Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 3 (15.1.1897)
- Date
- 1897-01-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 54 Vr. Vtoch's Mochrn»chrtf1. Nr. 3 Chicago. Moritz Rosenthal befindet sich viel wohler, wird aber hier vor dem Frühling nicht wieder spielen. In einigen Tagen begibt er sich zur Erholung nach Süd-Californien. Frl. Adele Aus der Ohe wird an seiner Stelle im nächsten Symphonie-Concert spielen. Perth (Westaustralien). Wo Gold ist, sagte einmal ein Schotte, sind immer auch noch drei andere Dinge zu finden: ein Newcastler Schleifstein, ein Schotte und ein Jude. Da sich hier viel Gold zeigt, sind auch die Juden im Zunehmen begriffen. Der Grundstein zur Synagoge wurde in höchst seierlicher Weise gelegt. Rabbiner Boas aus Adelaide hielt die Einweihungsrede; der Oberrichter präsidirte. Baltimore. Der Rabbiner Dr. T. Gehanforber hat von seinem Gehalte 500 Dollars zur Tilgung der Schuld der Synagoge gespendet. Tripolis. Unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung herrscht große Aufregung: Die Regierung hat den Juden plötzlich das Recht entzogen, Mitglieder des Gerichtshofes zu werden. Feuilleton. Von der Straße. Aus dem Ungarischen übersetzt von Jenny Mandl-Ehrenwald. Ich hccke die sonderbare Gewohnheit, daß ich zuweilen das Dorf oder die Stadt, in der ich mich gerade befinde, kreuz und quer durchstreife. Ich schlendere durch jede Gasse, über jedes Plätzchen, über jeden Anger, einzig und allein aus dem Grunde, um — Menschen zu sehen. Blos mü meinen eigenen Augen will ich mir sie anschauen. Me kam es mir in den Sinn, irgendwo eine hellleuchtende Diogenes-Laterne zu entlehnen, mit der dieser Philosoph Jedem bis auf den Grund der Seele schauen wollte, um seinen — menschlichen Werth bestimmen zu können. Ich glaube, daß jener im Faffe hausender Herr ein klein wenig närrisch war. Ich wohne in der Tabakgasse und halte Jeden, der nur eine menschliche Gestalt besitzt, für einen Menschen. Außerdem liebe ich auch Jeden. Nur mit meinen Recensenten mache ich begreiflicherweise eine Ausnahme, weil auch sie einmal mit mir so verfuhren. Wenn ich irgend ein Dorf so von einem bis zum andern Ende durchstreife, verehre ich auch dem Glöckner eine Cigarre. Wenigstens flucht er dann nicht so entsetzlich, wenn er in die Kirche geht, die Gläubigen zusammenzuläuten. Und aufrichtigen Herzens wünsche ich auch jener Familie einen guten Appetit, welche dort unter der Traufe einer elenden Hütte beim Verzehren einer gestohlenen Henne Gott preiset und barhaupt dem Glockengeläute lauscht. Morgen, wenn das Huhn verzehrt ist, fluchen vermuthlich auch sie nach ihrer eigenen moralpolitischen Ueberzeugung. Wahrlich der gut genährte hochwürdige Pater dort, der sich soeben mit seinem der Congrua hohnsprechenden Tschibuk aus dem Fenster der Pfarrerswohnung herausbeugte, dürfte chnen schon den Text lesen. Mich will schier bedünken, daß sie dieses Huhn ihm gestohlen. Ueberaus ergötze ich mich auch an den jungen Bauernsprößlingen, wenn sie, auf den angestrichenen Lehmbänken vor den Häusern sitzend, mich so anglotzen. Sie brennen vor Begierde, mir „Jud! Jud!" nachzuschreien, wagen es aber nicht, weil sie meinen Regenschirm für ein Pfeifenrohr halten nnd ein so schrecklich dickes Pfeifenrohr flößt schon etwas Respect ein. Die Leser folgen mir vielleicht nicht gerne, allein mit ihrer Erlaubniß kehre ich in die — Dorfschänke ein. Dort brüstet sich eben ein besoffener Nebenmensch, der — in seiner gegenwärtigen Verfassung — wahrlich keine Bühnenfigur ist. Ich schmücke ihn daher mit allmöglicher Romantik aus und dann secun dire ich ihm — wie es einem ehrlichen Theaterpoeten ziemt — zu seinem Liede: „Betyar war mein lieber Vater, Betyar schon mein Urgroßvater!" Dieses Wirthshaus befindet sich noch im Rayon der Civilisation, aber weiter oben jenes Zigeunerzelt steht schon ganz außerhalb der Cultur. Es scheint zwar, als ob auch seine Bewohner Menschen wären, allein die menschliche Gesellschaft will sie