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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-25 · 52 (25.12.1896) · page 22

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Seite 1046 Nr. 62 Dr. Vlorh's Wochenschrift. Savoyen,. dem Papst, den Malteserrittern stets erklärt habe, daß sie auf Grund der Verträge mit der Türkei die Juden gut behandeln müsse.*) So wurde der judenfeindliche Antrag Cavalli's zum Theil aus Rücksicht aufdie judenfreundliche Türkei abgclehnt. Auch in Wien waren in vergangener Zeit die türkischen Juden viel besser gestellt als die einheimischen. Man wird demnach nicht bestreiten dürfen, daß die europäischen Staaten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert von der Türkei Toleranz lernen konnten. Manche könnten's noch jetzt. Eine Galerie berühmter Antisemiten. (Bericht aus Deutschland.) Noch immer bildet der Sensationsproceß Leckert- L ü tz o w das allgemeine Tagesgespräch und bietet dem Volke Stoff zu allerhand Betrachtungen. Es hat in der That in den letzten Jahren selten einen Proceß gegeben, der eine so gewaltige politische Bedeutung hätte. Nicht in der Verurteilung der herzlich unbedeutenden und moralisch verkommenen Journalisten liegt der Schwerpunkt des eben vollendeten forensischen Dramas. Wer nur einmal hinter die Coulissen der Blätterwelt geschaut hat, der weiß, wie viele verfehlte Existenzen sich die Presse zu ihrer Domäne erkoren haben. Bismarck hat einmal gesagt: „Journalisten sind Leute, die ihren Beruf verfehlt hätten." Das ist wohl falsch, denn im modernen Leben sind die Journalisten vielleicht nöthiger als die Diplomaten. Wahr aber ist es. daß sich auf keinem Gebiete so viele zweifelhafte Gestalten herumtummeln, wie auf dem der Presse. Hätte Gustav Freytag seine „Journalisten" heute geschrieben, so brauchte er wahrlich der tragikomischen Figur des Schmock keine lange Nase und keinen jüdischen Anstrich zu geben, er könnte sie als echt arische und sogar ahnenreiche adlige Person zeichnen. Nein, diese Enthüllungen aus der sogenannten Schriftstellerwelt überraschen uns nicht. Um zu zeigen, wie sensationslustig unsere nervös überreizte moderne Welt ist und wie sehr gewisse Geister bemüht sind, diesem niedrigen Triebe Rechnung zu tragen, — dazu bedurfte es keines so kostspieligen gerichtlichen Apparats. Allein die grellen Streiflichter, die dieser Proceß auf unsere zerfahrenen, traurigen Zeitverhältnisse wirft, werden für den Culturhistoriker der Zukunft von unschätzbarem Werthe sein. Wer Augen hat, zu sehen, der hat nun gesehen, wie morsch und krank Manches in: modernen Leben ist und aus welcher Quelle dieses moralische Siechthum stammt. Der Staat hat keine besondere Ursache, auf den Ausgang dieser Gerichtsverhandlung stolz zu sein. Es ist wahr, das äußere Reichsamt steht jetzt rein da und sein Leiter, Freiherr v. Marsch all, der vor den Jntriguen der Dunkelmänner sich in die Oeffentlichkeit flüchten mußte, hat sick als echter Ritter erwiesen, als ein Mann von vornehmer Gesinnung, von hoher Klugheit und zielbewußter Thatkraft. Das geflügelte Wort von der „Nebenregierung", das vornehmlich von den Antisemiten und Agrariern mit so viel Geheimthuerei gebraucht worden ist, war nichts weiter als eine ftivole Phrase. Das ist wohl das erfteulichste Moment in der langen Gerichtsverhandlung, erfreulich für den Staatssecretär, aber nicht für den Staat. Dean mit dieser Entlastung des Auswärtigen Amtes ist die tragische Verwickelung einer andern Behörde verbunden, die uns eine eiternde Wunde am Staatskörper zeigt. Die politische Polizei ist furchtbar compromittirt, und das Deutsche Reich ist jetzt in der Lage eines Vaters, der die Ehre seiner Tochter auf Kosten seines Sohnes gerettet hat. Der Proceß war reich an Ueberraschungen und ein Zeuge, ein Staatsbeamter, wurde plötzlich zum Hauptangeklagten. Die traurigste Figur in diesem gerichtlichen Schauspiel ist der Polizeicommissär v. Tausch, ein genialer Jntriguant, wie er im Hofleben schlimmer kaum gedacht werden kann, ein Mann, dem jedes Mittel gut genug ist, um seine Ränke und Kabalen durchzuführen. Und dieser Mann, dessen Charakter Vielen seit Jahren bekannt geworden ist, genoß das grenzenlose Vertrauen der politischen Polizei und trieb sein Unwesen Jahre hindurch. Wer gibt uns den Schlüssel zu diesem Räthsel? Wer sind die Hintermänner dieses Helden? Wer hatte Freude an seinem *) Gli Ebrei in Venezia e nebe sue Colonie von Luigi Arnoldo Schlavi, in der Nuova Aritalogia vom 1. Oktober 1893. Treiben? Vorläufig rrcht ein Schleier darüber. Hoffen wir, daß der Meineids-Proceß