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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-01 · 1 (1.1.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
1 (1.1.1897)
Date
1897-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 : -«MMiuyJu- —i&iiumittf'äaJjJjc»* Vr Vloch's Wochenfchrtfl Nr. 1 Volke frei gewählten repräsentativen Monarchie. — Allein einige Schlachten, die die Oesterreicher gewannen, machten die ss kühn genährte Hoffnung nur zu bald wieder zu Schanden. Levi bemühte sich, den Muth seiner Landsleute auch jetzt aufrecht zu erhalten und sie zur Ausdauer anzuseuern in seinem Drama „Die Märtyrer von Neapel im Jahre 1799". Er arbeitete unermüdlich für die liberale Sache, wurde auch als Candidat zur Kammer aufgestellt; die reactionäre Agitation ließ seine Candidatur aber scheitern, konnte ihn jedoch nicht entmuthigen. Er gründete mit La Farina und Pallavicini die „Nationale Vereinigung", die zur Verwirklichung des liberalen Gedankens bald den Mittelpunkt bildete. Als im Jahre 1859 der Krieg ausbrach, entflammte er in einer Sammlung von Kriegsgesängen, die er Garibaldi widmete, .Martirio e Bedenzione“, deren eines in Musik gesetzt wurde, die Geister. Zum zweiten Male zogen jetzt die Nachkommen der alten Römer unter den Klängen eines von einem Sohne Israels und Nachkommen der Een Zionssänger verfaßten Liedes in den Kampf für die Freiheit." Im Jahre 1860 wurde er in's Parlament gewählt und fand nun Gelegenheit, sich als Politiker und Nationalökonom zu bewähren, dessen Anregung viele Gesetze für das Wohl der ärmeren Classen zu verdanken sind, und vor Allem gelang es ihm, die Gleichstellung und Selbstständigkeit des jüdischen Bekenntnisses durchzusetzen, wofür er in Wort und Schrift gekämpft hatte. Bis zum Ende der Siebziger-Jahre wurde er wiederholt als Deputirter gewählt, dann zog er sich nach Niederlegung seines Mandates in das Privatleben gänzlich zurück. Er widmete sich nunmehr ausschließlich der Philosophie und Poesie. In der Zwischenzeit hatte er auch Zeit gefunden, sein herrliches Drama zu vollenden, das die Zerstörung Jerusalems behandelt und den Propheten Jeremias zum Helden hat. Im Jahre 1875 erschien der erste Theil seiner Seibstbiographie ,Viu di Pensiero“ und 1882 deren zweiter Theil „Vita di Azione“. Hierin offenbarte er eine Fülle origineller Gedanken und entwickelte seine Anschauungen über Fragen auf religiösem, philosophischem und socialem Gebiete. Seine Entwicklungsphasen kommen in einer Reihe Gedichte zum Ausdruck, und vor Allem tritt klar daraus hervor, von einer wie tiefen Religiosität er erfüllt war. Den größten Feind des Judenthums erblickt auch er in dem Alles ertödtenden und erdrückenden Jndifferentismus. Einen hohen Werth zur Erziehung der Volksmassen legte er der Kunst bei. Den großen Meistern war die Kunst ein hochheiliges Amt, ein Mittel zur Förderung der Cultur, der Humanität, der Moral und die Menschen zu bessern und zu veredeln, so führt er aus. In seinem zweiten Hauptwerke .La Mente di Michelangelo“ beschäftigt er sich eingehend mit diesem Thema, wahrend er in dem dritten „Giordano Bru; o“ als Meister des philosophischen Denkens feiert, wie in jenem Michelangelo auf dem Gebiete des künstlerischen Schaffens. In seinen drei Hauptwerken behandelt er somit erschöpfend, wie die drei Hauptfactoren der menschlichen Cultur, Religion, Kunst und Wissenschaften, Zusammenwirken müssen, um ihre hohen Aufgaben zu erfüllen. Obwohl er heute schon sein achtzigstes Lebensjahr vollendet hat, nimmt er heute noch mit ungetrübter Geisteskraft Antheil an den Geschicken seines Vaterlandes und seiner Glaubensgenossen, wie sehr ihn auch die Schicksalsschläge gebeugt haben. Wenn das verdienstvolle Werk des Herrn Dr. Margulies, sowie diese Zeilen eine Anregung gegeben haben, die Werke des unsterblichen Mannes der Vergessenheit zu entreißen, in weiteren Kreisen das Interesse für ihn wachzurufen und namentlich unserer Jugend die Kenntniß und somit auch die Liebe für seine Schriften zu vermitteln, so wird diese ideelle Freude ihren verklärenden Schimmer auf den Lebensabend des Greises werfen, der von materiellen Sorgen so schwer gedrückt ist. So hätten wir denn auch dem doppelten Zwecke gedient, unseren Glaubensgenossen Kunde davon zu geben, was wir an diesem großen Manne besitzen, aus den wir mit Recht stolz sein dürfen, und somit auch dem jüdischen Selbstl ewußtsein neue Kraft zuzuführen. Vom Jahrmarkt des Lebens. „Fude^, ein Schimpfwort einst und jetzt. Von L. Riesenfeld, Oberlehrer in Ungarisch-Brod. Unlängst titulirte der Abgeordnete Schneider den anwesenden Hofrath Beer in einer Parlamentssitzuiig: