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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-08 · 2 (8.1.1897) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
2 (8.1.1897)
Date
1897-01-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Gelte 30 Vr. Vloch's Mochrnptzrift Nr. 2 Wortung für diese unökonomische Gebahrung den Landmarschall Gudenus, dessen Vergangenheit ihm wohl das Verständniß für kleine Geschäfte, die die Freundschaft erhalten, beigebracht hat. Ueberhaupt hat so ein antisemitischer Parteiführer das beste Leben. Zehn Gulden trägt das Bolksvertreten im Reichsrath, acht Gülden der „tagende" Landtag, da läßt sich immerhin leben. Die Antisemiten verstehen sich eben das Leben bequem einzurichten. Da ist der Herr Richter, Professor an der niederösterreichischen Landes-Oberrealschule in Krems. Der biedere Mann läßt sich als Beamter beurlauben, um sein Mandat als Abgeordneter auszuüben, und läßt sich jetzt zum Landesausschuß wählen, für dessen Agenden er offenbar die nöthige Zeit auftreiben wird. Diäten als Reichsraths- und Landtagsabgeordneter, bezahlter Professor und als Landesansschuß 3150 ft.; wie man sieht, der Antisemitismus nährt feinen Mann. Dieselbe Vielsütigkeit entfaltet Herr Geßm an n, der angestellter Staatsbeamter, Gemeinderath, Landtagsabgeordneter, Reichsrathsabgeordneter und Landesausschuß ist. Dr. Geßmann ist Staatsbeamter und bezieht als Scriptor der Wiener Universität einen Gehalt sammt Quartiergeld von 3000 fl. Dazu kommt der Gehalt als Landesausschuß mit 3200 fl., als Reichsrathsabgeordneter bezieht Dr. Geßmann an Diäten 2000 fl. Nimmt man an, daß der Landtag jährlich nur 2 Monate Sitzungen hält, so macht dies an Diäten 240 fl., zusammen 8440 fl. Nach Dr. Geßmann komnrt dann der deutsch-nationale (?) Professor Richter. Dieser bezieht als beurlaubter Mittelfchulprofessor einen Gehalt sammt Quartiergeld von 2800 fl., als Landesansschuß 3200 fl., als Reichsraths- und Landtags-Abgeordneter 2200 fl., zusammen 8240 fl. Sich von einem bezahlten Amt zu beurlauben, ein anderes bezahltes Amt anzunehmen und den Gehalt für beide einzustecken: das ist doch antisemitische Uneigennützigkeit! Angesichts der sich immer mehr steigernden Lucrativität des Antisemitismus begreift man, daß Herr Dr. Lueger auf die Ausübung der Advocatur verzichten tonnte. Der couvertirte Strick. Es ist allgemein bekannt, daß Ehren-Stampiglius Schneider in der Antisemiten-Bersammlung im Prater in der Weihnachtswoche den Liechtenstein- Refrain „Kaust nur bei Christen" dahin in feiner gewohnten geistreichen Weise erweiterte, daß er den wahrhaft christlichen Antrag stellte, mail möge für jeden Juden einen Strick bereit halten, mit dem er sich aufhängen könne. Weniger bekannt dürfte es sein, daß ein vorurtheilsloser angesehener christlicher Bürger, der ' aus Neugierde der Antisemiten-Bersammlung beiwohnte, einem Antisemitenführer gegenüber diese niederträchtige Hetze gegen einen ganzen Volksstamm in erregter, wenig schmeichelhafter Weise geißelte. Der so heftig apostrophirte Antisemitenführer erklärte nun, daß Ehren-Schneider auch bei den Antisemiten verpönt sei, daß er nur als Agent provocateur des Antisemitismus Verwendung finde, und daß er überhaupt bei Wähler-Versammlungen nie sprechen darf, ausgenommen in seinem eigenen Bezirke. „Was wollen Sie", schloß der Mann, „so wie inan den Spion im Kriege bedarf und benützt, so müssen wir auch Leute haben, die das Volk durch rücksichtslose, provocatorische Brandreden aufwühlen; deswegen verachten wir die Leute, die sich zu diesem entehrenden Handwerk hergeben, nicht minder als Sie. Was aber die heutigen Ausfälle S ch n e i d e r's betrifft, kann ich Ihnen die Ursache derselben, nach den mir von Schneider Persönlich mitgetheilten Aufklärungen mittheilen. Schneider, erhielt, wie er mir soeben versicherte, unlängst im Abgeordnetenhause einen voluminösen Brief. Da ihm derselbe verdächtig vorkam, öffnete er ihn in Gegenwart des Briefträgers und eines zweiten antisemitischen Abgeordneten. Der Brief enthielt einen recht netten Strick und daran einen Zettel befestigt, auf dem in lakonischer Kürze geschrieben stand: Stambiglius, häng' Dich auf! Das konnte doch nur ein Jude geschrieben haben und tagsdrauf beschloß nun Schneider, Rache an sämmtliche Juden zu nehmen. Jetzt kommt die Pointe: Der Einsender des Strickes und des Wunschzettels war aber ein veritabler Antisemit, der sich einerseits eine Hetze machen, und anderseits den Agent provocateur Autiüemjca für die nächste Versammlung präpariren wollte", schloß der Antisemitenführer. Nun, sind unsere neuen Volksbeglücker nicht recht nette Leutchen? Wir sind nur neugierig, wie B a d e n i über diese prächtige Gesellschaft denkt! Wir bürgen für die Wahrhaftigkeit