Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 52 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 1029 Kinder (ein Mädchen von zehn und einen Knaben von acht Jahren zur Zeit des erwähnten Berichtes) verlassen hatte, nach Schlesien nachziehen, entschloß sich aber in ihrer Hilflosigkeit, selbst Kriegsdienste zu nehmen, als sie Berlin erreicht hatte, was ihr umso leichter wurde, als sie in Männerkleidern reiste. Sie trat in das Königsberger 2. Landwehr-Uhlanenregiment unter dem Major von Hermann, machte die Feldzüge von 1813 und 1814 zuerst als Freiwilliger, zuletzt als Wachtmeister mit, wurde zweimal verwundet, bei Jüterbogk und in der Gegend von Metz, erhielt auf dem Marsche durch Holland 1814 im Armeecorps des Grafen Bülow von Dennewitz das Eiserne Kreuz, traf unvermuthet am 29. März 1814 mit ihrem Manne, der noch in russischen Diensten war, vor Montmartre zusammen, verlor ihn aber schon am folgenden Tage durch eine Kanonenkugel. Mit ehrenvollen Wunden und Auszeichnungen bedeckt, kehrte sie, nachdem sie vom Regiment abgegangen, in ihre Heimat zu ihren Kindern zurück. Gehen wir in die Gegenwart, so finden wir unter Anderem in England in der regulären Armee 20 in der Miliz 5 jüdische Officiere, um 9, respective um 2 mehr, als nach der Bevölkerungsziffer auf sie entfallen müßten; in Frankreich im Jahre 1883 bei einem Officiersstande von 18.409 Mann 721 jüdische Officiere; in Oesterreich-Ungarn unter 25.897 Officieren 2179 Juden. In! Italien und Frankreich sind den Juden auch die höchsten Chargen! zugänglich; der Jude Giuseppe Ottolenghi ist seit 12. Jänner! 1895 Generallieutenant und Commandant der Division voll Turin; er war überdies früher nach Neapel zur militärischen Erziehung des italienischen Kronprinzen befohlen. Im amerikanischen Secessionskriege dienten auf beiden Seiten 7257 Juden als Sergeanten, Unterofficiere und Gemeine, außerdem eine große Zahl als Officiere, darunter 9 Generale und 18 Obersten. Bemerkenswerth ist auch das Eintreten von Juden in die Marine der Bereinigten Staaten, in der es zwei von ihnen, Uriäh Philipps Levy und Levy Meyers Harby, zum Range eines Commodore brachten. Wichtiger als die Zahl der Juden sind die Z e u g n i s s e über ihr Verhalten im Militär die n st e und im Kriege. In erster Reihe steht hier eine Denkschrift des preußischen Ministers des Innern über die Ausdehnung der Militärpflicht auf die Juden vom Jahre 1847. Der Minister kommt auf Grund der Berichte der einzelnen Generalcommandos zu dem Ergebniß, „daß die Juden des preußischen Heeres von den Soldaten der christlichen Bevölkerung im Allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben, daß ferner insbesondere die jüdischen R e l i g i o n s v e rh ä l t n i sse nirgends als ein Hinderiliß beim Kriegsdienste hervor g e t r e t e n sind, und bejaht demnach die Frage, ob die Militärpflicht für sie auch auf jene Landestheile ausgedehnt werden solle, wo die Juden bis dahin vom Heere ausgeschlossen waren. „Die deutschen Juden", bemerkt der Verfasser in der Einleitung, „für welche diese Materialien gesammelt sind, können dieselben mit einer gewissen Bitterniß und doch auch mit einergewissen Befriedigung durchlesen. Bitterniß werden sie empfinden, weil es überhaupt nothwendig erscheinen konnte, solch eine Zusammenstellung zu machen, und weil sie finden, daß ihnen zwar im Jahre 1847 bescheinigt wurde, sie seien als Soldaten ebenso tauglich wie ihre christlichen Mitbürger, aber die militärische Laufbahn ist ihnen doch niemals wie diesen eröffnet worden. _ Sie werden auch finden, daß freilich Juden im Jahre 1870, also im Kriege, wenn an die Soldaten die höchsten Anforderungen im Dienste des Vaterlandes gestellt werden, Officiere wurden und deutsche Truppen gegen den Feind führten, aber im Frieden, wo Ansprüche von gleicher Schwere an den Officier nicht herantreten, hielt man es für nothwendig, die Juden aus dem deutschen Officiersstande fernzuhalten".... „Schreiten wir", heißt es weiter, „auf der gleichen Bahn, wie frühere Generationen, fort, so muß auch der Zeitpunkt kommen, wo jene Schranken fallen, die es dem Juden, der sich dazu berufen fiihlt, unmöglich machen, bleibend dem Baterlande als Soldat und Officier zu dienen, ja, die es verhindern, daß er überhaupt nur Officier im Frieden werden kann, während man es ihm doch gestattete, in der entscheidenden Stunde der Gefahr seine Landsleute als Officier gegen den Feind zu führen. Auch solche Widersprüche werden dann einmal verschwinden. Vom Goldenen Horn. C o n st a n t i