Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 1038 Dr Vloch's Wortzensttzrist Nr. 52 Jude, als Mancher, der sich für „orthodox", das heißt recht- I gläubig hält, der aber vergißt, daß seine Frömmigkeit blos minutiöses Ausüben aller Ceremonien ist. Ihm empfehlen wir die Lectüre eines Artikels von Dr. L. B. in der jüngsten Nummer der jüdischen „Chronik" und er wird genauer wissen, ob er orthodox, das heißt fromm, oder ceremoniös sei. Der Jude, wie Dr. Stern ihn darstellt, ist vielleicht näher daran, den echten Ring, von dem uns Lessing's „Nathan" berichtet, für sein Eigengenthum, in Anspruch zu nehmen, als der verhüllte „Einsender" der ihn discreditiren möchte. Jeder Bahnbrecher hat zu kämpfen, und wie es scheint, der des Judenthums am allermeisten. Ansichten und Ideen, wie Dr. Stern sie vertritt und entwickelt, bedürfen ein Publicum von denkenden Menschen mit echter Geistes- und Herzensbildung, Menschen, welche Liebe für ihre Religion, für das Judenthum haben — nicht nur Ereiferung, oder Gleichgiltigkeit. So weit sind wir Juden aber noch nicht, wir sind noch nicht reif dazu. Allein, sagen sollte sich ein Jeder von uns, daß ein verjüngtes Israel doch dereinst, wie der Phönix aus der Asche, aus den vielen Anhängseln, die seine göttliche Wahrheit verhüllen, entstehen muß. Deshalb soll mau nicht rücksichtslos verdammen, wo ein solcher Trieb emporkeimt, der sich ja ganz andere Dinge zum Ziel setzt als das „Orgelspiel und Trefe-Essen". Bon unserer Stammutter Sarah erzählt die Bibel, daß sie in ihrem Alter noch einen Sohn gebar, der die Freude und der Trost ihres Alters ward, durch den das alte Elternpaar gleichsam verjüngt wurde. Ist nicht das Judenthum selbst mit der Sarah zu vergleichen, trägt es, trotz seines Alters nicht noch die Fruchtbarkeit in sich? Weshalb also sollten wir den frischen, freudigen Quell, der es verjüngen will, verjüngen aus Liebe zur alten Religion der Väter, weshalb sollten wir ihn verurtheilen, ihm Berechtigung absprechen? — Und ein Frevel ist es sozusagen, die Begeisterungsflamme im Herzen eines Menschen aus bloßem Haß zu ertötden, die Ideale in ihm durch Schmähung zu vernichten. Gerade uns Juden wird ja der Mangel an solchen, das gierige Streben nach materiellen Dingen zum Vorwurf gemacht, deshalb sollten wir gerade den Vertreter des Gegenbeweises achten und ehren. Anderer Meinung zu sein, als Herr Dr. Stern, ist Niemanden! verwehrt, ebenso wenig, als Kritik zu üben an seinem Programme. Allein, ihn als „außerhalb des Judenthums" stehend zu bezeichnen, zeigt entweder von Verständnißlosigkeit oder bloßer Schmähsucht. Ob das „Programm Jung-Jsraels" die wahre Verjüngung des Judenthums in sich trägt, kann ich als Laie und der ich auch aus anderen Gründen hiezu nicht berechtigt bin, nicht zu behaupten wagen. Doch schon das Suchen nach Wahrheit allein ist ja des Lebens werth, und ob wir irrenden Menschen sie je finden, wer kann das behaupten? Sprechen wir darum nicht Jenem das Judenthum ab, der nnt Liebe und Begeisterung an ihm hängt, wie er sich dessen Reform auch denken mag. Vertreiben und bekämpfen wir den Antisemitismus unter uns selbst, den Geist der Zwietracht und des Hasses unter uns, die wir Glaubens brüd er sein sollen, ddann erst tvird es uns gelingen, den Thron des Antisemitismus mraußen wankend zu machen und — ob mit oder ohne „Geeindebund" — ein wahres Judenthum zu bilden. Pose«. (Ein Jubiläum.) Dr. Philipp Bloch, der soeben sein 25jähriges Jubiläum als Rabbiner von Posen feiert, gehört zu den begabtesten Männern, welche den Rabbinerstand zieren. Doctor Bloch hat sich nicht allein als Prediger und Gelehrter, sondern auch als Mann von Charakter und Gesinnungstreue die allgemeine Verehrung erworben. Als Prediger imponirt er durch den gedankenvollen Inhalt seiner Reden, denen man es anmerkt, daß Bloch nicht tu dem Gedankenkreis des jüdischen Schriftthumes allein zu Hause ist, sondern auch in dem Studium der alten und n/ueu Philosophen seinen Geist genährt und bereichert hat. Die Leistungen Bloch's auf wissenschaftlichem Gebiete sind ebenso zahlreich als hervorragend. Er ist ein gründlicher Kenner des Midrasch, hat höchst beachtenswerthe Beiträge zur Kenntniß der Culturgeschichte der Juden geliefert und namentlich Bedeutendes aus seinem Specialgebiete, der Religionsphilosophie, geschaffen. In jüngster Zeit erst hat er für die Encyklopädie von Winter und Wünsche eine „Geschichte der Entwicklung der Kabbala und der jüdischen Religionsphilosophie" geschrieben. So wirkt Doctor Bloch verdienstvoll als Prediger und Gelehrter; er ist aber auch ein Seelsorger