Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.1 Seite 5 Vr. Vloch's WochrnsthrM- Seelen geweckt haben. Als in Berlin ein mächtiger Staatsmann vor Jahren gebeten wurde, dem Antisemitenspectakel Einhalt zu i thun, erklärte er sich für ohnmächtig, aber er nannte einige jüdische Damen, die durch ihren Luxus, durch ihren Putz, durch ihre verschwenderischen Feste sich bemerkbar machten, und sagte: Vielleicht wenden Sie sich an diese, daß sie dem Antisemitismus Einhalt thun. Sollen wir uns aus dem geselligen Leben ganz zurückziehen? Unstreitig ist dies eine traurige Nothwendigkeit, wenn wir uns nur mit dem Opfer der Selbstachtung behaupten können. Aber wir sollen auch nicht allzu spröde, allzu empfindlich sein, wir sollen uns den Tact aneignen, sowohl die Scylla wie die Charybdis zu vermeiden, unseren Feinden nicht nachzulaufen und unsere Freunde nicht vor den Kops zu stoßen. Aber unbegreiflich ist es, daß der Redacteur der „Mittheilungen des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" die innige Verwandtschaft des politischen, geschäftlichen und gesellschaftlichen Antisemitismus nicht erkennt. Ja, sagt der Mann, es kann doch auch Jemand eine Aversion gegen rothhaarige Leute haben und sie nicht zu sich zu Tisch bitten. Aber auch eine solche Aversion ist unvernünftig und unsittlich und wer sich aus einer solchen Thorheit ertappt, der sollte nicht rasten, bis er sie mit der Wurzel ausgerissen hat. Dies gesellschaftliche Scheiden ist oft die größte Infamie. Georg v. Vincke sagte einmal im vereinigten Landtage von 1847, er sei ftir die Zulassung der Juden zur parlamentarischen Vertretung, so unangenehm es ihm wäre, wenn hier ein Jude sein Nachbar würde. Aber ist dieser Widerwille aus gesellschaftlichen Rücksichten begründet? Wem ich das Recht geben will, über Wohl und Weh des Landes mitzuentscheiden, dem soll ich das Recht weigern, sich an meine Seite zu setzen, mit mir zu plaudern und mit mir zu zechen, mit mir an einem Ballvergnügen sich zu ergötzen Die Gleichberechtigung im geselligen Verkehr kann kein Kampfobject sein; die Polizei ist zum Einschreiten verpflichtet, wenn mit dem Aufrufe: Kauft nicht bei Juden! gegen uns gehetzt wird; der Staat muß in allen Zweigen des öffentlichen Lebens Ernst machen mit dem Grundsatzes: Gleiche Pflichten, gleiche Rechte; aber gegen den Unfug, Jemand, der sonst ganz gut in einen bestimmten Kreis paßt, nicht einzuladen, kann natürlich die Polizei nichts thun; ist es darum weniger ein Unfug? Hier muß die Presse eintreten; unsere christlichen Mitbürger < sollen sich keinen Verkehr aufoctroyiren lassen, der ihnen nicht zusagt, und wir wollen keinen Verkehr Ms Mittleid. Aber es gibt eherne logische Gesetze; wen ich in mein eigenes Haus nicht lasse, dem sollte ich auch das Stadthaus nicht öffnen; ein Vorurtheil muß aus jedem Schlupfwinkel vertrieben werden, sonst bricht es unversehens wieder hervor. Das Wort, „was ich in meinem Zimmer treibe, das kümmert keinen Andern was", ist nur bis zu einem gewissen Grade richtig. Das ist kein liberaler Mann, der die Juden von seinem Verkehr ausschließt. Freilich gibt es hier keinen Zwang. Hier kann nur das versöhnliche, aufklärende Wort, hier kann nur das edle Beispiel gelten. Hiezu fort und fort anzuregen, ist, wie es scheint, eine durchaus würdige Aufgabe der „Miltheilungen des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus". B. R. Generalversammlung des israelitischen Tempelvereines für Mariahilf und Neubau. Der israelitische Tempelverein für Mariahilf und Neubau, der vermöge seines berühmten Tempels und Gottesdienstes, sowie durch seine musterhafte Verwaltung eine solche hervorragende, ruhmvolle und einflußreiche Stellung innerhalb der israelitischen Cultusgemeinde sich errungen, hielt Montag den 28. December 1896, Abends, im Sitzungssaale des Tempelvereines seine diesjährige ordentliche Generalversammlung unter dem Vorsitze des Vereinspräsidenten, Architekten Max Fleischer, ab. Präcise *47 Uhr eröffnete der Vorsitzende die Versammlung, begrüßte die erschienenen Vereinsmitglieder, insbesondere den als Delegirten des Cultusvorstandes erschienenen Herrn Salo Cohn, der seit Jahren dem Vereine sein opferwilliges Wohlwollen bewiesen. (Lebhafter Beifall.) Nach Berificirung des Protokolles der letzten Generalversammlung erstattete der Vorsitzende den Jahresbericht. Demselben entnehmen wir, daß der Verein diesmal an 259 Mitglieder zählt, und zwar: 1 Mitglied mit fl. 25.