Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 976 Nr. 49 Dr. BLoch's Wochrnfchrifl. Der Synagogenbesuch ist in Saaz und Karlsbad so gut oder so schlecht wie in jeder Gemeinde Böhmens. Wir wissen auch, daß die überwiegende Mehrzahl der Juden in Böhmen, d. h. alle, mit Ausnahme des Berichterstatters und seiner zwei oder drei Hintermänner, gar nicht verstehen werden, was da vorgehe und erstaunt fragen müssen, ob denn irgendwo in Böhmen ein jüdisches Ketzergericht existire oder eine Instanz, die berechtigt wäre, das Judenthum ab- oder zuzuerkennen? Es ist dies freilich ein billiger Kniff, der von der orthodoxen Partei oft und immer erfolglos versucht wurde. Man lese nur in den orthodoxen Blättern nach, wem von den freisinnigen Rabbinern das Judenthum nicht schon abgesprochen wurde. Schließlich sei noch berichtigt, daß Herr Dr. Ziegler zur Rabbinerconferenz gekommen war, ich selbst war allerdings zu erscheinen verhindert, aber aus einer Ursache, die mit der Conserenz in keinerlei Zusammenhang steht. Es wären auch die meisten der Rabbiner Böhmens ihrer schriftlichen Zusage gemäß erschienen, wenn nicht von Prag aus, nicht zum Bortheile für das Judenthum, eine riesige Gegenagitatiou eingeleitet worden wäre. Hochachtungsvoll Dr. Sinron Stern. Saaz, am 30. November 1896. Prag. 24. November. Vor einem Erkenntnißsenat des hiesigen Strafgerichtes hatte sich heute unter dem Vorsitze des Herrn Landesgerichtsrath cs Dr. Brozovsky ein Gastwirth, 41 Jahre alt, verheiratet, Vater dreier Kinder in Bischosteinitz geboren, früher Gastwirth in Reichenberg, zuletzt Gastwirth beim „Goldenen Kreuze!" in Prag, Heinrichsgasse, wegen des Vergehens der Crida zu verantworten. Die vom Herrn Staatsanwalt-Substituten Kloubek vertretene Anklage legte ihm zur Last, daß er ein Deficit von st. 11.828 (Passiva fl. 16.848, Activa sl. 5020) nicht rechtfertigen könne. Der Angeklagte führt zu seiner Entschuldigung folgende Umstände an: 1. Daß das neue Restaurant „Zum goldenen Kreuzel" in der Heinrichsgaffe ohne sein Verschulden nicht zur Zeit eingerichtet gewesen sei; 2. daß er durch den im Mai 1894 über Prag niedergegangenen Wolkenbruch, in Folge dessen seine Keller inundirt wurden, großen Schaden au seinen Borrätheu gelitten habe; 3. daß ihm Wäsche in beträchtlichem Werthe gestohlen worden sei; 4. daß ihn die Gläubiger zu sehr bedrängt haben; 5. den Antisemitismus. Bezüglich des letzten Umstandes sagt er: Ein weiterer Unglücksfall für mich war der Einzug des antisemitischen „Bundes der Deutscher!" in mein Restaurant, denn von diesem Augenblicke an blieb ein großer Theil meiner Stammgäste aus. Vorsitzender: Aber wer waren diese Stammgäste? Angeklagter (zögernd). Nun Gäste . . . Vorsitzender: Sagen Sie es nur offen heraus, Juden waren es! Angeklagter: Ja, die jüdischen Stammgäste, aber auch die liberalen Christen blieben aus. Vorsitzender: Und Böhmer' kamen keine zu Ihnen? Angeklagter: Auch. Vorsitzender: Sind die ebenfalls ausgeblieben? Angeklagter: Auch sie. Vorsitzender: Aber haben Ihnen die Antisemiten nicht die Juden, Liberalen und Böhmen ersetzt? Angeklagter (erregt): Keine Spur! Vorsitzender: Wieso? Angeklagter: Der antisemitische „Bund der Deutschen" ist mit Sang und Klang bei mir eingezogen, hat meine Gäste vertrieben und ist dann zum Töpfer „Goldenes Fasse!" in der Jnselgaffe) gelaufen. Der Gerichtshof sprach den Angeklagten, welchen Dr. Körner v e r t h e i d i g t e, frei, indem er die von dem Angeklagten zur Rechtfertigung des Deficites angeführten Umstände als Unglücksfälle im Sinne des Gesetzes erkannte. Raudnitz an der Elbe, 27. November. Am 22. d. M. fand die Einweihung unseres neuen Friedhofes statt. Um 12 V- Uhr versammelte sich die Gemeinde, Jung und Alt, auf dem alten Gottesacker, um von der durch vier Jahrhunderte und die Gräber großer Schristgelehrter und eines Märtyrers geheiligten Stätte Abschied zu nehmen. Nach einem von unserem Cantor, Herrn Ignaz Reich, recitirten Psalm bestieg Se. Ehrwürden Herr Dr. Julius R e a ch die Kanzel und hielt eine höchst gediegene Rede, indem er von der Bibelstelle ausgehend, wie Moses die Gebeine Josefs aus Egypten nach Kanaan mitnimmt, die Pietät zeigte, die der