Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 52 Vr. Vlortz's ZvvMenMrrM. «Seite 1033 Es ist bereits im Blatte vom 18. dieses Monats hervorgehoben worden, wie dieser Einzelfall, selbst wenn er genügend erwiesen wäre, gegen die Dutzende christlicher Lebensmittelverschleißer, Gastwirthe u. s. w. verschwindet, welche von verschiedenen Gerichten wegen unwiderleglich nachgewiesenen Verkaufs verdorbener, schädlicher und ekelhafter Lebensmittel verurtheilt wurden. Wer aber einwenden wollte, daß man es hier eben nur mit Einzelfällen, wenn auch mit sehr zahlreichen Einzelfällen zu thun habe, wofür die christliche Gesellschaft nicht verantwortlich gemacht werden könne, dem will ich nicht mit der Frage antworten : warum machen Sie das ganze Judenthum für die schlechte Thal eines Einzelnen verantwortlich? Nein — ich will ihm nur von einem Gesetzbuchc erzählen, in welchem ein ganz merkwürdiges Gesetz über die Verwendung verdorbener Lebensmittel enthalten ist, von einem Parlament, welches dieses Gesetz beschloß. Und dieses Gesetzbuch war nicht der Schulchan-Aruch, und dieses Parlament war so judenrein, wie der niederösterreichische Landtag. Das betreffende Gesetz lautet: „Wenn Schweinefleisch, das aus was immer für Ursache gesundheitsschädlich ist, oder durch langes Liegen verfaulter und verdorbener Lachs zu Markte gebracht wird, so soll es sofort vom Aufseher cvnfiscirt und — hier erwartet der Leser gewiß: vernichtet werden. O nein, so streng war man im christlich frommen Mittelalter nicht. Die verdorbenen, schädlichen Lebensmittel sollen, verfügt das Gesetz, zu den Aussätzigen geschickt werden, nur wenn es deren nicht gebe, sollen sie vernichtet werden.*) So beschloß das Parlament von Schottland im Jahre 1401, so sanctionirte der christliche, damals noch katholische König Robert III. das Gesetz. Mit verdorbenen schädlichen Lebensmitteln sollten unglückliche Kranke ernährt werden. Im Parlament saßen Bischöfe, Aebte und Prioren, Herzoge, Grafen und Barone, Freisaßen und Bürger — lauter echte Arier ohne einen Tropfen semitischen Blutes. 2t. Jahr 2009 nach Noreja. Einem Berichte der „Unverfälschten Deutschen Worte" entnehmen wir Folgendes: Sonntag den 29. Nebelungs fand im Leistbrän in Wien der zweite Vertretertag deutschvölkischer Schutzvereine statt. Von den zur Veröffentlichung bestimmten Beschlüssen lautet erner: „Jeder verttetene Verein wird in seinem Kreise für die Ersetzung der römischen Monatsbezeichnungen durch deutsche wirken. Insbesondere wird die deutschvölkische Presse ersucht, den deutschen Monatsnamen wenigstens das gleiche Recht mit den römischen zu gewähren. Der Bertretertag empfiehlt zum Ersatz folgende Bezeichnungen: Jänner — Hartung (Hartes Eis), Februar — Hornung, März — Lenzmond, April — Ostermond — Mai — Mai, Juni — Brachmond, Juli — Heuert, August — Ernting, September — Scheiding (der Sommer scheidet), October — Gilbhart (die Blätter gilben), November — Nebelung, December — Julmond. Bei Nennung der Tageszahl muß der Monatsname stets ein „s" angehängt erhalten. Der Tagesname Samstag ist überall durch Sonnabend zu ersetzen. Die bisher üblich gewesene, mit dem angeblich ersten Auftreten der Germanen in der Weltgeschichte beginnende sogenannte „deutsche Zeittechnung" darf als solche nicht mehr bezeichnet werden. Dagegen empfiehlt sich als deutschvolkliche Zeitrechnung, die Jahre nach der ersten Niederlage der Römer durch Germanen (Kimbern) bei Noreja (Neumarkt in Steiermark), 113 vor Christo zu zählen, also gegenwärtig 2009 nach Noreja, „n. N."'^ Ein Lehrer des Christenthums. Eine fast unglaubliche Geschichte, die, wenn sie wahr ist, geeignet ist, den rohen und maßlosen Fanatismus mancher Diener der Kirche ins rechte Licht zu setzen, erzählen die „Unverfälschten Deutschen Worte" vom 1. d. M. Der Held dieser Geschichte ist der Cooperator Johann Denk, der als Catechet in Kirchberg am Walde die dortigen Kinder religiös-sittlich zu „erziehen" hat. Dieser Herr ist zugleich ein eifriger Agitator für die christlich-sociale Sache und hat sich als Wählerzulreiber seines Herrn und Meisters, des Pfarrers D ö l l e r, glänzend bewährt. Doch das ist seine Privatangelegenheit, und dagegen, daß ein Cleriker sich politisch bethätigt, ist nichts einzuwenden. Anders ist es aber, wenn die Parieileidenschaft sich auf das Lehramt überträgt und sich an unschuldigen Geschöpfen in brutaler Weile austobt. Die .Väter zweier Schüler des Denk hatten, so berichten die „Unverfälschten Deutschen Worte", die Frechheit gehabt, deutschnational, also gegen den Pfarrer Döller, zu stimmen. Am 14. November hatte der Catechet Religionsunterricht. Bei dieser