Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 2 (8.1.1897)
- Date
- 1897-01-08
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 2 Vr. Vloch's Wochenschrift. Seite 39 „Das meinige ebenfalls. Ihr seid mein Banquier, Ihr und Euresgleichen. Ihr trassirt ans Eueren Banquier, ich ans die meinigen." Nachdem Manasse seinen Leiter derartig widerlegt hatte, fiel es ihm nicht schwer, ihm zweieinhalb Pfund heransznlvcken. „Aber nun solltet Ihr wirklich etwas dazuthnn, um den Verlust, den die Synagoge erleidet, zu verringern", sagte er. „Was habe ich denn jetzt gethan"? rief Barzillai verblüfft- „Das habt Ihr mir als Vetter gegeben, um Euren Verwandten im Stande zu setzen, seinen Verpflichtungen nachzukommeu. Ich halte das für etwas rein Persönliches. Nun aber bitte ich für die Synagoge, der ein schwerer Verlust bevorstehtIhr seid nicht nur mein Vetter, sondern auch ein Sephardi. Dieser Unterschied gleicht jenem, den ich Euch so oft erklären muß: Ihr seid verpflichtet, mir Almosen zu geben, nicht mir als Vetter, sondern auch als Schnorrer." Nachdem er dem ganz umnebelten Kaufherrn eine weitere Guinee abgepreßt hatte, begab er sich in Grobstock's Contor, um den Wortbrüchigen zu suchen. Aber der schlaue Grobstvck, durch Manasse's Versprechen, ihn zu besuchen, gewarnt und durch seinen sonntägigen Alorgenbesnch bereits erschreckt, hatte Befehl gegeben, ihn vor dem Schnorrer und Jedem, der nur eine entfernte Ähnlichkeit mit ihm besäße, zu verleugnen. Erst am Nachmittag erwischte ihn Manasse in Langsou's Kaffeehaus, in Exchange-Alley, wo die Mäkler sich versammelten und allerlei Leute, vom Stutzer bis zum Advocaten herumlungerten, um womöglich einen Wink aufzuschnappen, wie man leicht zu Reichthum gelangen könnte. Manasse entdeckte seine Beute am vordersten Tische. Das Gesicht Grobstock's war hinter einer ausgebreiteten Zeitung verborgen. „Warum kommt Ihr immer zu mir"? murmelte der Director der ostindischen Compagnie hilflos. „Wie"? sagte Manasse, seinen Ohren nicht trauend. „Verzeiht, ich habe Euch nicht verstanden." „Wenn Euch Eure eigene Gemeinde nicht erhalten kann," sagte Grobstock noch lauter und mit aller Kühnheit eines gestellten Wildes, „warum geht Ihr da nicht zu Abraham Goldschmid oder zu seinem Bruder Ben oder van Oven oder Oppenheim? Die sind Alle viel reicher als ich." „Herr" I sprach Manasse wüthend. „Ihr seid ein geschickter — nicht doch — ein berühmter Financier — Ihr wißt, welche Actien zu verkaufen sind, wann eine Baisse, wann eine Hausse entsteht. Wenn der Premierminister die Anleihen ausschreibt, blicken die Augenvon tausend Speculanten ans Euch als ihren Führer. Was würdet Ihr sagen, wenn ich mir anmaßen würde, mich in Euere finanziellen Geschäfte zu mischen? Wenn ich Euch rathen würde, diese Actien auszugeben, oder jene einzuzlehen? Ihr würdet sagen, daß ich mich um meine eigenen Geschäfte kümmern soll und würdet ganz recht haben. Nun, Scbnorren ist m e i n Geschäft. Glaubt mir, ich weiß am Besten, zu wem ich kommen soll. Künnnert Euch um Eure Actien und überläßt das Schnorren mir. Ihr seid der König der Financiers, aber ich bin der König der Schnorer." Grobstock's Empörung über die Entgegnung wurde von dem Complimente gemildert, das Manasse seinem finanziellen Verständnisse machte. Freilich kam es ihm unerwartet, daß er uiit dem Bettler auf den gleichen Standpunkt gestellt wurde. „Wollt Ihr eine Tasse Kaffee haben?" sagte er. „Nach einem solchen Empfang dürste ich es eigentlich nicht thun", antwortete Manasse, dessen Zorn sich noch nicht gelegt hatte. „Ich schnorre ja nicht einmal für mich selbst, sondern wollte Euch nur die Gelegenheit geben, zu den Einkünften unseres Gottes h auses beizutragen ". „Aha! Euere vielgepriesene Gemeinde ist also in der Klemme?" fragte Grobstock mit wohlgefälligem Zwinkern. „Herr! Wir find die reichste Gemeinde der Welt, wir brauchen Niemanden", protestirte Manasse empört, während er zerstreut die Tasse Kaffee nahm, die Grobstvck für ihn bestellt hatte. „Die Sache ist einfach die, daß ich zur Feier der Hochzeit meiner Tochter der Synagoge