— Jahresbeitrag. 8 Mitglieder mit „ 15.— „ 4 „ » „ 12. ,, 61 ,, „ „ 10. ,, 6 ,, n ,» 8. ,, 179 „ „ „ 6. „ Der Vorsitzende ehrte das Andenken der Heimgegangenen Mitglieder Samuel Löbl, Moriz Neumann, Jacob Schmidek, Jsak Spitz und Moritz Nagel, und die Versammlung erhebt sich von den Sitzen. Die Angehörigen des Herrn Moritz Neumann haben für ihn und dessen Gattin ein Maskir erworben; ebenso hat Herr Moritz Nagel uns den Betrag ftir ein Maskir letztwillig hinterlassen. Im abgelaufenen Jahre wurden die Bezüge Einzelner der Angestellten erhöht und ihnen ihre Lage nach Möglichkeit zu verbessern getrachtet. Dem Altersversorgungsfond der Angestellten, dem man im vorigen Jahre 1000 fl. zugewendet hat, hat man in diesem Jahre einen weiteren Betrag von 1230 fl. zugesührt, so daß derselbe heute 2500 fl. beträgt. Die im Vorjahre eingeführte Mädchenconfirmation wurde in diesem Jahre beibehalten, der entsprechende Unterricht vom Vereinsprediger Herrn Dr. T a g l i ch t an 20 Mädchen unentgeltlich ertheilt und die Confirmation selbst am 10. Mai in herrlicher Weise unter Theilnahme eines äußerst zahlreichen Publicums im Bereinstempel vollzogen. Einen gleich günstigen Erfolg bei der männlichen Jugend verspricht sich der Vorstand von der Neuerung, jedem Barmizwahknaben ein Gebetbuch zu verabfolgen. Der Vorstand hat nämlich beschlossen, jedem in unserem Tempel die Barmizwahfeier begehenden Knaben ohne Unterschied ein elegant ausgestattetes Gebetbuch mit deutscher Uebersetzung in Taschensormat zu spenden. Herr kaiserlicher Rath P o l l a k hat in Begeisterung ftir diese Idee und um die Vereinscasse zu entlasten, aus Eigenem ftir die erste Anschaffung einen Betrag von 50 fl. geleistet. Am Schemini-Azeres wurde mit dieser Gepflogenheit begonnen. „Der 16. Mai 1896 brachte uns ein seltenes Ereigniß. Der Senior unseres Collegiums, Herr Moses Feßler, erreichte an diesem Tage seinen 80. Geburtstag. Wir haben ihm eine künstlerisch ausgestattete Adresse in einer zu diesem Zwecke im Sitzungssaale abgehaltenen Plenarsitzung überreicht und dann den Jubilar in den Tempel bis zu seinem reich geschmückten Sitze geleitet. Der feierliche Gottesdienst wurde abgehalten im Beisein der Familienangehörigen und vielen Mitglieder unseres Vereines." Dem verdienstvollen Vereinsvorsteher Herrn Adolf Ruzicka wurde anläßlich seiner silbernen Hochzeit eine Gratulationsadresse gewidmet. Zur Erinnerung an diesem Tage hat er für den Tempel eine Fensterspende im Betrage von 100 fl. gestiftet. Am 25. d. M. hat der Bicepräsident Herr Commercialrath S. Eisenberger seinen 70. Geburtstag erreicht. Der Vorstand überreichte ihm eine kalligraphische Glückwunschadresse. Herr Eisenberger ist einer der ältesten Vereinsmitglieder und langjähriger Vorsteher und zählt er sammt seiner Familie zu den dem Vereine wohlgesinntesten Mitgliedern. Die Generalversammlung beglückwünscht Herrn E i s e n b e r g e r zu diesem Feste. — Die Witwe des ehemaligen Präsidenten kaiserlicher Rath S ch n e k, Frau Jeanette S ch n e k spendete zur Ausschmückung des Sitzungssaales drei große Bilder in Goldrahmen, darstellend die Institutionen der israelitischen Cultusgemeinde in Wien und 2 Tableaux „Berühmte Männer in Israel." Im Tempel wurden im Laufe des Bereinsjahres 48 Trauungen, worunter eine nennenswerthe Anzahl der besseren Classen, abgehälten, 28 Barmizwahs und 14 Namengebungen. Die in diesem Jahre zeitlich eingefallenen Feiertage verursachten einen bereits vorhergesehenen Ausfall in den Einnahmen aus dem Erlöse der Betsitze-Bermiethung in der Höhe von 778 fl. 50 kr. Auf Grund der genehmigten Statuten der großen Gemeinde wurden die Neuwahlen in den Cultusvorstand vollzogen. Die beiden Bereinsbezirke wurden in einen Wahlbezirk vereinigt und über Ersuchen des abtretenden Vorstandes die Vereinslocale zur Ausübung des Wahlactes zur Verfügung gestellt.