Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 Dr. Vlmtz's Wochenschrift. Nr. 1 Der Borbeter begann seine wunderliche Formel: „Möge der, der unsere Väter segnete —" indem er an der Stelle innehielt, wo sich im Hebräischen ein leerer Raum für den Betrag befindet. Er spann die Eingangsworte: „Der gelobt —" aus und der letzte Ton tönte wie das Schwingen einer Stimmgabel weiter. Es war eine sensationelle Pause; sie fand statt, weil er den Betrag vergessen hatte oder in der elften Stunde Verstärkung forderte. Es geschah oft, daß die Geizigen, unter dem Drucke bevorstehender Veröffentlichung erschreckend, ihre Beträge leichtsinnig erhöhten. „Der gelobt —" die Gemeinde hing an seinen Lippen. Mit seiner gewöhnlichen, ftagenden Geberde neigte er sein Ohr an Manaffes Mund; sein Gesicht hatte einen ungewöhnlichen Ausdruck der Verblüffung und die der Plattform zunächst Stehenden bemerkten, daß zwischen dem Schnorrer und dem Vorbeter ein kleines Zwiegespräch stattfand. Der Letztere war verwirrt und aufgeregt, der Erstere gemessen wie immer. Die Verzögerung hatte den Borbeter ebenso aus der Fassung gebracht, wie sie die Neugierde der Gemeinde gereizt hatte. Er wiederholte: „Der gelobt — cmco livras —" fuhr er flüssig, ohne weitere Pause fort — „für die Armen — für das Leben Jankows hen Jitzchok, seines Schwiegersohnes rc. :c.". Aber Wenige der Andächtigen hatten mehr gehört als „einco livras" (fünf Pfund.) Ein Schauer lief durch das Gebäude, die Leute spitzten ungläubig die Ohren und flüsterten miteinander. Einer verließ entschlossen seinen Platz und schritt auf die Loge zu, in der der Vorsteher der Aeltesten saß. In Abwesenheit des Vorsitzenden des M a ch a m a d führte er den Vorsitz. „Ich habe nicht recht gehört; wie viel war es?" fragte er. „Fünf Pfund", antwortete der Vorsteher der Aeltesten kurz. Er argwöhnte, daß sich hinter der Spende des Bettlers eine unehrerbietige Ironie verbarg. Der Segensspruch nahm ein Ende, und che die Zuhörer Zett hatten, die Thatsache einzusehen, hatte der Vorbeter einen neuen begonnen. „Möge der, der unsere Väter segnete —" hob er in den seltsamen, traditionellen Singsaugton an. Die Wogen der Neugierde stiegen wieder, noch höher als zuvor. „Der gelobt —" Die Wogen hietten einen Augenblick bewegungslos inne. „Cinco livras!“ „Die Wogen brachen sich mit leisem Gemurmel, während der Borbeter unerschüttert fortfuhr: „für Oel, für das Leben seiner Tochter Deborah rc. rc." Als er zu Ende war, herrschte eine tiefe Stille. Sollte ein da capo kommen? „Möge er, der unsere Väter segnete —" Abermals schwollen die Wogen der Neugierde und stiegen und fielen mit der Ebbe und Fluth der finanziellen Segenssprüche. „Der gelobt — eineo livras — für Wachskerzen." „Diesmal schwoll das Beben, das Flüstern, die Unruhe zu einem entschiedenen Summen an. Die Blicke der ganzen Gemeinde waren auf den Bettler gerichtet, der in dem Glanze des Ruhmes unbeweglich dastand. Selbst die in ihrem Chorstuhle zusanuuengepferchten Waisenknaben ließen in ihrer Unaufmerksamkeit eine Pause eintteten und reckten den Hals nach der Plattform. Selbst die reichsten Magnaten pflegten nicht „Frömmigkeit" zu fünf Pfund den Point zu spielen. In der Damengalerie herrschte größte Aufregung. Die Insassen derselben blickten eifrig durch das Gitter. Eine üppige, reichgekleidete, mit Juwelen überladene Dame von vierzig Lenzen hatte sich erhoben und guckte, auf den Zehenspitzen stehend, wie rasend über das Geländer, wobei ihre Feder wie ein Nothsignal flatterte. Es war Manasie's Gatttn. Diese Verschwendung machte sie rasend; jede Spende traf sie wie ein vergifteter Pfeil und vergeblich bemühte sie sich, dem Auge ihres Gatten zu begegnen. Die Lust schien von Kleidern, Hüten und Reiftöcken erfüllt zu sein, die vor chrer Nase in Rauch aufgingen, ohne daß sie im Staude war, zu chrer Rettung Hand oder Fuß zu rühren. Ganze Garderoben gingen bei jedem Segensspruche zu Grunde. Nur mit äußerster Anstrengung hiett sie sich davor zurück, chrem verschwenderischen Gebieter von oben herab zuzuschreien. Vergebens bemühte sich die neben ihr sitzende schöne Deborah, sie durch die Versicherung zu beruhigen, daß Manasse gewiß nicht die Absicht habe, je zu zahlen. „Der gelobt —Der Segensspruch hatte zum vierten Male