inr besten Sinne des Wortes, dem in letzterer Beziehung seine überaus gemüth' und geistvolle Gattin als treffliche Beratherin zur Seite steht. Auch der Herausgeber und die Redaction dieses Blattes entbieten dem Jubilar die herzlichsten Glückwünsche zum Jubelfeste Paris. Salomon Reinach, Curator am Museum zn St. Germain en Laye, ist zum Mitglied der Akademie 'ernannt worden (Academie des Inscriptions ct Belles-Lettres). Er ist eilt Bruder des bekannten Mitgliedes der Deputirtenkammer und Freundes Gambetta's, Joseph Reinach. Auch der Gelehrte Theodore Reinach ist ein Bruder. Sal. Reinach hat sich der claffischen Alterthumskunde gewidmet und bereits ein Handbuch der elastischen Philologie und ein Handbuch der griechischen Epigraphik geschrieben. Er ist ein Mitglied des Central-Comites der .Alliance Israölite Universelle und des Verwaltungsrathes des Vereines für jüdische Colonisation (levisb Oolonisation Association). Sein Mitcandidat (es ist Brauch, daß immer zwei Namen vorgeschlagen werden) war ebenfalls ein Jude, Professor Hartwig Derembourg, so daß anzunehmen ist, daß derselbe in Bälde derselben Ehre theilhaftig werden wird, die jetzt Sal. Reinach erwiesen wurde. Noch drei andere Juden sind Mitglieder dieser Akademie, nämlich Professor Michel Breal, Mr. Henri Weill und Professor Oppert. Paris. Mit tiefem Bedauern melden wir Ihnen den Tod des Professors Dr. Strauß. Trotzdem er seit einigen Monaten leidend war, kam der Tod doch plötzlich und unerwartet. Er hatte am Abend einige Freunde bei sich gesehen, und nachdem diese sich entfernt hatten, wollte er trotz der. vorgerückten Stunde noch etwas arbeiten, da bekam er einen Schüttelfrost und starb in den Armen seines Bruders. Professor Strauß wurde am 24. März 1845 in Dambach im Elsaß geboren. Er studierte in Straßburg. Sein bedeutendes Werk über Entzündungen hat er mit seinem Freunde D u v a l zusammen geschrieben. 1873 wurde er unter Böhier Vorstand der Klinik, 1876 wurde er Spitalsarzt und endlich 1888, Professor der Pathologie. All diese Ernennungen sind um so bedeutungsvoller, als Strauß in keiner der medicinischen Schulen Frankreichs studirt hat. Seine Schriften haben weite Verbreitung und Anerkennung gesunden. Er hat zwei Werke über die Tuberculose veröffentlicht und studierte diese Krankheit, wie auch die Cholera in Egypten, wohin er mit Dr. Roux und Dr. N o c a r d geschickt worden war. Er übersetzte V i r ch o w's Pathologie der Zellengewebe und gab eine Schrift über die Nieren heraus. Seitdem er den Lehrstuhl für Pathologie inne hatte, arbeitete er mit unermüdlichem Fleiße in seinem Laboratorium. Strauß hatte ein überaus gewinnendes, liebenswürdiges Wesen, daher erfreute er sich der Freundschaft vieler bedeutender Männer und der Anhänglichkeit Aller, die einstens seine Schüler gewesen waren. Mit Paris trauert die ganze medicinische Welt über den Tod des Professors Strauß. Portland, Oregon U. 8. A., 22. November 1896. Gestern Abends fand in den prächtig decorirten Räumen des „Portland- Hotel" ein Festbanket statt, welches die Honoratioren der Stadt zu Ehren Sr. Excellenz des vormaligen Gesandten der Vereinigten Staaten für die Türkei Mr. Sal. Hirsch als Leiter der republikanischen Partei bei der beendigten Präsidentenwahl, welche eine imposante Majorität ergab, veranstaltete. Unter den mehr als 200 Gästen der vornehmsten Gesellschaft bemerkte man den Gouverneur W. P. Lord. General C. F. Beebe, viele Senatoren, Congreßmitglieder u. A. m. Von allen Districten des Landes kamen Beglückwünschungstelegramme. die unter großem Jubel verlesen wurden. Herr C. W. Fulton sprach den Toast aus Se. Excellenz Mr. Hirsch und hob die großen Verdienste hervor, die sich derselbe in der letzten Wahlcampagne in so hohem Maße erworben, und nur ihm allein ist der große Erfolg zuzuschreiben, wenn die Partei das erreicht hat. Mr. Hirsch kann mit Stolz auf seine Arbeit blicken, wofür ihm alle Parteien stets zu Dank verpflichtet sind. Mr. Hirsch dankte gerührt für die anerkennenden Worte, die er aus so beredtem Munde vernommen, lehnt jedoch das Verdienst für sich allein in Anspruch zu nehmen ab, erblickt vielmehr den Erfolg in der Einigkeit sämmtlicher Comitemitglieder und an dem Festhalten der republikanischen Principien, in welchem Sinne er bis an sein Lebensende wirken wolle. Weitere Toaste wurden ausgebracht auf den neuen Präsidenten Mc. Kinley. auf Präsident Cleveland, auf beide Parteien, auf die Presse, endlich auf die Frauen. Jeder einzelnen Rede folgte großer Beifall. Das schöne Fest verlief i in animirtester Stimmung bis zum ftühesten Morgen.