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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-25 · 52 (25.12.1896) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 52 Vr. Vlortz's WochenMrrM Seite 1031 Reden wir einmal von der „Sendung" — in der Sprache des Herrn Prof. Müller: „Von den Formeln der Sendung"; die Formel ist ihm das Wichtigste. „Es ist für die innere Geschichte der Prophetie", so sagt er Seite 29 „und für die Textgeschichte von größter Wichtigkeit, gewisse sterotype Formeln zu beobachten". „Ezechiel (Seite 29) redet nicht aus freien Stücken, sondern aus innerem göttlichen Antrieb als Sendling Gottes." So heißt es: Ich sende Dich zu den Söhnen Israels", und weiter: „Ich sende Dich zu ihnen." „Aus, g e h'zum Hanse Israel!" und weiter: „Auf, geh' zu den Verbannten!" Seite 31. „Der Ursprung dieser Formel führt zum größten jüdischen Propheten, zu Moses, zurück, bei denk z u m ersten Male in der heiligen Schrift die Worte ^nb^i nab (Exod. 3. 10) erscheinen, und weist auch auf die Geschichte Gideons (Judic. 6. 14) hin, wo ähnliche Worte als Nachbildung des ‘pbew nab Vorkommen". — Als ich so weit im Lesen dieses modernen bibelkritischen „Gelehrten" kanr, fiel mir bei, die Stelle in den „Richtern" nachznschlagen; so etwas kann ja nicht schaden. Und kaunl fiel mein Blick auf das erste Wort ~p, als in mir eine Reminiscenz auftauchte an die bei uns übliche erste Bibellection im Cheder, an die Sedre “|b -|b: da haben wir auch so eine — Formel! Die Sendnngsformel geht somit noch über Moses zurück bis zu unseren! ersten Patriarchen. In der Uebersetzung Luther's findet sich sogar als Ueberschrift des betreffenden Capitels: „Abram wird berufen" — die Worte aber lauten: 1. Mos. 12. 1—3. „Und Gott sprach zu Awrom: Geh' aus Deinem Lande, und aus Deinem Geburtstande, und aus dem Hause Deines Vaters in ein Land, das ich Dir weisen werde. Und ich will Dich machen zu einem großen Volke, und will Dich segnen und Dir einen großen Namen machen und sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die Dich segnen, und verfluchen, die Dich verfluchen; und in Dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden" — eine bedeutende Sendung, und es geht nicht an, solche zu übersehen. Abraham wird auch „ein Prophet" genannt, und eine Sendung wird ihm, und sie ist deutlich geniig ausgedrückt. Beiläufig erfahren wir wieder eine „Entdeckung"; wir finden, ^,daß der Abschnitt über die Sendung Moses' (Exod. 3, 7—12 und 4, 2—8) dem Erzähler der Geschichte Gideon's Vorgelegen, und daß er sie stark benützt und vielfach nachgebildet ha 1", Seite 31. Die Zusammenstellung der betreffenden Stellen, die Hervorhebung der sogenannten „Entlehnungen" ist bezeichnend. Die erste Nebeneinanderstellung sind die Sätze Exod. Cap. 3. 7 und Judicum Cap. 6. 7. Bei der Berufung Moses heißt es: „Und der Herr sprach: Ich habe gesehen das Elend meines Volkes in Egypten, und habe ihr Geschrei gehöret über die, so sie treiben, ich habe ihr Leid erkannt." In den „Richtern" lautet der Satz: „Als sie aber zu dem Herrn s ch r i e e n, um der Midianiter willen" — die „Entlehnung" beruht also darauf, daß die Hebräer zur Zeit Gideons ebenso schrieen, wie zur Zeit Moses', und Müller läßt durch gesperrten Druck zur deutlichen Hervorhebung der betreffenden „Nachbildung" das ipin in den Richtern und anpj;i* im Buch Moses' kenntlich machen. Nun frage ich: Können die Hebräer unter dem harten Drucke der Midianiter nicht auch wirklich geschrieen haben? Die Noth der Hebräer zur Zeit Gideons war sehrgroß. Man lese die 8 Verse im Cap. 6, welche schwere Leiden sie erduldeten. Am Schluffe heißt es: „Als sie aber zu dem Herrn schrieen". —. Zugegeben, daß man nicht nothwendig schreien muß, wenn man — geschlagen wird, ist nach dem, was voraufgegangen, denn so verwunderlich, daß die Kinder Israel geschrieen? Bisnrarck hat, zwar nicht die liberalen Theologen aber, die liberalen Politiker „an die Wand gedrückt, daß sie quietschten" — war das auch eine Entlehnung? Warum soll der Weheruf eines verfolgten Volkes, das Jammergeschrei unterdrückter und gequälter Menschen unecht, eine „Nachbildung" Nachahmung und „Entlehnung", eine Imitation sein? Die Verfolgten haben in alter und in späterer Zeit, sobald die Leiden unerträglich geworden, ihrem Schmerze lauten Ausdruck gegeben; nur der Darsteller der Geschichte Gideons soll damit ein Plagiat, eine Nachahmung begangen haben! Man lese aber folgende Stelle: Als der Engel des Herrn Gideon erscheint und ihm die Worte zuruft: „Gott mit Dir, Du streitbarer Held!" da antwortet Gideon