Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 Wr. VWÄfs WochrnkchrM- Sette 3 Daß dieser /ideale Zustand noch nicht eingetreten ist, daran sind blos die Juden schuld. In dieser gemüthlichen Ueberzeugung liegt der Grund für das gemüthliche Wohlwollen, für den Mangel an Echauffement, den das christliche Capital gegenüber der antisemitischen Bewegung an den Tag legt. Dieses christliche Capital fühlt sich über jede Gefährdung erhaben, denn der Antisemit hat es nur auf den Inden und nur auf das Judengeld abgesehen? Oder nicht?! Die Frage ist gewiß interessant. Und deshalb empfehlen wir die Lectüre jenes Vergani-Artikels, der unter dem Titel- „Offic'öse Unverfrorenheit" so recht albern und dummdreist aus der Schule schwätzt. Es handelt sich um eine wüste Anrempelung des „Fremdenblattes", welches den Aufruf eines Lehrercomite's um Unterstützung hungriger Schulkinder zum Anlaß genommen hatte, die Gemeinde an ihre Pflichten in socialpolitischer Hinsicht zu mahnen. Das „Fremdenblatt" hatte darauf hingewiefen, daß nicht nur im X. Bezirke, sondern auch in anderen Bezirken Wiens unter den Schulkindern solch grenzenloses Elend bestehe. Pflicht der Gemeinde sei es, hier einzugreifen und dieser Noth aus öffentlichen Mitteln zu steuern. Das neue Heimatsgesetz werde in einigen Jahren so wie so der Gemeinde Verpflichtungen in dieser Beziehung auferlegen,bis dahin habe jedoch die Gemeinde allerdings nur die moralische Verpflichtung, zu helfen, über die sie „nicht anders als durch deren möglichste Erfüllung zur Ruhe kommen werde". „An Mitteln kann es nicht fehlen. Dringende Bedürfnisse sind überall und immer bestritten worden. Wien ist reich genug, um sich des qualvollen Anblickes hungernder Schulkinder zu entheben. Und nicht anders kann die überall hervorbrechende scharfe Strömung gegen den Besitz und die steigende sociale Mißstimmung gemildert werden, als durch wirksames Schaffen der öffentlichen Organismen und der Privaten im Dienste der Menschenliebe." Dieser Auffassung entgegenzutreten, anerkennt Herr V e r g a n i als seine Pflicht. Er kanzelt das „Fremdenblatt" dahin ab, so könne höchstens die „Arbeiter-Zeitung" schreiben und vergißt in seiner durch keinerlei Sachkenntniß getrübten Unbefangenheit vollkommen daran» wie wenig es im social-demokratischen Interesse gelegen ist, die „scharfe Strömung gegen den Besitz zu hindern, die steigende „sociale Mißstimmung" zu mildern. Für ihn steht fest, daß die Commune den hungernden Schulkindern gegenüber absolut keine Verpflichtung hat. Er nennt diese Zumuthung eine „Frivolität sondergleichen". ,,Die Leute, die heute die Klinke der Gesetzgebung in der Hand haben", wollen von der einfachen Lösung des Hungerproblems nichts wissen. Herr V e r g a n * aber ist sich vollkommen darüber klar, wie die Sache zu geschehen habe. Er deutet es in zwei Sätzen an: Nummer 1. Man setze doch einfach die Massen des Volkes in den Stand, nicht an die öffentliche und private Mildthätigkeit appelliren zu müssen. Nummer II. Die gegenwärtigen Machthaber wollen nicht rütteln lassen an der herrschenden kapitalistischen Wirthschaftsordnung, mit der das Elend der Massen untrennbar verbunden ist. Die Schwarzen bekennen Farbe, rothe Farbe. Es ist gar nicht mehr von den Juden allein die Rede. Die staatserhaltende, conservative Lueger-Partei declarirt sich für den Umsturz. Sie macht gar kein Hehl mehr aus ihren revolutionären Neigungen und drapirt sich keck mit den Lappen, die sie mit diebischer Hand aus dem Banner der Anarchie reißt. Dr. K r o n a w e t t e r, der den Antisemitismus den „Socialismus des dummen Kerl von Wien" nannte, hat Unrecht gehabt- Immer mehr stellt es sich heraus, daß derselbe der Anarchismus des dummen Kerls von Wien rst. Für das „Caveant consales“! ist es aber dermalen vielleicht schon zu spät! Sie nehmen Alle! Jauchzende Freude, überquellender Jubel herrscht im antisemitischen Blätterwald. Kein Luegersieg, keine Niederlage der ver" haßten Liberalen wurde noch je in so überschwänglichen Worten gepriesen, wie die Entdeckung, daß auch die „Ostdeutsche Rundschau" in die Pauschalwalhall eingegangen, ja, daß auch die Priester-Wotan's wohlgefälligen Auges