Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 2 (8.1.1897)
- Date
- 1897-01-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 38 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 2 „Ich kann keinen Moment längerin diesem gottlosen, wenn auch geschmackvollen Hause bleiben," sprach Manasse, indem er sich mit strenger Miene der Thür zuwendete. „Doch um der seligen Ruhe Eures Vaters willen möchte ich Euch zum letzten Male anflehen, Eure bösen Gewohnheiten abzulegen." „Zum Teufel, ich brauche Eure Einmischung nicht!", rief der junge Stutzer. „Ich unterstütze mit meinem Gelde Männer von Genie und Geschmack — für eine Bande stinkender Krämer soll es nicht weggeworfen werden." Der Schnorrer richtete sich zu seiner vollen Höhe auf und seine Augen sprühten Feuer. „So lebt denn wohl," zischte er in einem schrecklichen Ton. „Ihr werdet der Dritte s e i n." Er verschwand, während der Geck in unbestimmtem Schreck in die Höhe fuhr und durch die geheimnißvolle Drohung, die in diesem schrecklichen Zischen lag, sogar an sein Haar vergaß. „Was meint Ihr?" rief er. „Was ich meine?", wiederholte Manasse, wieder in der Thür erscheinend. „Seit die Welt geschaffen wurde, haben blos zwei Männer chre Kleider mit ins Jenseits genommen. Der eine war Korah, den die Erde verschlang, der zweite war Elia, der zum Himmel auffuhr; es ist klar, welche Richtung der Dritte einschlagen wird." Die schlummernde Seite des Aberglaubens vibrirte unter Manasses geschickter Berührung. „Freue Dich Deiner Kraft, o Jüngling," fuhr der Bettler fort. „Aber ein Tag wird kommen, da nur die Todtenwächter für Deine Toilette sorgen werden. In reines Weiß werden sie Dich kleiden, und der Teufel wird nie wissen, was für ein Stutzer Du gewesen bist." „Wer seid Ihr, daß ich Euch Geld für die Synagoge geben soll?", fragte der Geck trotzig. „Wo ist Euer Beglaubigungsschreiben?" „Habt Ihr mich zurückgerufen, um mich zu beschimpfen? Sehe ich wie ein Betrüger aus? Nein, steckt Eueren Beutel nur wieder ein. Ich will nichts von Euerem schmutzigen Golde haben. Laßt mich gehen." Nach und nach ließ sich Manasse herbei, zehn Pfund anzunehmen. „Um Eures Vaters willen," sagte er, sie einsteckend. „Das Einzige, was ich um Eurer selbst willen nehmen werde, sind die Auslagen für meine Fahrt. Ich mußte mit der Post herfahren, und die Synagoge darf nichts verlieren." Herr Belasco gab mit Vergnügen auch dieses Geld her und ließ sich mit angenehmen Empfindungen seines bisher vernachlässigten Gewissens vor dem Spiegel wieder nieder. „Ihr seht, man kann nicht Alles thun," bemerkte er entschuldigend, denn Manasse blieb noch zögernd stehen. „Wenn man ein Fürst der Eleganz sein will, muß man seine ganze Zeit darauf verwenden." Er deutete mit der Hand auf die Wände, die ganz mit Kleiderschränken bedeckt waren. „Meine hirschlederneu Hosen waren das Ergebniß von neun einzelnen Proben. Seht Ihr, wie sie paffen?" „Ich finde, daß sie Eurem Rufe nicht entsprechen", antwortete Manasse offenherzig. Belasco's Gesicht wurde noch weißer als vorhin bei dem Gedanken an Erdbeben und Teufel. „Sie paffen mir zum Platzen", hauchte er. „Aber sind sie die letzte Mode? Die Nankingbeinkleider dort drüben sind ganz entschieden schon im vorigen Jahre getragen worden." „Mein Schneider sagte, daß sie einen besonderen Schnitt besitzen. Es ist eine Form, die ich einführe — bauschig, zu gekrausten Hemden passend." Manasse schüttelte zweifelnd den Kopf, worauf der Stutzer ihn anflehte, seine Garderobe durchzusehen und Alles auszuscheiden, was nicht genug originell oder außerordentlich modern sei. Nach langem Zögern willigte Manasse ein und schied aus der ungeheuren Collection ein paar Cravatten, Hemden, Perrücken und Anzüge aus. „Aha, das ist Alles, was Ihr finden könnt," sagte der Stutzer freudestrahlend. „Ja, das ist Alles," antwortete Manasse traurig. „Mehr finde ich nicht, was Euerem Rufe entspricht. Dies bier verräth den Mann von Geschmack und Erfindungsgabe, das Uebrige ist