Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-25 · 52 (25.12.1896) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
52 (25.12.1896)
Date
1896-12-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021168--06288-3030564
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 1030 Br Vloch's Wochenfchrifl Nr. 52 Die Leute, die diesen Plan ersonnen haben, denken, daß die Kohlenlager in Mesopotamien ausreichen würden, um die für dieses Unternehmen nöthige Kohlenmenge zu liefern. Die Vortheile, die dadurch für das osmanische Reich entstehen würden, wären sehr groß. Hoffentlich sieht dies die Hohe Pforte ein und verhilst dann zur Verwirklichung dieses vortrefflichen Planes. Im Port von Palästina wird dann auch ein Hafen schon gebaut werden. Welche Aussichten! Teutonische Ueberspanntheit ist im Orient keine außergewöhnliche Erscheinung mehr. Man sollte aber meinen, daß die Jünger eines Ahlwardt und eines Stöcker bei ihrem nationalen Dünkel, den mau ihnen schon gern nachsieht, Halt machen würden. Daran denken aber die braven Leute nicht. Sie wollen die Giftpflanze des Antisemitismus auch nach dem Orient verpflanzen. Zwar wird ihnen dieses schöne Vorhaben niemals gelingen, weil sich der Boden einmal nicht zur Aufnahme eignet; aber jedenfalls fehlt es nicht an Versuchen und Anstrengungen ihrerseits, den Samen des Racenhasses und der Glaubensunduldsamkeit auch im Morgenlande auszustreuen. Er wird aber nicht Wurzel fassen; die Türkei ist eben von Natur nicht dazu fähig, und die Deutschen werden ihre unmenschliche Genugthuung in der Fremde nicht Huben. Allein ein empörender Fall deutschen Judenhasses ist es doch, der sich vor Kurzem in Jerusalem ereignete. „Ein junger Jsraelite von neunzehn Jahren, einer Familie aus Jemen angehörig, ist in Folge schlechter Behandlung von Seiten eines Deutschen, Namens PH. Foerster, gestorben. Der. Mörder, der den jungen Mann unter dem Vorwand, ihm Arbeit zu geben, in sein Haus gerufen, ist über ihn hergefallen und hat ihn mit unerhörter Grausamkeit geschlagen, wobei ihm sein arabischer Diener in seiner dummen Treue hilfreiche Hand leistete. Nachdem sich eine Menge Juden angesammelt, (natürlich um ihrem Glanbensgenoffen zu Hilfe zu kommen), warfen ihn die Mörder über eine Mauer. Der Unglückliche blieb auf der Stelle todt. So schreibt eine hiesige Zeitung, der man auf's Wort glauben kann. Warum ist der Mord begangen worden? Was hat der arme junge Mann verbrochen? Diese Fragen, die sich einem unwillkürlich aufdrängen, sind vielleicht nicht so schwer zu beantworten. Allem Anscheine nach hat der genannte antisemitische Held nur deshalb einen Menschen getödtet, um seinem judenfeindlichen Herzen Lust zu machen, und er hat diese Großthat sicherlich in dem Wahne bewiesen, daß ein solches Verbrechen an ihm nicht bestraft werden würde, weil er ja ein Deutscher ist, der sich schon erlauben darf, im Auslände einem unschuldigen Juden den Garaus zu machen. Das vergossene Blut wird hoffentlich seinen Rächer finden. Der natürliche Beschützer der Juden im Morgenlande wird die Sühne dieser That fordern. Der Großherr der Türkei liebt seine israelitischen Unterthanen, weil er ihre Treue, ihre Anhänglichkeit und ihre Ergebenheit kennt. Als die türkische Regierung den Aufruf an die mohammedanische Bevölkerung erließ, freiwillige Beiträge zu liefern, da haben die Juden in den Provinzen Salonichi und Damascus auf telegraphischem Wege um die Erlaubniß gebeten, an der nationalen Subscribtion theilnehmen zu dürfen, die zum Besten der militärischen Anstalten stattfindet. In Salonichi haben die Zeichnungen von Seiten der Juden bereits begonnen. Vir Bibelexegese an derIsraelitischtheologischen Lehranstalt" in Wien. ii. Geehrter Herr Redacteur! Sie haben in Nummer 44 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 30. October 1896 eine kritische Würdigung der wisseu'chastlichen Leistungen des Lehrercollegiums an der Israelitisch-theologischen Lehranstalt angekündigt, und ich vermuthe, daß Sie zunächst die vielberufenen talmudischeu Studien des Herrn Rectors im Auge haben. Die Bibel geht aber dem Talmud voran. Gestatten Sie mir vorher einige Worte über die sonderbare Art der Bibelexegese, wie sie an dieser theologischen Anstalt den künftigen Rabbinen Oesterreichs vorgetragen wird. Im ersten Jahresbericht der Lehranstalt waren die „Ezechiel- Studien" von Professor Dr. D. H. M ü l l e r mit dem ausdrücklichen Bemerken publicirt, daß sie das Resultat und den Inhalt seiner