Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 51 (18.12.1896)
- Date
- 1896-12-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 51 Dr Vloch's Wochenschrift Seite 1009 liegt vielmehr darin, den Beweis zu erbringen, daß der verblichene Prinz durch und durch liberal gesinnt war. Dieser Beweise aber bedurfte es nicht. Das weiß die Mitwelt und der Nachwelt bleibt es überlassen, es zu würdigen. Die Fleischbank des Pfarrer Deckert. „Mutter, der Mann mit den Cocks ist da!" Dieses Berliner Volkslied erlebt eine neue verbesserte Auflage: „Der Mann mit den Keuschheitsgürteln ist wieder da!" Der Herr Pfarrer Deckert spult wieder, er spuckt seine ekle Galle gegen die Juden, indem er diesmal behauptet, daß jüdische Schächter das Fleisch bespucken, das sie an christliche Kunden verkaufen. Heute, wo Deckert's Gesinnungsgenossen gegen die Hausirer wettern, ist das Geschäft verdorben, mit den Keuschheitsgürteln des heiligen Josef zu hausiren. Die Behörde verlangt, daß jeder Staatsbürger seine Hosenträger und Strumpfbänder bei einem erwerbsteuerzahlenden Ladeninhaber kaufe, und das wird auch für den Bedarf an Keuschheitsgürteln seine Geltung haben. Nicht anders steht es mit den Losgeschäften. Auch ein gefährliches Ding! Geschäfte mit zerlegbaren Villen sind heute geeignet, die Bekanntschaft mit dem Herrn Staatsanwalt in der bequemsten Weise zu vermitteln. Und wozu soll Pfarrer Deckert den Staatsanwalt noch genauer kennen lernen» als dies, was seine Person anlangt, ohnehin schon der Fall ist. Der Herr Deckert ist ein Christlich-Socialer, er will auch den Staatsanwalt vor Arbeitsüberbürduug verhüten und die Familie Deckert gibt so viel zu thvn. Der Herr Papa Deckert hat drei Söhne gezeugt. Der eine ist Keuschheitsgürtelverschleißer, Villen-Lottcriecollectant und christlicher Socialreformer, der zweite machte es viel einfacher und saß wegen allerlei Dinge, der dritte ist ein Original. Wenn er in die Heimat reist, so bedient er sich immer eines primitiven Vehikels; er ist kein verweichlichtes Muttersöhnchen, er ist abgehärtet, beinahe so eine dicke Haut nennt er sein, wie der hochwürüige Bruder Socialreformer. Drum reist'er princ'piell mit dem Schubwagen und leistet sogar auf die brüderliche Patentverkuppelung Verzicht. Das „Deutsche Volksblatt" brachte diese Woche einen Aufsatz dieses „Racentheoretikers". Herr Deckert spricht über „jüdische Fleischbesudelung"; er „warnt" seine „Mitchristen" vor den jüdischen Schächtern, die den Lehren des Schulchan-Aruch zufolge aus rituellen Gründen das für Christen bestimmte Fleisch besudeln. Herr Deckert weicht dem Obersten Gerichtshof in weitem Bogen aus, er fordert nicht zum Boycott der jüdischen Fleischhauer auf. Dazu ist er viel zu vorsichtig. Das wäre denn doch ein wenig gefährlich. Drum constatirt er blos die „M ö g l i ch k e i 1", und mit jesuitischem Zwinkern verwahrt er sich energisch dagegen, daß etwa alle jüdischen Fleischhauer das für Nichtjuden bestimmte Fleisch benediciren. Blos „möglich" ist es. Und daß es „möglich" ist, daran ist der Zionismus und die „immer mehr um sich greifende antisemitische Bewegung" schuld. Ausnahmen gibt Herr Deckert zu, er ist ja ein gefinkelter Geschäftsantisemit und in seinen so verschiedenartigen Unternehmungen hat er alle Kniffe, Ränke und Mittelchen kennen gelernt, durch die geriebene Kleingewerbetreibende der lästigen Aufsichtsbehörde ein Schnippchen schlagen und es zu verhindern wissen, daß ihnen die Bude gesperrt werde. Herr Deckert sagt: „Es mag ja auch jüdische Schlächter geben, die sich von dem eklen Treiben solcher jüdischer Schweinehunde mit Abscheu abwenden. Wer also ä tout prix von jüdischen Fleischhauern sein Fleisch beziehen will und unter allen Umständen bei Appetit bleiben kann, dem stehen in unserer Zeit die Wege offen." Er boycottirt nicht, der Herr Deckert. Der Oberste Gerichtshof kann ihm nichts anhaben. Er warnt blos, er lügt blos, er fälscht blos. Die Geschichte, die er in entstellter Weise erzählt, die Geschichte von jenem urdeutschen S e d l a c z e k, der in einem antisemitischen Winkelblättchen einen jüdischen Schlächter eines Unfuges