Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1042 Dr. Vlmtz's Wochenschrift. Nr. 52 auf den Vorsteher der Aeltesten gerichtet war, an dessen linker Seite er in seinem argumentativen Borrücken angelangt war. „Erstens ist er nicht einer von den Unserigen. Sein Wunsch, sich uns anzuschließen, ist ein Compliment für uns. Wenn Jemand Euere Traditionen verletzt, so ist es meine Tochter. Aber sie ist kein Mann, wie der erwähnte Schatzmeister; sie ist auch nicht thätig vorgegangen, sie hat nicht absichtlich einen Tedesco gewählt, sondern ist von ihm gewählt worden. Euere männlichen Präcedenzfälle können ihr also nichts anhaben." „Aber wir können Euch Etwas anhaben", sagte der gegenwärtige Schatzmeister mit einem grimmigen Auflachen. Er saß Manasse gegenüber, nächst dem Kanzler. „Ihr denkt wohl an Geldstrafen?", sagte Manasse, ihm über den Tisch einen verächtlichen Blick zuwerfend. „Schön, so legt mir eine aus — wenn Ihr Euch den Luxus gönnen könnt. Ihr vergeht, ich bin ein Gelehrter, ein Sohn der Thora, der keine anderen Einnahmen besitzt, als was Ihr ihm gebt. Wenn Ihr diese Geldstrafe zahlen wollt, so ist das Eure Sache, in der Armencasse ist immer Platz. Ich freue mich immer, wenn ich von Geldbußen höre. Meine Herren, es wäre besser, wenn Ihr Euch in das Unvermeidliche schicken wolltet — muß ich es nicht auch thun? Es gibt keine A s c a m a, um meinem Schwiegersöhne alle gewöhnlichen Privilegien vorzuenthalten. In der That, eigentlich kam ich nur her, um Euch zu bitten, ihn am Sabbath vor seiner Hochzeit zur Thora aufzurnfen. Nach Abschnitt III, Paragraph 1 seid Ihr ermächtigt, Jeden zuzulassen, der im Begriffe steht, die Tochter eines Jachid zu heiraten." „Abermals ertönte das klangvolle Portugiesisch und überschauerte die Räthe mit all dem Grauen alter, in einer unverständlichen Sprache abgefaßter Statuten. Erst ein Vierteljahr- Hundert später wurden die A s c a m o t ins Englische übersetzt, und von diesem Augenblick an war ihre Autorität dem Tode verfallen. Der Kanzler war der Erste, der sich von dem Citate erholte. Die tägliche Berührung mit diesen veralteten Heiligthümern hatte ihr Grauen abgeschwächt, und die ohnmächtige Gereiztheit des Präsidenten spornte ihn zum Handeln an. „Aber Ihr seid kein Jachid", sprach er ruhig, „Nach Paragraph V desselben Abschnittes hört Jeder, dessen Name auf der Armenliste erscheint, auf, ein Jachid zu sein." „Ein schönes Gesetz", sagte Manasse ironisch. „Ein jeder darf abstimmen, nur der Schnorrer nicht", und den Kanzler völlig iguorireud, ben'erkte er vertraulich zu dem Vorsteher der Aeltesten, an dessen Seite er sich noch befand: „Es ist sonderbar, wie wenige unter Euch Aeltesten einsehen, daß die Almosenempfänger die Säulen der Synagoge sind. Was hält Euere Gemeinde zusammen? Geldstrafen. Was sichert den Nespect vor der Verfassung? Geldstrafen. Was bewegt Jeden, seine Pflicht zu thun? Geldstrafen. Was regiert selbst den Machamad? Geldstrafen. Und die Armen sind es, die für all' dieses Geld einen Ausfluß bieten. Bei Gott, glaubt Ihr, daß Eure Mitglieder auch nur einen Augenblick Eure ©trafen dulden würden, wenn sie nicht wüßten, daß das Geld in Gutthaten angelegt wird? „Wohlthätigkeit ist das Salz der Reichthümer", sagt der Talmud, und in der That, es ist das Salz, das unsere Gemeinde conservirt." „Genug, Herr! Genug"! schrie der Vorsitzende, alle Rücksicht für jene ernste Würde der alten Rathsstnbe vergessend, die Manasse nach Möglichkeit aufrecht zu erhalten suchte. „Vergeßt Ihr, zu wem Ihr sprecht?" „Ich spreche zu dem Vorsteher der Aeltesten", sagte Manasse in verletztem Tone. „Wenn Ihr jedoch wollt, daß ich mich an Euch wende —" und um den Vorsteher der Aeltesten eine Schwenkung beschreibend, landete er mit seinem Stuhle nächst dem des Vorsitzenden. „Still, Mensch"! donnerte der Vorsitzende, krampfhaft vor seiner vertraulichen Berührung zurückschreckend. „Ihr habt gar kein Recht auf eine Stimme! Wie der Kanzler uns soeben aufmerksam machte, sei Ihr nicht einmal ein I a ch i d, ein Gemeindemitglied." „Dann hat das Gesetz auch keine Anwendung auf mich", entgegnete der Bettler ruhig. „Nur einem Jachid, der zu Diesem und Jenem Vorrechte hat, darf Dieses oder