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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-25 · 52 (25.12.1896) · page 21

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Nr. 52 Vr. Vwch's Wochenschrift. Seite 1045 Türken und Juden. , Die Staatsmänner und Voltsbeglücker Europas sind seit einiger Zeit auffallend human und zartfühlend geworden-, sie können die Bedrückung eines Volkes durch ein anderes, die willkürliche Behandlung von Unterthanen durch ihre Regierungen nicht mehr ertragen. Merkwürdigerweise äußert sich dieses arische Zartgefühl nur den Türken gegenüber. Bon der Ausbeutung Cubas und der Philippinnen durch die Spanier, von den Grausamkeiten, die dort begangen werden, von der Bedrückung der Inden in Rußland und Rumänien scheinen sie nichts zu wissen. Ihre ganze Sympathie gehört den Armeniern, dem schlauesten und geriebensten Volke des Orients, das stets ans seinen Vortheil bedacht, stets judenfeindlich war. Den Armeniern in der Türkei wird zwar noch nicht das Vermögen confiscirt, sie werden nicht en masse gehenkt oder ertränkt, wie es ein „Volksvertreter" wie Schneider ungestraft und ungerügt verlangen kann, daß es den Inden in Oesterreich geschehen soll; es kommt auch nicht vor, daß ein Bürgermeister von Constantinopel oder ein mohammedanischer Geistlicher öffentlich die Armenier beschimpft und verhöhnt; aber daran ist nur die türkische Verfassung schuld, welche solche Freiheit des Wortes nicht gestattet. Oder vielleicht finden sich unter den barbarischen Türken, unter den Ulema, Muftis, Mollas und Kadis keine so xdlen Seelen wie die Scheicher, Decker, Schneider und Lueger. Indessen haben sich die Armenier doch über manche Bedrückung zu beklagen — kommt es doch mitunter vor, daß ein Armenier oder ein Grieche von der türkischen Regierung zum Finanzminister, zum Gouverneur oder Gesandten ernannt wird. Ueber solche Rechtsverletzungen haben sich die Juden in Preußen, Oesterreich und Rußland nie zu beklagen gehabt. Ueberhaupt ist es merkwürdig, wie jetzt überall die Türken als intolerant verschrieen werden, während sie in früheren Jahrhunderten viel toleranter als die Christen waren. Ja, man könnte fast sagen, daß diese von den Türken die Toleranz gegen Juden gelernt haben. Während jetzt die Flotten der europäischen ^Mächte aufgeboten werden, um die Tiirkei zu zwinge», ihre christlichen Unterthanen besser zu behandeln als die Juden in manchen christlichen Staaten behandelt werden, war es vor drei Jahrhunderten die türkische Flotte, welche mit ihren Kanonen einem christlichen Fürsten Gewissensfreiheit predigte und einen Mortara-Fall verhinderte. Im Jahre 1543 befand sich die Türkei im Kriege mit Spanien und eine türkische Flotte unter dem Commando des Admirals Chaireddin Barbarossa kreuzte im Mittelländischen Meer. Eines schönen Tages erschien sie an der Küste des Fürstenthums Piombino und drohte, die Stadt'und die Insel Elba mit Feuer und Schwert heimzusuchen, wenn man nicht einen Judenknaben sreigeben würde, den sein Vater, ein Capitän in türkischen Diensten, dort zurückgelassen hatte. Der Fürst von Piombino antwortete, er werde trachten, den Knaben herbeiznschaffen, wenn Barbarossa verspreche, seine Staaten zu schonen. Der Türke leistete das Versprechen und segelte weiter nach Corsica und Marseille. Im nächsten Jahre erschien er wieder vor Piombino und verlangte, der Fürst solle nun auch seinerseits das Versprechen halten und den Judenknaben ausliesern, erhielt aber zur Antwort, der Knabe sei inzwischen getauft worden und die christliche Religion verbiete seine Auslieferung an den jüdischen Vater. Barbarossa wollte sich nicht in religiöse Disputationen einlassen, sondern ließ eine Schaar Türken landen, welche weit und breit plünderten und verwüsteten. Da sah der Fürst von Piombino ein, daß es sich nicht lohne, wegen eines frisch getauften Judenknaben so viel alte Christen ruiniren zu lassen und ging einen Vergleich mit Barbarossa ein. Der Judenknabe sollte ausgeliefert werden, wenn der Admiral dagegen alle auf seiner Flotte und sonst in der Türkei in der Sclaverei befindlichen Piombinen freizugeben und den Staat Piombino ferner in Ruhe zu lassen versprechen würde. Der türkische Admiral leistete das Versprechen, das er dann auch pünktlich gehalten hat, und der Kleine Judeujunge wurde reich gekleidet auf das Admiralschiff gebracht. Dort wurde er mit großem Jubel und Freudensalven empfangen, und dann zu seinem Vater, der im Rothen Meer aus der türkischen Flotte diente, zurückgeschickt. Auch Sultan Bajazet beschützte stets die Juden und sagte einmal den venetianischen Gesandten Andrea