beschuldigte, ist zur Genüge bekannt. Sie ist auch in diesen Blättern mitgetheilt worden, und auch des richterlichen Urtheils wurde Erwähnung gethan, das in den schärfsten Worten die antisemitische Verallgemeinerung brandmarkte und die jüdischen Schlächter vor dem Vorwurf in Schutz nahm, daß sie aus rituellen Gründen besudeltes Fleisch an Nichtjuden verkaufen. Für Herrn Deckert existirt dieser richterliche Ausspruch nicht, trotzdem er in gutem Deutsch verkündet wurde, und nicht etwa auf Hebräisch, in welch' letzterem Fall der Deckert freilich seines Leibdolmetsch, des Paulus Meyer, bedurft hätte. Mit bewußter Frivolität und eklem Cynismus wird diese wahnwitzige Lüge in die Welt gesprengt. Das Ritualmärch"n scheint monoton geworden zu sein, drum läßt man es bis auf Weiteres in der Borrathskammer. Dafür wird mit heuchlerischem Leichtsinn gegen einen ganzen Stand eine schwere eristenzuntergrabende Beschuldigung ausgestoßen. Jene Dlitzende von christlichen Lebensmittelverschleitzern, Gastwirthen, Restaurateuren, die verschimmelte Würste, verfaultes Fleisch, verweste Häringe ihren Kunden verkaufen, sind durch die Bank Ehrenmänner. Dem Juden wird aber zuerst ein derartiges Vergehen angedichtet und dann gibt mau als „Zwang" rituelle Motive dazu. Das kann nur der raffinirteste Concurrenzneid ersinnen. Von Leuten, die mit Keuschheitsgürteln, pornographischer Rituallecture und Schwindellosen hausiren, wäre es schließlich nicht zu verwundern, wenn sie eines schönen Tages eine — Fleischbank errichten würden. Die israelitische Religionsgemrinde in Budapest. Budapest, 11. Tecember. Der letzte Tag des Chanukafestes, Sonntag der 6. d. M., gestaltete sich zu einem denkwürdigen Zeitpunkte in der eulturellen Entwicklungsgeschichte ttnserer wackeren israelitischen Religionsgemeinde, welche mit periodisch tviederkehrender Regelmäßigkeit von Triennium zu Triennium irgend eine großangelegte Schöpfung auf dem Gebiete der drei Grundlagen unserer sittlichen Weltordnung: der Wissenschaft, Religion und Htimanität, zustande bringt. Am erwähnten Tage weihte sie nämlich ihre im VII. Bezirke, an der Ecke der Weffelsnyi- und Kerteszgasse mit einem Kostenaufwande von über 200.000 st. neuerbaute Volks- und Bürgerschule für Knaben feierlichst ein, nachdem der regelrechte Unterricht darin schon Anfangs October ohne Sang und Klang begonnen. Zu der um 10 Uhr eröffneten Feierlichkeit erschienen: In Vertretung des Cultus- und Unterrichtsministers Schulinspector königl. Rath Dr. Carl B e r 6 d y; von Seite des hauptstädtischen Municipiums Oberbürgermeister Carl Rath; Bürgermeister Josef Mark u s, Magistratsrath Julius R o z s a v ö l g y i als Leiter des hauptstädtischen Unterrichtswesens, Reichstagsabgeordneter Dr. Carl M o r z s a n y i als Vertreter des VU. Bezirkes und Bezirksvorsteher Waszilievics. Bon Seite des Gemeindevorstandes waren anwesend: Gemeindepräses Sigmund Ko h »er, Bicepräses Samuel Deutsch, Martin Schweiger, Präses der Unterrichtssection; Ludwig Adle r; Paul T e n c z e r; Reichstagsabgeordneter Berthold Weiß; ferner die Rabbiner Dr. K o h n, Tr. K a y s e r l i n g, Dr. W e i ß b u r g; Gemeindesecretär Dr. G o l d z i h e r; Gemeinde-Schulinspector Dr. M u n k ä c s i; die Seminarprofessoreu Dr. Bache r, Dr. Schill und Dr. Bein; der Professorenkörper der israelitischen Lehrerbildungsanstalt und die Vertreter vieler anderer öffentlichen hauptstädtischen und Gemeinde-Lehranstalten. Die Anwesenden versammelten sich in dem im classischmaurischen Styl gehaltenen und architektonisch überaus gelungenen Betsaale der Schule. Die Feier wurde mit dem von Obercantor Lazarus jnu. und dem Chorpersonal höchst stimmungsvoll vorgetragenen üblichen Psalm XXX. begonnen, worauf Vorsteher Martin Schweiger eine kurze, doch sehr gehaltvolle Eröffnungsrede hielt, worin er zunächst die Anwesenden begrüßte und die Geschichte des Neubaues der Schule skizzirte. Schließlich drückte er dein Municipium der Haupt- und Residenzstadt für die Opferwitligkeit, womit dasselbe der Gemeinde zum Zwecke eines Schulbaues einen Gratisgrnnd überließ, den Dank der Religionsgenoffenschaft aus.