Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 3 (15.1.1897)
- Date
- 1897-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 42 Nr. 3 Vr. Vlmtz's Vochrnlrtzrtft des Fortschrittes die Rede ist, da kommen die Finsterlinge und rufen „Jud". Der Haß hat seine Jnstincte, und wenn diese erleuchteten Männer alle, die man uns freiwillig und unfreiwillig zuwirst, weder nach Confession noch nach Abstammung uns angehören, so sind sie doch unser im Geiste. Unsere Hasser, unsere blutigen Verfolger waren noch in jeder Epoche auch Feinde des Wissens, Feinde der Freiheit und des Fortschrittes; die Apostel des Judenhasses in unseren Tagen sind geradezu die Träger der Rohheit und Gemeinheit im öffentlichen Leben. Mit der Ausbreitung des Judenhasses sinkt gleichmäßig die öffentliche Moral, Wissen und Fortschritt werden mißachtet und der Mensch verfällt dem Spiele seiner bestialischen Jnstincte. Nicht die Gegenwart allein, auch die Geschichte der Vergangenheit in jedem einzelnen Capitel enthält hiefür tausend Zeugnisse. Wie der Jude der erste Träger des reinen Gottesbegriffes war, der den Menschen von einem willenlosen Werkzeug der rohen Naturkräste erst zum Menschen erhob, so war und ist er durch die Flucht der Jahrhunderte der Träger jenes großen Humanitätsgedankens, der als letztes Ziel alles menschlichen Ringens und Schaffens die Vereinigung aller Völker im Dienste der Cultur und der Freiheit bezeichnet. Das ist ein Theil unserer messianischen Idee, welche die Krönung der jüdischen Weltanschauung bildet und welcher jeder Racen- und Classenstandpunkt, jedes nationale und confessionelle Vorurtheil zuwiderläuft. Der Aufstieg der Menschheit zu den Höhen des Wissens, der Bildung, der Freiheit, das ist das Ziel des Judenthums; der Rückfall der Menschheit in ihren bestialischen Urzustand, in die Tiefe der Geistesnacht, der Unsteiheit, das ist das Ziel derer, die das Judenthum bekämpfen. Es ist eine Gunst der Vorsehung, unsere seit dem Sinailage „auserwählte" Sonderstellung im Bölkerleben. daß unser Geschick unlöslich verknüpft ist mit dem Schicksal des allgemeinen menschlichen Fortschrittes. Wenn der Aberglaube seine düsteren Schatten über die Menschheit ausbreitet, wenn die Geistestyrannei die Völker umklammert, dann erlischt der Stern Jacob's, der in seinem vollen Glanze am Horizont erscheint, wenn der Fortschritt triumphirt, wenn die Erke'nntniß sich ausbreitet, wenn die Humanität, das Einheitsbewußtscin des Menschengeschlechtes üt den Völkern erstarkt. Unser ganzes altes Schriftthum durchzieht der einzige Gedanke, daß Jsrael's Errettung zugleich die gefesselte Gottesidee befteit, daß jede Wolke auf Jsrael's Lebenshimmel mich die höchsten Erkenntnisse verdunkelt und den Aberglauben zum Triumphe bringt; daß jeder Sieg, den Israel unter den Menschen erringt, zugleich der Triumph der höchsten göttlichen und menschlichen Ideen im Bewußtsein der Völker ist. Wenn Israel in Noth und Bedrängniß ist, so ist das ein Zeichen, daß die dunklen Mächte des Aberglaubens, die finstern Gewalten der Unbildung und des Haffes die Menschen bethören und verführen, daß nicht der reine Gottesglaube deren Herz erfüllt. Als Israel in der Knechtschaft schmachtete, offenbarte sich Gott im niederen Dorngestrüppe. (Tonchuma par. Schemoth u. a. anderen Stellen.) Auch in der Geschichte zieht vor Israel eine Feuersäule einher, welche den Aberglauben und die Vorurtheile verzehrt, Licht und Aufklärung verbreitet. Eine Lehre für die ankisemitiscke Publiristik. Herr Sedlaczek, für den unser biederer Pfarrer Deckert schwärmt, wird vier Monate und Herr S ch w e i n h a g e n gar ein Jahr lang im Gefänglich sitzen. Es sind dies zwei Zierden der antisemitischen Publicistik, die unklug genug Waren, auf reichsdeutschem Boden ihr Fortkommen zu suchen. Während sie hierzulande mit Richter und Staatsanwalt höchstens daun zu thun bekommen hätten, wenn ihnen das Gelüste aufgestiegen wäre, eine Ehrenrettnngskomödie aufzuführen, haben diese Bürschchen in Berlin die bittere Erfahrung gemacht, daß zwar die Juden, aber nicht die Obersthcsmeister und die Hofdamen vogelftei sind. Wir haben wiederholt Gelegenheit gehabt, mit der durch das natürliche Reinlichkeitsgefühl vorgeschriebenen Borsicht die Sedlaczeks und die Schweinhagens an ihren unappetitlichen Ohren zu nehmen. Wer sich in der Geschichte der publicistischen Banditenstückchen auskennt, die den reichsdeutschen Antisemiten zur Last fallen, dem wird der Name des Schinderhannes Sedlaczek, des Spiegelberg Schwein- Hagen nicht unbekannt sein. In der Verbreitung des verbrecherischen Ritualmord-Märchens, der wahnwitzigen Fleischbesudelungslüge