Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021168--06286-3030562- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 1026 Nr. 52 Vr- Vloch's »ochenfchrist. läßt sie nicht in Vergessenheit gerathen. Der Schleier der christlichen Nächstenliebe wird über alle christlichen Gauner und Spitzbuben gebreitet, aber wenn man sein Vermögen sicher verwaltet wissen will, muß man sich an die Eh r l i ch k e i t der Juden wenden. Und dazu ist auch Herr Lueger gezwungen. Er muß die Geschäfte der Gemeinde jüdischen Händen anvertrauen, er muß für die Groß-Commune mit Juden abschließen, denn nur diese bieten ihm die Gewähr für die correcte Abwicklung der eingegangenen Verpflichtungen. Das ist die concrete Illustration für den Hetzruf: „Kauft nicht bei Juden!" Tatzt nur durch „christliche" Lehrer Euren Rindern Privatunterricht ertheilen! Vor uns liegt ein Büchlein mit dem Titel „Wegweiser", Verzeichniß christlicher Geschäfte Wiens. Im Anhang: Aerzte, Advocaten; vollständiges Straßenverzeichniß. Herausgegeben vom Vereine „Christliche Familie" in Wien 1896. Druck von Kreisel & Gröger, III., Linke Bahngasse 5. Verlag des Vereines. In diesem Büchel sind unter anderen Geschäften — gleich hinter den Lederhändlern — folgende Lehrer (es sind genau 41) sammt ihren Adressen verzeichnet: I. Bezirk: Fritsch Josef, Lehnert Josef; II. Bezirk: Blaschek Josef, Glaner Ad., Kainz Richard, Koppensteiner Friedrich, Kundi Albert, Stiaßny Friedrich, Wolfgang Franz; III. Bezirk: Bitterer Albert, Gloning Carl «en., Gloning Carl jun., Bodo Friedrich, Bozdech Johann, Haselbrunner Carl, Dr. Hermann Josef, Hölzl Stefan, Michl Anton, Müller Hieronymus, Rainer Carl, Schiebl Edmund; IV. Bezirk: Böhm Hans, Prohaska Johann, Schöpfleitner Ed.; VI. Bezirk: Fleischhacker Josef, Nemec Ferdinand, Nemec Josef; VII. Bezirk! Czernin Carl, Hanek Emanuel, Weiß Andreas; VIII. Bezirk: Bösbauer Johann, Dr. Fuchs Johann, Thomas Rudolf, Wurzinger K., Meidler Patrie; IX. Bezirk: Miklas August; XL Bezirk: Bertl Anton; XIV. Bezirk: Feichtinger Alf.; XV. Bezirk: Lukschal Franz; XVI. Bezirk: Schmidt Carl; XVIll. Bezirk: Gärtner Alfted, Mayr Josef, Plöchl Josef, Prokop K., Richard Ad. Es fällt uns nicht ein, den Lehrern einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie dem Verein „Christliche Familie" angehören, und wenn sie jener Sippe angehören, die in dem Rufe: „Kauft nur beim Christen!" ihr Heil suchen, so mögen sie auch ihr Heil darin finden. Wir denken: „Mit den Wölfen muß man heulen", und wenn schon die P. T. Herren Lehrer sich dem Verein „Christliche Familie" verschrieben haben, so müssen sie selbstverständlich die Vorschriften dieses Vereines respectiren und mit—heulen. Wir sind jedoch neugierig, ob es zu den Normen dieses Vereines gehört, daß die Lehrer-Mitglieder auch bei Juden den Privatunterricht nicht ertheilen dürfen, denn es wäre nur consequent, daß sie auch das Geld des Juden mit Verachtung zurückweisen. Leider sind wir aber anderer Ueberzeugung. Wir wissen nämlich sehr wohl, daß gerade die enragirtesten antisemitischen Lehrer in jüdischen Häusern Privatunterricht ertheilen und mit Schmunzeln das leicht erworbene jüdische Geld einstecken. Freilich machen sich die Helden gleich darauf über den dunnnen Juden lustig, der mit Vorliebe den Privatunterricht seiner Kinder antisemitischen Lehrern anvertraut und splendid honorirt. Wie gesagt, das Alles ist nichts Neues und wundert uns auch weiter gar nicht. Daß es aber unsere reichen und wohlhabenden Juden noch immer nicht fassen können, welches Verbrechen sie geradezu an ihren Stammesgenossen begehen, wenn sie gerade jene Subjecte bereichern, die jeden Juden, vom Banquier bis hinunter zum Dienstmann, mit dem unauslöschlichsten Hasse verfolgen; daß sie gerade jenen Lehrern den Unterricht ihrer Kinder anvertraueu, die hinterher Schmach und Spott häufen gegen Alles, was dem Juden sonst heilig ist; daß der wohlhabende Jude gerade jenen Elementen in Allem und Jedem entgegenkommt, die am lautesten rufen: „Kauft nicht bei Juden!", das Alles, wie gesagt, können wir nicht begreifen. Wir sagen nicht: Kaust nur beim Juden, laßt nur vom Juden Eure Kinder unterrichten! Nein, dies wäre ebenso ungerecht als unwürdig der jüdischen Tradition. ' Wir sagen aber — und hier werden wir hoffentlich