Gritti, er begreife es nicht, wie man den König Ferdinand von Spanien für einen klugen Monarchen halten könne, habe er doch die Juden aus seinem Lande vertrieben, obwohl er sie als ge schickt, fleißig und wohlhabend kannte; er habe damit nur sich geschadet und anderen Staaten Vortheil verschafft. Unter den italienischen Staaten war es die venetianische Republik, welche die Juden verhältnißmüßig am mildesten behandelte. Merkwürdigerweise war es gerade diese Republik von Kauslenten und Industriellen, welche die jüdische Concurrenz am wenigsten fürchtete, ja sogar die Thätigkeit der Juden für dem Staate nützlich hielt. Indessen mitunter siegte auch in Venedig der Fanatismus über die Politik und das Staatsinteresse. So geschah es nach dem großen Siege der vereinigten venetianischspanisch-päpstlichen Flotte über die türkische bei Lepanto im Jahre 1571. Da beschloß der Senat zur Feier des Sieges und um Gott seine Dankbarkeit zu bezeugen, alle Juden, die man auch für türkenfreundlich hielt, auszutreiben. Allein den Juden war vertragsmäßig der Aufenthalt in Venedig für eine bestimmte Anzahl von Jahren zugesichert worden, was man die Condotta nannte, und die Benetianer als ehrliche Kausleute wollten mit der Ausführung des Austreibungsbeschlusses bis zum Ablauf des Vertrages warten. Inzwischen veränderten sich aber die Umstände. Schon vor dem großen Siege bei Lepanto war es zwischen den christlichen Verbündeten zu Streitigkeiten gekommen und diese nahmen nach dem Siege noch zu. Endlich wurden die Beuetiauer von den Spaniern ganz im Stiche gelassen und mußten a tont prix mit den Türken (am 7. März 1573) Frieden schließen, unter Vermittlung des das Vertrauen des Grvßveziers genießenden —■ jüdischen Arztes Salvmon Aschkenasy. Venedig verzichtete aus die Insel Cypern und zahlte der Türkei 300.000 Ducaten Kriegsentschädigung. Es war ein Frieden, als ob nicht die Christen, sondern die Türken den großen Sieg bei Lepanto erfochten hätten, bemerkt der Geschichtschreiber Venedigs?) Da sahen denn die Benetianer em, daß die Vertreibung der Juden wohl keine besonders gottgefällige Maßregel sein müsse und der Senat beschloß am 7. Juli 1573, den früheren Ausweisungsbeschluß „auszuheben und zu annulliren, so daß er als gar nicht existirend betrachtet werden sollte." Ein Jahrhundert später >1670) wurde die Austreibung der Juden aus Wien decretirt ititb auch durchgesührt. Einige Jahre später wüthete in Wien die große Pest, bei der 50.000 Menschen umgekommen sein sollen, und dann kam die Roth der Belagerung durch die Türken im Jahre 1083. Das Alles haben die Juden in Folge der Vertreibung nicht mitgemacht. Man konnte sie weder der Brunnenvergiftung noch des Einverständnisses mit den Türken beschuldigen. Aber im Jahre 1698 erfolgte in Venedig wieder ein Angriff ans die Juden. Von Austreibung war freilich keine Rede, es handelte sich nur darum, eine ihnen früher ertheilte Concession zurückzuuehmeu. Der allgemeine Rückgang des Handels, sowie die Auswanderung vieler Juden aus Venedig nach Toscana, wohin sie der Großherzog unter günstigen Bedingungen eingeladen hatte, veraulaßteu die Regierung, im Jahre 167!) den Juden den Seehandel nach der Levante und die Rhederei zu gestatten, was ihnen, sowie manchen andern Unterthanen der Republik bis dahin verboten gewesen war. Die Juden machten von der Erlaubniß gern Gebrauch und der Handel belebte sich wieder. Es gab Inden, wie Aaron Usiel, Abraham Franco, Minerbi, Levi und Andere, welche mehrere, manche sogar sechs Schiffe gleichzeitig in See hatten. Dies erregte natürlich bald den Neid, und im Jahre 1698 beantragte Marino Cavalli im Senat, den Juden den Seehandel wieder zu verbieten. Sein Antrag wurde vom Senator Giovanni Dona in wirksamer Weise bekämpft. Unter den von ihm gegen Cavalli angeführten Argumenten ist die Rücksicht aus die Türkei das jetzt für uns Bemerkenswertheste. Er wies nach, daß man die Juden nicht hindern könnte, den Seehandel unter türkischer Flagge oder unter Namen von Türken zn betreiben. Auch müsse mall bedenken, daß viele in Venedig wohnende Juden türkische Unterthanen seien, würde man diesen den Handel verbieteir oder gar sie ausweisen, so würde die Türkei es sich nicht gefallen lassen, denn es wäre dies eine offenbare Verletzung der Verträge. Dona setzte den Schaden auseinander, den die Republik durch diese Beschränkung des Handels erleiden würde, den Entgang an Zöllen u. s. w. Schließlich erinnerte er daran, wie die Republik in allen ihren Verträgen mit dem Herzog von *) Siehe Romani», Storia documentata di Venezia VI, 339

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