hat sich dieses journalistische Gelichter eisrigst bethätigt. Sie verdienen es, mit einem Ernst Schneider in ein Pitaval würdiges Kleeblatt vereinigt zuI werden. Der Langmuth deutscher Gerichtshöfe, die schläfrige, bie'rduselnde Gleichgiltigkeit deutscher Geschwornen hat diesen Jungen den^ Muth gegeben, sich au andere Aufgaben heranzumachen. Weil sie Tausende ehrlicher, redlich schaffender Bürger der fürchtbarsten Verbrechen straflos beschuldigen konnten, weil ihnen trotz der aberwitzigsten Verleumdung kein Haar gekrümmt wurde, glaubten sie überhaupt sacrosanct zu sein. Eine merkwürdige Logik, das! Sie vergessen, daß die Juden eine Ausnahmsstellung einnehmen, sie dachten nicht daran, daß auch im Puppen- und Wurstelspiel des öffentlichen Lebens n u r der Jude erschlagen werden dürfe. Der allerdings immer und unter allen Umständen. Da gingen sie hin und warfen dem Obersthofmeister der Kaiserin, dem Freiherrn von M i r b ach, vor, daß er mit Jüdinnen verkehrt habe. Sie machten die grauenvolle, die entsetzliche Entdeckung, daß für die Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche auch jüdisches Geld gespendet worden sei. Und ein panischer Schrecken durchbebte alle deutschen Herzen. Es wankten die Stützen des Thrones und die „Beschimpften" mußten sich zu der immerhin unbequemen „Flucht indie Oeffentlichkeit" bequemen. Gott sei Dank! Freiherr von Mirbach hat es nachgewiesen, daß er keine Beziehungen zu jüdischen Damen pflege. Dieser unschuldige Engel wies vielmehr nach, daß er „kaum eine Judeufrau kenne. Verkehre er doch nur bei Hofe und höchstens ausnahmsweise in kirchlichen Kreisen. Natürlich haben auch die Juden für die Kirche kein Geld hergegeben. Für solche Zwecke ist nämlich jüdisches Geld niemals entgegengenommen und schon gar nicht gefordert worden. Das Vaterland ist gerettet, die Sedlaczeks, die Schweinhagens, sind elende Verleumder. Dos weiß man jetzt, früher waren sie wackere deutsche Geisteskämpen, denn sie haben nur die Juden des Ritualmordes beschuldigt und sich nicht an dem kleinsten Obersthofmeister vergriffen. Wären sie bei ihrem Judenleisten geblieben, so hätte man sie unbehelligt gelaffen, dann wären sie nicht eher gesessen, als bis sie sich eines Standesdelictes antisemitischer Journalistik, nämlich eines gewinnsüchtigen Verbrechens, schuldig gemacht hätten. Währinger antisemitische Nrmenräthe. Es ist noch gar nicht lange her, daß Vorgänge frauduloser Natur im Währinger Armenrathe Anlaß zu Aenderungen im Status dieses Armenrathes gaben. Bekanntlich hatten damals die beiden antisemitischen Armenrathe, Greißler Fuchs und Bezirksausschuß A l t r i ch t e r anläßlich eines zu Gunsten der Armen zum „Wilden Mann" in Währing abgehaltenen Armenballes das ihnen anvertraute Amt von Cassieren beim Juxbazar dazu mißbraucht, aus den Eingängen Beträge in der nachgewiesenen Höhe von 42 ft. in die eigene Tasche verschwinden zu lassen, welche Summe sie dann später, als sie vom damaligen Obmanne des Armenrathes, Herrn Holzer, der Veruntreuung überwiesen worden waren, wieder ersetzten und, um weiteren ihnen angedrohten Unannehmlichkeiten zu entgehen, auf ihre Ehrenämter verzichteten. Diese schmutzige Geschichte ist besonders in Währing noch nicht vergessen und schon ist dieser Tage im Währinger Armenrathe abermals eine Malversation aufgedeckt worden, deren Umfang aber ein bedeutend größerer ist und die auch bereits. Gegenstand eingehender Untersuchung seitens des Departements für Armenpflege im Rathhause bildet. Der Hauptschuldige, der seit der Einverleibung der Vororte zu Wien im Währinger Armendepartement als Liquidator angestellt gewesene Magistratsbeamte Hans H i d l, wurde vorläufig strafweise von seinem Amte suspendirt und in Untersuchung gezogen, ebenso wurde der Armenrath, Waisenvater und Ortsschulrath, Steuercommiffär und Leiter der Executionsabtheilung im I. Bezirke, Herr Arthur Steininger, wie es heißt, ebenfalls Compromittirter, gezwungen, aus dem Armenrathe auszuscheiden. Die Malversationen H i d l 's, der sich in letzterer Zeit aus wohlweislichen Gründen und ostentativ in der Rolle eines antisemitischen Proselytenmachers prüfentirt, sollen sich auf weit über 1000 fl. belaufen und sehr weit zurückreichen. In der gegen ihn eingeleiteten Untersuchung, welche der Borstaud des Departements für Armenpflege, Magistrathsrath Franz T r a b a u e r führt, bezeichnete sich H i l d als den nicht allein Schuldigen und wurde die Untersuchung vorläufig auch auf die Armenräthe: Selchermeister Josef Czerny, Gastwirth Simon Gollwitzer, Kaufmann Mathias'Glötzl, Gemischtwaarenverschleißer Anton Kostka, die Alle stärk com-