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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-08 · 2 (8.1.1897) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
2 (8.1.1897)
Date
1897-01-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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vir. 2 Vr. VLoür » Mvrtzrnptzrif) Seite 29 saal die Richter übcr die Geheimnisse des Expensenbeuschl schiefe Ge- sichter zogen, und alte Gerichtspraktiker erzählen, daß es einen Advot caten gibt, der wegen muthwillig versäumter Fristen sich manch' eine j Ordnungsstrafe gefallen lassen mußte; aber von dem Disciplinarrath! hat Dr. Lueger nichts zu fürchten gehabt. Die Herren, die dort sitzen, leiden zeitweilig an bedauerlicher Schwerhörigkeit, wenn im Landtag und Reichsrath von den „jüdischen Advocaten" gedonnert wurde, hatten sie die Ohren mit Wachs verstopft. Soweit es auf sie ankommt, können die antisemitischen Advocaten sich ruhig in der Rolle des Vogels gefallen, der sein eigenes Nest beschmutzt. So bleibt nichts Anderes übrig, als die Thatsache in's Auge zu fassen, daß Herr Dr. Carl Lueger thatsächlich ein großes, ein einträgliches industrielles, ein Fabriksunternehmen leitet, das seinen Mann, ja sogar viele Männer gut nährt. Das ist die große Verleumdungssabr ik. Das ist die so überaus einträgliche Hetzindustrie!! Ja, das Verleumden, das Hetzen erspart seinen Anhängern die langweilige Berufsarbeit, den aufreibenden Frohndienst um das tägliche Brot. Wozu sind den die A e m 1 e r - C u m u l i r u n g e n da, die erstens fälschlich der liberalen Partei vorgeworfen werden und die gegenwärtig mit strebsamen Eifer . von den volksfrenndlichen Antisemiten practicirt werden. Der Anfang ist gemacht! Das Ende des Erpcnsenbeuschls zeigt uns den Pfad der Zukunft, und es darf Niemanden Wunder nehmen, wenn demnächst der Dr.Geßmann seine Scriptorenstelle znm alten Eisen wirft, wenn die Gregorigs, die Havraneks, die Schneiders sich einzig und allein der Bolksbeglülung widmen. Wir können's ja, dazu haben wir's ja! Die verschiedenen Diäten nämlich! Antisemitische Vertrauensmänner. Die antisemitischen Parteifiihrer und die antisemitischen Agitatoren gleichen sich in allen Ländern ans ein Haar. In Wien kennt man dermalen einen Antisemitenführer, den es nicht in seiner Carriere gehindert hat, daß Dr. Lueger selbst einst vor Jahren von ihrn eine Meinung äußerte, die unte^llmständen leicht zu einem Ehrenbeleidigungsproceß hätte führen können. Jemand äußerte sich in Lneger's Gegenwart über das in Frage stehende Subject: „Mir scheint dieser Biedermann steht mit den Anarchisten in Verbindung." Worauf ein Anderer meinte: „Ich glaube vielmehr, er steht im Dienste der Polizei." Mit scharsenk Blick und höhnischem Lächeln warf hierauf Dr. Lueger hin: „Und ich glaube, daß Beides richtig ist." An diesen classischen antisemitischen Charakter wird man durch den famosen Herrn N o r m a n n - S ch u m a n n erinnert, der zu den Vertrauensmännern Stöcker's und Waldersee's gehörte und aus den in dem jüngsten politischen Sensationsproceß in Berlin ein so grelles Licht fiel. Aus den höchst interessanten Mittheilungen, die die „Kölnische Zeitung" über diesen Herrn veröffentlicht, geht hervor, daß R o r m a n n - S ch u m a n n im Dienste der S o ciald emo kratie stand, in Rom eine wilde socialdemokratische Agitation entfaltete, später aber sich von der Berliner Polizei anwerben ließ und als Lockspitzel arbeitete. Genau nach diesem Recepte verwerthete dieser begabte antisemitische Journalist seine ausgesprochenen Fähigkeiten gleichzeitig im Dienste der Polizei und im Interesse der A n t i s e m i t e n. Da der Staatssecretär von M a r s ch a l l in dem Proceß Leckert-v. Lützow erklärt hat, Normann-Schumann sei damals von der politischen Polizei zur Ueberwachung der Antisemiten nach Leipzig geschickt worden, so ergibt sich aus Vorstehendem die Thatsache, daß dieser Mann von der politischen Polizei besoldet wurde für seine Dienste gegen die Antisemiten und sich zu gleicher Zeit von den Antisemiten honoriren ließ für seine Mitarbeitoder für seinen Schutz gegen die politische Polizei. Dieser zum Antisemiten höchst geeignete Journalist spielte auch, wie er selbst dem Gewährsmann der „Kölnischen Zeitung" mittheilte, in der schändlichen Xantener Affaire eine große Rolle. lieber den Lantener Knabenmord erzählte er, daß er, und zwar ans Betreiben des G r a s e n W a l d e r s e e, noch