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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-01 · 1 (1.1.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
1 (1.1.1897)
Date
1897-01-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 1 Vr. Bloch's Wochenschrift. Seite IS Aber der wirkliche Held des Tages war Jankele, der wohl! hauptsächlich im reflectirteu Lichte, aber noch heller als der; Spanier leuchtete. Denn an ihm haftete der doppelte Glanz des Bräutigams und des Fremden. Er war die Ursache und der Mittelpunkt der Sensation. Seine Augen blinzelten während der ganzen Zeit unaufhörlich. Am nächsten Tage machte sich Manasse auf den Weg, um die hundert Pfund einzusammeln. Da es Sonntag war, erwartete er, die meisten seiner Kunden zu Hause zu treffen. Er wählte zuerst Grobstock, da dieser am nächsten wohnte. Aber der würdige Speculant und Director der ostindischen Compagnie erspähte ihn aus einem oberen Fenster und entschlüpfte durch die Hiilterthür — eine weise Maßregel, nachdem der ungläubige Manasse das ganze Hans durchstöberte. Der König tröstete sich, indem er seinen nächsten Besuch einer Persönlichkeit abstattete, die ihm nicht recht gut enschlüpsen konnte, nämlich niemanden! Anderen, als dem kranken Vorsitzenden des Mach a in a d. Dieser lebte in einsamer Pracht in Devonshire-Square. Manasse belagerte ihn in seinem Bibliothekszimmer, wo der Recouvalescent eben seine Kupferstichsammlung ordnete. Der Besucher hatte sich als ein Herr melden lassen, der in „Angelegenheiten der Synagoge" komme und der Vorsitzende des Machamad, der viel Gemeinsinn besaß, ließ sich nicht verleugnen. Als er jedoch Manasse erblickte, verzerrten sich seine aufgeblasenen Züge, er athmete mühsam und drückte die Hand auf seine Hüfte. „Ihr!" keuchte er. „Nehmt Euch in Acht, mein lieber Herr, nehmt Euch in Acht", sagte Manasse, während er sich niedersetzte. „Ihr seid noch immer schwach. Ich will gleich zur Sache kommen, denn ich möchte nicht einen Mann stören, der der Gemeinde unentbehrlich ist, der bereits wegen seiner Behandlung der Armen die Hand des Allmächtigen gespürt hat —" Er sah, daß seine Worte die gewünschte Wirkung thaten; denn diese reichen Säulen der Synagoge waren in der Noth äußerst abergläubisch. „Ich will zur Sache kommen", fuhr er in sanftem Tone fort. „Es ist raeine Pflicht, Euch mitzutheilen — denn ich bin der Einzige, der es weiß —, daß unsere Synagoge während Eurer Abwesenheit eine dubiose Schuldforderung hat." „Eine dubiose Schuldforderung"! In den Augen des Vorsitzenden begann es zornig zu funkeln. Von altersher bestand der Gebrauch, den Mitgliedern der Gemeinde Darlehen aus den Fonds zu geben, und der Vorsitzende hatte sich immer dagegen gewährt. „Es wäre nicht geschehen, wenn ich zugegen gewesen wäre", rief er. „Gewiß nicht!" gab Manasse zu. „Ihr würdet der Sache gleich am Anfänge ein Ende gemacht haben. Der Vorsteher der Aeltesten versuchte es auch, aber es gelang ihm nicht." „Der Schöps"! rief der Vorsitzende. „Ein Mensch ohne jede Willenskraft! Wie hoch beläuft sich die Schuldforderung?" „Hundert Pfund"! „Hundert Pfund"? wiederholte der Vorsitzende, durch diesen Fleck auf seinen! Amtsjahre ernstlich beunruhigt. „Und wer ist der Schuldner?" „Ich-" „Ihr? Ihr habt Euch hundert Pfund ausgeliehen? — Ihr Lump!" „Still, Herr! Wie könnt Ihr Euch unterstehen? Ich würde dieses Zimmer sofort verlassen, wenn ich nicht bleiben müßte, bis ich Eure Entschuldigung entgegengenommen habe. Noch nie in meinem Leben habe ich mir hundert Pfund ausgeborgt, nie sogar einen Heller. Ich bin kein Borger. Wenn Ihr ein Ehrenmann seid, werdet Ihr um Entschuldigung bitten." „Es thut mir leid, wenn ich Euch mißverstanden habe", murmelte der arme Vorsitzende. „Wie kommt es also, daß Ihr das Geld schuldig seid?" „Wie so?" wiederholte Manasse ungeduldig. „Versteht Ihr noch immer nicht, daß ich es der Synagoge gespendet habe?" Der Vorsitzende starrte ihn mit offenem Munde an. „Ich spendete es gestern zur Feier der Hochzeit meiner Tochter." Der Vorsitzende stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Die Sache amüsirte ihn sogar ein wenig. „Ohf Ist das Alles? Nun, es steht Eurer