durchaus nicht recipiren. Hm! Fast fühle ich mich zu diesen keffelflickenden rußigen Gesellen hingezogen. Am Rückwege erblicke ich die Gemischte Waarenhandlung des Ignaz Stern. Mein Glaubensgenosse steht draußen vor seiner Gewölbthüre. Ein pelzjackiger Vetter geht ebenfalls auf ihn zu. Er braucht just ein Päckchen Zündhölzchen sehr nothwendig. Der Arme würde wohl gerne auch ein Päckchen Tabak kaufen, allein es reicht nicht. „Drei Kinder habe ich, Herr! Wenn sie nur der liebe Gott zu sich nehmen wollte!" Dieser oft gehörte Stoßseufzer kann Einen wohl empören, indessen tröste ich auch ihn mit einem Glimmstengel. Kaum hört Ignaz Stern den Seufzer, seufzt auch er schon auf. Entsetzlich schlecht geht's Geschäft. „Nun, und Sie, Stern, wie viel Kinder Haben Sie?" „Elf — antwortet er — Gott soll sie mer hundert Jahr leben lassen." -i- -i- * Von der engen Gasse einer Budapester Vorstadt her erinnere ich mich an ein anderen Ignaz Stern, der eigentlich Jacob Teitelbaum hieß. Nur zufällig kenne ich den Namen. Persönlich habe ich ihn nie um seine Generalien gefragt. Wozu sollte ich mich denn auch mit einem jüdischen Hansirer in ein Gespräch einlassen? Am Ende möchte man gar glauben, daß er mein Verwandter wäre. Auch meine Glaubensgenossen rühmen sich nicht gerne ihres Stammbaumes. Die Wahrscheinlichkeit liegt zu nahe, daß sie Abkömmlinge von Hausirern seien. Dies wäre aber, bitte ergebenst, eine große Schande. Und mit Recht könnte uns jener Sauf- und Raufbold verächtlich anblicken, der weiter oben so stolz gesungen: „Betyar war mein lieber Vater, Betyar schon mein Urgroßvater!" Jacob Teitelbaum war kein Betyar, sondern Hansirer. Selbst seine Gestalt war nicht fesch. Bei Leibe nicht. Ein Pantherfell wäre seiner Gestalt durchaus nicht gut gestanden, ja, wenn ihm Jemand ein solches umgehängt hätte, er hätte, meiner Ueberzeugung nach, gewiß auch dieses verschachert. Sein Hals war verteufelt krumm, vielleicht schon von seiner Geburt her. Blatternarbig sein Gesicht, ungeschlacht sein Bart, und sein Gang ließ darauf schließen, daß er zwei linke Füße habe. Seinen Plunder auf dem Rücken fortschleppend, wankte er von einem Thore heraus zum anderen wieder hinein und verkündete mit kläglicher Stimme seine Bereitwilligkeit, welche alte Hosen immer anzukaufen. Im Winter war sein Gesicht vom Froste, im Sommer von der Hitze entstellt, und so zeigte es, so oft er mir in den Weg kam, eine wahre Carricatur. Im Winter war seine Nase gefroren, im Sommer hätte man sie wieder ganz dreist für eine Sauerteig-Gurke halten können. So gab der Arme eine recht jämmerliche Figur ab und, kein Zweifel, er war reichlich mit mit solchen Eigenschaften ausgestattet, von denen der Antisemitismus sich feistlich nährt. Trotzdem würde ich, wenn ich Jacob Teitelbaum noch einmal begegnen würde, den Hut vor ihm ziehen und ihm die zitternde Hand schütteln, die ihm sein Lebtag vielleicht noch Niemand gedrückt. Ja, ich möchte ihn sogar in die Antisemiten») ersammlungen führen, damit sie sich schämen. Das Bild des ganzen Judenthums glaubte ich in diesem wackern, unglücklichen Hansirer zu sehen. Es gibt Stiefmütter, welche die auf sie angewiesenen verwaisten Kinder schlagen, stoßen, hungern lassen, vom Tische und jedem irdischen Genuß fortweisen. Natürlich wird der getretene Wurm lahm, bucklig, linkisch, unbeholfen; die ewige Furcht entstellt sein Gesicht und das Facit ist, daß er ohne die Findigkeit und Schlauheit, die ihm der Zwang anerzogen, Hungers sterben müßte. — Mit der Zeit kommt die Stiefmutter zur besseren Einsicht. Sie wird ganz und gar eine rechte Mutter. Sie möchte das einst so verstoßene Kind jetzt schon gar lieben, aber — mein Gott — wie sollte sie es jetzt lieben können! Es hat ja seine unzähligen Fehler noch nicht abgelegt. In dem Einen und dem Anderen ist es vielleicht noch das Alte, in Diesem und Jenem noch linkisch und eckig, und dann ist es gar möglich, daß es sein Vermögen, seine Stelle wirklich nur seiner Schlauheit zu verdanken hat. /