Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021170--06317-3030593- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1 Seite 9 Dr. Vloch's Wochenschrift bereits Alles abgestumpft hat, an§- der Liebkosung Schneider's ebensoviel machen, als wenn ihm ein ekler Wurm über den Stiefel kriecht. Der Abgeordnete Schneider ist übrigens nicht so unintelligent, zu glauben, daß seine Worte bei irgend Jemanden Effect machen; der Mann ist eigentlich zu bemitleiden, er steht zweifellos im Solde und muß von Zeit zu Zeit etwas leisten, sonst wird er sicherlich entlassen und durch eine brauchbarere Kraft ersetzt. Das Schimpfen über Juden wird sicher auch dem Schimpfer zuwider; aber was soll man thun? Wie sagt doch Kalchas in der bekannten Operette: Nichts als Blumen, ein Greißler auf einem einträglichen Posten wäre mir bedeutend lieber! Unverdienter Tadel oder Schimpf verletzt anfänglich; wird derselbe planmäßig wiederholt, so erfolgt Verachtung und Gleichgiltigkeit. Auf diesem Standpunkte stehen wir Juden bereits heute. Wir feilen an uns fortwährend nach allen Richtungen und verbessern uns dadurch zweifellos, wir verbannen dadurch den Leichtsinn und die Leichtlebigkeit und bewahren und erhalten unser Selbstbewußtsein und unsere Menschenwürde. Wir concentriren uns und erwarten die Zeit, die dem tollen Spuk einen Ende bereiten wird. Wir gehen nicht mehr ins Ghetto, weil wir die Bildung nicht mehr fahren lassen, und diese bedeutet für uns Macht und Ueberlegenheit. Der Gegner möge nur fortfahren, den Juden als die Quelle seines Hebels und sich als das unschuldig verfolgte Lamm anzusehen; er möge dieses Uebel nur im Bier ersäufen und durch blaue Diontage curiren. Der Hochgenuß, über Juden zu schimpfen, werde ihm vollauf gestattet. Wir werden unterdessen unverdrossen lernen, rastlos arbeiten, uns den modernen Verhältnissen anpassen, für unsere Fehler nur uns und nicht Andere verantwortlich machen und der Zukunft ganz getrost entgegensehen. Der Jude Jhering. Die culturhistorisch schätzenswerthe Sammlung Gr eg origscher Citate, Sentenzen und Zwischenrufe, denen dieser treffliche Volksvertreter feine Populurität und die humoristische Auriole -verdankt, die über seinem durchgeistigten Antlitz schwebt, ist heute um ein interessantes Aperen bereichert worden. Landtagsabgeordneter Dr. B e n e o i k t hat, wie wir an anderer Stelle berichten, dem Abgeordneten S ch n e i d e r eine Ohrfeige irr sichere Aussicht gestellt. In der Debatte, die über einen all boe gestellten Dringlichkeitsantrag entstand, citirte Dr. Benedikt Jhering, den berühmten Rechtszelehrten. Gevatter G r e g o r i g, dem das vorgeführte Citat nicht paßte, führte in glänzender Weise alle Argumente des Redners all absnrdnm. Als nämlich Dr. Benedikt den Namen I b e r i n g nannte, rief der pfaidlerische Bierbaß dröhnend: „Auch ein Jude!" Damit hatte er dem Autor des feindlichen Citates ein schreckliches Stigma aufgedrückt und jede Wirkung der angeführten Jhering'schen Sätze zunichte gemacht. Herr G r e g o r i g wird sehr gekränkt sein, aber seine Welt-, Menschen- und Bücherkenntniß hat wirklich sehr viel Aehnlichkeit mit der des aus den „Fliegenden Blättern" bestens bekannten kleinen — Moritz. Gott — König. Geehrter Herr Reöacteur! Gestatten Sie mir hiemit zu der von Herrn Professor Dr. D. H. Müller in seinen „Ezechiel-Studien" Seite 28 aufgestellten These, daß Michajahu ben Jimla zum ersten Male Gott als König geschaut, folgende Bemerkung; In der feierlichen Ansprache an das Volk Israel vor der Offenbarung am Sinai läßt ihm Gott durch Moses sagen: »B’Hp 'i;i aana robaa •b'vnn ans‘i „Ihr aber werdet — mir sein ein Königreich von Priestern und ein heilig Volk." (ll. M. 19, 6.) Ein Königreich aber ohne König, eine rebaa ohne -ibö ist et re et nomine undenkbar. Wer aber ist dieser -j^a? In der letzten Abschiedsrede Moses', die mit den Worten beginnt: "an Tca n„ heißt es: »Us-itr '22V NN' ay 'V8N spsnro pba pr’a 'N'1,. „So ward er (Gott) in — Jeschurun König, da sich die Häupter des Volkes versammelten, die Stämme Israels allesammt". (V. M. 33, 5.) — Klingt das nicht im Zusammenhang mit H. M. 19, 6 wie eine öffentliche Proclamation eines Königs angesichts seines ganzen Volkes? (Bergt. ll. M. 19, 8 und 24, 1, 9.) Daß hier aber “ba auf Gott sich bezieht, der „vom Sinai herkam" (Vers 2, vergl. Raschi, Abravenet und Philippsohn), beweist IV. M. 23, 21, wo Bileam von Israel sagt: vrt^K 'N "ia -pa nynm lay „Der Ewige, sein Gott, — ist mit ihm und Jubelschall des Königs in seiner Mitte." Wir haben es also mit einer alten Grundanschauung der Hebräer zu lhun, denn kein Forscher würde wagen, die Entstehung aller dieser citirten Stellen in eine nachprophetische Periode zu verlegen. M. St. Der Schachkönig Lasker. Emanuel Lasker wurde am 6. November 1868 