des oben Mitgetheilten, Herr Ministerpräsident, und sind bereit die vollen Namen aller handelnden Personen zu nennen. Der Berliner Hof und der Antisemitismus. Berlin, 6. Jänner. Vor der Strafkammer standen heute der bekannte antisemitische Journalist S ch w e nutz a g e n und der Redarteur des antisemitischen- „Generalanzeigers", Sedlaezek, wegen eines von dem Erstgenannten verfaßten und im „General-Anzeiger" veröffentlichten Artikels: „Der I u d e ng e l d s a m m le r für die Berliner Kirchen bauten" unter der Anklage der Beleidigung des O b e r st h o f m ei st e r s der Kaiserin, Freiherrn v. M i r b a ch. Der betreffende Artikel hatte den Freiherrn v. Mirbach beschuldigt, im Vereine mit Damen der Finanzwelt eine jüdische Hofpartei begründet zu haben. Es wurde ferner behauptet, Freiherr von Mirbach habe als Gegenstück zu der früheren Waldersee-Bersammlung unter dem Vorsitze des Reichsbank-Präsidenten D e ch e n d eine Bleichröder-Versammlung abgehalten, in welcher der Grundstock für die Kirchenbauten von den Bankjuden gezeichnet worden sei. Man habe der Kaiserin viel von dem Opfermuthe der Börsen-Mrllionäre erzählt und die Gattinnen der Geldjuden hätten unter der Leitung des Freiherrn von Mirbach ein Missions-Kränzchen gebildet, welchem mehrere Hofdamen beigetreten feien, und fo sei binnen kurzer Zeit eine weibliche N e b e n r e g i e r u n g entstanden, für welche das Stichwort von den „Börsenpalästen der Behrenstraße" ausgegeben worden sei. In diesem Kränzchen wisse nran auch ganz genau, wie der Fall Kotze mit seinen namenlosen Verdächtigungsbriefen entstanden und wie der Betrag von 200.000 Mark zum Kaufe des Manuseriptes der Friedmann'schen Schrift „Revolution von Oben" aufgebracht worden sei. Die gesammelten Baugelder, wurde ferner behauptet, seien vorwiegend zum Baue der Kaiser Wilhelms-Gedächtnißkirche verwendet worden. Wie oberflächlich dieser ganze Proceßfeldzug inscenirt war, geht daraus hervor, daß unter den Zeugen, welche der Angeklagte Schwenn- Hagen vorgeladen haben wollte, sich auch der bereits verstorbene Reichsbankpräsident Dechend befand. Von besonderem Interesse in der heutigen Verhandlung war die Aussage des als Zeugen einvernommenen Obersthofmeisters Freiherrn von Mirbach. Er sagte, wiewohl jeder anständige Mensch vor öffentlichen Processen zurückscheue, habe da? Maß der Dreistigkeit, mit welcher man jetzt sogar die Kaiserin und den ganzen Hof zu verdächtigen suche,' ihn doch veranlaßt, das Schweigen zu brechen und der Frivolität öffentlich die Maske vom Gesichte zu reißen. Jeder einzelne Satz des incriminirten Artikels enthalte eine Unwahrheit oder eine boshafte Entstellung. Schon die gegen ihn gerichtete Ueberfchrift des Artikels „Der Judengeldsammler" sei gewählt, um ihn, Zeugen, zu verdächtigen und Judenhetze zu treiben. Die Versammlung, welche bei dem verstorbenen Bankpräsidenten D e ch e n d stattgefunden habe, betraf gar nicht Kirchenbauten, sondern Angelegenheiten des evangelischen Kirchenhilfsvereines, dessen Hauptarbeiten in der Gründung und Erhaltung von Diaconissinnen-Statio n e n bestehen, welche jährlich 100.000 Mark erfordern. Für diese Zwecke habe er die Chefs großer Berliner Bankhäuser interessirt und sie am 30. October 1888 zu sich eingeladen. Unter den Eingeladenen befand sich ein einziger jüdischer Bank- Chef, B l e i ch r ö d e r, der aber am Erscheinen verhindert war. Die Erschienenen waren lauter Christen. Herr v. Mirbach bestreitet auch, daß der größte Theil der Summe für die Kaiser Wilhelms-Gedächtnißkirche von Juden beigetragen worden sei. Er habe im Jahre 1889 für diesen Kirchenbau zu sammeln begonnen und binnen wenigen Monaten 1'/, Millionen Mark aufgebracht. An diesen Gaben waren das Kaiserhaus mit 900.000 Mark, die wohlhabende evangelische Kirchengemeinde in Berlin mit 300.000, dreißig ihm befreundete Edelleute mit 120.000 und etwa vierzig ihm befreundete bürgerliche Evangelische mit 200.000 Mark betheiligt. Es sei ferner die Behauptung, daß er, Zeuge, „mit den holden Gattinen der Juden ein Missionskränzchen gegründet habe", eine Frechheit, welche nur durch die Behauptung übertroffen werden könne, daß in diesem Kränzchen die anonymen Briefe aus der Affaire Kotze entstanden seien. Mit größerer Frivolität gingen selbst die bösartigsten anarchistischen Blätter nicht vor. Was seine Beziehungen zu jüdischen Damen betreffe, so bemerke er, daß er kaum eine Judenfrau kenne, da er sich außer seiner Thätigkeit bei Hofe fast ausschließlich mit kirchlichen Angelegenheiten befasse; aber, sagt Zeuge, ich weiß von vielen humanitären Vereinen, wo sich jüdische Damen große Verdienste und Anerkennung erwarben, und ich spreche es aus, daß ich die

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