angefangen. „6ineo livras für das heilige Land." — Die Sensation wurde immer größer. — „Für das Leben dieser heiligen Gemeinde rc." Der Borbeter murmelte unerschütterlich, endlos weiter. Der vierte Segensspruch näherte sich seinem Ende, als man den Tempeldiener auf die Plattform steigen und dem Vorbeter etwas in's Ohr flüstern sah. Nur Manasse stand nahe genug, um die Botschaft zu hören. „Der Vorsteher läßt Euch sagen, daß Ihr aufhören sollt. Das ist der reine Hohn, der Mann ist ein Schnorrer und unverschämter Bettler. Der Tempeldiener stieg die Stufen wieder hinab, und nach einer kurzen, unhörbaren Besprechung mit Da Costa erhob der Vorbeter von Neuem seine Stimme. Der Vorsteher der Aeltesten runzelte die Stirne und zerrte zornig an seinem Gebetshawl. Also ein fünfter Segensspruch! Des Vorbeters Singsang nahm seinen Fortgang. „Der gelobt — eiueo Livras für die Gefangenen, für das Leben des Vorstehers der Aeltesten — Bei dieser zarten Rache biß sich der Vorsteher wüthend auf die Lippen, und die Ahnung, daß die Gemeinde seine Botschaft als eine Aufforderung zu dieser höflichen Aufmerksamkeit auffassen würde, brachte ihn fast zur Raserei. Denn es gehörte zu den Annehmlichkeiten der Synagoge, daß reiche Leute sich gegenseitig mit diesen Segenssprüchen beschenkten. So floß der endlose Strom der Segenssprüche weiter und versetzte die Zuhörer in fieberhafte Aufregung. Selbst die Waisenknaben vergaßen, daß durch diese Verlängerung des Gottesdienstes ihr Frühstück ins Unendliche hinausgeschoben wurde. Die Namen jedes Vorstehers, Würdenträgers und Beamten, angefangen vom Vorsitzenden des Machamad bis zum Badewärter wurden in einem besonderen Segensspruche geehrt und die Gaben der meisten wöchentlichen Gönner Manasie's bei dieser einzig dastehenden, festlichen Gelegenheit beinahe in natura zurückerstattet. Die meisten Gemeindemitglieder rechneten mit, die Totalsumme stieg immer höher und höher. Plötzlich entstand auf der Damengalerie Verwirrung, Geschrei und Lärm. Der Tempeldiener eilte hinauf, um mit seiner Autorität Ordnung zu schaffen. Es lief das Gerücht, daß Frau Da Costa ohnmächttg geworden und hinausgettagen worden sei. Das Gerücht drang auch bis zu Manasse, aber er rührte sich nicht. Unerschütterlich blieb er, segnend und spendend, auf seinem Posten stehen. „Der gelobt — eines livras — für das Leben seiner Frau' Sarah —Ein schwaches, sardonisches Lächeln zuckte über das Gesicht des Bettlers. Die Andächttgen fragten sich, was daraus werden würde. Manasie's Wohlthaten näherten sich in beängsttgender Weise dem höchsten Bettage, der bisher von irgend Jemandem und bei irgend einer Gelegenheit erreicht worden war. Alle zerbrachen sich mit Vermuthungen den Kopf. Der vor ohnmächtiger Wuth schäumende Vorsteher der Aeltesten stand mit seiner Ahnung, daß hier ein gotteslästerlicher Spott gettieben wurde, nicht allein, aber die Meisten bildeten sich ein, daß der Schnorrer zu Vermögen gekommen, oder immer ein wohlhabender Mann gewesen sei, der jetzt dieses Mittel ergreife, um der Synagoge die Capitalien zurückzuerstatten, die er von ihr erhalten hatte. Der Springbrunnen der Wohlthätigkeit sprang weiter. Die Reccordziffer wurde erreicht und weit hinter sich zurückgelasfen. Als endlich der arme, durch die so häufige Wiederholung derselben Formel halbtodte Vorbeter - alle Spenden hätten gleich beim ersten Male abgethan werden können, aber Manasse hatte jeden Segenssprnch verlangt, als komme ihm ein neuer Gedanke — den Leviten aufrufen durfte, der auf Manasse folgte, war die Synagoge um hundert Pfund reicher geworden. Der letzte Segensspruch hatte den Namen des ärmsten anwesenden Schnorrers enthalten — eine Anerkennung und Verherrlichung des eigenen Standes Manaffes, die auf dieses sensationelle Denkmal der königlichen Heirat den Schlußstein legte. In der That, es war eine königliche Munificenz, eine erhabene Huld. Noch nicht genug — ehe der Gottesdienst zu Ende war, bat Manasse sogar den Vorsteher der Aeltesten, ein besonderes Bittgebet für einen Kranken sagen zu lassen. Der Vorsteher, der gemeiner Weise diese Gelegenheit ergriff, um Repressalien zu üben, schlug die Bitte ab, bis er erfuhr, daß Manasse den ttanken Vorsitzenden des Machamads meinte und nun schmählich nachgeben mußte.