hundert Pfund gespendet habe, die ich noch nicht einzusamnieln vermochte, obwohl ich bereits eineinhalb Tage meiner kostbaren Zeit diesem Zwecke gewidmet habe". „Aber warum kommt Ihr zu mir?" „Was? Das fragt Ihr schon wieder?" „Ich — ich meine — warum soll ich zu einer portugiesischen Synagoge beitragen?" stammelte Grobstock. Manasse schnalzte vor Verzweiflung über eine solche Dummheit mit der Zunge. „Gerade Ihr sollt mehr beitragen als ein Portugiese". „Ich?" Grobstvck fragte sich, ob er wach sei. „Ja, Ihr! Ward nicht das Geld zu Ehren der Hochzeit eines deutschen Juden gespendet? Es war eine großartige Rechtfertigung Euerer Gemeinde". „Das ist doch zu viel!" schrie Grobstvck außer sich und vor Wuth beinahe erstickend. „Zn viel, um den Tag zu bezeichnen, an dem der Erste Euerer Secte in unserer Gemeinde ausgenommen worden war? Ihr bereitet mir eine tiefe Enttäuschung. Ich dachte, daß Ihr meiner Großmnth Lob spenden würdet". „Blich kümmert nicht, was Ihr dachtet", keuchte Grobstvck. „Die Lächerlichkeit der Forderung brachte ihn thatsächlich außer sich, aber er freute sich, daß er gegen ven einschmeichelnden Schnorrer so tapfer Stand hielt. Wenn er jetzt nur festblieb, könnte er sich fiir immer von ihm freimachen, dachte er bei sich. Ja, er würde stark bleiben, und Manasse nie wieder wagen, sich an ihn zu wenden. „Keinen Stüber gebe ich her", brüllte er. „Wenn Ihr eine Scene machen wollt, gehe ich", sagte Blanasse ruhig. „Schon jetzt sind alle Augen und Ohren auf uns gerichtet, Nach Euren Reden werden die Leute mich für einen ungestümen Mahner und Ench für einen Bankrotteur halten". „Sie können sich znm Teufel scheeren und Ihr auch!" donnerte Grobstock. „Gotteslästerer! Ihr gebt mir also den Rath, den Teufel um einen Beitrag für die Synagoge zu bitten? Aber ich will mich mit Euch in kein Wortgefecht einlassen. Ihr weigert Euch, also zu diesem Zwecke beizutragen?" „Das will ich meinen!" „Nicht einmal die fünf Pficnd wollt Ihr geben, die ich für das Wohl Jankeles, eines von Euren Leuten gelobte?" „Was? Ich soll für Jankele, einen schmutzigen Schnorrer, bezahlen?" „Wie, in dieser Weise svrecht Ihr von Eurem Gaste?" sagte Manasse in schmerzlichein Erstaunen. „Vergeßt Ihr, daß Jankele an Euere!« Tische gesessen hat? Nun vielleicht sprecht Ihr in dieser Weise auch über mich, wenn ich den Rücken kehre. Aber hütet Euch! Gedenkt der Worte unserer Weisen: „Du und ich können nicht zusaminen in der Welt leben", sprach Gott zu dem Hvchmüthigen. — Zum letztenmale also: Ihr weigert Euch, mir diese lumpigen fünf Pfund zu geben?" „Ganz entschieden!" „Also gut." Blanasse rief den Kellner. „Was wollt Ihr thun?" rief Grobstock furchtsam. „Das werdet Ihr sehen", sprach Manasse entschlossen und als der Kellner kam, drückte er ihm das Geld für seine Tasse Kaffee in die Hand. Grobstock erröthete vor Beschämung. Manasse erhob sich. Grobstock's verhängnißvvlle Charakterschwäche verursachte ihm in elfter Stunde einige Gewissensbisse. „Ihr seht selbst, wie unvernünftig Eure Forderung war", murmelte er. „Gebt Euch nicht die Mühe, Euch zu rechtfertigen. Als Menschenfreund bin ich mit Euch fertig", sagte Manasse. „In Zukunft mögt Ihr Euren Rock mit Schnupftabak bespritzen und beschmieren, soviel Ihr wollt; mich geht es nichts mehr an. Als Financier respectire ich Euch noch immer und zu dem Financier werde ich möglicherwecse noch kommen — aber zu dem Menschenfreund me mehr". „Alles, was ich thun kann" — stammelte Grobstock. „Halt! Ich habe eine Idee", sagte Manasse, nachdenklich zu ihm niederblickend. „Ich habe etwas über sechzig Pfund gesammelt. Wenn Ihr sie für mich anlegen würdet" — „Gewiß! Gewiß!" siel Grobstvck mit versöhnlichem Eifer ein. „Gut! Mit Euerer unvergleichlichen Kenntniß der Märkte wird es Euch ein Leichtes sein, in ein paar Tagen die fehlende Summe zu ergänzen. Vielleicht habt Ihr sogar einen großen Coup im Sinne?" Grobstock nickte unbestimmt vor sich hin. Er hatte sich bereits erinnert, daß etwas Derartiges unter seiner Würde sei. Er war kein Makler und hatte bisher nie etwas Derartiges gethan.