Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 2 (8.1.1897)
- Date
- 1897-01-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021171--06343-3030620- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 34 Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 2 Mr. Fry das Krankenhaus regelmäßig einmal in der Woche. Wenn auch alt an Jahren, so besaß er doch ein junges, frisches Herz, und die Segnungen, die er den Armen und Leidenden erwies, werden ihnen unvergeßlich bleiben. London. Vergangenen Montag starb hier in ihrem 77. Jahre Mrs. Lewis Lazarus, eine ausgezeichnete Frau mit echt jüdischem Herzen. Wer sie kannte, verehrte sie als eine musterhafte, selten gute Frau. Seit Jahren blind, verstand sie auch in diesem Zustande für die Armen zu wirken; sie nähte nämlich ohne Unterlaß Kleider für arme Kinder. Nicht nur chre zahlreiche Familie, alle Freunde und Bekannten, Alle, die das Vorrecht genossen, sie persönlich zit kennen, werden mit tiefem Schmerze die Nachricht von dem Heimgang dieser edlen Frau hören. London. Eine der letzten Nummern des „Daily Chronicle" enthält einen sehr interessanten Artikel aus der Feder unseres berühmten Glaubensgenossen Mr. I. Zangwill. In einer Recension des neuen Buches über St. William of Norwich bringt Zangwill einen Beitrag zur Geschichte des Blutmärchens aus seinem eigenen Leben. Er behauptet nämlich, daß eher die Christen' als die Juden eine Blutfehde aufrechterhalten, und erzählt folgenden Vorfall ans seinem eigenen Leben: „Als ich sieben Wochen alt war — wir lebten in Bristol — war meine Mutter genöthigt, mich für einen Tag ganz der Aufsicht eines christlichen Kindermädchens von 16 Jahren zu überlassen; doch wurde sie ängstlich und kehrte plötzlich und viel früher zurück, als man erwartete. Sie traf das Mädchen auf der Straße, das ihr die Versicherung gab, ich schliefe ruhig. Doch bestand meine Mutter darauf, sich persönlich davon zu überzeugen, und als sie in das Zimmer trat, fand sie mich erbärmlich schreiend in der Wiege, den Kops mit einem Kissen zngedeckt, das Gesicht ganz blau, den Ntund voll mit Blut. Das Mädchen gestand hernach, daß sie, um den Tod Christi zu rächen, mit einer Nadel das Zeichen des Kreuzes aus meine Zunge eingeritzt hatte. Das Interessanteste an der Sache ist, daß sie sich an einem Jom- Kippur begab. Um den Tag im Tempel zubringen zu können, hat sie mich dem Kindermädchen überlassen; wäre sie nicht früher zurückgekehrt, so hätte ich wahrscheinlich heute nicht das Vergnügen, dieses Buch zu recensiren. Die Handlungsweise des ungebildeten, unwissenden Geschöpfes ist verständlich und verzeihlich. Um ihretwillen das Christenthum des systematischen Kindermordes anzuklagen, wäre ebenso ungerecht, wie die Blutanklage, wenn irgend ein Jude gar wirklich irgend ein christliches Kind getödtet hätte." Constantinopel, den 1. Jänner 1897. Die traurigen Ereignisse der letzten Zeit in der türkischen Hauptstadt haben in der Folge _ noch furchtbare Krisen inr hiesigen Geschäftsleben hervorgerusen. Der ganze Handel war förmlich in Stockung gerathen und das sonst so emsige Treiben an biefein Orte, der die Reiche des Ostens mit den Ländern des Westens natürlich verbindet und seit undenklichen Zeiten den Verkehr vermittelt, — dieses sonst so lebhafte Hasten und Jagen machte einem unbehaglichen Müßiggänge, einer drückenden Ruhe Platz — die Stille nach dem Tode! In dieser verzweifelten Lage ihrer Verhältnisse wandten sich nun die armen Makler und Agenten der Börse von Galata mit der Bitte an die Baronin von Hirsch, sie möge etwas für sie thun, um sie ans der Noth zu retten, in die sie infolge des großen Geldkrachs gerathen. Die freigebige Dame schickte als Antwort 5000 Francs, die unter sie durch Vermittlung des Herrn I. Fernandez, Präsidenten des Comites der „Alliance Jsraelite" in Constantinopel, vertheilt wurden. Hervorgehoben muß dabei noch werden, daß die Bittsteller allen denkbaren Nationalitäten angehören und daß die besagte Summe, natürlich auch ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung, an die bedürftigen Leute gebracht wurde. Und so häufen sich, fast in ununterbrochener Reihenfolge, die Wyhlthaten, die diese edle Frau vielen Bewohnern der Hauptstadt der Türkei in so hohem Maße erweist. Die Inden, in ihrer Dankbarkeit, haben dem Bittgebete für das Reichsoberhaupt ein solches für den verschiedenen unvergleichlichen Menschenfreund und für dessen so segensreich wirkende Gattin angefügt. Die hiesigen jüdischen Wohlthätigkeitsvereine erhielten einen großartigen Betrag von 50.000 Francs von der Baronin von Hirsch angewiesen. Heute sei des „Vereines der israelitischen Damen von Pera" gedacht, der, obwohl