Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021165--06235-3030508- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 980 Dr, «loch » »ochr»,chrM.; Jic, 49 (Nachdruck verboten.) Fürst Metternich. Der Preis des Palastes beträgt 300.000 Pfund «etwa 3V« Millwnen Gulden). Paris. Die Herren de Rothschild haben, wie alljährlich auch heuer dem Seinepräfecten 100.000 Francs zur Vertheilung an die Armen von Paris gesendet. Nizza. Madame Patti studirt eifrig die „Dolores", die Titelrotte der gleichnamigen Oper, welche demnächst hier ausgesührt werden sott. Die Musik ist von Andre P o l l o n n a i s, demselben französischen Componisten, dessen „Mirka" vor etwa einem Jahre zum erstenmale ausgeführt wurde und vortrefflich gefiel. P o l l o n n a i s ist ein Jude und ein Verwandter des Bürgermeisters gleichen Namens von Villefranche. London, 22. November. Der Herzog von Cambridge hat die Einladung des Lordmayors, den Neubau des jüdischen Kranken- und Waisenhauses iJews Hospital and Orphan Asyium) in West-Norwood zu eröffnen, bereitwilligst angenommen. Der Bürgermeister und die Sheriffs werden der Feierlichkeit in voller Amtstracht beiwohnen. London. Heute ist das neue Buch von I. Zangwill „Ohne Borurtheil" („Without Prejudice") erschienen. Feuilleton. Der König der Schnorrer. Von I. Zangwill. (Fortsetzung.) Schauer des Edelmuthes wie der Furcht überliefen ihn, während er klopfte. Er hatte kein Programm, sondern vertraute dem Zufall und dem Mutterwitz. Frau Pöckelhäring öffnete halb die Thür. „Ich wünsche den Rabbi zu sehen", sagte er, einen Fuß zwischen den Spalt schiebend. „Er ist beschäftigt", sagte die Frau, ein winziges, dünnes Geschöpf, das einst rundlich und hübsch gewesen war. „Er hat mit einem Herrn zu reden." „Oh, ich kann warten." „Aber der Rabbi wird bald zu Tisch gehen." „Ich kann bis nach Tisch warten", sagte Jankele verbindlich. „Aber der Rabbi sitzt lange bei Tisch." „Thut nichts", faste Jankele mit unverminderter Ruhe: „Je länger, desto besser." Die arme Frau sah verblüfft aus. „Ich will es meinem Mann sagen", sprach sie zuletzt. Jankele verlebte im Corridor einen äugstlicheu Augenblick. „Der Rabbi läßt fragen, was Ihr wollt", sagte sie, als sie zurückkehrte. „Ich tvill mich trauen lassen", sagte Jankele mit einer Inspiration der Wahrheit. „Aber mein Mann ttaut nicht." „Warum nicht?" „Er bringt den Familien nur Trost", erklärte sie naiv. „Nun, ohne ihn kann ich nicht getraut werden", murmelte Jankele ärgerlich. Die kleine Frau ging verblüfft zu ihrem Herrn und Gebieter zurück. Gleich daraus erschien Rabbi Pöckelhäring selbst; Neugierde und Schlauheit funkelten in seinen Augen. Er trug aus dem Kopfe das heilige Käppchen, sah aber trotzdem wie ein Feinschmecker aus. „Gut Sabbath, Herr. Was höre ich? Ihr wollt Euch trauen lassen?" „Das ist eine lange Geschichte", sprach Jankele. „Aber Eure gute Frau sagte mir, daß Euer Mittagessen schon fertig ist. Da darf ich Euch jetzt nicht aufhalten." „Nein, bis dahin dauert es noch ein paar Minuten. Was wollt Ihr?" Jankele schüttelte den Kopf. „Ich darf Ench nicht hier in diesem zugigen Corridor aufhalten." „Thut nichts, ich spüre den Zug nicht. „Das ist gerade das Gefährliche. Ihr merkt es nicht, aber eines Tages packt Einen der Rheumatismus, und dann bereut man, sagte Jankele blinzelnd. „Euer Leben ist kostbar — Wer wird die Gemeinde trösten, wenn Ihr sterbt?" Die Worte waren doppelsinnig, aber der Rabbi faßte sie aus schmeichelhafte