Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 2 (8.1.1897)
- Date
- 1897-01-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 26 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 2 aber sind sie in Egypten, in allen seinen Theilen, vornehmlich jedoch in Alexandria."'-) Wenn aber alle Welt zur Theilnahme an dem vollkommen Guten herangezogen werden sollte, so mußte selbstverständlich dieses derselben leicht zugänglich und mundgerecht gemacht werden. Die heilige Schrift mußte demnach vor Allem ein griechisches Gewand bekommen, der große Ballast von Satzungen und religiösen Gebräuchen aber, um derentwillen die Juden, wie die Sibylle klagt, vielsach angeseindet wurden, aus die Seite geschoben werden, dafür jedoch der eigentliche Kern der jüdischen Religion: die Lehre von der Einheit Gottes, der Menschenliebe, der messianischen Zukunft, der Ethik, umrahmt von einigen unabweisbaren nationalen Formen wie Tempel — und Opfercultus und den bedeutungsvollen Institutionen der Sabbathe und Festtage in den Vordergrund treten. — Die spätere jüdische Sibylle, welche im ersten christlichen Jahrhundert ihren Sang ertönen läßt, geht in ihren Concessionen gegen das Heidenthum um ein rechtschaffenes Stück weiter. Sie läßt den letzten Rest des nationalen Cnltus, als der Ausbreitung der mosaischen Lehre wenig förderlich, fallen und setzt dafür die essenischen Reinigungen. Dieses geht unzweideutig aus dem vierten Sibyllenbuch hervor. Da unsere begeisterten Heidenbekehrer aber als das Grundübel, woran das Heidenthum krankte und welches jede Gesundung verhinderte, den G ö tz e n d i e n st erkannten, so bekämpften sie diesen mit allem Nachdruck. „Man könne", sagt Philo,''y „nur dann zur wahren Glückseligkeit gelangen, wenn man den erlogenen Fabeln, welche Ammen, Hofmeister und tausend andere Hauslente schon dem zartesten Kinde einprägen, den Rücken kehrt, da dieselben zu endlosen Verirrungen führen und den W e g z u m w a h r h a f t G u t e n versperre n. Und gibt es denn noch ein anderes höchstes Gilt außer Gott? Jene erbärmlichen und aberwitzigen Menschen aber zollen die dem einzigen Gott gebührende Verehrung ihren sogenannten Göttern..." Das Uebel mußte demnach bei der Wurzel gefaßt werden, und so begann man damit, daß man zunächst vernichtende Streiche gegen den jeden Zugang zum Bessern versperrenden Götzendienst führte. Diese wurden in der letzten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts, wo die jüdische Nation nach den glorreichen Makkabäersiegen einen mächtigen nach Außen hin imponirenden Aufschwung genommen, die jüdische Diaspora _ im Erstarken begriffen war, mit niederschmetternder Wucht geführt. Das lehren die aus jener Zeit auf uns gekommenen Quellen.") Wir wissen aber auch ganz genau Bescheid über die Art und Weise, wie die Heidenbekehrung betrieben, über die Methode, welche hiebei in Anwendung kam. Wir brauchen dieses nicht erst ^aus den aus jener Zeit noch erhaltenen propagandistischen Schriften zu schließen. Wir besitzen vielmehr ein ganz directes unanfechtbares Programm, welches uns nicht blos einen klaren Einblick in diese Mission der jüdischen Diaspora gewährt, sondern auch die Mittel und Wege enthüllt, durch welche sie in Erfüllung gebracht wurde. Lassen wir hierüber Philo selbst sprechen : „ . . . . Au die zu Bekehrenden wendet sich unser Gesetzgeber, weiht sie ein und belehrt sie in liebevoller Weife, sich der Wahrheit zu befleißen, Lug und Trug zu entflieheil, denn sie könnten nur daun zur wahren Glückseligkeit gelangen, wenn sie den erlogenen Fabeln .... den Rücken kehren .... Es sollen demnach Alle, welche, wenn auch spät zur Erkenntniß des einzigen Gottes, des Schöpfers und Vaters des Weltalls gelangt sind und den Entschluß gefaßt haben, lieber diesen als mehrere Götter anzubeten, so behandelt werden, als ob sie die w ä r m st e n Freunde, n ä ch st e n Verwandte n wären, denn nichts vermag mehr das gegensei t i g e W o h l w o l l e n zu f ö r d e r n, a l s der g e m e infame Glaube. Die Neubekehrteu aber sind nicht minder zu beglückwünschen, als wenn sie aus einer Blindheit die Sehkraft erhalten hätten, als ob sie aus tiefster Nacht ans herrlichste Licht gebracht worden wären. So wirksam ist das Werk der Bekehrung. Diese verlangt aber nicht blos eine vollständige Umgestaltung der bislang betreffs der Gottheit gehegten irrigen Vorstellungen, welche zur Verehrung des Geschaffenen anstatt des Schöpfers Philo, de vita eontemplativa Jl, 474. l3j