Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 981 „Was sollen wir also thun?" murmelte der Rabbi. „Ich kann bis nach dem Mittagessen warten", sagte Jankele gutmüthig. „Ich schlnse nie." Ehe der Rabbi antworten konnte, brachte seuce Frau einen Braten herein und setzte ihn ans den Tisch. Ihr Gatte warf ihr einen bösen Blick "zu, aber piinktlich und gedankenlos wie eine Uhr, brachte sie auch die schwarze Schnavsflasche herbei. Es war Sache ihres Gatten, Jankele los zu werden; ihre Sache war es, das Mittagessen hereinzubringen. Hätte sie damit gezögert, so würde er ebenfalls getobt haben. Sie war nicht nur Gattin, sondern auch Mädchen für Alles. Als Manasse Da Costa sah, tvie vorgeschritten die Vorbereitungen waren, nahm er seinen Platz am fische ein, und Frau Pöckelhäring, dem bedeutungsvollen Blicke ihres Gatten gehorchend, setzte sich am unteren Ende nieder. Der Rabbi selbst setzte sich auf den Ehrenplatz hinter dem Braten. Er legte stets selbst vor, denn er war der Einzige, auf den er sich beim Austheilen verlassen konnte. Jankele blieb stehen. Der Geruch des Fleisches und der Kartoffeln erfiillte die Luft mit sehnsüchtiger Poesie. Plötzlich blickte der Rabbi auf und bemerkte gaukele. „Wollt Ihr nicht unserem Beispiel folgen?" fragteer in verführerischem Tone. Das Herz des Schnorrers fing au, toll und wild 51t klopfen. Er legte eine Hand auf die Lehne des einzigen, noch übrigen Stuhles. „Mit Vergnügen", sagte er ebenso liebenswürdig. „Dann geht nach Hanse und eßt Euer Mittagessen", sagte der Rabbi. An Stelle des wilden Herzklopfens trat eine todtenähnliche Stockung. Ein Schauer lief über Jankeles Rücken. Er warf einen flehenden Blick auf Manasse, der unergründlich vor sich hin kicherte. „Oh, wie darf ich Weggehen? Ihr habt ja dann keinen Dritten zum Dankgebet", sagte er in prophetisch vorwurfsvollem Tone. „Da ich schon einmal da bin, wäre es eine Sünde, nicht zu bleiben." Der Rabbi war, da er in einer gewissen Verbindung mit der Religion stand, in die Enge getrieben; wenn sich eine solche Gelegenheit zur frommeren Art des Dankgebetes, die die Anwesenheit dreier Männer erfordert, bot, durfte er sie nicht zurückweisen. „Oh, es soll mich freuen, wenn Ihr bleibt", sagte der Rabbi, „aber leider haben wir nur drei Fleischteller." „Oh, bitte, die Schüssel genügt für mich." „Also gut", sagte der Rabbi. Mit dem früheren tollen Herzklopfen ergriff Jankele den vierten Stuhl und warf dem noch immer kichernden Manasse einen triumphirendeu Blick zu. Die Wirthin, die optischen Signale ihres Galten^ mißverstehend, erhob sich und fischte aus der Tiefe eines Schrankes Messer und Gabel hervor. Der Wirth — weniger aus Unhöflichkeit, denn aus lebenslänglicher Gewohnheit — häufte zuerst seinen eigenen Teller mit künstlich gefärbten Kartoffeln und Fleisch an und theilte dann den Rest zwischen Manasse und der kleinen Frau in ungleiche, ungefähr mit ihrer Größe übereinstimmende Portionen. Schließlich reichte er Jankele die leere Schüssel. „Ihr seht, es ist nichts übrig geblieben", sagte er einfach. „Wir haben nicht einmal einen Gast erwartet." „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst", bemerkte Aianasse mit einem sphynxartigen Ausdruck, während er über die Speisen herfiel. Jankele saß erstarrt da; er stierte auf die Schüssel, und sein Gehirn war ebenso leer wie diese. Er hatte verloren. Ein solches Mittagessen war der blanke Hohn - ebenso blank wie die Schüssel. Eine oder zwei Minuten saß er wie in eitlem Traume da, während die Musik der Gabel und Messer spöttisch in sein Ohr klang, ilnd der köstliche Geruch seinen hungerigen Gaumen feuchtete. Dann schüttelte er seine Betäubung ab urid sein ganzes Wesen spannte sich verzweifelt an, unr eine Idee zu suchen. Manasse unterhielt sich mit seinem Wirth über neuhebräische Literatur. „Wir wollten in Grodno eine Zeitung gründen", sagte der Rabbi", aber die Capitalien —" „Seid Ihr denn aus Grodno", fiel Jankele ein. „Ja, ich bin von dort gebürtig, aber schon