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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-11 · 50 (11.12.1896) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
50 (11.12.1896)
Date
1896-12-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50 Vr. Vlvch's Wochenschrift Seite 989 noch heute krankt die Judenheit in Deutschland an den Mißgriffen i der Assimilationseiferer. f Ja, es lvaren schwere Fehler, die da von den berufenen c und unberufenen Führern des Judenthums, von wohlwollenden . 5 Unfähigen und streberhaften Phrasenhelden gemacht worden find, l Es ist stark an der Geschichte gesündigt worden, und solche ( Sünden rächen sich immer. Die Juden in Deutschland hatten ' e mit der erkämpften gesetzlichen Gleichstellung auf dem Papier . t einen Freiheitsrausch bekonnnen und sie glaubten, Alles beseitigen k zu müssen, was svecifisch jüdisch ist. Man wollte außerhalb der j Synagoge absolut nicht erinnert werden, daß man Jude ist, man i ( habe außer der Religion nichts mit den anderen Juden gemein, t Man bildete sich in kindlicher Naivetüt ernstlich ein, jüdische i Germanen zu sein, man ahmte mit Eifer Alles nach, was nicht i jüdisch ist und vernachlässigte seine eigenen Tugenden und Sitten. Und die „großen Männer," die diese Comödie ad absurdum i trieben, sahen nicht, wie thöricht, lote unwürdig das war. Die < Strafe konnte nicht ausbleiben, es mußte eine Reaction eintreten und sie kam im Antisemitismus nach Außen und im In- 1 differentismus und der jämmerlichen Fahnenflucht nach Innen, i Uüd wenn diese Lehre auch erst in der Schule der Roth zum ' Durchbruche kam, wenn diese Erfahrung uns auch Schmerzen! bereitet hat, sie hat uns doch vom Wahne der Assimilation be- I freit. Heute — das darf man kühn behaupten — gibt es kaum noch einen bedeutenden ehrlichen Juden, der sich für den Assimilationsschwindel begeistern kann. Der Jude wird stets Jude bleiben, und wahrlich nicht zum Schaden der Menschheit. Der Jude hat gar keine Ursache, seine Abkunft zu verleugnen, denn Jude zu sein, ist mindestens eben so ehrenhaft, wie Germane und Slave zu sein. Durch Schaden klug geworden, sehen heute die Besten und Edelsten unter uns ein, daß der einzige Weg zur körperlichen und sittlichen Erhaltung des jüdischen Stannnes die Rückkehr zu seinem natürlichen Berufe, die Stärkung seines Charakters, die Pflege seiner Eigenart ist. Und diese Erkenntniß, die aus der jüdischen Geschichte und aus dem jüdischen Leben fließt, bemächtigt sich allmälig auch solcher Geister, die alles Alte zersetzten und vernichteten, um nur modern zu sein. Männer, die es vor einigen Jahren noch mit Entrüstung zurückgewiesen hätten, wenn man sie als Juden zu betrachten wagte, sie kehren jetzt ins Lager zurück und vereinigen sich mit den konservativen'Juden in dem Bestreben, die Judenheit zu regeneriren. Max N o r d a u, einer der geistreichsten Schriftsteller der Gegenwart, veröffentlicht jetzt in einem Berliner jüdischen Blatte einen sehr interessanten Artikel über die moderne Judenheit und ihre Zukunft und er gelangt zu der Cvnsequenz, zn der ein jeder wahre Freund des Judenthnms gelangen mnß, nämlich daß die moderne Uebercnltur die Judenheit zu Grunde richtet, daß die Juden in erster Reihe ihre eigene Cultur wahren müssen. Kühn ist die Sprache, die dieser geistessprühende Feuitletonist führt, aber sie ist aufrichtig. Das Bild, » das er von der modernen Judenheit Westeuropas entwirft, ist sehr düster, aber es ist die Diagnose eines ehrlichen Arztes, der nicht schmeichelt. Er schreibt: „Der niedere Wuchs, die schmalen Knochen, die enge Brust, die man unter den Juden so häufig antrifft, können keine ursprünglichen Raceneigenthümlichkeiten sein; denn neben den dürftigen Gestalten treten noch zahlreich stattliche, ja prachtvolle auf, die auf eine ausgezeichnete leibliche Beschaffenheit der fernen und fernsten Ahnen atavistisch Hinweisen. Die Verkümmerung ist offenbar eine Verfallserscheinung. Eine solche ist es auch, daß unter den Juden die Krankheiten sehr verbreitet sind, die auf Erschöpfung und Abnutzung des Organismus, auf ererbte Verlangsamung oder Störung der Ernährungsvorgünge in der Zelle zurückgesührt werden müssen: Geistesstörung, Nervenübel aller Art, Hautleiden, Diabetes und Nierenerkrankungen." Diese körperliche Verfassung ist sicherlich aus das Conto des Ghettolebens zu setzen. Wenn die seelische Stimmung eines Volkes Jahrtausende hindurch eine gedrückte ist. wenn es ohne Freiheit und Freude lebt und seine Tage stets in Angst und Verzweiflung zubringt, da kann sich der Körper nicht gesund entfalten. Diese Erscheinung ist also nicht gar zu tragisch zu nehmen. Ja, der Umstand, daß wir trotz -aller Leiden, wenn auch mit einigen Gebrechen behaftet, in: Kern doch noch gesund