der getaufte Jude Beer. Allerdings reagirte der Präsident sofort und der Berichterstatter Szczepanowski suchte durch die kräftigsten Worte seinem einstigen Lehrer und Meister den gebührenden Zoll der Anerkennung und Verehrung zu leisten. Härte sich Schneider einen Juden gewöhnlichen Kalibers, einen Dutzendmenschen zum Angriffe ausgesucht, so ließe es sich ganz gut erklären, daß die Vertreter des Clerus und der clericalen Partei die verächtliche Bemerkung ruhig Hinnahmen. Wie das österreichische Bauernvolk über getaufte Juden im Allgemeinen denkt, drückt der Jargon sehr deutlich aus: Es habt's an Lumpen weniger und mir Ham um an mehr. Aber ein Hofrath Beer! Zwei Generationen bewundern den Mann, der als Forscher, Lehrer, Politiker und Beamter Großes geleistet und dessen Charakter fleckennnd makellos offen vor aller Welt liegt. Ist die Kirche nicht zufrieden, einen solchen Mann erworben zu haben oder sollte dieTaufe eines afrikanischen Aegers für die Kirche werthvoller erachtet werden, als die Erwerbung eines Gelehrten vom Range eines Beer? Die Zeiten haben sich geändert. Bor einem Menschenalter wäre es der Gipfelpunkt der Gemeinheit gewesen, einem Getauften, der den gebildeten Ständen angehörte, den Juden vorzuwerfen. Das Wort Jude wurde da ängstlich vermieden. Selbstverständlich wurde der anständige, gebildete Jude als Christ mit allen Rechten ausgenommen und gegen jeden Schimpf geschützt. Der Antisemitismus kümmert sich nicht im Geringsten um die Taufe; da heißt es: Sacrament hin, Sacrament her, der Jude bleibt und wird geprügelt. Da die Vertreter der Kirche diesen Zustand ruhig hinnehmen, so muß der Jude, der sich heute taufen läßt, sich mit demselben auch abfinden. Da heißt es: Fort mit der Empfindlichkeit, und — um kein Wort des Talmuds zu variiren — wer den Juden flieht, dem lauft der I u d e n a ch. Für die ungetanste jüdische Welt stellt sich die Sachlage noch interessanter dar. Vor einem Menschenalter, als die Donnerwvrte der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, noch jedem Gebildeten im Ohre klangen und nach Geltung rangen, als der Antisemitismus noch nicht, durch Bismarck hos- und salonfähig gemacht worden war, fühlte sich jeder gebildete Jude — gewissermaßen entgegenkommend — moralisch verpflichtet, die Schlacken, die der Jahrhunderte währende Druck bei ihm abgesetzt, nach Möglichkeit von sich zu entfernen, die „jüdischen" Gewohnheiten, Eigenheiten u. s. w. abzulegen, und falls ihm von christlicher Seite gesagt wurde, man erkenne in ihm den Juden gar nicht, war er hoch befriedigt. Er betrachtete seine ausdauernde Arbeit — Reinigung seiner Person von den sogenannten „jüdischen" Schlacken — als von Erfolg gekrönt und sah sich nunmehr würdig, ein Vollbürger der Gesellschaft zu werden. Passirte ihm nun das Malheur, von irgend einer Seite den Juden an den Kopf geworfen zu erhalten, so fühlte er sich tief verletzt. War es ihm doch augenschünlich klar, daß ihm die Metamorphose an seiner Person noch nicht gelungen. Neue Mühe, neue Arbeit, doch vergebens, der Jude will nicht gehen. Vertreibt er ihn von der Zunge, so setzt er sich auf oie Nase, in die Hände; er läßt seinen Mann nicht los und sagt gebieterisch: Entweder Du wirst in die Gesellschaft ausgenommen mit mir, oder wir bleiben beide draußen. Bei dieser aufreibenden, erfolglosen Arbeit konnte es zu keiner Befriedigung, zu keiner Behaglichkeit kommen. Man mußte sich aufrichtig gestehen: Selbsttäuschung, Comödiantenthum, Jagd noch einem Phantom, Selbsterniedrigung, Verlust des Selbstbewußtseins und der Menschenwürde. Der Antisemitismus, bemüht alles Böse den Juden zuzusügen, bewirkt nun ein Resultat, das er sicherlich nicht anstrebt. Ein großer Theil der gebildeten, christlichen Welt will von Gleichheit und Brüderlichkeit heute nichts mehr wissen und glaubt, es sei möglich, Freiheit in irgend einem beliebigen, eingeschränkten Sinne bewahren und behalten zu können. Die Zeit wird lehren, ob dies möglich ist. Der vernünftige Jude rechnet bereits mit den neuen Theorien. Er vergeudet seine Kraft nicht mehr wie einst, um den Lobspruch, man erkenne in ihm den Juden nicht, einzuheimsen; er strebt nach Bildung, hört und beachtet, was man an ihm tadelt; er verschließt sich nicht der Wahrheit; feilt und bessert an sich, soviel er vermag, nicht Andern, sondern sich zu gefallen. Das Wort Jude hört er an allen Ecken und Enden. Der Gegner täuscht sich, wenn er glaubt, der vernünftige Jude fühle sich beschimpft, wenn irgend ein Lump ihn anrempelt. Hofrath Beer dürfte sich heute, wo das ewige Schimpfen über Juden

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