als zweiter Sohn des jüdischen Predigers und Lehrers M. Lasker zu Berliuchen geboren. Schon früh entwickelte der junge Emanuel eine seltene Auffassungsgabe, besuchte die Gymnasien zu Berlin und Landsberg und zeichnete sich dort durch seine scharfe Tenkungswerse vor seinen Altersgenossen ans. Nachdem er mit 17 Jahren das Gymnasium glänzend absolvirt hatte, bezog er die Universität Berlin, wo er sich dem L-tudium der Mathematik und Pbilofophie widmete. In diese Zeit fallen seine ersten Studien im Schachspiel, wofür er das regste Interesse entwickelte und worin er bald seinen Lehrmeister und Bruder Dr. Berthold Lasker übertraf. In kurzer Zeit erlangte er darin eine solche Fertigkeit, daß er bald als der Gefeiertste der deutschen Schachspieler dastand und viele bisherige Größen mit Leichtigkeit besiegte. Lasker hat auch durch seine literarischen Erzeugnisse in der Schachwelt sich einen 'Namen erworben und hat bereits vor zwei Jahren als Privatdveenr an der Universität zu Oxford Vorlesungen über Mathematlk gehalten, so daß in nicht zu langer Zeit eine Berufung an diese Hochschule erfolgen dürfte Ein Jubiläums Bankett. B a k t i m o r e, 12. December. Gestern feierte in dem großen Saale der Musikhalle die israelitische „Wohlthätigkeits-Anstalt" den 50. Jahrestag ihrer Gründung. In dem herrlich geschmückten Saale hatte sich eine vornehme Gesellschaft vereinigt. 800 Gedecke standen auf der Festtafel, die Damen hatten auf der Galerie Platz genommen. Den Vorsitz führte der Präsident der Gesellschaft, Herr Moses Pels, und ihm zur Rechten saßen der Festredner Anwalt Julias H. Wyman, Snprem-Präsident des „Verbesserten Ordens B'nai Brith", sowie die Ehren-Gäste Mayor Alcaeus Hooper, und die Cx-Mayors R. C. Davidson und F. C. Latrobe. Ferner waren als Ehren-Gäsie eingeladcn und fast auch alle erschienen: die Herren A. Nachmann, Phil. Herzberg. I. H. Smith, Präsident des „Vereins für die Berbcsserung der Lage der Armen", Herren W. Schloß und M. Friedmann von dem „Israelitischen Waisenhaus", Dr. A. Kaiser von der „Frei-Unterrichts- Gesellschaft", Herren E. Schmeißer, G. W. Gail, Rob. M. Rother, W. Grecht, G. Herzer, C. Born und E. C. Linden als Vertreter des „Allgemeinen Deutschen Waisenhauses"; ferner die Rabbiner Dr. Rosenstein, H. Hochheimer, Dr. A. Gnttmacber, Dr. Tobias Schönfärber, die Cantoren O. Heß, 21. Marmor, Tr. A. Glaß, sowie die Herren A. Mayer, Ed. Raine u. A. Den ersten Toast sprach der Präsident Herr Pels, der ein kurzes Resnme über die Geschichte des Vereines gab, das Andenken seiner Gründer feierte und in schwungvollen Worten die Werke der Humanität pries, die durch gemeinsames edles Streben erstell werden. Die F e st r e d e hielt Herr W y m a n, der unter Anderem sagte: Bor fünfzig Jahren, als Baltimore noch ein verhältnismäßig kleiner Ort war, wurde der Israelit schon ein Factor in den damaligen Verhältnissen, mit der Aussicht, ein noch größerer Factor in der Zukunft zu werden. Unsere Race fing damals an, dieser Stadt Charakterzüge einzuslößen, welche niemals einer' Gemeinschaft, mit der sie sich identificirte, Schande brachte. Getreu den Ueberliefernngen, welche dem israelitischen Kinde schon in der Wiege als Gebnrtsrechr mitgegeben sind, benutzten die Gründer der „Israelitischen Wohlthätigkeits-Gesellschaft" einen Theil ihres durch Sparsamkeit und Arbeit erlangten Wohlstandes zur Erleichterung und Hilfeleistung für die Unglücklichen und Nothleidenden, und es war deshalb ein keineswegs außerordentliches Ereigniß, als in Baltimore im Jahre 1846 ein Hilfsverein für Israeliten gegründet wurde. Es war auch nichts Außerordentliches, daß dieser Verein, um seine Thätigkeit erweitern zu können, sich zur „Israelitischen Wohlthätigkeits-Gesellschaft" zu verschmelzen veranlaßt sah, denn wo sie auch immer Israeliten antressen, werden Sie finden, daß dieselben stets loyal gegen ihr eigenes Volk und niemals illoyal gegen irgend eine andere Race handeln. Nichts Außergewöhnliches kann man daher darin sehen, daß der kleine aber ehrgeizige Verein von 1846 größere Proportionen annahm, für die Nothleidenden sorgte und mit Selbstlosigkeit unparteiische Wohlthätigkeit ausübte. Denjenigen ernsten Männern und treuen Frauen, die mit der Geschichte der ersten Jahre unserer Gesellschaft verknüpft sind und die heute noch unter den Lebenden weilen und sich in unserer Mitte befinden, überbringe ich die Grüße dieser großen Versammlung und die Segenssprüche der zahlreichen Menge in dieser Stadt, welche hofft, daß die „Israelitische Wohlthätigkeits-Gesellschaft" noch lange zum Wohle der Menschheit existiren möge. Es ist unnöthig, individuelle oder öffentliche Wohlthätigkeit hier zu besprechen, da beide einen Theil unserer Organisation bilden. Es ist beinahe überflüssig, Ihnen ins Gedächtniß die Bereinigung