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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-04 · 49 (4.12.1896) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr' 49 Vr. Vlortz's WochrnptzrM. Seite 971 bereits wiederholt Volkszählungen inscenirt werden, jedoch stets mit höchst zweifelhaftem Erfolg, theils weil die Organisation eine ungenügende, die Executivorgane nachlässig waren, harrptsächüch jedoch scheiterte eine jede Volkszählung an dem tief eingewurzelten Mißtrauen des Volkes, daß diese Operation eine fiscalische Bedeutung habe und die Einführung neuer Stenern bezwecke, so daß man sich wohl hütete, die Wahrheit zu sagen, die bei uns überhaupt nur ausnahmsweise anzutreffen ist, weil sie sich ihrer Nacktheit schämt und nicht wagt, an die Oessentlichkeit zu treten. Dieses Mal verhält es sich jedoch anders. Die öffentliche Meinung wurde lange vorher daraus vorbereitet und das Volk weiß jetzt ganz genau, worum es sich handelt und wird mit der Wahrheit nicht zurückhalten. Die Vorbereitungen sind bereits im Gange, die Gonvernementscomites in voller Thätigkeit, und bald wird das große geheimnißvolle Räthsel gelöst werden. Für die russischen Juden hat diese erste allgemeine Volkszählung eine ungeheure Bedeutung, und läßt sich nur erhoffen, daß unsere Glaubensgenossen ans der Höhe der an sie herantretenden verantwortlichen Aufgabe stehen und Rußland und der übrigen Welt ein getreues Bild von sich geben werden. Dame Statistik ist eine Wissenschaft, die mit sich nicht spaßen läßt: erbarmungslos reißt sie den Schleier hinweg, in den man sich verschämt hüllen möchte. Das alte Sprichwort: „Die Sonne bringt es an den Tag" könnte mit einer leichten Abwechslung abgeändert werden: „Die Statistik bringt es an den Tag"; die Statistik ist eine Feindin jeder Lüge und eine eifrige Verfechterin der Wahrheit. Die Statistik soll auch uns Unterdrückten zu Hilfe kommen, soll darthun, daß wir weit besser sind als unser Ruf, d. h. der Ruf, den uns unsere Gegnergemacht haben. Trockene und genaue statistische Ausstellungen sind klarer und überzeugender als jegliche Panegyrik; sie sondern Wahrheit von Dichtung. Daher setzen wir auch unsere Hoffnungen ans die hohe und mächtige Dame Statistik, daß sie uns zu unseren Rechten, die man uns so lange vorenthalten, verhelfen wird; daß sie die Vorurtheile zerstreut, die man gegen uns hegt, daß sie darthun wird, daß wir keine Schmarotzer und Parasiten sind, die sich nur vom Fette des Volkes, in dessen M'tte wir leben, nähren, daß wir im Schweiße unseres 'Angesichtes unser täglich Brod erwerben, daß wir gleich allen andern unserer Landsleute dem Lande materiell und geistig nützen, dem wir angehören, dessen treue Söhne wir sind. Dank der Abwesenheit einer wahrheitsgetreuen Statistik hat sich eine für uns höchst schädliche Legende über jüdisches Schmarotzerthum herangebildet. Und diese Wncherschlange böswilliger Verleumdung soll die unerbittliche Statistik mit der Wurzel ausrotten, denn Zahlen beweisen, und gegen die gebieterische überzeugende Macht der Ziffern kann man nicht aneisern, muß selbst die gistgeschwollene Verleumdung verstummen. Ja, wir dürsten nach Wahrheit und Licht. Wir wollen, daß es klar werde, denn nur bei Hellem Lichte des Tages kann und lvird die leidige Judenfrage gerecht entschieden werden, leidenschaftslos, unparteiisch. Indem die Statistik die wirkliche Zahl der jüdischen Bevölkerung Rußlands feststellt, wird sie Helles Licht in gar manches trübe Dunkel tragen, wird sie darthun, wie unbegründet und unverdient viele der gegen uns erhobenen Klagen und Beschuldigungen sind. Indem, dank der vorzunehmenden - Volkszählung, die genaue Ziffer der jüdischen Bevölkerung Rußlands festgestellt wird, wird sich die Ueberzeugung Bahn brechen, daß der Vorwurf, den man uns russischen Juden macht, als ob wir uns feige der Wehrpflicht entziehen und daß das Contingent der Fahnenflüchtigen so ungeheuer groß wäre, ganz unbegründet ist. Obwohl wir, dank den gegen uns ergriffenen rigorosen Repressivmaßregeln (Pflichten, aber keine Rechte), eigentlich berechtigt wären, uns dem Militärdienst zu entziehen, in welchem wir als rechtlose Paria behandelt werden, so thun wir das nicht; im Gegentheil liefern wir ein weit größeres Contingent au Militärpflichtigen, als wir nach unserer Gesammtzahl eigentlich hätten liefern sollen. Freilich geschieht das nicht freiwillig. Dank Willkür werden auch die Todten und Emigrirten in den Listen aufgesührt, und da die im Jenseits in Amerika, Australien oder Afrika Weilenden dem gebieterischen Rufe, unter die Fahnen zu treten, aus leicht begreiflichem Grunde nicht Folge leisten, so heißt es, die Juden entziehen sich feige der Wehrpflicht. Die bevorstehende Volkszählung soll dieser uns