v. Tausch, der sehr interessant zu werden verspricht, etwas Licht in diese Dunkelheit hineintragen wird. Die Geschichte verfährt manchmal wie eine schreibselige Dame, sie theilt das Wichtigste im Post scriptum mit. Die politischen Parteien lassen sich selbstverständlich die günstige Gelegenheit nicht rauben, ihre Weisheit zu verzapfen und von ihrem Parteistandpunkt die Moral der Geschichte zu ziehen. Schlimm aber ergeht es dabei den antisemitisch-agrarischen Elementen, die trotz aller Phrasen die erlittene Schmach nicht verschmerzen können. Vor Allem hat der Proceß gezeigt — was freilich für den Eingeweihten nie ein Geheimniß war —, daß die „Staatsbürger-Zeitung" und die „Deutsche Tageszeitung", also die antisemitischen Hauptorgane Deutschlands, es vornehmlich waren, die den tollsten Hetzartikeln gegen die Regierung ihre öden Spalten gern öffneten und bald versteckt, bald offen von der gefährlichen Nebenregieruüg fabelten. Das also ist der Patriotismus dieser Presse, die sich als die Hauptstütze des Staates und des Monarchen aufspielt und mit ihrer erheuchelten Königstreue hausiren geht. Dann aber tritt uns abermals die wunderliche Erscheinung entgegen, daß alle dunklen Ehrenmänner, die uns in diesem Processe vorgeführt wurden, mehr oder weniger mit dem antisemitischen Geist verschmolzen sind. Der Commissär v. Tausch, das dunkle Fragezeichen des Processes, ist ein Anhänger B i s m a r ck's, ein Feind C a pr i v i's und des neuen Curses, ein Reactionär vom reinsten Wasser. Das heißt bei uns in Deutschland nichts anderes als . er war ein tadelloser Antisemit im conservativen Sinne. Der Journalist Heinz Leckert, ein unreifer halbgebildeter Bursche mit einer großen Dosis Frechheit, galt als berufener antisemitischer „Schriftsteller". Freilich möchten ihn die Racenreinen jetzt zum „Halbjuden" stempeln, sein Antisemitismus steht aber außer allen: Zweifel. Er war zuerst Mitarbeiter der antisemitisch stark angehauchten „Deutschen Warte", dann schrieb er Theaterrecensionen für das Stöcker'sche „Volk" und stand in Beziehungen zu Herrn v. G e r l a ch und Herrn B o d e k. Auch der Zimmermann'schen „Deutschen Wacht" hat dieser verheißungsvolle Jüngling gute Dienste geleistet. Er ist also ein würdiger Vertreter der „guten Sache" gewesen. Eiic Consul Rens wurde ebenfalls als Vertrauensmann des Herrn v. Tausch genannt. Nun, dieser Mann war lange Jahre antisemitischer Agitator in Stettin und Pommern und erfreute sich der intimen Freundschaft des sattsam bekannten Herrn v. Langen. Er scheint jetzt allerdings bei den Parteiantisemiten in Ungnade gefallen zu sein, das ändert aber an seinen judenfeindlichem Bekenntnisse nichts. Wo gibt es überhaupt Antisemiten, die sich nicht schon einmal gerauft und gezankt hätten? Das geschieht ja Alles im Dienste der „heiligen Sache" und thut der schönen Harmonie keinen Abbruch. Der frühere Polizeispion S ch u m a n n-N o r m ann ist laut Aussage des Herrn Staatssekretärs v. Marsch all ein wunderlicher Heiliger. Dieser vielseitige Mann wurde im Aufträge der Geheimpolizei nach Leipzig geschickt, um die Bewegung der antisemitischen Partei zu überwachen. Und was that dieser saubere Herr? . Er schrieb selbst die antisemitischen Scandalartikel, deren Verfasser zu ermitteln er dann beauftragt wurde. Selbstverständlich haben seine Ermittelungen keinen Erfolg gehabt. Das Geschäft schien aber für ihm sehr einträglich zu sein, denn wie der „Hannoversche Courier" behauptet, soll jetzt dieser Herr Millionär sein. Charatteristisch ist auch die Rolle, die dieser Mann in dem Xantener Proceß gespielt hat. Wie der „Vorwärts" kategorisch behauptet und auch jederzeit eidlich und durch Zeugen zu beweisen sich bereit erklärt, weilte dieser N o r m a n n-S ch u m a n n im Juli 1892 unter dem Pseudonym Dr. M u n d t in Xanten. Er gab sich als Berichterstatter des „New-8)orker Herald" und der „Agenzia Stefani" aus und trat auch in Beziehung zu General von Waldersee. Er schrieb diesem einen Brief, der mit den Worten begann: „Hier gehen die unglaublichsten Dinge vor." Schon einige Monate vor dem Processe war er in Xanten bemüht, eine anttsemittsche Agitation einzuleiten und den Proceß in diesem Sinne auszubeuten.. Daß die Antisemiten sich eines solchen vielseitigen Agitators bedienten, ist uns erklärlich; er war ja der würdigste Vertreter dieser neuen Pseudomoral. Allein unbegreiflich ist es uns, wie sich eine politische Polizeibehörde mit solchen Leuten einlassen konnte, die doch nur dazu angethau sind, die Autorität der Regierung zu

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