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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-15 · 3 (15.1.1897) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
3 (15.1.1897)
Date
1897-01-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Vlvch'« WochrnphrW. Seite 55 Wäre ich der Staat, oder die Gesellschaft, so würde ich jene vielgelästerte Findigkeit und Schlauheit als die Folge meiner eigenen Stiefmütterlichkeit betrachten, würde mir aber die übrigen und zwar die durch den Druck gestählten glänzenden Eigenschaften der Juden als Schätze, als kostbare Schätze gierig aneignen. Den Antisemiten aber, die man Humanität durchaus nicht lehren kann, möchte ich ein wenig — Logik anempfehlen. * * * Pardon! Ich bin da in eine andere Gasse gerathen. Unterdessen ist mir mein Hausirer davon gerannt.! Ich blieb vor einem schmierigen, niedrigen Hanse stehen. ' Vielleicht vernehme ich wieder seine Stimme von irgendwo. Und wirkli ch höre ich sie. Diese Stimme dringt aber auch in den ungepflasterten Hof des ärmlichen Hauses, aus welchem zwei kleine Knaben und ein noch kleineres Mädchen fteudevoll herausstürzen. Vater, Vater, Vater! Es'sind sauber gepflegte nette Kinder. Mit ihrer Fröhlichkeit schreien sie die Gasse voll. Auch der Hausirer begrüßt sie schon von Weitem, indem er seinen Pack auf den einen Arm schiebt. Es scheint, daß ihm der schwere Bündel beim Anblick seiner Kinder viel leichter wird. Um Jrrthümer zu vermeiden, mnß ich bemerken, daß ich darin, überhaupt nichts Sonderbares finde, wenn der Vater seine Kinder liebt, oder die Kinder den Vater. Doch seht euch diese Kinder an. Ich glaube nicht, daß man je einen König oder Kirchenfürsten mit größerer Ehrerbietung begrüßt hätte, als wie diese armen Hascherl ihren lieben Vater, den auf seinem Kopfe drei Hüte übereinander tragenden jüdischen Hausirer. Und darum hat sich mir dies Bild so tief ins Gedächtniß eingeprägt. Welch ein Mensch muß dieser Hausirer sein, der, während er seinem Brote nachgeht, von Jedermann verachtet wird, welch' ein Mensch muß er sein, wenn er zu Hause seinen Pack ablegt, sich zwischen seinen Kindern niederläßt. Ich glaube, dem Lichtschein« der Diogeneslampe könnte er ganz gut Stand halten. Ich schaue zu, wie er seine von den Kindern mit Küssen überhäufte Hand in seine tiefe Tasche versenkt und für jedes von ihnen einen Kreuzer herausstöbert. Das eine will sich dafür zwei Klappsfederu, das andere einen Bleistift, das dritte eine Theke mit einem Bilde kaufeu. Und indem der Alte die Kleinen nacheinander auf die Stirne küßt, winkt er sie mit einem Blicke wieder zurück ins Haus und geht wieder weiter seiner Beschäftigung nach. Von Zeit zu Zeit blickt er zurück, die Kinder sind aber schon längst hinter dem Hausthore verschwunden. Mir aber bietet er so Gelegenheit, ihm recht ins Auge schauen zu können. Als ob eine Glorie diesen Karrikaturen-Kopf auf dem krummen Hals umgoldet hätte. Es ist zwar nicht unwahrscheinlich, 'daß er zwei Häuser weiter mit derselben Glorie auf seinem Gesichte Jemanden um zwei Sechserl weniger für einen alten Rock gibt, allein glaubt mir, ich hätte es ihm so nicht verübelt, wenn er — mich angeschmiert hätte. * * * Es ist schon sehr lange her, seitdem ich diese Scene auf der Straße gesehen habe. Jenem Hausirer ist seit jener Zeit schon längst die Erde viel leichter geworden, als jener Pack, den er bei seinem Leben zu schleppen pflegte. Als ich neulich draußen im jüdischen Friedhof war, da las ich auf einem prächtigen Grabsteine seinen Namen: Jacob Teitelbaum. Lange stand ich sinnend vor seinem Grabe. Die Kupferkreuzer, die er für die Kinder ausgegeben, waren keine vergeblichen Auslagen. Ich glaube fast, daß Einer jener zwei kleinen Knaben ein ansehnlicher Advocat, der Andere vielleicht erster Buchhalter einer Bank geworden. Dieser Grabstein ist der Beweis dafür, daß es treffliche Söhne sein müssen. Nun, und das kleine