dastehen, mag uns Trost einflößen. Nord a u hat aber zweifellos Recht, wenn er weiter meint: „Zn dieser seelischen llrsache des organischen Verfalls tritt eine ebenso wichtige leibliche. Die Juden, die als freies Bauern- und Hirtenvolk in die Geschichte traten, sind gezwungen worden, sich in ein Volk von Städtern zu verwandeln. Auch wenn sie aus dem Lande wohnen, bleiben sie Städter, die zufällig in ein Dorf verschlagen worden sind. Sie sind vollständig aus der Erde entwurzelt. Sie haben keine Berührung mit der Scholle. Ein Volk kann sich aber auf die Tauer nicht gesund und kräftig erhalten, wenn es nicht immer wieder, wenigstens zeitweilig zum verjüngenden Acker znrückkehrt. Ohne diese Antäns-Cur verfällt es unrettbar dem Siechthum." Das ist also wiederum Etwas, woran nicht die Juden die Schuld tragen und tvas nur durch eine Langsame, gesunde Entwicklung besser werden kann. 'Noch trauriger aber und leider nicht minder lvahr ist, tvas unser geistvoller Essayist vvff der geistig-sittlichen Gestaltung der modernen Judenheit sagt: „Die Juden, oder doch sehr viele unter ihnen, haben das Selbstbewnßtsein und die Selbstachtung verloren. Es ist der größte Triumph des Antisemitismus, daß er sogar die Inden dahin gebracht hat, sich selbst mit antisemitischen klugen zn betrachten. Die Juden empfinden sich selbst als Parias. 'Alles, was am Juden typisch ist und ihn als Juden kennzeichnet, wird von den Juden selbst lächerlich oder abstoßend geflmden. Sie sprechen von der „Judenfratze", der „Judennase", dem „krausen Judenhaar", wie nur der rechtgläubigste Antisemit es irgend thnn kann. Sie schämen sich, einen jüdischen Gesichtsschnitt, einen jüdischen Tonfall zu haben, durch irgend einen Zug ihr Jndenthum zn verrathen. Sie haben kein Gefühl für die Selbstdemüthigung, für die verächtliche Selbstanfgabe, die darin liegt, wenn sie sich rühmen: „Mir sieht, mir hört man den Inden gewiß nicht an; ich sehe doch gar nicht jüdisch aus." Es ist ein hartes Urtheil, aber wer hätte den Muth, die Berechtigung dieses Pessimisnms zu bestreiten? Nord a u begeht den einen Fehler, daß er nur die westeuropäischen Juden in seinen Beobachtungskreis zieht und die ^ubeitfiett Ruß' Lands und Galiziens ganz außer Acht läßt. Für die Inden in Deutschland, Oesterreich und Frankreich aber ist das Bild leider naturgetreu, und wenn es grau ist, so liegt es nicht am Maler, sondern am Stoffe. Und das Recept zur Genesung ans dieser Krankheit ist kein Geheimniß, keine neue Entdeckung der Medicin, der 'Arzt vermag uns nur die alten Hausmittel zu nennen, wie sie einem Juden bekailnt sind, leider aber immer nur in der Theorie bekannt. Vor Allem ist es die Rückkehr zur Landwirthschaft, die er uns empfiehlt. In der schlichten, sicheren Lebensweise des Landmannes wird der Jude seine geschwächte Körperschaft wieder erneuern, sein erschüttertes Selbstvertrauen stärken und seinen Geist frei machen. 'Aber auch aus die idealen Erziehungsmittel zur Wecknng des Selbstgeflihls in Israel legt N o r d a u großen Werth. Er fährt fort: » „Der Jude muß wieder lernen, sich seines Judenthums als einer geschichtlichen Auszeichnung, als eines 'Adels bewußt zu werden. Es ist eine unerhörte Thvrheit und Schmach, daß wir zu unserer Selbstbewerth nng das Werthmaß unserer Todfeinde annehmen und uns als Schmarotzer, Ungeziefer :c. betrachten. weil die Antisemiten uns als das bezeichnen. Als König Philipp II. die. Niederländer Gneusen oder Lumpe nannte, da nahmen sie diese Benennung mit verachtender Ueberlegenheit selbst an und machten aus dem Schimpfwort einen Ehrentitel. Wir aber sind so weit gekommen, daß wir unseren richtigen .'Namen „Jude" als Beleidigung empfinden, weil es unseren Feinden beliebt, ihn mit Geringschätzung und Bosheit anszusprechen! Der sicherste Weg, um zu einer Ausrichtung des jüdischen Selbstbewußtseins zu gelangen, scheint mir die Pflege der jüdischen Stammesgeschichte zn sein. Ans allen Stufen des Unterrichtes, von der Volksschule bis zur Hochschule, soll das Heranwachsende jüdische Geschlecht, namentlich auch das weibliche, mit der Vergangenheit seines Stammes bekannt gemacht werden, mit seinen Kümpfen, seinen Leiden, seiner Blutzeugenschaft, seinen Idealen." Es ist nichts Originelles, was uns hier gesagt wird, diese schlichte Wahrheit ist schon tausendmal von Allen, die die Judenheit lieben, in allen Tonarten gepredigt worden. Aber was uns fehlt, das sind nicht Genies, sondern Charaktere; wer den Math hat, die Wahrheit zu sagen, er ist heutzutage mehr als der, welcher die Wahrheit erkannt hat. Es ist und bleibt lvahr: Jeder zielbewnßte Jude muß schließlich zu der 'Ansicht gelangen, daß i die körperliche und geistige Regeneration das nothwelldigste Werk

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