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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-15 · 3 (15.1.1897) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
3 (15.1.1897)
Date
1897-01-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Vloch's Wochenschrift Sette 57 Rede des Abgeordneten Dr. Arnold von Aapopori-Porsds. Aus dem stenographischen Protokoll der 559. Sitzung des Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes vom 11. Jänner 1897. Abgeordneter Dr. v. R a p o p o r t: Hohes Haus! Die j Auswanderung eines großen Theiles der Einwohner unseres Staates und namentlich aus jenem Lande, welches ich zu vertreten die Ehre habe, hat uns mehrmals in diesem hohen Hause beschäftigt und mit vollem Rechte. Denn diese Auswanderung bedeutet ja für uns nichts anderes als einen Verlust eines großen Theiles von Arbeitskräften, von arbeitenden Händen, welche, wenn sie im Lailde geblieben wären, dazu beigetragen hätten, mitzuwirken an dem Schaffen der Güter, welche die Grundlage unserer Volkswirthschaft bilden. Die Erforschung der Ursachen, welche dieser bedauerlichen Thatsache zugrunde liegen, hat neben jenen mannigfachen Beweggründen, welche im Allgemeinen für jede menschliche Handlung zu finden sind, natürlich und in erster Linie den Mangel an Möglichkeit des Erwerbes nachgewiesen, den Mangel an Arbeit. Muß es nun nicht auffallend fein, wenn nmn constatirt, daß zur selben Zeit und in derselben Epoche vom Auslande her ein sehr zahlreicher, bedeutender Zufluß an Arbeitskräften statrfindet, ja daß ein solcher Zufluß für die nächste Zeit in Aussicht genommen ist? Ist es nicht sonderbar, daß, während wir einen Artikel besitzen, der die größte Bedeutung hat für die Vvlkswirthschaft, weil sicherlich die Arbeit ebenso gleichberechtigt ist bei dem Schaffen der Güter wie das Capital, wenn gleichzeitig, wo die Ausftihr dieses Artikels in großen Massen stattfindet, wir dieselbe Maare, denselben Artikel in ebenso großen Massen importiren? Nur gestaltet sich das letzte Resultat dieser Bilanz sehr ungünstig für unsere Volkswirthschaft. Denn, während es zum Vortheile gereicht, wenn sich sonst in der Handelsbilanz beim Export ein Ueberschuß gegenüber dem Import ergibt, so ist in diesem Falle der Export für uns ein Verlust und der Jiuport ein noch größerer Verlust. Es ist für uns ein Verlust, wenn die Arbeitskraft aus dem Laude geht, für welche wir nichts bekommen, und ein noch größerer Verlust, wenn wir die Arbeitskraft beziehen müssen, für welche wir noch zu bezahlen genöthigt sind. Diese Thatsache muß sicherlich zu denken geben. Man muß sagen, es ist hier ein Mangel im Organismus dieses wichtigen Elementes der Volkswirthschaft, nämlich der Arbeit, ein Mangel in der Behandlung dieser Maare, ein Mangel in der Behandlung dieses Artikels. Denn es wäre sonst nicht denkbar, daß, wenn vielleicht in einzelnen Theilen unserer Monarchie Tausende vor Hunger sterben oder dem größten Elend preisgegeben sind infolge Mangels an Arbeit, wir andere Fremde nähren und sie für dieselbe Arbeit zahlen, die uns von unserer arbeitsfähigen Bevölkerung geleistet werden könnte. Diese Betrachtung allein führt uns zu der Consequenz, daß man sich endlich entschließen sollte, über die Frage der Behandlung der Angelegenheiten der Arbeiter allein, das heißt derjenigen, die im Besitze der Arbeit sind und selbe ausüben, hinauszugehen, und nicht allein die Frage der Arbeiter in Betracht zu ziehen, sondern auch die Frage der Arbeit als ' Ganzes, die Frage der arbeitsfähigen Bevölkerung, also die Frage Derjenigen, die arbeiten, aber auch Derjenigen, die arbeiten können, und welche Arbeit nicht haben, zum Gegenstände einer selbstständigen, bewußten und thatkräftigen Behandlung zu nehmen und hiefür die entsprechender! Organe zu schaffen. Freilich drängt sich sofort eine Frage auf: kennen wir denn die Verhältnisse? Mir müssen uns offen, gestehen, wir sind viel zu wenig unterrichtet über den Stand der ganzen Frage in unserem Staate. Wir kennen weder genau die Lage der Arbeiter, noch die der Industrie und des Gewerbes, wir kennen aber noch weniger genau die Lage derjenigen, welche Arbeit nicht haben, selbe gerne finden möchten, sie aber vergeblich suchen. Es zeigt sich also, daß eine große Lücke dadurch besteht, daß wir das, was man Arbeitsftatisttk nennt, nicht besitzen. In weiterer Entwicklung dessen ergibt sich, daß wir in Bezug auf eine der wichtigsten Fragen für den gesummten Fortbestand der menschlichen Gesellschaft nicht dasjenige leisten, zu dessen Leistung wir verpflichtet sind, das heißt, daß wir uns viel zu wenig mit der Frage beschäftigen: wie soll Denjenigen, welche die Arbeit leisten könnten, sie aber nicht finden, Arbeit beschafft werden, und