Vorlesungen über Bibelexegese an der Lehranstalt umfassen und darstellen. Zweifellos ist diese Publication von der Absicht dictirt gewesen, über die Bibelexegese in der Methode, wie sie an diesem theologischen Institute betrieben wird, die öffentliche Meinung der gelehrten Welt aufzuklären. Eine objective, rein sachliche Prüfung der gebotenen Proben läßt diese Exegese sofort als eine Talmi-Wissenschaft erkennen, als eine ungeschickte Imitation, die selbst das ungeübte Auge eines Jüngers als unecht erkennen muß. Einige Belege mögen dieses Urtheil erhärten. Wir lesen auf Seite 8: „Es ist längst erkannt worden, daß die Vision Ezechiels von der Jesaias' beeinflußt worden ist." — Seite 9. — „Die Vorstellung Gott auf einem Throne kann natürlich erst aus der Zeit der Könige stammen". „Wie kommt es, daß der Prophet Jesaias die Vorstellung Gottes als eines Königs e i n g e f ü h r t hat?" Der Herr Prof, verkennt nicht die außerordentliche Neuheit seiner wissenschaftlichen Entdeckung, und so lesen wir denn Seite 28, These 1. „Die Vision Ezechiels ist von der Jesaias' beeinflußt und beide sind von der Michajahu's ben Jimla's abhängig, der im Anblicke der von den beiden Königen von Israel und Juda entfalteten Pracht, z n m ersten Male Gott als König, vom Hofstaate umgeben, geschaut." Herr Professor Müller liest auch Religionsphilosophie; als solcher sollte er wissen, daß jedes Individuum die höchsten Vorstellungen von Macht, Herrschaft und Regierung, aus Nah und Fern, zu Attributen seines Gottes macht. Die Vorstellungen der königlichen Würde haben die Hebräer selbst zu der Zeit gekannt, als sie noch eines einheitlichen und königlichen Regimes entbehrten. Die theokratische Idee gipfelt in den Gedanken: Gott ist der König Israels, und darum kann dieses Volk eines irdischen Königs entbehren. Das königliche Attribut Gottes hat die irdische Institution Jahrhunderte hindurch entbehrlich gemacht. In der Geschichte der jüdischen Gottesauffassung bildet das eine der vornehmsten allgemeingiltigen Gruudanschauungen, welche Herr Professor Müller, wir wissen nicht aus welchem Grunde, ignoriren zu können vermeint. Durch die Befteiung Israels von der egyptischen Herrschaft wurden die Israeliten „Diener Gottes", seine Unterthanen, (III. M. 25, 42) somit Gott ihr König. Als man dem Helden Gideon die erbliche Herrscherwürde anbot, antwortete er: „Nicht ich werde herrschen über euch und nicht mein Sohn wir herrschen über euch, Gott allein wird über euch herrschen" (Richter MI,23). König und Herrscher sind im Hebräischen synonym. (Vergl. I. M. 37, 8). 1 „Moses", so sagt Müller auf Seite 9 seiner „Ezechielstudien" „Moses sieht die Erscheinung Gottes als ein „brennendes Feuer" am Dornbusch". „S amuel hört nur die rufende Stimme des Herr n" — und schließt daraus, daß sowohl dem Propheten Moses wie Samuel die Vorstellung Gottes als König fremd geblieben. Und beidemal zeigt Müller seine Unkenntniß der Bibel Als Samuel, ganz niedergedrückt von dem Verlangen des Volkes nach einem König, zu Gott betet, da spricht der Herr zu Samuel: „ . . . gehorche der Stimme des Volkes in Allem, was sie Dir sagen; denn sie haben nicht Dich verworfen, sondern mich haben sie verworfen . . . arrby “i^aa „daß ich nicht soll König über sie sein" Sam. 1. 8. 7 und im „Siegesliede Moses"" heißt es: „Und der Herr wird König sein immer und ewig — “in abyb “^v'" 2. Mos. 15.18. Nun steht zwar an beiden Stellen in unserem hebräischen Text ein Zeitwort, aber sowohl wie -^aa hat denselben Stamm wie das Hauptwort -jba und Luther hat mit Recht das erste wie das zweite Mal das Zeitwort durch „König sein" ausgedrückt, um die ursprüngliche in dem Urtext enthaltene Vorstellung durch das deutsche „regieren, herrschen" nicht zu verwischen. Die polnische Uebersetzung hat denn auch beide Mal «Xrülowaä«, ein Zeitwort, das sich genau mit dem hebräischen Worte deckt. War der „König" den Hebräern nicht schon bekannt, lange bevor sie ihren König hatten? König ist ein Titel, ein stolzer Titel, — warum sollte man ihn Gott nicht beilegen, für den der stolzeste Titel nicht stolz genug sein kann? Die Samaritaner nannten alle jüdischen Richter consequent „Könige". ' Mit der seltsamer: Sucht nach Neuheiten und Entdeckungen verbindet sich ein beschämender Mangel an Belesenheit im biblischen Schriftthum, welches principielle Aufstellungen ermöglicht hat, die man bei einem jüdischen Gelehrten kaum vermuthen dürfte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.