auf wahrhafte Betheiligungsopfer blicken. Das ist ja eine Erscheinung, die dem Psychologen nicht fremd ist und bei einem anderen Gewerbe, das übrigens mit dem antisemitischen Journalismus manch' verwandten Zug ausweist, des Oefteren bereits beobachtet wurde: Prostitnirte lauern förmlich darauf, daß ein bisher unbescholtenes Mädchen sich dem Schandberuf zuwende und nunmehr vom Verluste ihrer Ehre leben wolle. Die Verganis haben' lange genug den Heilö-Wolf neidischen Blickes verfolgt. Der that so züchtig, so spröde, so verschämt. Wenn er den Verganis begegnete, so drückte er sich an die Mauer, um nur ja nicht ihren Arm zu streifen. Und kam auf die Berganis die Rede, so konnte er gar nicht Worte genug finden, des tugendhaften Ekels, des prüden Abscheues. Zwar sagt man: Gerade die Mädchen und Frauen, die selbst einen „Fleck auf der Ehr" haben, seien die strengsten Sittenrichterinnen. Aber das half den Berganis Nichts. Sie sagten zwar, der Heilü-Wolf sei nicht besser wie sie. Wenn es dunkel werde, gehe er selbst in die Corruptionslaube und lasse sich von de.n vielgeschmähten Drachen liebkosen und umarmen. Aber die Beweise fehlten. . . Diese Beweise sind jetzt zur Hand. Der Heilö-Wolf ist erwischt. Im „delit Flagrant", wie die französische Gesetzessprache sagt. S i e n e h m e n A l l e! Uns hat die Sache nicht überrascht. Wir waren auf Aehnliches gefaßt. Wir geben für die Wolf'sche Tugend niemals mehr, wie für das Bergani'sche Laster. Die Geschichte, wie der Teutone zuerst vor dem jüdisch-magyarischen Goldminenschwindrl warnt und dann seilenweis die Reclameprospecte abdruckt, hat uns nur erheitert. Sie bildet eine neue Erhärtung des alten Wahrspruches: „Sie nehmen Alle!" Die Kornblume — „riecht" ganz ebenso wie die weiße Nelke. Für Herrn Heilü-Wolf ist die Sache freilich bitter. Er anerkennt zwar keine Ausnahmsjuden, dafür aber A u snahmsantisemiten. Und das muß er schon aus dem Grund, weil er alle Antisemiten außer seiner eigenen Persönlichkeit für Haderlumpen erklärt. Für Bergani handelt es sich nun, nachzuweisen, daß der Heilö- Wolf kein Ausnahmsantisemit sei, und den Beweis dafür findet er durch die Goldminengeschichte erbracht. Herr Wolf aber kämpft die Tentoburgerschlacht für fein Ausnahms-Antisemitenthum. Er findet eine Menge Gründe dafür, daß er in die Goldminen hineinsteigen mußte, freilich Gründe, die sich viel kürzer mit den Worten ausdrücken lassen, die wir diesen Zeilen vorausgesetzt hadert: Sie nehmen Alle! Die Vertheidigung des Heilü-Wolf ist so köstlich, daß wir sie wenigstens auszugsweise an diese Stelle setzen wollen. Sie spricht ganze Bände. „Auf Unterzeichnete Anfragen. Nicht zu unserer Vertheidigung — denn wir haben nichts zu wntheidigen — sondern zu Ihrer Aufklärung und Beruhigung diene Ihnen Folgendes: Die Ankündigung des Prospectes der siebenbürgischen Goldminen-Actiengesellschaft „Fortuna" wurde von uns erst ausgenommen, als das betreffende Vermittlungsgeschäft auf unsere Anfrage erklärte, daß auch dieübrigenantisemitischenBlätter diese Ankündigung bringen würden. Thatsächlich ist der Prospekt in einigen, wenn auch nicht in allen antisemitischen Wiener Blättern erschienen. Obwohl man nun der Ansicht sein sollte, daß dieser Umstand die Aufnahme auch in unser Blatt rechtfertigen müsse, hätte uns die Auskunft, das Inserat würde auch in anderen antisemitischen Blättern erscheinen, nicht genügt. Die christlich-sociale Presse ist, wie ihre wiederholten Judeninserate beweisen, in dieser Hinsicht längst nicht mehr vertrauenswürdig genug, und mit Rücksicht darauf, sowie ausgehend von üem landläufigen Mißtrauen, das man Actiengesellschasten zur Ausbeutung von Goldminen stets entgegenbringt, hatten wir auch zwei Tage vor der Aufnahme des Inserates dieses Mißtrauen gegenüber der „Fortuna" in der Rubrik „Volkswirthschaft" durch ironische Bemerkungen über die „Der. meintlidj jüdisch-magyarischen" Verheißungen des Prospectes Ausdruck gegeben. Der Hinweis aus die anderen antisemitischen Blätter wäre deshalb, wie gesagt, durchaus kein triftiger Grund gewesen, das Inserat anfzunehmen. Wir folgten deshalb anderen Stimmen und Erwägungen, die sich nach der Kundgabe unseres