Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 972 Nr. 49 Vr. Vloch's Wochenschrift. licher Theil seiner Action zur Beseitigung des jüdischen Einflusses und zur Abgrabung der Erwerbsquellen der Juden sei. Wir haben den Zusammenhang zwischen der Gasfrage und den Juden damals nicht gleich begriffen, aber nach der letzten Sitzung der städtischen Gascommission ahnen wir, was Herr Dr. Lueger meinte. In der erwähnten Sitzung wurde nämlich die Lieferung des gesummten Bedarfes an Röhren für die städtische Gasleitung an die Werke Wittkowitz, Blansko, Teschen, Böhmische Montan- Gesellschaft und R. Ph. Waagner vergeben. Den ersten Nutzen von dem antisemitischen Regime im Rathhause werden daher die reichen Juden Rothschild, G u t t m a n n, Wittgenstein und Ritter von Leon, sowie die jüdische Firma H e r zs e l d e r n. Comp., welcher ein großer Theil der Ziegellieferung übergeben wurde, einheimsen. Man sieht, wie tapfer Herr Dr. Lueger und die Seinen das jüdische Großcapital bekämpfen. Sie hetzen gegen die Dienstmänner und Hausirer und machen Geschäfte mit den reichen Inden. An den städtischen Gaswerken wird viel verdient werden, und zwar nicht blos von den Lieferanten. Da haben wir den Causalnexns zwischen Gas- und Judensrage. Allerdings — wir empfehlen den vorgenannten jüdischen Industriellen Vorsicht in ihren geschäftlichen Transactionen mit den heutigen Chefs der coinmunalen Verwaltung. Der Antisemitismus ist doppelzüngig und skrupellos und man muß ans überraschende Wendungen in den Entschlüssen der Herren L u e g e r und S t r o b a ch -gefaßt sein. Der objeetive Stadtrats?. Der Continental-Anktindigungsanstalt und Placatdrnckerei I. Weine r, 8. Bezirk, Lenaugasse Nr. 17, wurde die Erneuerung d e r C o??- c e s s i o n vom Stadt rat he n i ch t b e w i l l i g t. I. Weiner hat in seinen? Offerte das h ö ch st e Angebot gemacht. Diese Thatsache charakterisirt das willkürliche Gebahren unserer antisemitischen Verwaltung zur Genüge. Der Begründer des Placatwesens, der durch zehn Jahre pünktlich seinen Verpflichtungen der Gemeinde gegenüber nachgekommen ist und bei der Offertausschreibnng das höchste Angebot macht, bleibt unberücksichtigt, weil — er ein Jude i st. I. Weiner gründete vor zehn Jahren in Wien eine Placat- und Ankündigungsanstalt. Seine Idee war es, Annoncensäulen auszusühren. Sie wurden mit einen? Kostenbetrag von 10.000 fl. auf sei?? Risico errichtet und Wei??er erklärte sich bereit, dieselben nach Ablauf feiner zehnjährigen Concession — falls selbe nicht er??e??ert werden ivürde — der Gemeinde abzutreten. Er zahlte ei??ei? Pachtschilli??g von 6000 sl. In den zehn Jahre?? hat sich W e i?? e r d??rch Heranziehung künstlerischer Kräfte aus Land o??????d Pari s des Placativesens derart angenonnnen, daß der Aufschwung desselben, der wiederholt öffentlich besprochen u??d gewürdigt w??rde, fast a??sschließlich seine?? Bemühungen zr? danken ist. Als Herr Weiner vor ungefähr einen? Jahre starb, führte die Witive i?n Vereine mit den Kindern das Geschäft weiter. Wie der verstorbene Chef, so kau? auch Frau Weiner ihrer Verpslicht??ng und Zahlungen stets a??fs Pünktlichste nach. He??er nui? lief die bervilligte Concession ab. Frau W e i?? e r begab sich zu Dr. L?? e g e r,???>? ihn zu fragen, ob bei der Bewilligung der Concessio?? nicht vielleicht die Confessio?? ii? Betracht gezogen werde. Der Bicebürgermeister erklärte Frau Wei??er, daß hiebei die Religion nebensächlich, der Geldpnnkt jedoch die Hauptsache sei. Frau Weiner sa??dte darauf hin ein Offert ei??, in welchen? sie den doppelte?? Pachtschilli??g, 12.000 fl., anbot. Gleichzeitig bewarb sich eilte kleine, minder accreditirte Firma, deren Chef allerdings k e i n Jude ist, um die Co??cessio??. Der Bewerber sandte an sämmtliche Stadträthe Circulare, in welchen er das Weine r'sche Offert ir? den? Sin??e besprach, daß W e i?? e r ungünstige Bedingungen gestellt u??d das niedrigste Offert ei??gereicht habe. Der Sohn der Witive erk????digte sich, wann der Stadtrath die Entscheidu??g fällen ivürde. „Das bauert noch lang e", war die Antwort. Am selben Tage wurde oh??e jede weitere Begründung der Firn?a Seiner die angesuchte Verlängerung der Concession??icht ertheilt n??d vom Stadtrathe feiiient Concurre??tei? verliehen. Mord aus Aberglaube. Wie ans Petersburg gemeldet wird, wurden die Ba??er?? B e s m i l j e f f und M a u a j e f s vom Vorv??escher Bezirksgericht zu je 8jähriger Zwangsarbeit verurtheilt, weil sie einer? Knaben zu den? Zwecke errnordet haben, um aus den? Eingeweide Fett für Diebslichter zu gewinnen, die Diebe unsichtbar machen sollen. Antisemitische Hetze gegen einen Geistlichen. Je schärfer die confessionellen Gegensätze in unseren Tagen auf einander platzen, je