Gelegenheit rief er den beiden Knaben *) Statutes of King Robert HI., S. 59. zu: „Die Bösheit Eurer Eltern muß heute noch heraus!" Aus einem geringfügigen Grunde behielt er dann nach der Stunde die Kinder zurück, und kaum hatten die übrigen Schüler das Schullokal verlassen, fiel er über die Knaben her und begann sie sürchrerlich zu mißhandeln. Mit einem kantigen Zeigestab bearbeitete er die Kopfe der Kinder unbarmbcizig, bis das Blut herabstiömte, dann nahm er sogar einen Sessel und schlug damit auf einen der Knobin, bis er niederfiel. Die blutübeiströmten Kinder fchriltn aus LeibiskrasUn, bis ein Lehrer herbeikam. Der sah, was vorging und eilte fort, um dln Oberlehrer zu holen. Als der Cooperator die beiden kommen sah, nahm er Reißaus und ließ die Kinder, die jämmerlich zugerichtet waren, liegen. Der herbeigeholte Arzt und die Eltern der Kinder waren beim Anblick fürchterlich erregt. Soweit der Thalbestand nach den „Unverfälschten Deutschen Worten". Wir haben nichts hinzuzufügen, denn das Borgehen dieses Kindercrziehers, bcr den Vätern ihre politische Gesinnung in rohester und geradezu verbrecherischer Weise an ihren schwachen, wehrlosen und seiner barbarischen Willkür ausgelieferten Kindern entgelten läßt, richtet sich von selbst. Man kann nur neugierig sein, wie das Gericht diesen Lehrer des Christenthums beurtheilen wird. '' Modernes Christenthum. Ter Nachfolger Christi, der hochwürdige Herr Pfarrer M. Bachinger, veröffentlicht im kalbolrschen Bauernverein-Kalender folgendes Prem, das wir zum ewigen Gedächtnisse hier zum Abdrucke bringen wollen, damit unsere Leser doch einen leisen Begriff bekommen, wieweit es unsere..Neuheidnischen Christen" in ihrer Verrohung gebracht haben und welche hohen kulturellen Verdienste die „Lehrer der Religion der Liebe" sich zu erwerben verstehen, und wie rührend Oesterreichs katholische Priester im Sinne der allein seligmachenden Kirche zu wirken verstehen. Das Prem lautet: „Gebet eines Antisemiten." Send', o Herr, den Moses wieder, Daß er seine Glaubensbrüder Heimführ' ins gelobte Land! Lasse dann das Meer sich theilen lind die hohen Wassersäulen Feststeh'n auf des Meeres Grund. Wenn dann in dieser Rinnen All' die Juden sind darinnen, Mach', o Herr, die Klappe zu — Und die Christen haben Ruh'. Wir sind der Meinung, daß es h-cr keines Comm-ntares bedarf, um die beispiellose Rohheit und Niederträchtigkeit der antisemitischen Bande, an deren Spitze chnsikarhvlische Pristcr maschieren, noch weiters näher zu beleuchten. Wundern müffen wir uns nur, daß die Tagesblätter so viel Aufhebens daraus machen, daß der berüchtigte Stampiglius in einer Versammlung trinkender Weiber denselben Gedanken, den Pfarrer Bachinger anstandslos drucken ließ, nachzuplappern sich erlaubte. Mein Gott, warum soll Meister Stampiglius nicht praktisch verwerthen, was ihm ein „Gtweihter" vorsagt, vorschreibt und vordruckt! ^Antisemitische Gelehrsamkeit. ______ In der „Wr. Med. Presse" Nr. 44, 45 und 46 d. I. veröffentlichte ein Herr Dr. Julian Z i l z, k. u. k. Oberarzt im Jnf.-Reg. Nr. 40, drei Feuilletons unter dem Titel „Zur Geschichte und Geographie der Syphilis und ihre Behandlung". Diese Pnblieatiorr, welche sich „eine kurz gefaßte Skizze der historisch-geographischen Pathologie der Syphilis" nennt, strotzt von so viel Entstellungen, Unwahrheiten und böswilligen Unterschiebungen, daß man geradezu in Verlegenheit kommt, was mehr zu bewundern ist, die Unverfrorenheit des Verfassers oder die Ignoranz des Redactenrs Dr. Anton Bum, der dieses Sammelsurium der Oeffentlichkeit als reine Wissenschaft zu übergeben gewagt hat. Es ist hier nicht der Ort, dieses Plagiat einer wissenschaftlichen Kritik zu unterziehen, da die dort angeführten medicinischen, wie historischen Ansichten einer ernstlichen Widerlegung gar nicht würdig sind. Was aber hier als falsche Münze festgenagelt und außer Cours gesetzt zu werden verdient, sind die folgenden „elastischen" Citate: 1. „Der Ewige wird Dich plagen mit den bösen Geschwüren von Jer u s a l em, mit Feuchtwarzen. Grind und Krätze, davon Du sollst nicht geheilt werden können" (5. Buch Moses Cap. 28. Vers 27) ergo haben die Juden Syphilis gehabt und zu deren Verbreitung das Ihrige beigetragen. Dasselbe gilt von Hiob, vom künstlichen Psalmisten, Herodes „König der Juden" und der Plage „Baal Peor". Dem gegenüber ist kurz zu bemerken, daß weder die medicinische noch die historische Literatur aller Völker und aller Zeiten etwas „von G esch w ür en von Jerusalem" mitzutheilen weiß, daß es der Aera Z i l z - B u m Vorbehalten blieb, diese medicinisch-historische Entdeckung gemacht und der Oeffent-