Mädchen? — Ich könnte darauf schwören, daß sie jetzt als Ausschußdame in irgend einem philantropischen Vereine wirkt. Denn ach — diese Juden drängen sich auch überall vor! (Jahrbuch der ungarisch-israeiiiischen LiteraiurgeseÜschast 18u6.) Karl Gerö. Eine Stunde nur Jude sein. Skizze von Jda Oppenheim. Ob Einer von all Denen, die das jüdische Volk seit Jahrtausenden gedrückt, -geknechtet und in den Staub getreten haben, ob Einer von all Denen nur einen Augenblick gefühlt haben mag, was es heißt — Jude sein-? Wenn auch unsere Nebenmenscheu uns noch so sehr verfolgen, sie können es dennoch nicht leugnen, daß auch unter uns, dem verhaßten Volke, Menschen leben gleich ihnen daß es Edle und Gute gibt, genau so, wie bei allen anderen Völkern und Racen. Daß aber die Inden trotz all den Verfolgungen, trotz all des Leids und Elends Menschen geblieben sind, Menschen, die, sich ihrer Gottähnlichkeit bewußt, vergeben, verzeihen, edel, gut und barmherzig sind selbst gegen Jene, die fie verfolgen; daß sie trotz aller Versuchungen fest und unerschütterlich an dem Glauben des einig-einzigen Gottes festhalten, das ist ein wunderbares Räthsel, welches wohl dann erst seine Lösung finden wird, wenn jene ideale Verheißung sich erfüllt, nach der alle Menschen zu einem Gotte beten werden, wie Kinder zu einem Vater. Ist es denkbar, daß die Welt, die auf allen Gebieten des Wissens und Könnens Fortschritte macht, da stehen bleibt? Sie baut fort an dem Thurm von Babel, verwirrt die Sprache, die Sinne ihrer Arbeiter, es versteht Einer den Anderen nicht und will ihn nicht verstehen. Grausam verfolgt er seinen Nebenmenschen aus Gründen, von denen er sich selbst nicht genügend Rechenschaft geben kann. Was nützen all die großartigen Erfindungen, all die glänzenden Errungenschaften der Neuzeit, genießen wir sie denn voll und ganz? Der rechte Genuß kann ja nicht vorhanden sein, weil die rechte Freudigkeit fehlt. Verfolgst Du Deinen Bruder und bist Du noch so glücklich, in Deinem Herzen regt sich das Gewissen. Dein Bruder leidet, kannst Du da fröhlich sein? Raubst Du Deinem Nebenmenschen seinen Gott, das Theuerste, was er besitzt. Schmähst Du den Glauben, in dem er geboren und erzogen, nach dem ihn seine Eltern beten gelehrt, dessen heilige Satzungen von ihm geübt find seit frühester Kindheit. Willst Du ihm seinen Gott nehmen, indem Du ihn herabwürdigst und schmähst? . O, sei nur eine Stunde Jude! f Wie groß, stark und gläubig muß ein Jude sein, wie verwachsen mit seinem Gotte, mit dessen Geboten, wenn er nicht verzweifelt über all den Hohn, über all die tausend Schläge und Erniedrigungen, die er erlitten und noch erleidet. Und doch sagt ein Sprichwort: „Jud' bleibt Jud'!" Selbst dann noch, wenn er sich einer anderen Religions gemeinschaft angeschlossen hat. „O, seid nur eine Stunde Jude!" sagt der Dichter Hebbel. „Ihr werdet Vieles schätzen und würdigen lernen an diesem Volke. Ihr werdet es achten und bewundern." Anlaß zu solchem Ausspruch gab dem Dichter ein Erlebniß, das hier in Kürze mitgetheilt sei: Im Jahre 1775 wanderte unser Dichter ftöhlich und wohl" gemuth seine Straße in's Städtchen. „Halt, Jud! Zoll bezahlen!" hörte er eine grobe Stimme rufen. Er stand vor den Thoren von Segringen, dem damaligen Ansbachischen Grenzort. Hebbel sah sich um: „Wem gilt das? Wer ist damit wohl gemeint?" „Was stehst Du da, Du dummer Jud'? Meinst Du, Du kannst mich um den Zoll betrügen?" So rief der einäugige Zöllner und packte den Dichter am Kragen. Ein Hund kam aus der Thüre gesprungen, bellte ihn an und wollte ihm die Kleider vom Leibe reißen. „Ich bin kein Jud'", schrie Hebbel zornig auf. Er konnte sich kaum fassen vor Wuth und Erstaunen. „So", rief der Zöllner, „Du leugnest noch. Warte, ich will Dir — —" Jetzt schnürte er ihm fast den Hals zu mit seinen groben Fingern. „Dich bringe ich zum Richter." VI i1 t t

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