De kumauiute II, 405. Ganz fo Pseudosalomo XIV, 27. Orac Sib. II, 20—35; III, 30, 547 f., 586 ff., 605 t. — Psculosa! XIII. XIV :i::ö A. St. führten, sondern eine gründliche Besserung der ganzen Lebensweise und aller Bestrebungen: es soll nämlich der Bekehrte die zügellosen Sitten seines Volkes aufgeben, wenn er in dieses wohlgeordnete, mit den vorzüglichsten Gesetzen ausgestattete Gemeinwesen ausgenommen werden will, d. h. er soll von der Unwissenheit zur Kenntniß wissenswerther Dinge, von der Unbesonnenheit zur Besonnenheit, von der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit, von der Feigheit zur Tapferkeit vorschreiten. — Wahrlich schön und von großer Bedeutung wird ein solcher Uebergang von der Schlechtigkeit und Bosheit zur Tugend sein! Der Frömmigkeit aber folgen alle anderen Tugenden, sowie der Schatten dem der Sonne aus gesetzten Körper. — Es ist ferner wahrzunehmen, daß Alle, welche zu unserem Glauben übertreten, nüchtern, enthaltsam, bescheiden, sanft, edel, human, ernst, gerecht, hochherzig, wahrheitsliebend, Verächter der Lüste und des Geldes werden; während man hinwiederum sehen kann, daß Jene, welche von unserem heiligen Glauben abfallen, unmäßig, unbesonnen, ungerecht, leichtsinnig, kleinmüthig, reizbar, lügenhaft, meineidig, der Leckerhaftigkeit, dem Trünke und der Schwelgerei ergeben werden und blindlings auf den Ruin des Leibes und der Seele hinarbeiten. — Wie schön sind doch die Ermahnungen unseres Gesetzgebers: daß wir lernen mögen, Ordnung in unser Leben zu bringen. Es sei dieses, meint er, für uns nicht unerreichar, nicht erst aus der Ferne her zu holen, weder voul Himmel herab, noch vom Jenseits des Oceans — sondern es liege ganz nahe, nänllich in unserem Munde, in unserem Herzen, in unseren Händen. Mit anderen Worten: In unseren Reden, Entschlüssen und Handlungen . . . ." u) Hieraus ergibt sich Dreierlei: einmal, daß man mit unerschöpflicher Liebe die Mission der Heidenbekehrnng auf dem großen Weltmärkte betrieben und die zu Bekehrenden wie die nächsten Verwandten behandelt hatte. Ferner, daß eine starke Strömung vom Heidenthnm zum Judenthum noch im ersten christlichen Jahrhundert vorhanden war. Und endlich, daß man den Heiden den liebertritt sehr leicht gemacht, ihnen keinerlei „Bürde des Gesetzes" aufgeladen, sondern die jüdische Lehre als ein Gut angeboten hatte, welches, ganz naheliegend, leicht zu erringen sei. Dabei brauchten unsere jüdischen Heidenbekehrer nichts von ihrer Religion preiszugeben, da sie über dieselbe genau so dachten, wie sie von ihnen den Heiden gepredigt wurde: „Damit nämlich, daß der weitaus größte T h e i l der jüdischen Nation nunmehr in Ländern lebte, die unter der geistigen Herrschaft Griechenlands standen, gewöhnlich auch von Griechen beherrscht wurden, hatte die Stunde geschlagen, da der Jude sich auf fast gewaltsame Weife genöthigt sah, aus dem bisher so eng begrenzten, so streng abgeschlossenen Kreise seiner nationalen Vorstellungen herauszugehen, in einer weiteren Sphäre einheimisch zu werden und eine freiere geistige Selbstständigkeit zu erringen". "') (Ein zweiter Artikel folgt.) Zur Organisation der Wiener Cultusgemeinde. Die neue Verfassung unserer Cultusgemeinde ist in Rechtskraft getreten, der Vorstand gewählt und constituirt und nichts steht mehr der Entfaltung einer segensreichen Thätigkeit im Wege. Und wahrlich der verjüngte Vorstand wird die ganze Summe voll Talenten, von Energie, von Liebe zum Judenthum, lvelche sich in ihm vereinigen, aufbieten müssen, soll mit der Zeit auch nur ein Theil der an seine Wirksamkeit geknüpften Ansprüche und Erwartungen sich verwirklichen. Den Glauben, daß es dem Vorstände unserer Gemeinde gelingen könnte, der sich von Tag zu Tag ausbreitenden und vertiefenden Verhetzung Einhalt zu thun und zu unserem irr den Staub getretenen guten Rechte zu verhelfen, ja uns nur in den Augen der verblendeten Menge zu rehabilitiren, haben die meisten von lins auf bessere Zeiten vertagt. Was wir aber auch vom jetzigen Vorstande verlangen müssen, ist, daß er den Boden einer besseren Zukunft vorbereite, daß er an Stelle der rissigen Mauern neue widerstandsfähige Bollwerke um das Judenthum errichte, daß er es verstehe, alle Kräfte im weitesten Sinne des Wortes zur Bertheidigung unserer heiligen, guten Sache heranzuziehen, daß er die Zeit verstehe und iir sich aufnehme, daß er als Vorbedingung zu alledem die "j De humauitate II, 405 f. ie) Holzmann, Judenlhnm und Christenthum S. 38.