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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-18 · 51 (18.12.1896) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
51 (18.12.1896)
Date
1896-12-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 1012 Dr. Vloch's Wochrnfchrtst Nr. 51 Agitationsredner geworden. Sein erstes Debüt hatte er vor einigen Tagen in unserer Stadt im Verein „Christenschutz", wo er zwei Vorträge hielt; er sprach über seine früheren Glaubensgenossen in einer Weise, die dem Amerikaner Ahlwardt oder dem Stempelfälscher Schneider alle Ehre gemacht haben würde. Am Schlüsse der Versammlung brachte Loew einen Toast auf — — Lueger aus. Tiefer kann der Apostat wohl kaum mehr sinken. Antisemitisches Ehrgefühl. Unter diesem Schlagwort schreibt die „Arbeiter-Zeitung": Der große Bekämpfer der Corruption in Graz, der antisemitische Herr F e i ch t i n g e r, der nach seinem eigenen Geständniß vom jüdischen Wucherer Wohl ein Schweiggeld annahm und vom Cassationshof von der Anklage der Veruntreuung nur deshalb freigesprochen wurde, weil nicht nachgewiesen war, ob das Schweiggeld blos für seine eigene Tasche oder auch für die anderen Redacteure bestimmt war, ist wieder im Grazer Gemeinderath erschienen. Sein Mandat war während seines Processes sistirt gewesen, und da sein Gebühren vom Cassationshofe zwar als unmoralisch, aber strafgesetzlich nicht strafbar erklärt wurde, konnte ihm das Gemeinderathsmandat nicht aberkannt werden. Und Herr F e i ch t i n g e r hat die Unverfrorenheit, dieses Mandat weiter auszuüben, so lange, als es noch möglich ist. Er hält sich offenbar für rein, weil er nicht eingesperrt werden konnte, und seine Parteigenossen haben genug Mangel an Ehrgefühl, zu dulden, daß der Mann ein Amt ausnütze, der eingestandenermaßen ein Schweiggelduehmer und Revölverjournalist ist. Die Stumpfheit des moralischen Sinnes ist aber keine Grazer Specialität; sie scheint überhaupt eine Eigenschaft der antisemitischen Volkserretter zu sein. Nicht einmal die österreichische liberale Partei hätte es gewagt, einen V e r g a n i weiter die Würden eines Volksvertreters tragen zu lassen, bevor er sich nicht von dem schimpflichen Verdacht gereinigt hätte, der auf ihm ruht. Eine Partei, die über Ehrgefühl verfiigt, hätte auch den antisemitischen Stadtrath Dr. Wähn er von seinem Amte suspendiren müssen, als in einem Parteiblatt der Antisemiten, der Vorwurf der Käuflichkeit gegen ihn als Redacteur der „Deutschen Zeitung" erhoben wurde. Einen elastischen Beweis für die Abstumpfung des Ehrgefiihls der antisemitischen Partei ist das Stillschweigen, das die antisemitischen Zeitungeir und Führer gegenüber den Angriffen der „Wiener Allgemeinen Zeitung" auf den Gemeinderath, Stadtrath und Finanzreferenten Felix H r a b a beobachtet. Herrn H r a b a wird da nichts Geringeres vorgeworfen, als daß er im Jahre 1884 der Chefredacteur des Börsen- und Revolverblattes „Reue Fortuna", der Geschäftsfreund des Börsenschwindlers und Erpressers Josua Landauer war, daß ihn Dr. L u e g e r als Bertheidiger einer unehrenhaften Handlung beschuldigte und von ihm sagte, er spiele „eine nicht beneidenswertste Rolle". Auf diese Angriffe hatte weder der in Berichtigungsangelegenheiten so gewandte Dr. Lueger noch Herr H r a b a ein Wort der Abwehr, und ebenso schwiegen sich die antisemitischen Zeitungen und die Collegen des Herrn Hraba aus. Eine traurige Partei, die bei so ehrenrührigen Dingen stumm und taub bleibt! Der städtische Finanzminister. Wer und was war Herr Felix Hraba, der gegenwärtige Finanzreferent im Wiener Gemeinderathe, fragt die „Wr. Allg. Ztg.". Die Antwort darauf gibt eine Schwurgerichtsverhandlung, welche am 16. October 1884 in Wien stattgefunden hat. Kläger war Herr Josua Landauer, Commissionshändler mit Börseeffecten und Eigenthümer der „Neuen Fortuna". Als Bertheidiger fungirte Herr Dr. Lueger. Es handelte sich um eine Erpressung. Herr Felix Hraba wurde als Zeuge einvernommen, nur als Zeuge. Herr Josua Landauer wollte nämlich im fürsterzbischöflichen Palais ein Geschäftslocal miethen und — wir citireu aus der Rede des Herrn Dr. Lueger — „sofort wird in ihm der Gedanke wach, daß es gerade bei der jetzigen Z e i t st r ö m u n g sehr angezeigt wäre, seinem Geschäft einen christlichen Charakter au f z u p rügen. Da er sich aber selbst sagen muß, daß ■ es wohl ganz und gar unmöglich ist, daß ihm, dem Juden, das fragliche Local vermiethet werden wird, so nimmt er seinen bisherigen Bediensteten H r a b a als Compagnon in seine Firma auf, selbstverständlich ohne ihm das Firmirungsrecht