nur Flatterstaat; so Etwas kann ein Jeder tragen." „Ein Jeder?", stammelte der arme Stutzer ins Herz getroffen. „Ja, so Etwas könnte ich selber tragen." „Ich danke Euch, ich danke Euch. Ihr seid ein ehrlicher Mann. Ich liebe aufrichtige Kritik, wenn der Kritiker dabei nichts zu gewinnen hat. Euer Besuch hat mich wirklich hoch erfreut. Diese Lumpen soll nun mein Lakai bekommen." „Nicht doch, warum wollt Ihr sie an den Heiden verschwenden?" fragte Manasse, dem plötzlich ein Gedanke kam. „Erlaubt mir, sie zu Gunsten der Synagoge zu veräußern." „Wenn es Euch nicht zu viel Mühe machen würde!" „Was thäte ich nicht für den Himmel," sagte Manasse mit Gönnermiene. Er riß plötzlich die Thür des Nebenzimmers auf, so daß der davorknieende, sch'el dreinblickende Lakai sichtbar ward. „Tragt das hinunter, lieber Freund," sagte er ruhig, und der Lakai war nur allzufroh, feine Verwirrung, beim Lauschen ertappt worden zu sein, verbergen zu können, indem er mit einem Arm voll Seidenröcken zum Wagen hinabeilte. Manasse schüttelte verzweifelt den Kopf, während er den den Rest zusammenpackte. „Das bringe ich nie in die Postchaise hinein," sagte er. „Ihr werdet mir Euren Wagen leihen müssen." „Könnt Ihr sie nicht abholen?", fragte der Stutzer mit schwacher Stimme. „Warum sollte ich das Geld der Synagoge auf Miethwagen verschwenden? Nein, wenn Ihr Eurer Güte die Krone aufsetzen wollt, indem Ihr mir den Bedienten mitgebt, damit er mir beim Auspacken hilft, so werdet Ihr Eure Equipage in einer oder zwei Stunden wieder haben. So fuhr die Carrosse mit zwei prächtigen Rossen vor, und Manasse überwachte, nachdem er den Kutscher, Lakaien und Bedienten in seine Dienste gepreßt hatte, das Ausladen der Garderobe Belasco's auf die zwei Gefährte. Dann nahm er seinen Sitz in der Carrosse ein, der Kutscher und der prächtig gepuderte Bediente stiegen auf den Bock, und die Procession setzte sich unter fröhlichen Hörnerklängen in Bewegung, während Manasse sich liebenswürdig gegen den Herrn des rothen Hauses verbeugte, dessen spitzenumsäumte Hand aus einem grünnmrankten Fenster herauswinkte. Nach einer angenehmen Fahrt hielt der Wagen vor dem von steinernen Löwen bewachten Hause, in dem Nathaniel Furtado, der reiche Kleiderhändler, wohnte. Er gab gerne fünfzehn! Pfund für die spitzenbesetzten und gestickten Kleider des Stutzers, und außerdem ließ er sich noch zu einer Spende im Belage von einer Guinee für die ansständige Schuld der Synagoge verlocken. Daraufhin schickte Manasse die Postchaise mit einem schönen Trinkgeld fort und fuhr in der jetzt leeren Carrosse, mit dem gepuderten Bedienten auf dem Bock, nach Finsburg Circus, zu dem Hause des Rodriguez. „Ich komme, mir meine zehn Pfund holen," sagte er und erinnerte ihn an sein Versprechen (?). Rodriguez lachte, fluchte, lachte wieder und schwur, daß der Wagen nur gemiethet sei, um dann von den zehn Pfund bezahlt zu werden. „Gemiethet?", fragte Manasse. „Erkennt Ihr denn nicht das Wappen meines Freundes, des Herrn Belasco?" Und er fuhr schnell mit der Banknote fort, denn Rodriguez war ein Schelm. Dann schickte der König die Equipage fort und begab sich zu Fuß nach Fenchurch-Street zu seinem Vetter Barzillai, dem Ex-Pflanzer von Barbadoes und gegenwärtigen westindischen Kaufherrn. Barzillai pflegte, da er vor seinen Schreibern beschämt zu werden fürchtete, seine Verwandten stets in die in der Nähe gelegene Taverne zll führen und mit theueren Liqueuren zu bewirthen. „Ihr hattet aber kein Recht, Geld zu spenden, das Ihr nicht besitzt. Das war unehrlich," ries er, nicht im Stande, seinen Zorn zu unterdrücken. „Potz tausend," rief Manasse, sein Glas so heftig niedersetzend, daß der Stengel brach. „Wurdet Ihr nicht nach mir zur Thora aufgerufen? Habt Ihr nicht auch gespendet?" „Gewiß! Aber ich hatte das Geld dazu." „Was, Ihr hattet es bei Eüch?" „Nein/ nein, gewiß nicht! Am Sabbath trage ich kein Geld bei mir." „Natürlich, Ich ebensowenig." „Aber das Geld erlag bei meinem Banquier."