rücksichtsloser die antisemitische Agitation den Frieden der Bürger zu stören sucht, umsomehr wird man es anerke??nen inüssen, wenn ein Mann auf den Plan tritt, der ir? edler Selbstlosigkeit sich als der rechte Interpret christlicher Duldung und Nächstenliebe erweist. Ei?? solcher Mann ist der evangelische Pfarrer Pennekamp zu Calcar am Niederrhein, dessen Gesinnungen in charakteristischer Weise in nachfolge??dem Schreiben an den Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Berlin ausgedrückt sind: Calcar, 29. Oktober 1896. Dem hochlöblichen Borstande der israelitischen Gemeinde zu Berlin erlaube ich mir im Interesse der israelitischen Gemeinde zu Calcar nachstehende Bitte ganz ergebenst vorzulegen: Die israelitische Gemeinde zu Calcar, eine arme Gemeinde, da sie seit der Xantener Affaire wirthschaftlich nicht vorwärts kommen kann, steht vor der Nothwendigkeit, ein Schulhaus bauen zu müssen. Aus eigener Kraft kann sie das nicht fertig bringen, sie trägt schon jetzt eine Cultussteuerlast von 250 Percent der Einkommensteuer. Nur mit großer Mühe ist es mir, dem Ortsschulinspector, gelungen, den Bestand der Schule, die sich der Anerkennung der Vorgesetzten erfreut und eine recht lebensfähige ist, aufrecht zu erhalten. Ich habe, da die Regierung die Benutzung des allerdings ganz unzulänglichen jetzigen Schulraumes nicht länger dulden will, den Neubau einer Schule angeregt, auch bin ich der Verfasser der anliegenden herzlichen Bitte. (Diese im Druck beigefügte Bitte geht von dem Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Calcar aus und ist an die israelitischen Glaubeltsgenossen im Lande gerichtet. Die Redaction.) Wir haben mit unserem Unternehmen bis jetzt guten Erfolg gehabt, circa 1500 Mark sind schon gesammelt. Noch gestern übersandte der Herr Rabbiner Dr. Frank in Cöln 200 Mark als Gabe der Alliance isra61ite Universelle auch der „Israelitische Gemeindebund" hat uns kräftig unterstützt. Die israelitische Gemeinde in Calcar hat es d u r ch i h r treues Zusammenhalten, durch ihr Leiden in schwererZeit, durch den rechtschaffenenLebenswandel ihrer Glieder lvohl verdient, daß ihre Glaubensgenossen ihr in dieser bedrängten Lage helfen. Wenn es auch hier in keiner Weise auffallend erscheint, daß ein evangelischer Pfarrer für seine israelitischen Mitbürger eintritt, so liegen anderswo die Verhältnisse anders. Darum mochte ich mein Eintreten?notiviren. Abgesehen von meiner dienstlichen Stellung zur israelitischen Gemeinde, bin ich hier seit zwölf Jahren in dieser stockultramontanen Gegend der Repräsentant und der Mund der bedrückten Minoritäten. Das sind die evangelischen Gemeinden, deren Pfarrer ich bin, und die israelitische Gemeinde, die sonst Niemand hat, der sich ihrer an nähme. Die große Freiheit, welche meine Stellung mir gewährt, habe ich stets im Dienste meiner Mitmensche?? ohne Rücksicht aufihrGlaubensbekenntniß benutzt. Den Antisemitismus sehe ich mit allen meinen Glaubensbrüdern am Niederrhein als etwas Verächtliches und Schmachvolles an. Meine Glaubensüberzeugung drängt mich, alle Menschen zu lieben und allen zu helfen, vor Allem den Schwachen rc. Pennekamp, evangelischer Pfarrer, Schulinspector. Natürlich ist den? A??suchen der Ge?nei??de zu Calcar ohne Weiteres entsprochen worden. Die Bethätigung echt christlicher Liebe hat aber den Geistlichen zur Zielscheibe häßlicher antisemitischer A??griffe gemacht. Er publicirte mit Bezug darauf, folgende Erklärung: Hiedurch erkläre ich, daß mein Schreiben an die israelitische Gemeinde zu Berlin in Nr. 600 des „B. T." ohne mein Wissen und ohne meinen Willen durch eine wenn auch wohlgemeinte Jndiscretion veröffentlicht ist. Um den Streit der Parteien kümmere ich mich grundsätzlich nicht. Mit 'meinen persönlichen Ansichten über den Racenhaß weiß ich mich in bester Gesellschaft. In Folge der Veröffentlichung meines Privatbriefes habe ich eine Anzahl Zuschriften absichtlich beleidigenden und schmähenden Inhaltes erhallen. Die Absender geben mir damit den schriftlichen Beweis, daß die antisemitische Gesinnung bis zu einem unglaublich hohen Grade von Rohheit treiben kann. Ich reagire nicht darauf; die Absender sind nicht in der Lage, mich beleidigen zu können. Wenn in einzelnen Zuschriften die Rohheit der Gesinnung sich den Mantel des Christenthums umhängt, so verweise ich auf das Wort der Schrift: „So Jemand spricht: ich liebe Gott, und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner!" Peunekamp, Pfarrer in Calcar. In der That ist nichts für die Gesinnungsrohheit der Ailtisenliten charakteristischer, als daß ihnen die Toleranz etwas Verächtliches geworden ist, welche gebildete Menschen sonst als das eigentliche Zeichen eines edlen Geistes und als Product der