Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 2 (8.1.1897)
- Date
- 1897-01-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021171--06334-3030611- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2 Vr. Vloch's WortzrntchrM- Sette 25 Palästinas völlig unbekannt blieben — sie kennt nur eine Losung, nur eine einzige Lebensaufgabe: Bekehrung der Heiden. Ein unversiegbares Feuer lodert ihr im Herzen, das sie treibt, ob sie will oder nicht, die hohe sittliche Lehre Mosis und der Propheten in die entartete heidnische Welt hineinzutragen. Denn die Ueberzeugung, „daß das jüdische Volk nunmehr wieder erstarken und allen Sterblichen als Führer des Lebens dienen w e r d e" ’2), ist in ihr eine unerschütterliche. Das Wort des Propheten: „ich habe dich zum Lichte der Heiden eingesetzt"•’) war den ins thätige Leben eingreifenden Juden der Diaspora zum vollen Bewußtsein erwacht, und da sie einmal die geistige Führerschaft übernommen, so ruhten und rasteten sie nicht, und verkündeten, wie von einer höheren Macht getrieben, unaufhörlich das Gotteswort. Leicht ward diesem „Volke Gottes" die Arbeit allerdings nicht gemacht, obgleich „jedes Land und jedes Meer von ihm erfüllt"; denn: „Jeder grollt ihm wegen seiner Sitten und Gebräuche" 4). Allein es überwindet alle Widerwärtigkeiten, geht unentwegt mitten durch das gegnerische Wüthen und Toben auf das heilige Ziel los, überzeugt, daß Moses und die Propheten den endlichen Sieg erringen, „daß alle Inseln und Städte erkennen werden, wie sehr der unsterbliche Gott Israel liebe, und daß dann allenthalben der begeisterte Ruf erschallen werde: Auf, und lasset uns Alle aus den Knieen den unsterblichen König, Gott, den Großen und Höchsten anflehen, denn er allein ist der Herrscher — lasset uns Alle des höchsten Gottes Gesetz erwägen, denn es ist das gerechteste von allen auf Erden"!r>). Sieht man näher zu, so findet man diese propagandistische Thätigkeit der jüdischen Diaspora sehr früh und geht nicht fehl, wenn man ihren Anfang in der Zeit sucht, wo die Juden in der Zerstreuung sich eben erst einzuleben anfangen und einen Einblick in die trostlosen sittlichen Verhältnisse der griechischen Welt gewinnen. Noch mehr: wir wagen nicht zu viel, wenn wir behaupten, daß selbst das älteste Denkmal alexandrinisch-jüdischer Geistesarbeit, die vielverherrlichte Septuaginta, hauptsächlich diesem Bekehrungseiser der griechischen Juden ihr Entstehen verdankt. Dieses verräth uns Philo selbst, dessen Urtheil in diesen Dingen gewiß maßgebend ist, wenn er berichtet: „Einige hielten es für unwürdig, daß die Gesetze nur einem Theile des Menschengeschlechtes bekannt seien, und noch dazu einem nichthellenischen, daß aber die Griechen von ihnen nichts wissen sollten, w e s h a l b s i e s i ch u m e i n e U e b e r s e tz u n g derselben bemühte n"°). Kaum aber, daß die Juden in der Diaspora Boden zu fassen und einigen geistigen Einfluß auf die Heiden auszuüben begannen, als sich ihnen schon gefährliche, mit vergifteten Waffen kämpfende Angreifer, zunächst aus der Zunft der Gläubigen sein wird" (Or. Sibyll. VIII, 244 f.). „Ihn (den Erlöser) hat Moses bezeichnet, als er im Kriege gegen Amalek d i e heiligen Arme ausstreckte" (das. 250 f.). Ganz so wie Philo, nur im christlichen Sinne, deutet die christliche Sibylle die Worte, Gnes. I, 26, indem sie singt: „Denn ihn (Jesum) nahm Gott zuerst als Rathgeber bei der Schöpfung und sprach: Kind, lasse uns beide nach dem eigenen Bilde die Stämme der Menschen machen . . ." (das. 259 f). Und auf einer anderen Stelle wird Gott folgendermaßen apostrophirt: „Der Du Deinem Sohne noch vor der Schöpfung ein vertrauter Rathgeber warst, der die Menschen gemacht... ... den Du zuerst anredetest mit den lieblichen Worten: Lasset uns einen eigenen Menschen machen, ganz ähnlich unserer Gestalt und ihm einen lebenerhaltenden Odem geben .... dieses sprachst Du zu dem Wort (Logos) und Alles ward nach Deinem Willen" (das. 440, ff.). Solche und ähnliche Schriftauslegungen, oder gar der Philosophische, complicirte Begriff vom Logos, wie wir sie bei der christlichen Sibylle finden, welche für angefochtene christlichen Dogmen die unantastbare Wurzel im Alten Testament sucht, finden sich in der jüdischen Sibylle nirgends. Hier wird nur die Quinteffenz des Alten Testaments: die Ethik, und nur diese gelehrt. Mit gelehrten Dingen, philosophischen Subtilitäten gibt sie sich nicht ab. Sie ist eben eine Stimme der mittleren gebildeten Bolksschichte. 