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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-08 · 2 (8.1.1897) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
2 (8.1.1897)
Date
1897-01-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2 Vr. VLoch's Wochrnfchrifr. Seite 27 Gemeinde derart organisire, wie dies geschichtliche Entwicklung und die modernen Bedürfnisse erheischen. Jeder im jüdischen Gemeiudeleben Stehende mußte die tiefkränkende Wahrnehmung machen, wie allüberall sich das religiöse Empfinden immer mehr und mehr abkühlte, zur Gleichgiltigkeit in Glaubenssachen herabsank, bei vielen noch dem Namen nach zur jüdischen Confession Gehörigen von der Apathie zur Antipathie dem Judenthume gegenüber gediehen ist und bei gar Manchem zum Abfalle geführt hat. Sehr ausfallender Weife haben diese Zustände nirgends derart lähmend, ja verheerend gewirkt als in Wien. Wie wenig jüdischer Gemeinsinn hier vorhanden ist, hat sich erschreckend gezeigt, als es galt, die russischen Flüchtlinge zu unterstützen, wo das Ergebniß der Sammlungen, von einigen wenigen großen Summen abgesehen, geradezu beschämend gering ansfiel im Vergleich zu den Beiträgen, welche das Ausland aufbrachte. Die Wiener Gemeinde besitzt noch heute kein Knabenwaisenhaus, während das kleinere Budapest 800 Waisen versorgt. Das Wiener sogenannte „Rothschild-Spital", welches aber nicht vom Hause Rothschild, sondern von der Gemeinde und durch diverse Stiftungen erhalten wird, faßt 90 Betten. Die Bndapester jüdischen Spitäler zählen deren 200. Diese Vergleiche geben wohl zu denken. Man würde aber sehr fehlgehen, wenn man diese traurigen Zustände allein ans das Kerbholz der politischen und socialen Verhältnisse schreiben wollte. Auch den Wiener Juden hat einst die Sonne der Freiheit geschienen, ihre Herzen aber sind dabei nicht anfgegangen. Eher werden wir die Lösung dieses Räthsels finden, wenn wir die jüdische Gemeinde von Einst und Jetzt vergleichen. Gewiß wird Niemand von uns das Ghetto unseligen Angedenkens als sein Ideal betrachten. Jeder aber wird zngeben müssen, daß dasselbe dem Glauben und der Entwicklung des jüdischen Gemeinsinnes im höchsten Maße förderlich war. Im jüdischen Geiste erzogen und mit umfassendem theologischen Wissen ausgestattet, blieben die Bewohner des Ghetto ihr Lebelang in allen Lagen aus einander angewiesen. Zur besseren Gesellschaft zählte nur Derjenige, der nicht blos die religiösen Gebote beobachtete, er mußte auch, wenn die Reihe au ihn kam, Persönlich Kranke pflegen, mit den Sterbenden die letzten Gebete verrichten, dem Todten die letzte Treue und Ehre erweisen. Innerhalb der engen Mauern des Ghetto bildeten wir dann in der That „ein Reich von Priestern, ein heilig Volk". Da war es denn kein Wunder, wenn man freudig für die Gemeinde, an der man mit allen Fasern hing, für die Religion, die ihren Bekennern Gelegenheit bol, Menschenliebe in edelster Form zu üben, sein Alles hingab. Eine Gemeinde von Priestern brauchte auch keine Hierarchie, keinen complicirten Gemeindeorganismus. Wußte doch jeder Jude seinen Posten anf's Beste zu vertheidigen. Nicht ganz so, aber doch ähnlich standen die Verhältnisse in Wien vor etwa 45 Jahren, zur Zeit als die früheren Statuten in's Leben traten. Die Cnltnsgemeinde zählte damals circa 18.000 Seelen, welche fast durchwegs im I. und II. Bezirke wohnten. Dieser im Vergleich zu heute kleinen, auf engem Raum beisammen lebenden Gemeinde genügten die 20 Vorsteher mit der Chewra-Kadischa und dem Bethansvorstande, um die in ihren gesellschaftlichen und Familienbeziehungen aus einander angelviesenen, in jüdischer Tradition und Denkweise erzogenen Glaubensgenossen zusammen zu halten. Es war kaum ein Gemeindemitglied, welches nicht wenigstens einen Bekannten im Vorstände hatte, an den es sich im Falle des Bedarfes wenden konnte. Die Cnltusvorstände tvieder kannten ihre Gemeinde bis in ihre unteren Schichten. Wie anders ist dies heute. Mindestens 100.000 der 130.000 bis 140.000 Israeliten unserer jetzigen Wiener Gemeinde kennen^ vom Judenthunie nichts als den Steuercassier; von den religiösen Geboten haben sie sich längst emancipirt, jüdisches Wissen nie in sich ausgenommen, das Walten des Gemeindevorstandes bleibt ihnen verborgen, Nächstenliebe wird nur mehr in Form von Geld oder Geldeswerth geübt. Wofür sollten die Hunderttausend sich