n o p e l, 17. December. In den letzten Nachrichten aus der türkischen Hauptstadt, die an dieser Stelle erschienen, war die Rede von der großen Wohlthat, welche die edle Baronin v. Hirsch den Juden des Morgenlandes durch die mittägliche Verpflegung von armen Schulkindern erwies. Alan ist bereits an der Ausübung dieses hehren Liebeswerkes, und es macht einem wirklich Freude, nur die Freude mitanzusehen, welche die hübschen Gesichtchen der Mädchen verklärt und aus den meist klugen Augen der Knaben spricht, die da gespeist werden. Die armen Kleinen! Wie glücklich sind sie, daß sie nicht mehr zu hungern brauchen, jetzt im Winter, wo das kalte und nasse Wetter ihre Körperthätigkeit beschleunigt und ihre Eßlust desto mehr steigert. Um wie größer und angenehmer ist nun aber auch die Wirkung der warmen Speise, die sie erhalten! Aber noch sprach man mit großer Bewunderung und tiefer Dankbarkeit darüber, als man von einer neuen Gabe dieser freigebigen Frau vernahm. Es hat die Baronin v. Hirsch die Sunime von 100.000 Francs hergegeben. Davon hat der Verein „Or- Hachaim" den Betrag von 50.000 Francs für das israelitische National-Krankenhaus erhalten, das man im Begriffe ist, in schöner Lage an einem Ufer des Goldenen Horns aufzuführen. Der Bau schreitet rüstig vorwärts und wird nun seiner Vollendung umso schneller entgegengehen, da vorläufig reichlich Mittel vorhanden sind. Ein großes Krankenhaus, das den gerechten Anforderungen der Neuzeit entspricht, macht sich in der türkischen Hauptstadt für die Juden schon seit vielen Jahren nothwendig, und je eher diesem Bedürfnisse Abhilfe geschaffen wird, umso größer wird der Segen sein. In die zweite Hälfte von 50.000 Francs haben sich verschiedene Wohlthätigkeitsvereine getheilt, die in hiesiger Stadt bestehen. Möge die große Wohlthäterin fortfahreu, hilfreich und segenbringend für die Menschheit und das Judenthum zu sein! Das leidende Menschengeschlecht hat solche gute Schutzgeister sehr nöthig. Leider ist ihre Zahl sehr beschränkt, und unausfüllbar ist manchmal die Lücke, die entsteht, wenn das Licht eines solchen Schutzgeistes der Menschheit ausgeht. Eine solche Lücke ist durch den Tod der durch ihr unermeßliches Wohlthun weitbekannten Frau Furiado-Heine entstanden. Ihr Hinscheiden beklagen nicht nur die Armen von Paris, auch in vielen anderen Städten der Welt gibt es Leute, welche die Kunde davon hart getroffen. Die hilfsbedürftigen Juden des Orients haben auch ihr gutes Herz kennen gelernt, und in Constantinopel ist der Name der verblichenen Frau Furtado-Heine nicht unbekannt. Das heilige Land hat entschieden noch eine große Zukunft. Die Anzeichen dafür mehren sich mit jedem Tage, wenn auch der Plan, in Jaffa einen Hafen anzulegen, der sicherlich in kurzer Zeit einen großen Aufschwung in Handel und Verkehr herbeigeführt hätte, von der türkischen Regierung verworfen wurde. Zu einer neuen, ungeahnten Blüthe wird jedoch Palästina auf irgend eine Weise gelangen. Diese guten Aussichten sind vorhanden. Sie müssen nur in Erfüllung gehen, und dies wird geschehen, sobald der neue Schienenweg, den erfindungsreiche und unternehmende Engländer ersonnen, greifbare Wirklichkeit geworden. Es handelt sich dabei um ein großartiges Vorhaben. Es soll eine Eisenbahn zwischen dem Suezcanal und dem persischen Meerbusen gebaut werden. Der Ausgangspunkt soll Alexandrien, das Ziel die Stadt Koweit sein, die sich sechzig Meilen von Bassorah entfernt befindet. Die geplante Linie würde jenseits des Suezcanals die sinaitische Halbinsel, das Akabathal, das die Fortsetzung der Jordanebene ist, und den Norden des Hochlandes von Arabien durchziehen. Zugleich wird Suez auch mit Gasa und Jaffa verbunden, somit das gelobte Land in den Bereich dieses Schienenweges hineingezogen werden. Was das bedeutet, liegt auf der Hand. Palästina würde dadurch der Knotenpunkt des Verkehrs und des Handels für Europa und alle Reiche des Ostens werden. Die zukünftige Anfangsstation am Persischen Golf, Koweit, besitzt eine sichere Rhede mit tiefem Wasser, während die Mündung des Schatt-el-Arab für große Schiffe nicht fahrbar ist. Durch den Bau dieser Eisenbahn würde man zu einer Zeitersparniß von sechs Tagen für die Fahrt von Koweit nach Indien gelangen. Schnelle Dampffchiffe würden in der That in drei Tagen von Koweit nach Kurrachan gehen. Andererseits ist die Fahrt durch den Persischen Meerbusen viel bequemer und angenehmer, als durch das Rothe Meer. Der Bau dieser neuen Eisenbahn würde 5 Millionen Pfund Sterling oder 100 Millionen Mark kosten.