erst drei Jahre alt, schon zahlreiche Werke von Wohlthätigkeit unter dem Vorsitz der Frau I. Fernandez erfüllt. Die Damen des Comites, den besten Familien angehörig, sind rastlos in ihrer Thätigkeit und lobenswert!) in ihrer Hingabe, Gutes zu schaffen. Neulich schritten sie wieder an eine Vertheilung von Winterkleidern au sechzig arme Mädchen und Waisen. Die meisten Blätter der türkischen Hauptstadt sind einig im Lobe über das Verhalten der Juden gegenüber der nationalen Subscription, wobei sie allgemein die Liebe und Treue, der israelitischen Unterthanen zu Kaiser und Reich in warmen Worten hervorhebeu. Die Commission, unter dem hohen Vorsitz Sr. Ehrw. des Großrabbiners der Türkei, erhält unaufhörlich Gaben vor: den Israeliten der Hauptstadt zu Gunsten des kaiserlichen Heeres! Arme und Reiche beeilen sich, an dieser nationalen Subscription theilzunehmen. Sie beweisen dadurch die unveränderliche Liebe, die sie für das Land besitzen, und die tiefe Dankbarkeit, die sie für ihren Herrscher hegen, der die Inden durch väterliches .Wohlwollen ehrt und auszeichnet. Ein hochgestellter Türke, dessen Vater, ein früherer Minister und jetziger Botschafter, mir die schmeichelhafte Ehre erwies, ihn in semitischen Sprachen zu unterrichten, sagte zu mir in einer Unterhaltung: „Es ist meine Ueberzengnng, die Inden sind uns wirklich ergeben. Sie sind ein treues und dankbares Volk. Seit vierhundert Jahren, niemals ein Act von Abtrünnigkeit, niemals ein Verrath. Stets dieselbe Anhänglichkeit, dieselbe Trene." Sie haben dafür aber auch immer Ihre Freundschaft und Ihr Wohlwollen besessen, erwiderte ich. Wir hätten an ihnen mehr thun können, warf ein muselmännischer Geistlicher ein, der dem gemüthlichen Gespräche beiwohnte, ganz entzückt und verwundert zugleich, daß es Leute gibt,',die, obwohl keine Mohammedaner, den Koran im Arabischen lesen und verstehen. Wie es nur möglich ist? wiederholte der erstaunte Ulema oftmals. Gibt es in den christlichen Ländern Schulen, wo man auch dies lernt? Gleich darauf, sich erinnernd, sagte der gute Mann wieder: Wir haben die Juden leider nicht so behandelt, wie sie's verdienten. Wir haben unsere Güte anderswo vergeudet, an Leuten, die nicht so würdig waren. Aber Allah akbar, Gott ist allmächtig, Allah ehakiin, kanm wamustakim, Gott ist weise, gnädig und gerecht! — Diese liebevollen Worte Haben einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht, und es wird wohl nicht wenige Türken geben, die der gleichen Meinung sind. Dagegen haben die zionistischen Bestrebungen hier großes Mißtrauen geweckt. Es ist nur eine directe Folge dieser Haltung, wenn manchmal der Besuch des heiligen Landes für die Inden mit großen Schlvierigkeiten und vielen Unannehmlichkeiten verbunden, wenn die förmliche Einwanderimg von Glaubensgenossen in Palästina für den Augenblick fast unmöglich ist. Aus diesem Grunde kann auch das so großartige Colonisativnswerk keine Ausdehnung erfahren, und man muß schon zufrieden sein, daß die bereits bestehenden Ansiedlnngen nicht in ihrer Entwicklung gehemmt werden, wenn auch hie und da Hindernisse auftauchen, die beschlverlich sind zu übersteigen. Wachgerufenes Mißtrauen ist eben nicht so leicht zu überwinden und zu beseitigen. Man hat von höchster Stelle es dem Director eines hiesigen jüdisch-espaniolischen Blattes hoch angerechnet, als er die Inden der Türkei als die unversöhnlichsten Feinde des Zionsgedankens hinstellte und mit Nachdruck erklärte, daß die Juden des Morgenlandes es schmerzlich empfinden, sich in ihrer Ergebenheit und Erkenntlichkeit irgendwie verdächtigt zu wissen. Diese Sprache hat in der That ihre Wirkung nicht verfehlt. Man kann es aber dem Herrn, der so geredet, übrigens nicht verargen, daß er so wuchtig Stellung nahm gegen die Verfechter und Anhänger eines Judenstaates. Jeder ist sich eben der Nächste, und es liegt im Interesse der jüdischen Bevölkerung des osmanischen Reiches, die unter den duldsamen und menschenfreundlichen Herrschern niemals Grund zur Klage gehabt, sich auch fernerhin die Freundschaft und das Wohlwollen des Sultans zu erhalten. Die Auszeichnung, die ihr Fürsprecher erhielt, ist vielleicht der beste Beweis, daß die israelitischen Unterthanen sich noch unbeschadet im Vollbesitze der allerhöchsten Gewogenheit befinden. Herr Fresco, Herausgeber des „Tiempo", hat die vierte Classe des Medjidje-Ordens erhalten. Dieselbe Auszeichnung wurde Herrn Gerfon, dem Bevollmächtigten des „Credit Lyonnais“ in Constantinopel, einem tüchtigen Beamten und ehrenwerthen Manne, zutheil. Prinz Ferdinand von Bulgarien hat Herrn Raphael Cervatti, den Herausgeber und Besitzer des „Orientalischen Jahr-