vor dem Criminalcommissär Wolf die Hauptuntersuchung geführt und sich von der S ch n l d B u s ch ü o ss's überzeugt habe. Es seien ihm aber so große Schwierigkeiten von den Behörden m den Weg gelegt worden, daß er sich geuöthigt gesehen habe, an den Grafen Waldersee in dem Zinne zu schreibeir, die Staatsa n w al t s ch a ft st ecke offenbar mit de n Jude n unter einer Decke und wolle den Buschhoff nicht überführt sehen. Zwar sei es ihm dann mir Mühe ltitö Roth gelungen, die nochmalige Verhaftung Buschhvss's bei der Staatsanwaltschaft durchzusetzen: a b e r s ch l i e ß l i ch habe das j ü d i s ch e G e l d doch den Sieg a n ch d a r ü b e r d a v o n g e t r a g e n. Wenn Leute von dem schlage eines Normann-Schumann, die solche handgreifliche Infamien und Alberich.'iten erzählen und nicderschreiben, von euiflußreichen und hvchststehenden Persönlichj feiten unterstützt und gefördert werden, dann begreift man nicht nur, wie der Wahnsinn des Antisemitismus im Lande der Denker und Dichter so feste Wurzeln fassen konnte, sondern auch wie die deutsche Hintertreppenpolitik io seltsame Blnthen gezeitigt hat. Der bewährte Mann hatte auch bei dem Welsensonds- Qnlttungeu-Schwindel seine Hand tin Spiele und er versuchte nach bewährter Methode auch dafür die Juden verantwortlich j zu machen. „Das Ganze ist eben", meinte er, „wieder ein Streich der allmächtigen Juden oder auch der v e r j n d e t e n R ej gier u u g und ihrer Helfershelfer gegen den Grafen Walder- > fee, den Hvfprediger Stöcker nnd andere confervative Reichstags-! Mitglieder, die auf Seiten der Antisemiten stehen. Ilm die Ge-! schichte in Scene zu fetzen, hat man sich leere Qnittnngsformnlare j verschafft, sie mit beliebigen Summen ausgefüllt nnd dann Namen > wie „Gras Waldersee" oder „Stöcker" daruntergesetzt. Erscheint j die angekündigte Broschüre nun wirklich, so wird dadurch ein schwerer Schlag gegen diese Herren geführt werden. Es würde ihnen dann wenig helfen, die Echtheit der Unterschriften und den Empfang von Welfenfvndsgeldern überhaupt zu bestreiten — die Menge würde doch dabei bleiben, Graf Waldersee und Stöcker hätten thatsächlich Gelder ans dem Welfenfoud empfangen." Auf die Frage: Wie kommt das Alles gerade nach Zürich geflogen? gab er die Antwort: Damit verhalte es sich einfach so — man habe einen hessischen Cabinetsrath a. D„ v. Schimmelpseng, der selbst Judensprvßling sei. durch Geld zu bestimmen gewußt, deic Betrug mit Hilfe russischer Inden auszuführen, weil diesen durch die Interessenten weniger leicht beizukommen sei, als den inländischen. Es käme deshalb vor allen Dingen jetzt darauf an, vor dem Erscheinen der Broschüre wenigstens ein Stück des Manuscriptes in die Hände zu bekommen, um es im „Volk" veröffentlichen und die Fälschung Nachweisen zu können. Gelinge das, dann sei die Broschüre eine Todtgeburt und das Stöcker'sche Organ opfere seinerseits ein nettes Sümmchen, falls dieses Ziel erreicht würde. Bei dieser Gelegenheit rühmte er sich auch der'Autorschaft des Welsensondsartikels gegen den Minister v. Bötticher in einem Wiener Blatte mit dem Zusatze: „D n r ch m i ch i st überhaupt schon Mancher ge st ü r z t w o r d e it, der s i ch's nicht träumen l i e ß." Wie man sieht, ein prächtiger Mann, der Herr Normann- Schumann, ein echter, würdiger 'Antisemit — der noch viele seines Gleichen hat. Moderne Antieorruptionisten. Die „Arbeiterzeitung" schreibt: Dem niederösterreichischen Landtag wird von officiösen Blättern schon im Vorhinein ein Fleißzettel ausgestellt, und wir sind wirklich neugierig, welche Unsumme von Arbeit die berühmten Ausschüsse im Jänner zu Tage fördern werden. Billig wird, wie wir schon bemerkt haben, diese Thätigkeit nicht sein. Die Landtagsabgeordneten beziehen nicht, wie wir gemeldet, fünf Gulden, sondern acht Gulden an Diäten, das macht also bei 75 Abgeordneten — die drei Biri» listen gehen leer aus — eine tägliche Ausgabe von 600 Gulden. Da die Pause in Oer Berathung mindestens einen Monat währen wird, betragen die Kosten für die „Ausschußthätigkeit" mindestens 18.000 Gulden, angesichts der leeren Cassen des Landes, von denen Herr Lueger sprach, eine Ausgabe, die zu denken gibt. Das „Fremdenblatt" versichert, Graf B ad eni hätte es allen Landtagspräsidenten_ sreigestellt, den Landtag entweder zu vertagen oder die nächste Sitzung unbestimmt zu lassen. Wenn das wahr ist, so trifft die Verant-

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