seit zwanzig Jahren von dort fort" milrmelte der Rabbi. ^Er hatte derr Mund voll und hörte nicht auf, Messer und Gabel zu gebrauchen. „Ah, dann müßt Ihr ja der berühmte Prediger sein, von dem Alle erzählen", rief Jankele enthusiastisch. „Ich selber kann nrich lücht an Euch erinnern, denn ich lvar damals ein Bub, aber Alle sagen, heutzutage gibt es keinen solchen Prediger mehr". „Irr Grodno hatte mein Mann einen Branntweinladen", fiel die Wirthin ein. . Eine Viertelminute lang herrschte ein peinliches Schweigen. Zll Jankeles Erleichterung beendete es der Rabbi, indem er bemerkte: „Ja, aber der Herr i^Jhr werdet verzeihen, wenn ich Euch so nenne, aber Euer Name ist mir nicht bekannt) meint zweifellos meinen Ruhm als Maggid-Wunderkind. Mit fünf Jahren predigte ich vor vielen Hunderten, und meine Behandlung der Bibelstellen, die Art und Weise, wie ich darlegte, daß sie etwas Anderes meinten, als sie sagten, entlockte selbst achtzigjährigen Greisen, die von der frühesten Kindheit an mit der Thora vertraut waren, Thränen. Es hieß, daß seit Ben Sira noch nie ein solches Wunderkind existirt hatte." „Aber warum habt Ihr es aufgegeben?" fragte Manasse. „Es hat mich aufgegeben", antwortete der Rabbi, indem er Gabel und Messer niederlegte, um einen alten Kummer zu erklären. „Ein Maggid-Wnnderkind kann nicht mehr als ein paar Jahre ziehen/ Bis zu meinem neunten Jahre ging es noch immer, aber jedes Jahr wurde das Wunder geringer, und als ich dreizehn Jahre alt war, machte m.tite Barmizwah sConfirmationspredigt) nicht mehr Aufsehen, als die vieler anderer Knaben, denen ich die Reden geschrieben hatte. Ich bemühte mich noch einige Zeit, so üiabenhaft als möglich zu bleiben, aber es war eine verlorene Sache. Mein Alter trug den Sieg über mich davon. Es steht ja geschrieben: „Ich war jung, und jetzt bin ich alt". Vergeblich verfaßte ich die beredtesten Predigten, die je in Grodno gehört wurden, vergeblich 'hielt ich einen Cursus über die Gefühle ab mit Erklärungen und Beispielen aus dem täglichen Leben — das unbeständige Publicum zog jüngere Kräfte vor. Darum gab ich es endlich auf und verkaufte Vodki." „Ein Jammer, ein Jammer", rief Jankele. „Nachdem Ihr in der Thora berühmt geworden seid!" „Was soll man thun? Man bleibt nicht immer ein Knabe", antwortete der Rabbi. „Ja, ich hatte einen Branntweinladen. Das nenne ich Erniedrigung. Aber in Gilead ist immer Balsam. Ich verlor bei dem Geschäft so viel Geld, daß ich nach England auswandern mußte, und hier ward ich, da ich nichts Anderes zu thun fand, wieder Prediger". Er goß sich, das Wasser ignorirend, ein Glas Schnaps ein. „Ich habe von dem Vodkiladen nie etwas gehört", sagte Jankele. „Er ist in Euerem früheren Ruhm untergegangen." Der Rabbi leerte sein Glas Schnaps, schnalzte mit den Lippen und griff wieder zu Messer und Gabel. Manasse langte nach der Flasche, die ihm nicht angeboten worden war, und bediente sich reichlich. Der Rabbi entfernte die Flasche unauffällig aus dem Bereiche seiner Hand, und blickte, dabei Jankele an. „Seid Ihr schon lange in England?" fragte er den Polen. „Noch nicht lange", sagte Jankele. „Ha'. Leidet Gabriel, der Cantor, noch immer so viel am Rheumatismus?" Jankele blickte traurig drein. „Allein — er ist todt", sagte er „Lieber Gott! Nun, er war schon ein alter Mann, als ich ihn kannte. Wenn er das Widderhorn blies, klang es jedes Jahr schnaufiger. Aber wie geht es seinem jüngsten Bruder Samuel?" „Er ist todt", sagte Jankele. „Was, der auch! Er war ja ein so kräftiger Mann. Hat Mendelsohn, der Steinmetz, noch viele Mädchen bekommen?" „Er ist todt", sagte Jankele. „Unsinn", keuchte der Rabbi, Messer und Gabel fallen lassend. „Ich habe ja erst vor ein paar Monaten von ihm gehört." „Er ist todt", sagte Jankele. „Gott steh' mir bei! Mendelsohn todtNach einem Augenblick der Rührung setzte er seine Mahlzeit fort. „Aber seinen Söhnen und Töchtern geht es hoffentlich gut? Ter Aelteste, Salomon, war ein sehr frommer Jüngling, und feine dritte