mit großer Bitterkeit: „ Mein Herr, ist Gott mit uns, warum ist uns denn solches Alles widerfahren? Und wo sind alle seine Wunder, die uns unsere Väter erzählte n" — erzählten und nicht schrieben — „erzählten und sprachen: Hat uns doch der Herr aus Egypten geführt! Nun aber hat uns der Herr verlassen, und unter der Midianiter Hände gegeben". Um dieser einen Stelle wegen sollte man jeden Gedanken an eine Entlehnung aufgeben, so viel Ursprünglichkeit ist in diesen Worten. Das Nachweisen von „Entlehnungen" ist nun aber einmal Müller's, soll ich sagen starke? — sagen wir beliebte Seite. Wir erinnern an ein anderes Beispiel, an „die Spuren nämlich der keilschriftlichen Literatur", die Müller in Ezechiel gefunden haben will. Weil dieser Prophet „im Lande Babylon gelebt hat", so stehen seine prophetischen Reden formell unter babylonischer Einwirkung, so darf es „durchaus nicht als gewagt gelten" zu sagen: S. 58 „ . . . die Phrase" — in Ezechiel — „von den Leichen auf den Bergen und Hügeln und dem Blute in den Schluchten und Thälern steht unter keilschriftlichem Einflüsse." Dieser „Phrase" hängt zwar gar keine Bedeutung an, wohl aber ein gutes Stück Lächerlichkeit, so daß C. Siegfried, der Recensent von Müller's „Ezechielstudien" in der „Theolog. „Liter.-Ztg." von Harnack (Jahrg. 1895, S. 512Y bissig bemerkt: „Daß Ezechiel sich sollte Keilschriften haben vorlesen lassen, halten wir nicht für wahrscheinlich. Was kümmert sich ein judäischer Prophet um die Literatur der Gojim?" Und kurz darauf gibt Müller selbst seine Hypothese ans, freilich nicht um Geringes. Er hatte „neue, durch Jahrtausende verborgen gebliebene Wahrheiten" enthüllt, hatte „die Grundgesetze der ursemitischen Poesie erschlossen und nachgewiesen in Bibel, Keilschriften und Koran", und da mußte die Hqpotbese von assyrisch - babylonischem Einflüsse aufgegeben werden, denn der Ursprung jener Grundgesetze reichte weit zurück, iührte bis zu Amos hinauf. Nur ist auch diese gewaltige Entdeckung sehrungnädig ausgenommen worden. Von den pompösen Titelworteu des epochalen Werkes „Die Propheten in ihrer ursprünglichen Form" u. s. w. — Wien, 1896, stechen karg und kühl die Worte eines bedeutenden Bibelforschers ab in der oberwähnten „Theol. Liter. Zeit.", Jahrgang 1896, Nr. 9. R. Smend, der Göttinger Theologe fährt nach Besprechung der einzelnen Punkte dieses Werkes also fort: „In Wahrheit enthält das Buch kaum irgend eine Beobachtung, die neu und irgendwie werthvoll wäre. Daß die prophetische Rede öfters strophisch gegliedert ist, daß dabei zuweilen die vom Verfasser als reaponsio, concatenatio und inclnsio bezeichnten Erscheinungen Vorkommen, ist allbekannt. 'Aber in diesen letzteren den Geist der semitischen Poesie und in ihrer verschiedenartigen Ausprägung die geistige Individualität der einzelnen Propheten zu erkennen, war dem Verfasser Vorbehalten. Offenbar ist ihm das Wesen der Poesie gänzlich unbekannt" — und das Wesen der Prophetie, so darf man ergänzend hinzufügen, ebenfalls. Denn, was haben banale Analogien mit der Weise der Propheten zu thun? „Das Drama und das Epos", so sagt Müller auf Seite 49 der Ezechielstudien, „werden bis zu einem gewissen Grade nach einem gegebene n M u st e r und bestimmten Schema gearbeitet". „Daß auch die Prophetie sich diesem allgemeinen Gesetze (?) nicht entziehen kann, braucht wohl kaum betont zu werden". Also inerte dir, lieber Leser, so gut, wie der Dramendichter und Epiker, „arbeitet" auch der Prophet „bis zu einem gewissen Grade nach einem gegebenen Muster und bestinrmten Schema". Und wer noch immer daran zweifeln sollte, dem bietet Müller ein — „Prophetenschema" in Ezechiel. An diesem Prophetenschema, das ja auch in das Hauptwerk hinübergreift, wäre wohl anc besten darzulegen, wie schal und unjüdisch diese Auffassungen der Propheten sind; in wie armselige Formeln sie den großen Inhalt eines Prophetenlebens drängen und pressen. Wir wiffen nicht, ob es zur Ehre des Jndenthuins gereichen soll, wenn Prof. Müller es unternimmt, die prophetischen Reden als Plagiate aus fremden Literaturen nachzuweisen. Schaden hat er allerdings nicht gestiftet, weil das Unternehmen gänzlich mißlungen ist; er zeigte blos die eigene geringe Belesenheit im hebräischen Schriftthum wie in den fremden Literaturen. So constatirt Prof. R. Smend in Göttingen: „Die griechischen Chorlieder kennt Müller nur ans den Uebersetzangen von Dropsen und Donner und hiernach constatirt er in ihnen das Vorkommen der responsio, concatenatio und incluaio. Natürlich

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