Jude der Begräbnißstätte zollt. Die Wirkung der Rede war tief ergreifend. Hierauf begab man sich an das Grab des Rabbi Josef Deutsch, der zur Zeit, als, wie so oft, eine falsche Anklage gegen die Juden erhoben wurde, bei Kaiser Josef I!. diese Beschuldigung entkräftete. Daselbst wurde der Mismor schel jom gebetet und vom Herrn Rabbiner das Kadisch d'Rabbonon gesprochen, worauf ein Rundgang um den Friedhof stattfand. Jetzt ging es nach dem neuen Gottesacker, woselbst ein prächtiger Bau im vollendeten, maurischen Style, eine Gebethalle mit einer schönen Kuppel sich erhebt, woran auf einer Seite ein Betsaal, auf der anderen ein Secirzinnner sich anschließt. Hier wurde nach einem Psalme ein vierstimmiger böhmischer Choral gesungen, worauf Herr Dr. R e a ch eine gediegene Rede in böhmischer Sprache hielt, welcher der Choral schochneh boteh chomer folgte. Hierauf hielt das Borstandsi Mitglied der Chewra-Kadischa Herr Advocat Dr. Adolf Stein in schönem Böhmisch eine Rede, worin er Allen, die sich um das Zustandekommen des großen Werkes Verdienste erworben hatten, den wärmsten Dank aussprach: der Chewra-Kadischa, der Cultusgemeinde, dem Brckur cholim- und dem Frauenvereiue; er gedachte ferner dankbar des Entgegenkommens der k. k. politischen Behörde, besonders der Stadtvertretung, die durch die Anlage der Straße die Sache ungemein erleichterte. Angenehm überrascht waren wir durch die zahlreichen Deputationen von Schwestergemeinden und den Besuch ehemaliger Raudnitzer, die aus bedeutender Ferne herbeikamen, um an der Feier sich zu betheiligen. —nn. Berlin. In Folge des Internationalen Frauencongresses in Berlin empfängt Frau Lina M o r g e n st e r n täglich Kundgebungen dankbarer Anerkennung für die gegebene Anregung. Tue g-neral F deration of Woojens Clubs in St. Louis (U.-St. A ) ernannte sie als Ehrenmitglied, was ihr durch dessen Schriftführerin Miß Eve Moore im Namen des Vorstandes angezeigt wurde. — Die Generalsecretärin von The Wom^us International Progressive Union in London, Frl. Adrienne V e i g e l e, schreibt an die Vorsitzende und die Vorstandsmitglieder des Internationalen Frauencongresses: ] Meine Damen! Wir sprechen Ihnen den wärmsten Dank! aus und unsere schwesterlichen Gefühle für den sympathischen j Empfang, den Sie unserer Delegirten und Vicepräsideutin \ Mme. Vincent aus Paris zu Theil werden ließen. Wir s hoffen, daß wir für alle Zukunft, freundschaftliche Verbindung j aufrecht erhalten werden. Wir bewahren in unserem Archiv den i den schwesterlichen Brief an Mme. Vincent von Frau Lina Morgenstern. Im Namen des Congresses Ihre Schwester und Collegin Adrienne V e i g e l e, Begründerin und Ehreusecretärin des Internationalen Bundes der fortschreitenden Frauen. Eine Ehrengabe von Berliner grauen wurde am heutigen Vormittag Frau Lina Morgenstern anläßlich ihres 66. Geburtstages überreicht, und zwar in Anerkennung stir die Verdienste, die sich als Urheberin des F r a u e n c o ng r e s s e s um denselben erworben. Die Ehrengabe bestand in einem von den Damen überaus kunstvoll in Gobelinstickerei angefertigten Lehnstuhl und einer geschmackvoll ausgeführten Adresse mit der Devise: „Sie hat's gewagt." Leider fühlt sich Frau Morgenstern seit den Anstrengungen der Congreßtage leidend und liegt zur Zeit an einer Nervenentzündung krank darnieder. Berlin, 24. November. Die altjüdische Sitte der Einfachheit der Beerdigung und die Gleichheit von Arm und Reich im Tode schwindet immer mehr aus den jüdischen Gemeinden. Das Resormjudenthum huldigt vielfach dem „Classen"-Unwesen und dem Kranzluxus. Da viele Juden mehr auf Andersgläubige hören, als auf ihre eigenen Lehrer, so ist Folgendes zur Veröffentlichung in einem jüdischen Organe geeignet. Vom Hofprediger Dr. Fromme! wird geschrieben: „Wie oft hat der Heimgegangene Seelsorger seinem Widerwillen gegen den Luxus und die Verschwendung, die in der Widmung von Kränzen zu Tage tritt, Ausdruck gegeben. „Wenn ich das Geld, das in Kränzen angelegt wird, für meine Armen hätte" — so hat er oft geäußert, — „welche Wohlthaten könnte ich damit erweisen." Auch der Kaiser und die Kaiserin werden diesem Wunsche chres verehrten Seelsorgers entsprechen