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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-25 · 52 (25.12.1896) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 52 Seite 1041 Br. Vloch's Wochenschrift London. Ihre königliche Hoheit die Herzogin von Alba n y wird die neuen Schulgebäude, welche von der spanisch-portugiesischen Gemeinde errichtet worden sind, eröffnen. Die Herzogin hat an. Sir Edward Sassoon einen Brief gerichtet, in welchem sie ihm mittheilt, daß sie mit Vergnügen dieses Amt übernimmt. Feuilleton. Der König der Schnorrer. Von I. Z a n g w i l l. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Das pathetische Zittern seiner Stiinme erregte in den Herzen der Räthe ein unklares Gefühl von Unrecht und Ungerechtigkeit. Der Vorsitzende hatte die unbestimmte Empfindung, daß feinem bevorstehenden, eindrucksvollen Verweise die Spitze abgebrochen sei — ja sogar, daß er statt dessen selber einen Verweis bekommen hätte. Gereizt wandte er sich zum Kanzler und hieß ihn schweigen. „Er meint es ja gut", sagte Manasse entschuldigend. „Man kann doch nicht erwarten daß er die feinen Gefühle der edlen Herren des Machamad haben soll." „Darf ich Euch bitten, Herr, mir bekannt zu geben, weswegen Ihr mich vorgeladen habt?" fuhr er fort. „Ich habe noch einige Kunden zu besuchen". Die diamailtengeschmückten Finger des Vorsitzenden begannen wieder ihr übellauniges Trommeln auf dem Tische; er schäumte innerlich vor vereitelter Wnth, vor gerechter Empörung, die diese Worte ungerecht erscheinen ließen. , Herr!" brach er endlich mit dem schrecklichsten Tone los, über den er unter den Umstünden verfügen konnte. „Ist es wahr, daß Ihr daran denkt, Euere Tochter mit einem polnischen Inden zu verheiraten?" „Nein", antwortete Manasse kurz. „Nein" ' wiederholte der Vorsitzende, während bei diesem nuerwarteten Zusammenfällen der ganzen Angelegenheit ein Murmeln des Erstaunens um den Tisch lief. „Was? Euere Tochter selbst hat es ja meiner Frau gesagt", sprach der Rath, der zur Rechten Manasse's saß. Manasse wandte sich zu ihm, indem er seinen Stuhl sammt seinem Körper zu ihm hinüberneigte. „Meine Tochter wird einen polnischen Inden heiraten, aber ich denke nicht daran, sie ihm zu geben", sagte er, argumentativ den Zeigefinger erhebend. „Oh, Ihr verweigert also Euere Einwilligung?" erklärte der Rath, seinen Stuhl zurückschiebend, um die zunehmende Nähe de«? Bettlers zu vermeiden. „Durchaus nicht", antwortete Manasse in überraschtem Tone, während er seinen Stuhl wieder näher rückte. „Ich habe bereits eingewilligt. Ich denke nicht ans Einwilligen. Diese Worte deuten auf Unschlüssigkeit hin." „Keine Witze, Mensch!" rief der Vorsitzende, während Scharlachröthe sein Gesicht überzog. „Wißt Ihr nicht, daß eine solche Verbindung für Euch. Euere Tochter und die Gemeinde, die so viel für Euch gethan hat, entehrend und erniedrigend ist? Was! Eine Sephardi einen Tedeseo heiraten! Schmachvoll!" „Glaubt Ihr, daß ich die Schmach uicht ebeufo tief empfinde, wie Ihr?" fragte Manasse mit unendlichem Pathos. „Glaubt Ihr, Ihr Herren, daß ich durch diese Liebe. eines Tedeseo zu meiner Tochter nicht gelitten habe? Ich kam her, Mitgefühl von Euch erwartend, und Ihr macht mir Vorwürfe? Herr, vielleicht glaubt Ihr —" hier wendete er sich zu seinem rechten Nachbar, der in feinem ängstlichen Bestreben, die gefährliche Nähe zu vermeiden, seinen Stuhl halb umgedreht hatte und somit den argumentativ erhobenen Zeigefinger nur den Rücken bot — „vielleicht glaubt Ihr, daß ich, weil ich meine Einwilligung gegeben habe, nicht mit Euch mitfühlen kann, daß ich nicht gleich Euch diesen Fleck auf unseren gemeinsamen Wappen beklage; vielleicht glaubt Ihr —" hier rückte er geschickt feinen Stuhl auf die andere Seite des Rathes, ihn derart wie ein Cap umsegelnd — „vielleicht glaubt Ihr, daß ich, weil Ihr mit meiner Prüfung kein Mitgefühl habt, auch keines für Euere habe? Nein, wenn ich einwilligen konnte, so geschah das nur, weil es das beste war, was ich für meine Tochter thuu konnte. In meinem