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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-08 · 2 (8.1.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
2 (8.1.1897)
Date
1897-01-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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‘?jäa Seite 26 Dr. Vlortz's WochenrchrtfL Nr. 2 So lautet die Klage des greisen Papstes. Den Satz des weisen Salomons „Das Herz der Könige wird von Gottes Hand gelenkt" fühlt man sich hier unwillkürlich durch den Satz zu ergänzen versucht: und nicht nur das Herz der Könige, sondern auch der zu einer ganzen Welt sprechende Menschenmund. Der bedeutungsvolle Klageruf entrang sich dem zunächst berufenen Munde so zeitgemäß, ist so sehr geeignet, jedes empfängliche Menschenherz zu bewegen, blitzartig die ganze gegenwärtige Weltlage zu beleuchten, daß man sich geneigt fühlen muß, hieran eine göttliche Eingebung zu glauben. Der schon so lange wnthende antisemitische Kriegslärm, der eingestandener Weise zur Stärkung des Christenthumes inscenirt wurde, tobt in Redensarten, welche uns fast schon entwöhnt haben, das Christenthnm mit den schönen und so verheißungsvollen Worten „Wahrheit und Gerechtigkeit" vereint zu denken. Der Papst hat freilich nur an die Wahrheit des Christenthums und an die Gerechtigkeit für dasselbe gedacht: wer aber Wahrheit und Gerechttgkeit so einseitig nur für seine eigenen Interessen in Anspruch nähme, für Andere aber nicht gelten ließe, hätte der nicht damit allein schon diese höchsten Ideale der Menschheit geradezu in verletzendster Weise verleugnet? Auch die Juden haben ihre Wahrheit, und sicher ist es nur die Wahrheit ihrer religiösen Gefühle, welche sie am Judenthume festhält. Auch die Juden sind der Gerechttgkeit bedürftig wie jeder andere Theil der menschlichen Gesellschaft. Welch Hinderniß der Wahrheit und Gerechtigkeit ist aber dieser Antisemitismus, mit dem sich das Christenthum so innig alliirt bekundet und in welchem doch kein Funke der Wahrheit mehr glimmt und auch nicht einmal mehr eine erstorbene Asche der Gerechtigkeit zu entdecken ist! Die bewußte Lüge ist dem Antisemitismus tausendfach nachgewiesen und die Ungerechtigkeit erhebt er mit unverschämter Dreistigkeit zum Panier. An wen richtet der Papst seinen Klageruf, wen will er bekehren, wenn sein Ruf nicht allererst an die ergeht, die ihm zu gehorchen haben? Da zerbrechen sich gar Viele den Kopf damit, was der von der Regierung ernannte Landmarschall von Niederösterreich wohl mit seinem geflügelten Worte „das heimatliche Christenthum", das doch einen Widerspruch in sich selbst bedeutet, gemeint haben kann. O begriffstütziges Zeitalter! Ist es denn nicht klar, daß er damit eine Concession an die Deutschnationalen beabsichttgte, welche statt 1897 n. Chr. G. die Jahreszahl 2009 nach Noreja einführen möchten. Wahrlich der Papst müßte nicht so ohnmächtig klagen, wollte er denen befehlen, die ihm gehorchen müssen oder gehorchen wollen. Wir können nicht umhin, auf das schöne Wort des Papstes jenen talmudischen Spruch anzuwenden: O möchte doch Dein Ohr vernehmen, Dein Herz empfinden, was Dein Mund so zutteffend ausgesprochen hat. Dr. M. L. Stern. Politische Papaeosta's. Das ist eine gute, eine treffliche Idee, die Versicherungsgesellschaft gegen Einbruch, deren Constituirung dieser Tage gemeldet wurde. Zwar sind Papacosta und Genossen, die Häupter der berühmten internationalen Einbrecherbande, hinter Schloß und Riegel; aber das Geschlecht stirbt nicht aus. Es ist hübsch, daß ein alter, erprobter Volkswirthschaftlicher Gedanke dahin »ertverthet wird, den Dieben und Gaunern ein Paroli zu bieten. Leider gibt es noch keine Versicherung gegen die politischen Papacostas l Und wahrlich die Wiener Vorgänge der letzten Monate beweisen schlagend, daß sie nothwendig wäre wie ein Bissen Brot. Die Einbrüche, die bei helllichtem Tage vor den Augen von Tausenden und Abertausenden verübt werden, mehren sich iu bedauerlicher Weise: Die Einbrüche unserer Antisemiten- Kaum ist es gelungen, jenen Wackeren, die sich in die Verwaltung der Wechselseitigen Brandschaden-Versicherungsgesellschast einschleichen wollten, das Handwerk zu legen und für dieses Mal wenigstens den Spaß zu verderben, so meldet die communale Criminalchronik einen neuen Fall, in dem leider den Thätern ihr Vorhaben geglückt ist. Ja, die Antisemiten haben einen Erfolg zu verzeichnen: Der Einbruch in das Curatorium der Franz Zsfefs-Stiftung hat das