaft, authentisch bekanntgemacht und allen Blättern mitgetheilt, von den Antisemitenblättern n n t e r s ch l a g e u wird. Natürlich — die „Herren von Wien" haben einen Feldzug gegen die Freiwillige Rettungsgesellschaft eröffnet, weil sie dem antisemitischen Regime sich nicht ausliefern will, und wenn der Kaiser selbst eine Verfügung trifft, die dazu beitragen soll, die Unabhängigkeit dieser Gesellschaft zu sichern, so könnte das die Bevölkerung darüber aufklären, daß sich der Gemeinderath in seiner Haltung dem humanitären Unternehmen gegenüber in einem tiefbedauerlichen Gegensätze zu den weisen und humanen Anschauungen des Monarchen befindet. Da greifen denn die Antisemitenblätter zu dem naheliegenden Auskunftsmittel, die kaiserliche Entschließung ihren Lesern zu verschweigen, das ist Objectivität im Sinne der publicistischen Geschäftsantisemiten, noch dazu eine unbezahlte Objectivität, denn die Freiwillige Rettungsgesellschaft zahlt ihnen leider — kein Pauschale. Die Moral des Proreffes Fock-Basch. Der Mordproceß Fock-Basch ist zu Ende, und von den zwölf Richtern aus dem Volke haben eilf die Unschuld der Jüdin Pauline Basch durch ihr Verbiet anerkannt. Die Namensliste der Geschwornen ist uns im Augenblicke nicht gegenwärtig, aber zehn gegen eins ist zu wetten, daß nur der kleinste Theil derselben sich zum jüdischen Glauben bekannte. Christen, christliche Mitbürger waren es also, welche die von der Staatsanwaltschaft erhobene Anklage zurückwiesen. Haben wir nicht oft genug gelesen und gehört, laß die Begriffe „christlich" und „antisemitisch" zusammenfallen, daß jeder „Arier" zum Mindesten ein versteckter Antisemit sei? Dann waren es also Antisemiten, die der Wahrheit die Ehre gaben, die es nicht über sich brachten, der Racentheorie und dem Ernst Vergant zuliebe ein Schuldig auszusprechen. Die österreichische Rechtspflege; alles was mit den Paragraphen des Strafgesetzes in Zusammenhang steht, ist unserer antisemitischen Publicistik aus begreistichen Gründen ein Dorn im Auge.' Welche Crrriere hätten die inländischen Hammerstems erst machen können, wenn sich ihnen nicht die sicherlich jüdische Erfindung des Betrugs¬ und Diebstahls-Paragraphen im Wege stellen würde? Zum Leidwesen dieser Herren sind die Gelegenheiten allzuselten, die es zulassen, dem latenten Ingrimm gegen Recht, Richter und Gerichte in unauffälliger Weise Ausdruck zu geben. Jetzt schien ihnen ein solcher Anlaß gekommen. Der Proceß Fock-Basch, die Art, in der die Anklage erhoben und noch mehr» ck der sie vertreten wurde, bot der Oeffentlichkeit Anlaß zu manch ernster Discussion. Es erschienen wiederum Fragen auf der Tages-