Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 52 (25.12.1896)
- Date
- 1896-12-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 52 Dr. Vlortz's Worhrnirtzrifi. Seite 1027 Vicepräsident Dr. Alfred Stern zum Obmann und Herr Dr. Adolf Stein zum Obmannstellvertreter; fiir die Wohlthätigkeitsfection Herr Baurath Theodor Ritter v. Gold sch midt zum Obmann und Herr Salo Cohn zum Obmannstellvertreter; für die Friedhof-Section Herr Baurath Wilhelm S t i a ß n y zum Obmann und Herr Dr. Josef G r ü n f e l d zum Obmannstellvertreter. Menschenjagd zur Weihnachtsfeier. Wieder einmal erklingt durch Stadt und Land die neue, praktisch-christliche Weihnachtsbotschaft: „Kauft nicht bei Juden!" Das ist die moderne, antisemitische Transformation des alten, christlichen Weihnachtsspruches: „Friede den Menschen auf Erden!" Nicht der Friede mehr, sondern der Haß wird gepredigt, an die materielle Existenz der Juden soll die Axt gelegt werden. Denn die Juden, das ist die Theorie des Mechanikers Schneider und seiner lärmenden Korybantenschaar, die Juden sind ja keine Menschen, die Juden sind Geschöpfe Gottes wie die Thiere, die Pflanzen, die Steine, aber keine Menschen. Und wie man zur Erhöhung der Weihnachtsfreude die jungen Tannenstämme entwurzelt, wie man Hekatomben von Nutzthieren schlachtet, um den Weihnachtstisch zu bestellen, so will der Mechaniker Schneider die Juden entwurzeln und will sie schlachten zur Erhöhung der christlichen Weihnachtssreude. Bor wenigen Tagen hat eine Frauenversammlung im Prater stattgefunden, wo Prinz Liechtenstein, Dr. Lueger und Mechaniker Schneider zum soundsovielten Male den Hetzruf anstimmten: „Kauft nicht bei Juden!" Und der Stampiglienritter fügte unter dem Jubel der „christlichen" Frauen hinzu: „Kauft nur bei Menschen! Die Juden sollen unter sich kaufen, wie sie wollen, meinetwegen lauter Stricke, damit sie sich alle aufhängen; das wäre mir am liebsten!" Und als dann Herr- Lueger von der Freiwilligen Rettungsgesellscbaft sprach, da rief der Menschenfreund Schneider dazwischen: „Die Rettungsgesellschaft möge nur Helsen, wenn ein Jude verunglücke, sein Wunsch wäre, daß alle verunglückten. Und zu dieser Art christlicher Nächstenliebe, die da in der Adventzeir verkündet wurde, gab ein katholischer Priester, der hochgeborne Cooperator Graf Colloredo-Mels, seinen Segen. Der Oberste Gerichtshof hat die Boycottirung jüdischer Geschäftsleute als eine Erpressung qnalificirt. Aber wie will man von den antisemitischen Führern verlangen, daß sie sich an menschliche Gesetze halten, da sie göttliches Gebot mißachten! Zwar gibt es in Oesterreich noch etwas derart wie ein Staatsgrundgesetz, das die Juden nicht blos für Menschen, sondern sogar für gleichberechtigte Staatsbürger erklärt! Zwar gibt es ein Strafgesetz, dessen Anwendung ohne Ansehen der Person und der Partei die Pflicht der Staatsanwälte wäre, und wenn der Oberste Gerichtshof in einer Sache principiell judicirt hat, so sollte man meinen, daß eine solche Entscheidung für jeden einzelnen Fall und gegenüber jedem einzelnen Uebelthäter gelten müßte. So sollte es sein, nicht im Interesse der Juden, sondern im Interesse des höchsten Tribunals des Reiches, im Interesse des Ansehens und der Würde der Justiz! Aber die Herren Lueger, Liechtenstein und Schneider sind ja keine Juden, sondern Menschen, für sie gilt die WechnachtsVerheißung: „Friede den Menschen auf Erder:!" und es wäre doch zu grausam, ihnen den Frieden der Weihnachtswoche durch eine gerichtliche Verfolgung zu stören!- „Kauft nicht bei Juden!" Der Hetzruf klingt durch Stadt und Land und der kleine Geschäftsmann, der bescheidene, jüdische Handwerker hat schon darunter zu leiden. Das „christliche Volk von Wien" blickt gläubig und vertrauensvoll auf seine Führer, die ihm gesagt haben, daß es Allen, Allen wieder gut gehen werde, wenn man nur erst den Juden den letzten Bissen Brot entzogen haben würde. Aber das „christliche Volk" sieht nicht, wie es auch hier wieder belogen und betrogen wird, denn Herr Dr. Lueger kaust tapfer bei Juden, macht mit Juden die schönsten Millionengeschäfte und stärkt das jüdische _ Großcapital gegen welches er so gewaltig losdonnert. Oh, dieser Dr. Lueger ist lange nicht so dumm, als er sein „christliches Volk" gemacht hat. Es ist möglich, daß auch er in den armen I u d e n keine Menschen sieht, aber die r e i ch e n I u d e n — ja Bauer, das ist was Anderes. Mit den reichen Juden, mit den jüdischen Millionären verträgt man sich, mit ihnen schließt man vor und nach Weihnachten, zu jeder Jahreszeit die schönsten Lieferungsverträge ab. Den reichen Juden gegenüber feiert die christliche Nächstenliebe die herrlichsten