disereditirenden Legende ein Ende machen und Dame Statistik wird darthun, (was unser einziges, doch vortrefflich redigirtes russisch-jüdisches Organ, der „Woschod", wiederholt nachgewiesen), daß wir nicht nur nicht zu wenig Recruten liefern, sondern daß man im Gegentheil uns u ng e rechter Weise ^it viel Blutsteuer nimmt. Ja, wie gesagt, der Dame Statistik, die binnen Kurzem ihr Scepter über uns schwingen wird, ist es vorbenalten. Vieles zu unseren Gunsten auszuklären, und wenn auch ihre Herrichait nur einen Tag währen wird, so wird es auch dieser kncz.w Frist genügen, um den Beweis zu liefern, daß man uns in vieler Hinsicht verleumdet. Tie Statistik wird durch unumstößliche Ziffern darthun, daß wir ans unserer Mitre ein Contingent voll etwa einer halben Million nützlicher Handwerker in all-n nur denkbaren Branchen gestellt; daß es trotz allen Hindernissen in Rußland doch gegen 100.000 Inden gibt, die hinter dem Pilnge einhergehen und der Erde die Frucht abgewinnen: daß außerdem viele Tausende die -lecker der Gutsbesitzer bestellen oder selbstständig sich mit Land- und Milchwirthschair, mir Gärtnerei u. s. w. beschäftigen; daß Tausende und Abertausende in Fabriken thätig sind, sich dem Wein- oder Seidenbau widmen-, daß Rußland viele Hunderte jüdischer Aerzte. Juristen, Techniker, Ingenieure, Schriftsteller, Journalisten, Maler, Bildhauer, Graveure, Lehrer, Sänger und Sängerinnen u. s. w. har, welche der russischen Knust und Wissenschaft, dem Handel und der Industrie, dem Gewerbe u. s. w., mächtigen Vorschub gele-stec. Gleichzeitig wird jedoch dieselbe erbarmungslose Dame Ltatini? darthun, daß diese Millionen friedlicher, betriebsamer, nüchterner, arbeitsamer, russischer Unterthanen mosaischer Confession. rank unerhörter Revressivmaßregelu, in entsetzlicher Armuth leben, daß sie ans allen Laufbahnen behindert sind, daß sich ihnen tibc-rall drohende, hemmende Schranken entgegenstellen. Und diele Daaale Statistik lvird mit unerbittlicher Logik von Ziffern be-aoeilen, daß Rußland sich in's eigene Fleisch schneidet, wenn es in eaoa stutz Millionen feiner friedlichen loyalen Einwohner ein -mtztziches Proletariat züchtet, indem es ihnen fast alle Erwerdsanellen abschließt. Das sind die Hoffnungen und Erwartungen, die wir ricssischen Inden auf die bevorstehende Volkszählung setzen. Es bleibt nur zu wünschen, daß unsere Glaubensgenossen im Angesicht der hohen Bedeutung dieses 'Acres sich an dein selben rege und ernst betheiligen. Die Rabbiner und Diejenigen, die an der Spitze der jüdischen Gemeinden neben, sollten Alle und Jeden aufklären, welch' eine ungeheure Bedeutung für die Inden Rußlands die bevorstehende Volkszählung har, wie lvichtig es für das gesammte Jndenthnm ist, daß treue und eingehende statistische Daten geliefert werden, ans welchen dann die Regierung die Ichlnßfvlgernng ziehen kann, ob in der Thar die russischen Juden Parasiten und Schmarotzer sind, als welche man sie geltend machen möchte. Die Regierung ivird sicherlich nicht ihr Ohr der beredten Stimme der Wahrheit verichtießen, und man könnte beinahe ohne Ilebertreibnug sagen, daß die Zukunft der russischen Inden sich in ihren eigenen Händen befinde, wenn es mir gelingen sollte, sie von der hoben Wichtigkeit der bevorstehenden 'Aufgabe zu überzeugen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Aufforderung zum Bohcott politischer Gegner ha erst vor Kurzem den Obersten Gerichtshof Oesterreichs beschäftig und ist von diesem auf's Schärfste vernrtheilc nwrden. Das hat den Prinzen Liechten st e i u uicln gebindert, in einer zum Advent veranstalteten Frauenvenammrung m einer Rede die Nothwendigkeit, alle Weihnachtseintänre nur bei Ehristen zu machen, zu betonen. Für die Antisemiten gibt es kein Gesetz und keine Justiz. Herr -erg a n i kennt das ans eigener Erfahrung, er darf sich Alles erlauben, ohne den Arm der Gerechtigfeit zu fürchteil. Das ermuthigt ihn zu neuen Wagnissen. Er predigt jetzt: „Beschäftigt keine jüdischen Dienstmänuer!" Das ist ein starkes Stück, vielleicht das stärkste, das sich das Pauschalien- Blatt bisher geleistet hat. jedenfalls aber das emvörendste. Also selbst gegen so arme Teufel, wie es Dienstmänuer sind, wird gegenwärtig das praktische Christeuthum ausgeivielt, und da sich immer edle Seelen finden, die jedem Kampfruf Geltung verschaffen, wird der Versuch gewiß nicht erfolglos dleiöea, die Eristen.z einiger jüdischer Dienstmänuer zu unterbinden. Indessen zeigt sich die antisemitische Sveialvolitik in einem eigenthümlichen Lichte. In seiner Unterhaltung mit dem Eorresvondeuten des „Temps" hat Herr Dr. Lueger ausdrücklich erklärt, daß die Verdrängung der englischen Gas-Gesellschaft aus Wien ein wesenm

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