erwünschte Resultat gehabt, die Herren Stehlik, Leit» er und andere antisemitische Bezirksgröße» sind zur Stunde die Verwalter jenes Millionenfonds, zu dem die Commune einen verhältnißmäßig nur geringen Theil beigesteuert hat, während der Grundstock des großen Stiftungsvermögens aus liberalen Geldmitteln stammt, nicht in letzter Linie aus jüdischen Geldcassen herausgegeben wurde. Die Art und Weise, wie dieser Curatoriumsputsch verübt wurde, wie ohne Rücksicht auf die Stabilität der bisherigen verdienten Ver- ' waltung das kleinliche egoistische Parte'interesse Motiv genug war, jene häßliche Vergewaltigung zu insceniren, ist bezeichnend für die antisemitische Moral. Gegenüber den Phrasen vom „kleinen Mann, dem geholfen werden muß," haben Liberale und Juden seinerzeit die Brieftasche aufgemacht, um jenen Kleingewerbetreibenden, die nicht ihr ausschließliches Heil im qualmigen Bierhaus suchen, durch die That beizuspringen. Es wurden Darlehen und Unterstützungen gewährt ohne jede Parteirücksicht, einzig und allein mit Berücksichtigung der Grundidee, den mangelnden Associationsgeist unserer Gewerbetreibenden, die eher auf Ernst S ch n e i d e r als auf Schulz e-D elitzsch schwören, zu suppliren. Aber das war augenscheinlich verfehlt. Diese Stiftung war ja in letzter Linie geeignet, durch ihre Erfolge die Armee der Zugrundegegangenen, der Deelassirten, der treuesten Luegerianer zu decimiren. Dem mußte vorgebeugt werden. Und das geschieht am Besten, wenn der Millionenfond antisemitisch verwaltet wird .. . Wie wäre es, wenn man doch in der — Linken Bahngasse nach einem Verwalter umschauen würde?? Die Herren haben freilich ihr Schicksal verdient. Sie haben die Majestät S 1 r o b a ch 's verletzt. Hören wir nur das „Deutsche Dolksblatt". Es schreibt: „Uebrigens haben die Herren jeden Anspruch ans besondere Rücksichtnahme durch ihr bisheriges Verhallen entschieden verwirkt. Als nämlich Bürgermeister S t r o b a ch in der letzten Sitzung erschienen und dieselben begrüßen wollte, schloß der Vorsitzende Herr Handelskammerrath Mauthner in ostentativer, ja geradezu beleidigender Weise die Sitzung, ohne von der Anwesenheit des Bürgermeisters die geringste Notiz zu nehmen. Es war dieser Affront umso beleidigender, als zu einer so urplötzlichen Schließung eigentlich nicht die geringste Veranlassung vertag." Jetzt ist uns Alles klar. Von Herrn S t r o b a ch keine Notiz nehmen! Für solche Hochverräter gilt das altrömische: „Ad gladiatores!" Das Ende des Expensenbeuschl. Es kommt nicht allzuhäufig vor, daß Advocaten, solange sie noch im Vollbesitze ihrer geistigen und physischen Kräfte sich befinden, diesem ihren bürgerlichen Berufe Valet sagen, auf die sociale Stellung und materielle Sicherung, die Ihnen der Stand vcrlei t, verzichten. Das kam bisher nur in Fällen vor, wo die Demission etwa einem Erkenntniß des Disciplinarrathes zuvorkommen wollte oder wo ein Advocat zur Leitung eines industriellen oder finanziellen Unternehmens berufen wurde, das ihm seine Bethätigung besser und vortheilhafter lohnte. Die Tagesblätter bringen die üb> naschende Mittheilung, daß Dr. Carl Lueger auf die Advocatur verzichtet hat. Er wird nicht mehr in die peinliche Lage kommen, an die verhaßten jüdischen Collegcn Geschäftsbriefe mit der traditionell stereotypen Eingangsformel :„EuerWohlgeboren, sehr verehrter HerrCollege!"zu richten. Auch kann es ihm nicht mehr passiren, daß er die schwere Wahl zwischen einer Zierde seines Standes und einem überwiesenen Stampiglienfälscher treffen muß. Und schließlich dürfte sich nicht mehr der Fall ereignen, daß der Herr Vicebürgermeister bei einer Tagfahrt oder einer Strafverhandlung einen anderen Advocaten zufällig jüdischen Glaubens trifft und ihn mit gleißnerischer Freundlichkeit bewillkommnet, während der Andere die Ehre nicht zn schätzen weiß und mit „jüdischer Ueberhebung" den Gruß einfach unbeantwortet läßt. Immerhin aber entsteht die Frage, was in Dr. Lueger seinen plötzlichen Entschluß reifen ließ. Herr Dr.L u e g e r hat in so vielen und verschiedenartigen Fragen eine durch keinerlei Sachkenntniß ungetrübte Selbstsicherheil bewiesen, daß man ruhig annehmen kann, er hätte sich wegen des nothwendigen Studiums der neuen Civilproceßordnung kein graues Haar wachsen lassen. Zwar ist es dem Herrn Dr. Lueger andererseits im Laufe seiner bewegten advocatorischen und politischen Praxis widerfahren, daß im offenen Gerichts-

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