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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-01-01 · 1 (1.1.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
1 (1.1.1897)
Date
1897-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JRrri Vr. »lmV- Wochenschrift ersten Mißtrauens und nach genauerer Besichtigung des uns eingesendeten Prospectes äußerten. Ein aus Siebenbürgen gebürtiger Beamter unserer Verwaltung verwies auf den Umstand, daß die Hebung des stebenbürgischen Bergbaues durch eine mit großem Capitale arbeitende Unternehmung jedenfalls nicht blos den Magyaren sondern auch unseren sächsischen Volksgenoffen zugute käme." Der Hinweis auf das Beispiel des Herrn V e r g a n i und die hübsche Erzählung vom Siebenbürger-Schwemminger sind beide gleich reizend. Sie werfen helle Streiflichter auf die antisemitische Jnleratenmoral, und man begreift das Entzücken, in das Vergani darüber verfällt. Heilü-Wolf mag allerdings überrascht gewesen sein, als er die Wahrnehmung machen mußte, daß Vergani diesmal die ungewohnte Rolle des Anticorruptionisten spiele. Er sagt diesbezüglich: Wenn das berüchtigtste christlich-sociale Blatt es versucht, seinen Pauschalienrüssel an unserem reinen Schilde abzuwischen, so entstammt dessen plötzlicher polnischer Catonismus zweifellos nur dem Aerger darüber, daß es mit einer höheren Preisfordcrung für das Inserat, das es im Gewährungsfalle ohne viel Skrupeln ausgenommen hätte, abgewiesen wurde- Wir trauen dem Heilü-Wolf die genaue Kenntniß der christlichsocialen Geschäftsusancen zu. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Was den „schmutzigen Pauschalienrüffel des berüchtigtsten christlich-socialen Blattes" anbelangt, so halten wir es mit der germanischen Geradheit, der teutonischen Sinnigkeit des Heilü-Wolf; waS aber den reinen Schild betrifft, pflichten wir eher dem Herrn Vergani bei, der direct Ausdrücke gebraucht, die eine Klage heischen. Aber wozu schreiben die Herren spaltenlange Artikeln. Sie können ihr Glaubensbekenntniß viel kürzer fassen: Klipp und klar: „Wir nehmen Alle!" Der Antisemitismus im geselligen Verkehr. Von Alonso Cano, einent berühmten spanischen Maler des siebzehnten Jahrhunderts, erzählt man sich, daß, wenn er in Granada seiner Heimat, auf der Straße einen Juden zufällig mit seinem Arme berührte, er sofort seinen Rock auszog und wegwarf und in Hemdärmeln nach Hause ging; kam gar ein Jude zu ihm in's Haus, so ließ er an der Stelle, die der Jude betreten hatte, den Boden aufreißen, seine eigenen Stiesel, mit denen er den von einem Juden berührten Boden betreten hatte, schleuderte er von sich und den Diener, der den Juden in's Haus gelassen hatte, jagte er aus dem Dienste. Und dabei konnte dieser wunderliche Heilige, da damals schon die Juden aus Spanien verbannt waren, wohl nur mit solchen Juden in Beziehung kommen, denen längst das Wasser der Taufe auf dem Haupte getrocknet waren. Alonso Cano hatte mit den Judenhassern der Neuzeit auch darin einige Ähnlichkeit, daß er sonst nicht ganz fleckenrein dastand, daß er Manches auf dem Kerbholze hatte und er wurde einmal auf die Folter gespannt, weil er im Verdacht stand, sein eigenes Weib ermordet zu haben. Ständiges Schelten und Wühlen und Verdächtigen kann in excentrischen oder in beschränkten Menschen die Meinung erwecken, die Juden seien ganz schreckliche und gefährliche Wesen. Als Ende der Sechziger-Jahre die Freizügigkeit in Deutschland proclamirt wurde, kam nach einem sächsischen Städtchen hart an der preußischen Grenze, das bisher den Juden verschlossen war, eine jüdische Familie; em christliches Mädchen . aus der Stadt wurde gemiethet, um die kleine Tochter, die ganz manierlich aussah, spazieren zu führen; aber dieses Kindermädchen wurde bald von vielen Sächsinnen, die doch im Rufe stehen „Helle" zu sein, mit der Bitte bestürmt, die kleine Jüdin am bloßen Leibe sehen zu dürfen, um zu erkunden, ob denn Juden am nackten Körper so aussehen wie andere Menschen. So verwirrend kann in manchen Kreisen aufhetzende Rede wirken, wenn kein Verkehr stattfindet, der diese blöden Meinungen durch den Augenschein widerlegt. In alter und neuer Zeit waren jüdische Aerzte die besten Apostel des Philosemitismus. Dem Arzte ist es gegeben, in den innigsten Verkehr mit den Familien zu treten, in den Stunden chnen nahe zu sein, wo man gegenüber ernster Gefahr die Masken und Schleier des Vorurtheiles ablegt, und wenn der Arzt als treuer Rathgeber und Helfer sich erweist, so verjagt er alle Gespenster des Wahnes, und wiederum ist auch im wildesten Antisemiten die Selbstliebe mächtig genug um ihn zur