Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 3 (15.1.1897)
- Date
- 1897-01-15
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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Nr. 3 Vr Aloch » Zvortzrnfitzrifi. Seite 63 ihnen ohne Zaudern zn willen. Doch wußte er diesmal, durch die Erfahrungen mit den klugen Städtern gewitzigt, seinen Vortheil besser wahrzunehmen. Natürlich waren es wiederum die Juden, welche die Zeche des Versöhuungsschmauses bezahlen mußten. Durch zwei Urkunden, ausgestellt am 16. September 1390 zu Nürnberg, erließ Wenzel jedermäuniglich im Lande Franken und im Lande Schwaben alle Judenschulden und durch eine dritte von demselben Datum befreite er noch besonders die Städte Rotenburg, Schweiusurt, Windsheim und Weißenburg von ihren Verpflichtungen. Die Summen, welche den ehrsamen Stadtgewaltigen diesmal in die Hände fielen, waren freilich nach der kurz zuvor erfolgten Ausräubung nicht so beträchtlich, wie vor fünf Jahren, aber immerhin noch groß genug, um die Mühe zu lohnen. In Nürnberg betrug das Capital, um welches die Juden abermals gebracht wurden, über 22.500 Guldein (etwa 127.500 Gulden). Man könnte sich wundern, daß die so oft und ergiebig ausgeplünderten und betrogenen Juden immer wieder sich herbeiließen, Credit zu gewähren, da es doch für sie so gut wie gar keine Sicherheit gab. Wenn man indessen erwägt, daß einmal diese Anleihen keineswegs immer freiwillige waren, sondern oft genug mit ähnlichen „Ueberredungsmitteln" erlangt wurden, wie die Zustimmung zu den Schuldenerlassen, daß andererseits den Juden kaum ein anderer Beruf durch die Gesetze freigelassen war, als der des Wechslers und Darleihers, so erscheint die Handlungsweise der damaligen Juden minder unerklärlich. Die Fürsten und Herren, die bei dem „Geschäft" betheiligt waren, schnitten besser dabei ab. Das geht schon aus den ganz bedeutenden Beträgen hervor, die manche voll ihnen an Wenzel für das Privilegium zu zahlen hatten. So entrichteten zum Beispiele Herzog Friedrich, der Bischof von Würzburg und der Graf vou Oettingeu jeder 15.000 Gulden an den König Wenzel (sie müssen also ganz gehörig in der Kreide gesessen haben), die übrigeil im Verhältniß ihrer Schuld, so daß für den königlichen Spießgesellen dieser adeligen und geistlichen Räuber ein artiges Sümmchen abfiel. Dennoch muß das Capital, das man den Juden aus diese Weise jetzt wieder abzwackte, ein ganz enormes gewesen sein. Daß derartige zwar lucrative, aber nicht eben reinliche Finanzunternehmungen nicht gerade dazu dienten, das Ansehen des Königs im Lande zu hü>en, liegt auf der Hand und ist durch das Schicksal des elenden Mannes bestätigt; indessen fand sein Gebühren doch im Allgemeinen nicht die Beurtheilung, die wir erwarten würden. Des „heiligen römischen Reiches Kammerknechte", die Juden, waren eben die Parias der Menschheit bis auf unsere Tage, und die mittelalterlichen Deutschen behandelten ihre „Schutzbürger" schlechter als ihr Vieh. Die Juden waren völlrg rechtlos, sobald es den Gewalthabern gefiel. Auf der anderen Seite aber waren sie ihnen doch auch wieder nothwendig wegen ihrer unübertroffenen Gefchästsgewandtheit und Klugheit, deren die Fürsten so gut wie die Herren und die Städte bei ihren finanziellen Unternehmilngen namentlich fast ausnahmslos sich zu bedienen pflegten. Außerdem begünstigte ihre Sparsamkeit und die umsichtige Anlage ihres Ertverbs trotz aller Ausplünderungen die Ansammlung größerer Baarmittel in ihren Händen, so daß sie stets die Zuflucht derjenigen waren und blieben, die des schnöden Mammons benöthigten, ja daß sie ganz unentbehrlich waren. Man benutzte also die Juden und beförderte sie sogar, so lange man sie nöthig hatte; glaubte man ihrer aber einmal für einige Zeit entrathen zu können, so brandschatzte, beraubte oder mordete man sie, je nachdem die allgemeine Stimmung und das Geldbedürsuiß mehr oder weniger radicale Maßregeln erforderten und die Zeitverhältnisse sich gestalteten. Rechtliche oder moralische Schranken gab es für die „Antisemiten" des Mittelalters nicht und konnte es nicht geben, wenn die erlauchten Hüter des Gesetzes und die höchsten Würdenträger der Kirche wetteiferten in der schamlosesten Ausplünderung und Vergewaltigung derer, die sich ihrem besonderen Schutze anvertraut hatten und auch besondere Steuern dafür zahlten, denen in den meisten Fällen überdies die feierlichsten Zusicherungen verbrieft und versiegelt gegeben waren, allerdings nur, um bei der ersten Gelegenheit gebrochen zu werden. Unsere Chronik berichtet uns innerhalb eines kaum 50 Jahre umfassenden. Zeitraumes nur aus einer einzigen deutschen Stadt