begeistern? Aber auch Jenen, welche die religiösen Gebote noch mehr oder weniger befolgen, hat die Gemeinde nur sehr wenig geboten. Seit mehr als 30 Jahren wurde die Zahl der Gemeinderabbiner nicht vermehrt und kein einziges Gotteshaus gebaut. Es blieb nur der Weg der Selbsthilfe. Und was die große Gemeinde nicht vermocht, brachten die kleinen Tempelvereine, allerdings mit wohlwollender Unterstützung der Gemeinde, zustande. Wiewohl zumeist aus die Opferwilligkeit ihrer Mitglieder angewiesen, prosperiren die Tempelvereine, verfügen sie über durchaus würdige, zum Theile sogar ausgezeichnete Fnnctionäre und ehe dieses Jahrhundert zu Ende geht, werden in allen Theilen unserer Stadt von Tempelvereinen erbaute Gotteshäuser auf uns herabsehen, welche beredtes Zengniß dafür ablegen, daß jüdischer Opfersinn und Glanbenstrene auch in Wien noch schöne Blüthen treiben. Dieselbe Erfahrung machen wir mit vielen Wohlthätigkeitsanstalten. Während die jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten der Gesammtgemeinde, etwa das ganz besonders ausgezeichnet geleitete „Ferienheim" ausgenommen, nur kümmerlich fortvegetiren, prosperiren sännntliche Anstalten, welche ihr humanes Wirken auf einen Gemeindetheil oder eiueit Stand beschränken. Als Beispiel diene der „Frauenhort" im IX. Bezirke, welcher nach kaum vierjährigeni Bestände im abgelanfenen Jahre an 10.000 st. aufgebracht hat. Wir sehen daraus die Wichtigkeit der Einwirkung des Freundes auf seine Freunde, des Nachbars ans seine Umgebung, mit einem Worte die Tragweite der Detailarbeit in der Gemeinde. Die angeführten Thatsachen bieten uns einen Fingerzeig für die Richtung, nach welcher unsere Gemeindeorganisation auszugestalten wäre. Es genügt keineswegs, über eine Gemeinde von 130—140.000 Personen 24 Vorstände, d. i. einen __ aus 6000 zu setzen. Es wird vor Allem die Zahl der Borstänoe sehr w e s e ntlich v e r m e h r t werden müssen, und zwar dergestalt, daß sich im Vorstände, wie die Lichtstrahlen im Focus, alle Theile und Richtungen der Gemeinde zusammenfinden. Ein weiser Vorstand wird aber auch die aus dringenden Bedürfnissen hervorgegangenen Tempelvereine, die schon gegenwärtig die Gemeinde wesentlich entlasten, zu Bindegliedern zwischen Gemeinde und Borstande, zu localen Mittelpunkten gestalten, indem er den Bezirkstempeln, Sprengel», ähnlich den Pfarren, zumeist an die Spitze der Sprengel Bezirksausschüsse stellt und diesen die Leitung der gottesdienstlichen Angelegenheiten, die locale Armenpflege und die Steuerbemessnng übertrügt. Natürlich wären den Bezirksausschüssen Armenpfleger und Steuer-Vertrauensmänner beizugeben. Je größer die Zahl der zrr gemeinsamen Wirken berufenen Personen ist, desto kräftiger wird sich die Gemeinde entwickeln. Selbstverständlich müßten aber die Competenzen genau abgegrenzt und zwischen den Bezirksausschüssen und dem Vorstände ein inniger Cvntact hergestellt und gepflegt werden, damit der Blick jeder Gemeindemitglieder auf die Gesammtheit gerichtet bleibe. Am wenigsten darf es wie bisher den Anschein gewinnen, als ob die Gemeindevorstehung alle Rechte für sich in Anspruch nehmen würde, alle Pflichten aber ablehnte. Die Gemeinde selbst wird aber auch eine lange verabsäumte Ausgabe erfüllen, wenn sie Anstalten schafft, in welchen die breitesten Schichten des Volkes Gelegenheit finden, ihre religiösen und humanen Gefühle zu bethätigen durch Gründung von Vereinen zur Heranbildung nnd Beistellnng von Krankenpflegern, zur Tröstung und Unterstützung Hinterlassener etc. Erst wenn der Vorstand, aus allen Theilen der Gemeinde hervorgegangen, auch alten Theilen ein gleich fürsorglicher Vater, Erzieher und Anwalt ist, wird ein Geschlecht heranwachsen, welches, in alter Liebe an Volk und Glauben hängend, verstehen wird, für beides zu leben und zu sterben. G. Bettelheim. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Hindernisse, die noch immer der Wahrheit und Gerechtigkeit entgegen stehen. Der Papst, das Oberhaupt der gewaltigsten Kirche ans Erden, überdies verklärt durch ein nur selten zu erreichendes Greisenalter, hat eine Klage in die Welt hinausgerufen, welcher die ernsteste Beachtung aller Zeitgenossen nicht versagt bleiben sollte. „A u ch j e tz t stellen sich n o ch w i e i m m e r der Wahrheit und Gerechtigkeit Hindernisse entgegen".

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