zu ertheilen, -und auf diese Weise wurdederChrist gefunden, welcher den Miethsvertrag abschließen kann." Im weiteren Verlaufe verwies Dr. Lueger auf Dr. N a v a, der im erzbischöflichen Consistorium als verläßlicher und anständiger Mensch bekannt war. „Trotzdem Hraba das Firmirungsrecht nicht besitzt, ist doch er es, d e r d i e V e r h a n dlungen mit der erzbischöflichen Kanzlei leitet, der sich zum Erzbischof begibt und den Vertrag abschließen will. Dabei wirkt noch die Aehnlichkeit der Namen Hraba u n d N a v a mit und der Streich wäre gewiß gelungen, wenn nicht gerade der letztere Umstand zur Klarstellung des wirklichen Sachverhaltes geführt hätte. Es liegt nach meiner (Dr. Lueger 's) Anschauung der B erdacht eines Mißbrauches von Seite Hraba v o r." (Wir bitten sehr, das hat Herr Dr. Lueger gesagt.) Und was ist Herr Hraba heute? Herr Felix Hraba ist heute G e m e i n d r a t h, S t a d t r a t h und eine der f e ft e ft e ix Stützen des antisemitischen Regimentes im neuen R a t h h a u s e. Herr Vicebürgermeister Dr. Lueger hält auf Herrn Felix Hraba so große Stücke, daß er ihm selbst das wichti gste aller Referate an vertraut hat: das Finanzreferat. Herr Felix Hraba ist der Nachfolger Boschan 's im städtichen Finanzministerium. Der „Chefredacteur" der „Neuen Fortuna", der Bedien st ete und spätere stille Compagnon des Herrn Josua Landauer i st st ä d t i s ch e r F i nanzminister. Dev Jude wird verbrannt. Die von dem pauschalirten Herausgeber und dem unabhängigen Stadtrath Dr. Wähnen redigirte „Deutsche Zeitung" fällt mit teutonischem Grimme überr die „Tribuna" her, welche so vermessen ist — ohne jedes Pauschale — den italienischen Minister Luzatti zu loben. Da heißt es u. A.: „Bezeichnend für den speci fisch-jüdischen Charakter der in Rom erscheinenden „Tribuna" ist ihre Haltung gegenüber Luzatti. Während die „Tribuna" — eine Anhängerin des Crispi'schen Systems — bisher vom Ministerium di Ru d ini nur Schlechtes, zu sagen wußte, macht sie diesmal für den jüdischen Minister Luzatti, der doch demselben Ministerium di Rudini angehört, eine Ausnahme. Sie lobt nämlich geradezu maßlos die „genialen Ausführungen" Luzatti's und bezeichnet ihn „als einen der mächtigsten Geister Italiens"!! ..." Natürlich wenn ein Minister, der zufällig Jude ist, gelobt wird, dann muß es Lüge sein. Wenn aber ein Blatt, wie die „Roma" denselben Minister angreist, dann muß jedes Wort des Tadels als pure Wahrheit gelten. Denn der Minister ist ja ein Jude. Die alte Geschichte wird da vom Dr. Wähner auf's Neue aufgeführt, mag der Jude Recht oder Unrecht haben, mag er Lob oder Tadel verdienen, das ändert nichts an der Thatsache: Der Jude wird verbrannt. Auf diese Entdeckuug kann sich Dr. Wähner weder ein Patent noch ein Pauschale nehmen. ' Lueger als Lehrmittel. Ein antisemitischer Bezirksfunctionär kam dieser Tage in eine Schule, und unter den Lehrmitteln sielen ihm vor allem Andern die fünf Charakterköpfe auf, welche die menschlichen Racen darstellen. Der Vertreter der kaukasischen Race, ein Mann mit braunem Vollbart, fesselte besonders seine Aufmerksamkeit, und nach längerer Betrachtung des Bildes fragte er: „Wozu gehört denn das? Ist das nicht der Dr. Lueger?" — Der Bezirksfunctionär war offenbar der Meinung, die fünf Charakterköpfe stellen die Häupter der Christlich-Socialen in den fünf Welttheilen dar, und glaubte in dem Kaukasier den Dr. Lueger als den Herrn der christlichsocialen Welt zu erkennen. Ohne Zweifel fand er es ganz in der Ordnung, daß man diese Vorstellung schon den Kindern in der Schule beibringe. Juden- und Protestantenhaft. Auch Frankreich hat nun seinen Antisemitenc o n g r e ß gehabt. Dieser tagte in den letzten Novembertagen in Lyon und war eigentlich nur eine große Parade fiir E. D r u m o n t und seine Getreuen. Die Beschlüsse, die dort gefaßt wurden, lauten folgendermaßen: „Das Gesetz von 1791, das den Juden französische Staatsbürgerrechte verlieh, ist aufzuheben. Inzwischen müssen die Juden vom öffentlichen Unterricht, von der Rechtspflege, der Verwaltung und dem Officiersstand ausgeschlossen werden. Alle vaterländischen Zeitungen, besonders die katholischen, sollen einen kräftigen antisemitischen Feldzug führen und dazu auch Flugschriften und Nachrichtenagenturen benutzen. Das Gesetz über die Actiengesellschasten, hinter denen sich die Juden verbergen, soll geändert, kein Jude zu Heereslieferungcn zugelassen, Waarenwucher und Ringbildung strafrechtlich verfolgt und ein Adreßbuch aller jüdischen Kaufleute veröffentlicht werden."

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