auch die Zustimmung des hochwürdigen Pater Ditrich haben — wir sagen: Ihr Juden, die Ihr noch ein Atom jüdischen Herzens Euch bewahrt, die Ihr noch Sinn für jüdische Gerechtigkeit habet, , die Ihr noch menschliche Selbstachtung kennt, Euch rufen wir zu: : Kauft nichts bei Antisemiten, vertraut den Privatunterricht Eurer Kinder nicht mehr antisemitischen Lehrern an! Wohl gibt es kaum in Wien einen einzigen jüdischen Lehrer, der in christlichen Häusern unterrichtet, wohl gibt es in Wien eine große Anzahl der tüchtigsten, Mischen Lehrer, die schwer zu kämpfen haben um das tägliche Brot; wohl gibt es Tausende jüdische Gewerbsleute und Handwerker, die sich in precärster Lage befinden und der Unterstützung dringendst bedürfen; trotzdem wäre es der größte Fehler, die größte Ungerechtigkeit, gleich jener Rotte auszurufen: „Kauft nur bei Juden!" Nein, nein; kauft bei Jedem, laßt von jedem Lehrer unterrichten, von Jedem, ob Jude oder Christ; kauft aber nie und nimmer bei Antisemiten, kein antisemitischer Lehrer übertrete die Schwelle des jüdischen Hauses! Wir, aber werden dafür sorgen, daß die Ehrenmänner antisemitischer Couleur im Lehramte allgemein bekannt werden. Die Juden als Soldaten. Berlin, Ende Dezember. Als Seitenstück der vor Jahresfrist erschienenen Schrift über den Antheil der Juden an Verbrechen hat das Cornits zur Abwehr antisemitischer Angriffe in Berlin soeben eine Studie über die Juden als Soldaten (Verlag Siegftied Cronbach, Berlin) erscheinen lassen. Der Verfasser derselben, Herr Dr. P. Nathan, erinnert in der Einleitung an den Proceß, den ein früherer jüdischer Soldat, der mit dem Eisernen Kreuz geschmückt war, gegen den Redacteur des „Thüringer Volksboten" in Arnstadt, Gottesleben, angestellt hatte, der in einer Versammlung den Soldaten jüdischen Glaubens im deutschen Heere Feigheit vorgeworfen hatte. Der Kläger wandte sich an das obige Comite mit der Bitte um Material und gab dadurch den Anlaß zu den Erhebungen, deren Ergebniß der Verfasser nunmehr vorlegt. Das zahlenmäßige Ergebniß der natürlich rein privaten Erhebungen ist folgendes: eine Liste von 125 jüdischen Soldaten aus den Feldzügen 1813 bis 1815, von 16 jüdischen Soldaten, die das Eiserne Kreuz erhalten haben, und von 16 Todten und Verwundeten ans dem Jahre 1813; eine Liste von 67 jüdischen Soldaten aus den Revolutionskämpfen 1848 bis 1850, sowie aus den Kämpfen in Schleswig-Holstein; eine Liste von 194 jüdischen Soldaten aus dem Feldzuge von 1864, eine solche von 1025 Soldaten aus rem Feldzuge von 1866, eine Liste von 4492 jüdischen Soldaten aus dem Feldzuge von 1870/71, eine solche von 1101 jüdischen Gemeinden, aus denen Mitglieder am Feldzuge 1870/71 theilgenommen haben; eine Liste von 448 jüdischen Soldaten, welche im Feldzuge von 1870,71 verwundet oder getödtet worden sind, und endlich eine Liste von 373 jüdischen Soldaten, welche 1870/71 das Eiserne Kreuz oder die entsprechenden mil»itärischen Auszeichnungen der anderen deutschen Bundesstaaten erhalten haben. Aber die Schrift bietet auch eine Anzahl werthvoller geschichtlicher Documente, so zum Beispiel einen Brief des Staatskanzlers Fürsten Hardenberg an den Grafen Grote vom 4. Jänner 1815 über das Verhalten der Juden im Befreiungskriege, worin es heißt: „Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffengefährten tfjrer. christlichen Mitbürger gewesen, und wir haben auch unter ihnen Beispiele wahren Heldenmuthes und der rühmlichsten Verachtung der Kriegsgefahren aufzuweisen." Hiezu wird eine Aeußerung des Herzogs von Wellington gefügt, der, als im englischen Parlament im August 1833 über die Emancipation der Juden verhandelt wurde, Folgendes sagte: „Man hat gesagt, daß in der Schlacht bei Waterloo nicht weniger als 15 jüdische Officiere dienten; auch ich habe viele verdienstvolle und ausgezeichnete Officiere-dieses Glaubens kennen gelernt." Die Freiheitskriege weisen auch ein jüdisches Gegenstück zu der deutschen Freiheitskämpferin Eleonora Prochaska auf, nämlich Luise Grafemus, eigentlich Esther Mannel, aus Hanau gebürtig, jüdischer Abkunft und Religion, welche nach einem Berichte der „Vossischen Zeitung" vom 9. December 1815 und des „Russischen Invaliden" vom 6. Februar 1815 in den Reihen der Männer kämpfte. Sie wollte ihrem Manne, der sie und zwei