Triumphe. Hören wir, was ein gut katholisches Blatt, die „Politischen Fragmente", darüber zu sagen weiß: »Die Ziegellieferung (für die neue» städlischen Gaswerke) wurden vergeben: An die Wienerberger Gesellschaft 19 Millionen (Stück Ziegel), an die Union Baumaterialien-Gesellschaft 18 Millionen, an die Firma Herzfelder & Comp. 10 Millionen. Die Wienerberger Gesellschaft gehört Rothschild, dieUnion-Baumaterialien-Gesellschast ist eine jüdische Actiengesellschast. und von der Firma Herzselderjagt schon der Name, daß sie nicht arischer Abkunft ist. Die Lieferungen der Gasrohre wieder wurden ebenfalls an l a u t e r jüdische Gesellschaften vergeben: Witkowitz (Rothschild), Alpine Montangesellschaft (Länderbank). Man braucht Herrn Lueger durchaus keine selbstsüchtigen, eigennützigen Motive bei dem Abschlüsse dieser Geschäfte zu insinuiren. Sie finden ihre Erklärung irr derselben Ursache, welche Herrn Lueger zur Bestellung eines Magistratsdirectors jüdischer Abkunft zwang. Die „Politischen Jragmenle" sagen darüber: „Dr. Lueger hat offen zugestanden, daß er Tachau zum Magistratsdirector machen muß, weil er keinen Christen hat, der die complicirten kaufmännischen Geschäfte des Magistrats führet' könnte." Der Judenftämmling Tachau ist also darum die rechte Hand des antisemitischen Dr. Lueger, weil dieser im Voraus wllßte, daß jener Abschlüsse mit jüdischen Millionären und jüdischen Aktiengesellschaften werde machen müssen. Und trotzdem erhebt er in allen Versammlungen den Ruf: „Kailft nicht bei Juden!" Ueber die „conlnrerzielle Fähigkeit" der Juden ließe sich Vieles sagen. Der Haß der christlichen Völker hat die Juden, die einst ausschließlich Ackerbauer, Hirten und Handwerker waren, zu Kaufleuten gemacht, die Großen und Mächtigen haben die Juden gehaßt, aber sie haben sich ihrer stets bedient und Herr Lueger, der sich einst selbst von Judeli eine Busennadel mit dem Schilde Davids schenken ließ, weiß genau, wie unentbehrlich sie dem wirthschaftlichen Leben sind. Auch darüber geben die „Politischen Fragmente" interessanten Aufschluß. „Wir sehen", schreibt dieses Blatt, „daß die Mächtigen der Erde ihre Bankgeschäfte nur mit Juden oder mit Banken machen, welche von Juden geleitet werden. Es ist unwidersprochen geblieben, daß der Pap st seine überflüssigen Gelder durch das Hans Rothschild verwalten läßt; — ein Versuch mit christlichen Banquiers hat ihm vor 10 Jahren schwere Millionen gekostet. Auch alle europäischen Potentaten haben jüdische Banquiers; nicht aus Liebe für die Juden, sondern weil sie wissen, daß diese mehr Findigkeit und praktische Erfahrung für das Geschäft haben. Die Königin von England hat das Londoner Haus Rothschild zum Banquier. der Kaiser von Rußland das Hans Günsburg, der deutsche Kaiser das Haus Bleichröder, der König von Italien das Haus Lemi. Der Banquier des Familienfonds des Kaisers von Lesterreich ist die österreichische Bodencreditanstalt an deren Spitze Herr Ritter von Taussig steht. Napoleon HI. hatte seinerzeit das Pariser Haus Rothschild zum Banquier. Selbst die kleinen orientalischen Fürsten Serbiens, Bulgariens und Montenegros haben ihre jüdischen Banquiers. Alles nicht aus Liebe zu dem Volke der Juden, sondern weil sie bei den Juden ihre Interessen bester gewahrt wissen, wie bei den Christen. Es ist richtig, daß auch schon jüdische Bankhäuser und Banken zusammengebrochen sind, aber im Verhältnisse lange nicht so viele, wie christliche Banken und christliche Bankhäuser." Hier ist von der „Findigkeit und praktischen Geschäftserfahrung" der Juden die Rede. Aber wie steht es mit der Ehrlichkeit der Juden? Wenn all diese jüdischen Banquiers und Banken nicht Muster von Ehrlichkeit wären, würdeic all die genannten Potentaten auch nur eine Stunde ihr Vermögen von ihnen verwalten lassen? Es ist bequem, die Verluste, die der Papst bei christlichen Banquiers erlitten hat, und den öfteren Zusammenbruch christlicher Häuser auf Rechnung der geringeren — Geschäftsroutine der Christen zu setzen. Aber die Thatsacheu erhärten das Gegentheil! Von wenigen Ausnahmen abgesehen, stehen alle großen jüdischen Häuser im Rufe der peinlichsten Ehrlichkeit. In Italien unternimmt gegenwärtig das Ministerium Rudini eine förmliche Razzia auf die Bankenräuber. Zu Dutzenden werden die diebischen Bankdirectören eingesperrt — es ist kein einziger Jude darunter. Der Panamaproceß und die Affaire Crispi, ebenso wie vor Jahren der Proceß der „Union Generale" haben einen Abgrund von Corruptiott eröffnet — es waren fast lauter Christen daran betheiligt. Ueber Lesseps, Bontoux, Crispi spricht die antisemitische Presse fteilich nichts, aber den einzigen Inden, Cornelius Herz,