Berufung des Arztes zu bestimmen, der als tüchtig gilt. Ja man kann sagen, daß dem jüdischen Arzt noch heute ein gewisser Aberglaube zu Hilfe kommt. Wenn in der Schule Juden und Nichtjuden zusammensitzen, so kann dies natürlich, da wo der Haß von den Lehrern genährt wird, wo das Gift von judenfeindlichen Eltern in die jungen Herzen geträuft wird, zu bitterer Noth für die jüdischen Kinder werden, aber im Allgemeinen wird diese Gemeinschaft von Kindheit an zum Segen werden, sowohl für die jüdische wie für die nichtjüdische Jugend; indem sie miteinander lernen, spielen, raufen, begreifen sie, daß sie in allem Wichtigen und Wesentlichen sich gleichen, und sie verwerfen nicht nur die Vorurtheile, sondern sie sehen auch ein, daß sie verwerflich sind. Alle politische Gleichberechtigung ist gefährdet, wenn nicht die sociale sich anschließt. Das ist auch der einzige dunkle Punkt in der jüdischen Entwicklung jenseits des Meeres; wenigstens nach den Wahrnehmungen zu schließen, die wir im Verkehr mit guten, christlichen, nordamerikanischen, durch Europa reisenden Familien machen, kennt der Amerikaner keinen Unterschied des Bekenntnisses in der Politik, im Geschäft, in der Wissenschaft, aber sein Haus, sein Club ist nur selten dem Juden geöffnet. Freilich erklärt sich diese Abneigung zum Theil dadurch, daß während einiger Jahrzehnte Tausende und Abertausende Juden aus Europa hinübergezogen sind, die geselligen Schliff nicht mitbrachten und im harten Kampfe ums Dasein dort nicht erwerben konnten. Aber die Gleichberechtigung ist nur gesichert, wenn sie auf allen Gebieten sich verwirklicht. Ja, die Geselligkeit ist gleichsam das Barometer, das gutes oder schlechtes Wetter für die Juden voraus verkündet. Es kann eine Stadt oder ein Kreis freisümig wählen, eine Menge Juden in die städtischen Verwaltungsbehörden schicken, die Juden können durch Intelligenz, Besitz, Wohlthätigkeit, gemeinnütziges Wirken sich auszeichnen, da thut sich ein geselliger Verein sogenannter besserer Bürger auf, der durch irgend einen geschickt und hinterlistig abgefaßten Paragraphen die Juden ausschließt. Flugs merken wir, was die Glocke geschlagen hat; wir erfahren, daß der Haß im Verborgenen glüht und nur auf die Gelegenheit wartet, um in. hellen Flammen auszuschlagen. Neuerdings hat nun, in den „Mitteilungen des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus", an dessen Spitze Gneist, der große Rechtslehrer, so lange gestanden hat und der jetzt von dem bekannten, durchaus judenfreundlichen Parlamentarier Rickert geleitet wird, mit Lebhaftigkeit die Ansicht sich hervorgeihan, daß die Abwehr des gesellschaftlichen Antisemitisnlus nicht zu den Aufgaben des Vereines gehöre. Es soll nicht geleugnet werden, daß das Thema heikel ist. Zur Liebe kann man Keinen zwingen; Jeder sollte soviel persönliche Ehre haben, um sich 'in keine Gesellschaft einzudrängen, die ihn nicht freiwillig und willig aufnimmt. Es gibt z. B. in Deutschland nur einige Freimaurerlogen, die Juden aufnehmen. Nnn lebt ein Jude in einer Stadt, deren Logengesellschaft die Juden ausschließt; da wird denn häufig das Kunststück angewendet, sich für eine Loge in einem anderen Orte, die freieren Geistes ist, zu melden, und dort ausgenommen, sich an den „Arbeiten" der anderen sonst gegen die Juden exclusiven Logen zu betheiligen. Es fragt sich, ob ein Jude der älteren Brüderschaft, der er angehört, der Glaubensbrüderschaft, nichts vergibt, wenn er durch eine Hinterthür in eine Gesellschaft sich schleicht, die ihn am Hauptportal abweist. Oder es wird ein Bazar für irgend einen mehr oder weniger wohlthätigen Zweck entrirt. Alle Welt weiß, daß die arme Wohlthätigkeit nur gemißbraucht wird, um es zu ermöglichen, daß die Commercienräthinnen einmal mit der Frau Präsidentin oder mit der Frau Generalin oder gar mit der Frau Gräfin b'erathen und Kaffee trinken und daß dann die jungen Commercienrathstöchter im Vereine mit den Fräuleins der höheren Gesellschaft sich als Verkäuferinnen amüsiren. Die Armuth darf nicht wählerisch sein und muß noch mit Dank die Brosamen auflesen, die ihr von der Eitelkeit und Vergnügungssucht hingeworfen werden. Aber wenn nur die äußere Ehre nicht zu theuer erkauft wird um den Preis von Denrüthigungen, die die gesellschaftlichen Unterschiede recht scharf markiren. In diesem demokratischen Zeitalter sind die vergilbten Adelsbriefe manchmal noch gerade soviel werth als die schönsten Dividendenscheine. Gerade gesellschaftliche Untugenden sollen, wie man sagt, die Antipathie gegen die Juden auch iit sonst nicht übelwollenden

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