Jenes verboten werden. Keine A s c a m a erwähnt des Schnorrers oder gibt Euch Gewalt über ihn." „Im Gegentheil. Er ist verpflichtet, dem Wochentagsgottesdienste beizuwohnen", sagte der Kanzler, der sah, daß der Präsident wieder außer Fassung gerieth. „Aber dieser Mann thut dies nur selten, Ihr Herren." „Ich thue es n i e", verbesserte Manasse mit rührender Trauer. „Das ist wieder eines der Vorrechte, auf die ich um Euer Almosen willen verzichten muß; ich darf es nicht wagen, vor meinem Schöpfer im Lichte eines Söldlings zu erscheinen." „Und was hindert Euch, die Wacht auf dem Friedhof zu übernehmen, wenn die Reihe an Euch kommt?" höhnte der Kanzler. Die Gegner waren nun dicht aufeinander gerathen; sie befanden sich zu beiden Seiten des Vorsitzenden des Machamad's, der zwischen den zwei höhnenden, streitenden Gestalten eingekeilt war; seine Hautfarbe wurde jeden Augenblick schwärzer und seine Finger zuckten nervös. „Was mich hindert"? antwortete Manasse. „Mein Alter. Es wäre eine Sünde gegen den Himmel, auch nur eine Nacht auf dem Friedhof zu verbringen. Aber ich thue meine Pflicht; ich bezahle stets einen Ersatzmann." „Das will ich glauben", sagte der Schätzmeister. „Ich erinnere mich, daß Ihr mich um Geld batet, um einen alten Mann vor dem Friedhof zu bewahren. Jetzt verstehe ich, was Ihr daniit meintet." „Ja", sielen zwei andere Räthe ein, „und ich —" „Ruhe, meine Herren, Ruhe"! fiel der Präsident verzweifelt ein, denn der Nachmittag ging zu Ende, die Sonne senkte sich, und die Schatten des Zwielichts begannen zu fallen. „Ihr dürft Euch mit dem Manne in keinen Streit einlassen. Hört, mein Lieber, wir weigern uns, dieser Heirat unsere Sanction zu geben; sie wird nicht von unserem Prediger vollzogen werden, auch denken wir nicht im Traume daran, Euren Schwiegersohn als Jachid auszunehmen." „Dann läßt Ihn in die Armenliste aufnehmen", sagte Manasse. „Es ist viel wahrscheinlicher, daß wir Euch davon streichen werden! Bei Gott"! schrie der Präsident, indem er mit der ganzen Faust auf den Tisch schlug. „Wenn Ihr diesem Scandal nicht sofort ein Ende macht, werdet Ihr es bereuen." „Droht Ihr mir mit dem Bann"? sagte Manasse, indem er sich erhob. In seinem Auge funkelte ein drohender Ausdruck. „Dieser Scandal muß ein Ende haben", wiederholte der Vorsitzende, sich in seiner Aufregung unwillkürlich gleichfalls erhebend. „Jedes Mitglied des Machamad könnte ihm im Nn ein Ende machen", sagte Manasse. „Ihr selbst, wenn Ihr nur wolltet." „Wenn ich nur wollte", wiederholte der Vorsitzende in fragendem Tone. „Wenn Ihr meine Tochter nur wolltet. Seid Ihr nicht ein Junggeselle? Ich bin überzeugt, sie könnte Keinem der Anwesenden Nein sagen — außer dem Kanzler. Aber Keiner von Euch hat den wirklich guten Willen, die Gemeinde vor diesem Scandal zu retten, und daher muß meine Tochter heiraten, so gut es geht. Und doch würde dieses schöne Geschöpf selbst einem Hause in Hacknay keine Schande machen." Manasse sprach so ernsthaft, daß der Vorsitzende noch mehr schäumte. „Wenn sie diesen Polen heiratet, so seid Ihr aus Leben und Tod von uns geschieden"! tobte er. „Solange Ihr lebt, werdet Ihr außerhalb unserer Mauern beten müssen, und wenn Ihr todt seid, werdet Ihr „hinter den Brettern" begraben werden." „Ja, so geht es", sprach Manasse in ominösem Selbstgespräch. „Der Arme wird in den Bann gethan, der Reiche bekommt die Erlaubniß, die T o d e s c o seiner Wahl zu heiraten." „Hinaus, Mensch!" brüllte der Vorsitzende. „Ihr habt nun unser Ultimatum gehört." Aber Manasse ließ den Muth nicht sinken. „Und Ihr sollt das meinige hören", sagte er mit einer Ruhe, die im Gegensätze zu der Wuth des Vorsitzenden noch eindrucksvoller war. „Herr Präsident, vergeßt nicht, daß Ihr und ich derselben Brüderschaft Gehorsam schuldig sind. Vergeßt nicht, daß die Macht, die Euch geschaffen hat, Euch bei der nächsten Wahl zu Nichte machen kann; vergeßt nicht, daß ich einen riesigen Einfluß habe, wenn ich auch keine Stimme besitze; daß es keinen Jachid gibt, den ich nicht wöchentlich besuche; daß es keinen Schnorrer gibt, der mir nicht in die Verbannung folgen wird. Vergeßt nicht, daß es noch eine andere Gemeinde gibt, der mgn sich zuwenden kann —