von drei mehr oder weniger vollständigen Vermögensconfiscationen, denen die Juden wider alles Recht und wider alle Versprechungen unterworfen waren lediglich deswegen, weil ihr durch Betriebsamkeit, Genügsamkeit und Umsicht erworbener Reichthum den geldbedürftigeu Machthabern als eine gefahrlose Beute sich darbot. So ging es das ganze Mittelalter hindurch in allen Theilen Deutschlands bis in die neuere Zeit hinein, und in den meisten Füllen konnten die so ungerecht Verfolgten sehr froh sein, wenn sie durch die inständigsten Bitten und ärgsten Demüthigungen das nackte Leben retteten. Oft wurde ihnen auch -das noch genommen, ohne daß man ihnen überhaupt ein Vergehen, geschweige denn ein selbst nach mittelalterlichen Rechts begriffen todeswürdiges Verbrechen vorwerfen konnte. Dennoch haben sie, allen Anfechtungen und Verfolgungen zum Trotz ihren Muth nie ganz verloren und sich mit bewundernswerther Energie stets wieder emporgearbeitet. Alle trüben Erfahrungen, die sie durch Jahrhunderte zu machen hatten, haben sie nicht beugen oder verbittern können, und jetzt, nachdem eine humanere Zeitanschauung über mittelalterliche Verblendung und fanatischen Irrwahn gesiegt und auch ihnen, den bisher außerhalb des Gesetzes und der bürgerlichen Gesellschaft Gehaltenen, Rechtssicherheit und sociale Gleichberechtigung gebracht hat, sehen wir sie als tüchtige, talentvolle Mitarbeiter bei jedem Culturwerk, bei jeder civilisaiorischen Bestrebung, bei jedem gemeinnützigen Unternehmen. Und daran wird eine wüste Schaar von eigennützigen Hetzern und verblendeten Irregeleiteten nichts ändern können, sie werden an ihrer eigenen Bosheit und Unsinnigkeit zu Grunde gehen. Die Zeiten des Mittelalters sind unwiederbringlich vorüber! Vom Jahrmarkt des Lebens. Ueber die heutigen Aufgaben der österreichischen Jude». Der Gemeinderath Herr Lucian Brunner hielt am 30. December 1896 über dieses Thema einen Bortrag im „Politischen Volksverein". Der Redner sagte: Die deütschen Juden in Mähren und Böhmen bringen für ihr Deutschthum die größten Opfer, sie lassen sich boycottiren und beschimpfen, und doch stehen die Deutschnationalen im heftigsten Kampf gegen sie, selbst in Ländern, wo, wie in Steiermark, kaum 1000 Juden wohnen. Obwohl die österreichischen Juden nur 5 Percent der Gesammtbevölkerung bilden, sind sie doch durch ihre Bertheilung in alle Provinzen berufen, mitzuwirken, daß das gleiche Recht aller Nationalitäten zur Wahrheit werde. Die Nationalitätenfrage muß, so wie in der Schweiz, nicht als politische Machtfrage, sondern als Rechtsfrage behandelt werden. Der nationale Chauvinismus ist in Oesterreich die Quelle des Antisemitismus; die Deutschösterreicher sind stolz auf die deutschen Siege, zu denen sie doch nichts beigetragen haben, und die clericale Partei hat sich des Antisemitismus zur Untergrabung des Fortschrittes und zur - Verdummung des Volkes bemächtigt. Es ist daher die Aufgabe der Juden, zu ihrer Selbstvertheidigung dem nationalen Unfrieden ein Ende zu bereiten. Für dieses Bestreben werden wir unter den Czechen und Polen Freunde finden, soweit dieselben der demokratischen Partei angehören. Die Juden müssen sich daher dieser Partei anschließen und, wenn-sie gleiche Rechte für sich beanspruchen, dieselben den Andern nicht entziehen, daher für das allgemeine Wahlrecht eintreten, und zwar auf Basis des Proportionalsystems. Die Juden haben ferner die Aufgabe, die materielle Lage ihrer Glaubensgenossen zu heben, insbesondere in Galizien, wo dieselben 12 Percent der Bevölkerung ausmachen und zumeist in der größten materiellen Nothlage sich befinden. Warum hat es bisher kein jüdischer Großindustrieller versucht, in Galizien Fabriken zu errichten, besonders auf dem Gebiete der Kleiderconfection, auf welchem derzeit die in London und New-Aork eingewanderten russischen Juden so Namhaftes leisten? Warum lassen wir die Juden in Galizien verhungern und füttern die antisemitischen Schneider? Ferner sei eine österreichische Volksbank, die dem Mittelstände Vortheile biete, und eine Stellenvermittlung, um jüdischen Gewerbsleuten und Arbeitern Beschäftigung nuchzuweisen, zu errichten, die jüdischen Wohlthätigkeitsvereine seien zu centralifiren, die Studentenvereine zu unterstützen, die Geselligkeit unter den Juden zu pflegen, wenn uns die Anderen nicht als gleichberechtigt annehmen wollen. Zum Schluffe feines mit vielem Beifalle aufgenommenen Vortrages versprach der Redner, seinen Anregungen nächstens concrete Form zu geben, und bat um deren Unterstützung. Ein jüdischer Arzt. Angesichts der fortwährenden antisemitischen Angriffe gegen die jüdischen Aerzte erscheint es