2) Qrac. Sibyll. III, 194 f. 3) Jesaia 49, 6 Diese Stelle wurde nach Justin Dial. C. 122, 123 damals auf die zer st reuten Israeliten und Proselyten bezogen. In gleicher Weise deutet der Mischnalehrer R. Elesar (Pessach 87 b) die Worte des Propheten Hosea 2: „und ich pflanzte sie im Lande", dahin: Gott habe Israel nur zu dem Zwecke nnter die Böller zerstreut, um die Heiden in großen Mafien zu bekehren. Gelehrten, entgegenwarfen. So traten gegen sie aus die heidnischen Schriftsteller Apolonius Molon aus Rhvdus (90 v. Chr.) Posidonius aus Agamea (70 vor Chr.) der Alexandriner Chäremon (50 vor Chr.) Lysimachus (30 v. Chr.) und endlich der Grammatiker Apion, ein Zeitgenosse Philo's. Schon die so frühen und erbitterten Angriffe allein zeigen, wie früh das Judenthum der Diaspora zur großen Geltung gelangt war. Es hatte gewirkt durch sein Beispiel, durch seine Lehre. Am mächtigsten war das Judenthum in Egypten. Hier begannen auch die feindlichen und gehässigen 'Angriffe auf dasselbe: „Mit den Schmähungen gegen uns", sagt Jvsephus,') „begannen die Egypter, ... als sie sahen, daß mir von Vielen als Muster betrachtet werden, empfanden sie Neid". Und aus einer anderen Stelle: „Auch wenn wir selbst die Vorzüglichkeit unserer Gesetze nicht einsehen würden, so müßten wir durch d ie Menge der sie Nachahmenden gezwungen werden, aus sie stolz zu sein" s). Genau in demselben Sinne äußert sich hierüber Philo:■') „Daß die Heiligkeit unserer Gesetze", sagt er, „nicht nur von den Juden, sondern auch von allen andern Völkern bewundert wird, geht aus dem bereits Gesagten, wie aus dem Folgenden hervor: Ursprünglich waren die Gesetze in chaldäischer Sprache geschrieben und blieben in derselben eine geraume Zeit, derweil ihre Schönheit den anderen Menschen noch unbekannt blieb. Als aber durch die tägliche u n u n t e r b r o ch e n e Ausüb u n g und B e t h ä t i g un g v o n S e i t e ihrer Bekenner auch die Andern sie beachten lernten, da v e rbreitete sich ihr Ruhm über die ganze Erde. Denn wenn auch das Schöne für kurze Zeit durch N e i d verdunkelt wird, so tritt es doch zur rechten Zeit wieder glänzend hervor. ..." Sie hatten also gegen Neid, Mißgunst und schwer zu überwindenden Unwillen hart zu kämpfen, diese jüdischen Heidenbekehrer, und es ist wahrlich kein Wunder, wenn sie oft zu Tode ermattet hinsinken und sich von dieser bis zur Unerträglichkeit sie bedrückenden Mission loszuringen streben. Aber der Gott in ihrem Busen gestattet kein Ansruhen, er befiehlt mit Donnerstimme und treibt wie „m i t G e i ß e l h i e b e n" die Gequälten mächtig an, sich aufzuraffen, zu predigen und zu lehren, zu warnen und zu erheben. Sehr lebendig und ergreifend schildert die jüdische Sibylle zu wiederholten Malen diese gewaltigen inneren Kämpfe. Sie hebt ihren Spruch an mit folgenden Worten: „Hochdonuernder Himmlischer, der Du auf Cherubim thronst, ich flehe Dich an, lasse mich, die ich die ganze Wahrheit verkündete, ein wenig ausruhen, denn ich bin im Herzen ermüdet. — — Doch was zittert mir wieder das Herz, und was drängt mich das Gemüth, mit Geißelhieben peitschend, aus dem Innern Allen einen Gesang zu verkünden? So will ich denn abermals Alles sagen, was Gott mir befiehlt, den Menschen zu verkünden."'") Und sie verkündet und droht und verbreitet die göttliche Sittenlehre, geißelt die menschliche Verworfenheit, schildert das bevorstehende göttliche Gericht, die messianische Zukunft, spricht von der erhabenen Mission des immer mehr erstarkenden Judenthums, bis sie vor Ermattung nicht weiter kann. Und abermals gewährt sie uns einen ergreifenden Einblick in das Ringen ihrer Seele: ' „Als aber", so klagt sie, „mein Gemüth vom göttlichen Sange abließ und ich den großen Schöpfer anslehte, den Zwang von mir zu nehmen, da erhob sich neuerdings das Wort des großen Gottes in der Brust mir, gebietend, zu prophezeien über die ganze Erde und den Königen die Zukunft an's Herz zu legen. . . ."”) So sehen wir die Juden der Diaspora, einmal in die griechische Culturwelt eingelebt, anch schon ihren, allerdings von den Anschauungen ihrer neuen Heimat stark beeinflußten Mosaismus, der ihnen selbst den Gipfel der Vollkommenheit und Seligkeit bedeutete, mit unvergleichlichem Feuereifer in der heidnischen Welt propagiren: „An allen Orten trifft man sie an, denn auch Griechenland und die übrigen Lander sollten theilnehmen an der höchsten Vollkommenheit. Besonders zahlreich i) Contra Apionem I, 25. 8) Contra Apionem II, 39. 9) Vita Mos. II, 138 ff. * ") Orac. Sib. III, 1—7. n) Orac. Sib. III, 295 ff. *) Orac. Sibyll. III, 271 f. 5) Orac. Sibyll. III, 710—726. «) Vita Mos. II, 136.