da kommen wir zur Frage der Arbeitsvermittlung, und wir sehen, daß auf allen diesen drei Gebieten nicht dasjenige geleistet wird, was geleistet werden soll, und daß alle diese drei Gebiete nicht diejenige Obsorge erfahren, welche sie erfahren sollen. Diese Angelegenheiten sind bereits nach zwei Richtungen hin im hohen Hause behandelt worden. Es ist in Bezug auf die Arbeitsstatistik bereits im Jahre 1892 von Seite des Abgeordneten Neuwirth und Genossen ein Anttag eingebracht worden, cs möge im Handelsministerium eine besondere Abtheilung für Arbeitsftatisttk errichtet werden, welche sich fortlaufend über die Lage der Arbeiter und über den Stand von Industrie und Gewerbe zu iuformiren und sich ferner mit den Vorarbeiten für Arbeiterwohlfahrtsgesetze u. s. w. zu beschäftigen hätte. Dieser Antrag wurde seinerzeit dem Gewerbeausschusfe zugewiesen. Einige Monate nachher brachte die Regierung selbst einen Antrag ein, wonach, demselben Gedankengange folgend, beim Handelsministerium eine Abtheilung für Arbeitsstattstik ungefähr niit demselben Wirkungskreise errichtet werden sollte. Auch dieser Anttag wurde dem Gewerbeausschusfe zugewiesen. Diese Anttäge sind bisher nicht erledigt. Im vorigen Jahre hat in Bezug auf das zweite Gebiet, nämlich in Bezug aufdie Arbeitsvermittlung^ er Abgeordnete Dr.M enge r eine Resolution beantragt, welche vom hohen Hause angenonnnen wurde, wodurch die Regierung aufgefordert 'wird, Erhebungen zu Pflegen, uni zu erfahren, inwieweit die bestehende Arbeitsvermittlung Lücken hat, und zu trachten, dieselben in der Meise auszufüllen, daß eine möglichst kostenlose Arbeitsvernrittlung geschaffen werden soll. Bettachtet man den gegenwärtigen Stand dieser Angelegenheit, so muß man sich sagen, daß wenn auch Se. Excellenz der Herr Handelsminister mit einem Erlaß vom 15. Mai 1896 die ihm unterstehenden Behörden und die Handelskammern aufgefordert hat, nach der Richtung der Arbeitsvermittlung Erhebungen zu pflegen, und dieser Aufforderung schon von mehrfacher Seite Genüge geleistet worden ist, nach den Informationen, die z. B. in den letzten Nummern der Dorn'schen Wochenschrift zutage tteten, das Handelsministerium auf Grund dieses Erlasses eigentlich nichts anderes erfahren wird, als was allseits bekannt ist, nämlich, daß wohl für die Vermittlung von gewissen Dienstangelegenheiten einzelne Bureanx bestehen, die sich mehr oder weniger bezahlen lassen und die sich mehr oder weniger ernst damit beschäftigen, daß aber für die ganze Frage der Arbeitsvermittlung als solche entsprechende Organe, welche es ermöglichen sollen, daß diejenigen, welche Arbeit brauchen, dieselbe kostenlos erhalten, nicht bestehen, und man muß sich sagen, wenn es __ eine Angelegenheit gibt, welche die höchste Aufmerksamkeit der staatlichen Organe erfordert, so ist es diese. Die Arbeit ist ein so wesentliches Element der Wirthschast, daß alle sie betreffenden Angelegenhetten als ein großes - Ganzes aufgefaßt werden müssen. Geht man aber von diesem Gesichtspuntte aus, so wird sich zeigen, daß wieder nur der Staat, infolge der Organe, die er besitzt in der Lage ist, die nöthige Arbeitsstatistik herzustelleu. Geht man aber weiter, so wird sich auch zeigen, daß in weiterer Entwicklung dieses Gedankens nur der Staat in der Lage ist, aber auch die Pflicht hat, eine entsprechende Arbeitsvermittlung in dem Sinne zu organisiren. daß derjenige, der Arbeit braucht, sie kostenlos erhält. Die Arbeitslosigkeit berührt das ganze Gebiet unseres gesellschaftlichen Lebens. Man muß sich nur die Consequenzen eines Tages von Arbeitslosigkeit, eines Tages von Hunger vor Augen halten; wenn oft ein Tag Arbeitslosigkeit ein Verbrechen zur Folge hat, begangen infolge des schreienden Hungers von Jemand, der für Frau und Kinder zu sorgen hat, und wenn man berechnet, wie viel der Verbrecher den Staat in den langen Jahren kostet, in welchen er den Verbrecher in der Strafanstalt büßen läßt (Sehr richtig /), so muß man sagen, daß der Staat, wenn er rechtzeittg für Arbeit gesorgt hätte, ein ausgezeichnetes Geschäft gemacht haben würde; nicht allein also vom Standpunkte der Moral und des moralischen Gesellschaftsinteresses, sondern vom Standpuntte der einfachen Staatswirthschaft, des pecuniären Interesses der Gesellschaft ist es klar, daß man diesem großen Uebel entgegentteten muß, indem man für rechtzeitige Arbeitsbeschaffung Sorge ttägt. Die Frage der Arbeitsbeschaffung ist Gegenstand vielfacher Bestrebungen von privaten Kreisen, von Communalinstituten u. dgl. In Wien zum Beispiel besteht ein Verein für Arbeitsvermittlung. Dieser zeigt, wie man mit geringen Mitteln schon in einem gewissen engen Kreise wohlthätig wirken kann.

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