verwünschten Unverschämtheit ähnlich; aber die Synagoge verliert ja nichts dabei. Es macht also nichts." „Was sagt Ihr da"? fragte Manasse streng. „Wollt Ihr damit sagen, daß ich das Geld nicht zahlen soll"? „Wie könnt Ihr denn?" „Wie ich es kann? Ich komme zu Euch und Euers Gleichen, damit Ihr für mich zahlt." „Unsinn! Unsinn"! rief der Vorsitzende, dem abermals die Geduld auszugehen begann. „Wir wollen die Sache gut sein lassen. Schaden haben wir ja nicht davon." „So also spricht der Vorsitzende des M a ch a m a d", monologisirte der Schnorrer in bitterem Erstaunen. „So spricht das Haupt unseres alten, frommen Rathes! Was, Herr, Ihr seid der Meinung, daß Worte, die feierlich in der Synagoge gesprochen wurden, von keiner Bedeutung sind? Wollt Ihr, daß ich mein feierliches Gelübde breche? Wollt Ihr die Satzungen der Synagoge in Mißcredit bringen? Wollt Ihr — einer, den der Arm Gottes bereits ein Mal getroffen hat — abermals seine Züchtigung auf Euch Herabrusen?" Der Vorsitzende war ganz blaß geworden; der Kopf wirbelte ihm. „Nein", fuhr der König unerbitterlich fort, „bittet den Himmel um Vergebung und berichtigt meine Schuld zum Zeichen Eurer Reue, wie es geschrieben steht: Und Reue und Gebet und Wohlthätigkeit wenden den bösen Rathschluß ab." „Keinen Pfennig!" schrie der Vorsitzende mit einem letzten Schimmer von Vernunft und schritt wüthend auf den Klingelzug zu. Mit einem Male blieb er stehen, denn er erinnerte sich plötzlich an eine ähnliche Scene in der Rathsstube. „Ihr braucht Euch nicht die Mühe geben, nochmals uni einen Schlaganfall zu klingen", sagte Manasse grimmig. „Die Synagoge soll also entweiht werden, und selbst der Segensspruch, den ich in meiner Redlichkeit und Versöhnlichkeit für den Vorsitzenden des M a ch a m a d sagen ließ, soll null und nichtig sein. — Ein Hohn im Angesichte des Allerheiligsten — gelobt sei sein Name!" Der Vorsitzende taumelte auf seinen Lehnstuhl nieder. „Wie viel habt Ihr für mich gelobt?" „Fünf Pfund." Der Vorsitzende zog hastig eine Brieftasche hervor, und entnahm ihr eine funkelnagelneue Note der Bank von England. „Gebt das dem Kanzler", hauchte er erschöpft. „Ich bin bestraft", rief Manasse klagend, indem er die Banknote in den Busen steckte. „Ich hätte zehn Pfund für Euch geloben sollen" — und er zog sich mit einer Verbeugung zurück. In gleicher Weise sammelte er an diesem Tage Beträge von anderen sephardischen Berühmtheiten, indem er ihnen auseinandersetzte, daß sie die Pflicht hätten, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, nachdem ein fremder Jude — nämlich Jankele — zu ihrer Gemeinde zugelassen worden sei. Was für eine böse Wirkung würde es nicht haben, wenn Jankele sehen würde, daß ein Sephardi straflos ausginge, wenn er fein Gelübde nicht einhalte. Der erste Eindruck sei immer der maßgebende; man könne sich nie genug in Acht nehmen. Es würde nicht gutthun, wenn Jankele unter seiner Sippe schändliche Gerüchte über die Gemeinde verbreiten würde. Jene, die ihm wegen seiner Verschwendung Vorwürfe machten, erinnerte er, daß er nur eine einzige Tochter habe, und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den günstigen Einfluß, den sein Beispiel auf die Einnahmen des Sabbaths gemacht habe. Keiner von Denen, die nach ihm zur Thora aufgerufen wurden, hatte es gewagt, eine halbe Krone zu spenden. Für diesen Tag wenigstens hatte er den Tarif in Gold festgesetzt, und, wer weiß, welchen edlen Wetteifer er für die Zukunft entzündet hatte. Jeder, der Manasses Beredtsamkeit nachgab, war eine Staffel zu den Nächsten, denn Manasse verfertigte eine Liste der Spender und zeigte sie vorwurfsvoll Jenen, die noch zu geben hatten. Uebrigens fand er in manchen Häusern den hartnäckigsten Widerstand. Ein gewisser Rodriguez, der ein Haus in Finsbury- Circus bewohnte, war ausgesprochen grob. „Wemr ich in einer Kutsche vorgefahren käme, würdet Ihr recht schnell Eure zehn Pfund für die Synagoge aus der Tasche ziehen", höhnte Manasse, dessen Blut schon kochte. „Gewiß würde ich das", gab Rodriguez lachend zu, und Manasse schüttelte mit Verachtung den Staub dieser Schwelle von feinen Füßen.

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