Weise aus, und seine kleinen Augen glänzten. „Ich würde Euch hinein bitten, aber ich habe einen Besuch." „Thut nichts", entgegnete Jankele. „Was ich Euch zu sagen habe, Rabbi, ist kein Geheimniß, jeder Fremde kann es hören." „Ihr wollt Euch von mir trauen lassen?" murmelte der Rabbi noch immer unschlüssig. „Ich bin gekommen, weil ich heiraten will", antwortete Jankele. „Aber ich bin noch nie aufgesordert worden, Jemanden zu trauen." „Zur. Besserung ist es nie zu spät", sagen sie hier. „Sonderbar, sonderbar", murmelte der Rabbi sinnend. „Was ist sonderbar?" „Daß Ihr gerade heute zu mir kommt. Aber warum geht Ihr nicht zu Rabbi Sandmann?" „Rabbi Sandmann!" antwortete Jankele verächtlich. „Was hätte ich davon, wenn ich zu ihm ginge?" „Warum?" „Jeder Schnorrer geht zu ihm", sagte Jankele offenherzig. „Hm", murmelte der Rabbi nachdenklich. „Nun vielleicht bietet sich hier eine Gelegenheit. Kommt also in's Zimmer. Ich kann ein paar Minuten mit Euch reden, wenn Euch wirklich nichts daran liegt, vor einem Fremden zu sprechen." Er riß die Thür aus und ging in das Wohnzimmer voran. Jankele folgte voll Wonne; die äußeren Festungswerke waren nun genommen, und sein Herz klopfte vor Hoffnung hoch aus. Aber beim ersten Blick in's Zimmer taumelte er und wäre beinahe gefallen. Am Kamin stand mit dem Rucken gegen das Feuer, das ganze Zimmer beherrschend Manasse Bueno Barzillai Azevedo Da Costa. „Ah, Jankele, gut Sabbath", sagte Da Costa.- „G—gut' Sabbath", stammelte Jankele. „Wie, Ihr kennt einander?" ries der Rabbi. „Oh ja", sagte Manasse. „Wie es scheint, ist es auch ein Bekannter von Euch." . „Nein, er ist gerade gekommen, um mich etwas zu fragen", antivortete der Rabbi. „Ich glaubte, daß Ihr den Rabbi nicht kennt, Herr Da Costa", rief Jankele. „Ich kannte ihn auch nicht. Erst vor einer halben Stunde! hatte ich das Bergungen, seine Bekanntschaft zu machen. Ich I traf ihm ans der Straße als er vom Morgengottesdienste nach j Hause ging und er war. so freundlich, mich zum Mittagessen ein-; zuladen." > Jankele keuchte. Trotzdem Manasses Gehaben ihn heimlich amusirte, gab es auch Augenblicke, da die ruhige Großartigkeit des Mannes ihn überwältigte und zu widerstrebender Bewunderung zwang. Wie um Himmelswilleu hatte der Spanier mit einem Schlage gesiegt? Er blickte den Tisch an und bemerkte nun, daß er bereits gedeckt, und zwar für drei Personen gedeckt war! Er hätte dieser Dritte sein sollen. War es schön von Manasse, ihm derart! zuvorznkommen?. Natürlich hatte ein Vierter unendlich weniger Aussicht, eingeladen zu werden als ein Dritter -- von der Theuerung der Lebensmittel gar nicht zu reden, i „Aber Ihr denkt doch nicht daran, zum Mittagessen zu j bleiben?" erklärte er bestürzt. „Ich habe mein Wort gegeben und will den Rabbi nicht beleidigen", sagte Manasse. „Oh, es ist keine Beleidigung, keine Beleidigung", bemerke Rabbi Pöckelhäring in cordiälem Tone. „Ich könnte ebenso gut nach dem Mittagessen zu Euch herüberkommen. „Nach dem Mittagessen empfange ich nie", antwortete Manasse majestätisch. „Ich schlafe." Der Rabbi wagte keinen weiteren Einwand zu erheben, wandte sich zu Jankele und fragte: „Nun, was ist's mit Eurer Heirat." „Davou kann ich vor Herrn Da Costa llncht sprechen", antwortete Jankele, um Zeit zu gewinnen. „Warum nicht? Ihr sagtet doch, daß Jedermann zuhören könnte." „Keine Spur; ich sagte, Jeder Fremde kann zuhören, aber Herr Da Costa ist kein Fremder, er weiß zu viel von der Sache."