innersten Herzen habe ich sie verstoßen, so daß sie eigentlich als Waise gelten kann und somit völlig geeignet ist, die Heiratsstiftung zu erhalten, die Rodriguez Real — Friede sei mit ihm! — hinterlassen hat." „Herr, da gibt es nichts zu lachen!" donnerte der Vorsitzende. Er vergaß seine Würde, da er allzuviel an sie dachte. „In der That" antwortete Manasse theiluahmsvoll, indem er sich nach rechts schob, so daß er dem Vorsitzenden^ gegenüber saß, der stürmisch fortfuhr: „Herr, kennt Ihr die Strafen, denen Ihr Euch anssetzt, wenn Ihr auf Euerer Absicht beharrt?" „Ich setze mich keinen Strafen aus" entgegnete der Bettler. „So glaubt Ihr also, daß Jeder ungestraft unsere alten A s c a m o t s mit Füßen treten darf?" „Unsere alten Ascamot?" wiederholte Manasse überrascht. „Was haben die dagegen einznwenden, wenn eine Sephardi einen Tedeseo heiratet?" Die Kühnheit der Frage machte den Rath sprachlos. Manasse mußte sie selbst beantworten' „Sie haben gar nichts dagegen einznwenden. Es gibt keine solche A s c a m a." _ _ . . . Einen Augenblick herrschte ein furchtbares Stillschweigen. Es war gerade so, als hätte er die zehn Gebote verleugnet. „Ihr stellt also das erste Prineip unserer Verfassung in Frage?" sprach der Vorsitzende endlich in leisem, unheildrohenden Ton. „Leugnet Ihr, daß Euere Tochter eine Verrätherin ist? Leugnet Ihr?" „Fragt Eueren Kanzler", fiel Manasse ruhig ein. „Er ist ein A m höre tz, aber die Statuten sollte er kennen; er wird Euch sagen, daß das, was meine Tochter thut, nirgends verboten ist." „Still, Herr!", rief der Vorsitzende gereizt. „Herr Kanzler, lest die Ascama vor." Der Kanzler, abwechselnd roth und bleich werdend, rutschte auf seinem Sessel herum. Aller Augen waren in angstvoller Erwartung auf ihn gerichtet. Er stieß ein „Hm!" und ein „Ha!" aus, hüstelte, schnupfte und schneuzte sich sorgfältig. „Es — es gibt dafür — kei—keine ausdrückliche Ascam a," stotterte er endlich. Manasse saß in besck eidenem Triumphe ruhig da. Der Rath, der nun sein rechter Nachbar geworden, war der erste, der das betäubte Stillschweigen brach. Er mischte sich heute zum ersten Male ein. „Natürlich ist dergleichen nie niedergeschrieben worden," sprach er iit strengem, vorwurfsvollen Ton. „Es brauchte nie ein Gesetz dagegen gemacht werden, weil man es nie für möglich hielt. Solche Dinge gibt jedem vernünftigen Sephardim das Gefühl ein. Haben wir ein Gesetz gegen Ehen mit Christen gemacht?" Manasse wendete um einen halben Compaßstrich und durchbohrte den neuen Gegner mit dem argumentativ erhobenen Zeigefinger. „Gewiß haben wir das!", antwortete er unerwartet. „Abschnitt XX, Paragraph 2.“ Er citirte die Ascama auswendig; das tönende Portugiesisch klang wie eine feierliche Anklage. „Wenn unsere Gesetzgeber die Absicht gehabt hätten, Mischehen mit der deutschen Gemeinde zu verbieten, würden sie es verboten haben." „Das mündliche Gesetz ist ebenso gut, wie das geschriebene!", rief der Kanzler, sich fassend. „So ist es in unserer heiligen Religion, und so ist es in unserer Verfassung." „Gewiß! Es gibt Präcedenzfälle". rief der Vorsitzende eifrig. „Wir haben den Fall eines unserer Schatzmeister zur Zeit Georg II.", sagte der kleine Kanzler, unter dem Sonnenscheine der Ermuthigung des Vorsitzenden wieder aufblühend. Er nannte den Namen des Vorfahren einer heutigen Herzogin. „Er wollte eine deutsche Jüdin heiraten." „Und es wurde ihm untersagt", fügte der Vorsitzende hinzu. „Hm!" hüstelte der Kanzler. „Er durfte sie nur unter demüthigenden Bedingungen heiraten — die Aeltesten verboten die Anwesenheit der Mitglieder des Gerichtshofes oder der Cantoren. In der Synagoge durfte keine Feierlichkeit stattfinden; für das Wohl des Bräutigams durfte kein Segensspruch gesagt werden, auch sollte er nie mehr als Bräutigam zur Thora aufgerufen werden." „Aber meinem Schwiegersöhne werden die Aeltesten keine solchen Bedingungen auferlegen", sagte Manasse, indem er um einen anderen Stuhl herumsegelte, so daß sein Zeigefinger jetzt

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