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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-04 · 49 (4.12.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 970 Vr. Vlvch's Wochenschrift Nr. 49 Bruderschaft zu schließen. Das bedeutsame Wort, das vor vielen Jahren der päpstliche Delegat Cardinal M e g l i o r sprach (>l n’y a que Ja revoJntion qui peu nons souver) scheint sich zu bewahrheiten. Der Clericalismus verbindet sich mit dem Anarchismus und glaubt darin seine Rettung zu finden. Eitle Verblendung, thörrichter Wahn! Im Angesichte der Orgien, die aus diesem Gebiete in vielen Ländern des Westens gefeiert werden; in Berücksichtigung dessen, daß es einem Pater Deckert und tutti quanti gestattet ist, die Kanzel zu den heftigsten Ausfällen gegen das Alte Testament zu mißbrauchen, während die gestrenge Dame Justiz mit verschränken Armen diesem Hexensabbath beiwohnt, ist es sehrcharakteristisch, daß sich in Rußland ein orthodoxer rechtgläubiger Kirchenfürst gefunden, der die Vertheidigung der letzthin so geschmähten Bibel unternommen. Es ist der hochwürdige Ambrosii, Erzbischof von Charkow, der es für zeitgemäß gesunder:, öffentlich gegen die Antagonisten der Bibel in die Schranken zu treten. Es ist ein symptomatisches Zeichen der Zeit, daß ein hochstehender Prälat die Ausgabe übernehmen muß, die heilige Schrift, die im Laufe vieler Jahrhunderte von ungezählten Millionen als Leitstern der ewigen Wahrheit anerkannt worden, da in derselben, in diesem großen Vermächtnisse des größten aller Geister, ewige Wahrheiten enthalten sind, welche als Basis des staatlichen und individuellen Seins noch bis jetzt dienen und so lange dienen werden, als die Cultur nicht ganz von der Barbarei erdrückt sein wird — zu vertheidigen.... Und gegen wen zu vertheidigen? Nicht gegen Mohammedaner oder Buddhisten, Heiden oder Feueranbeter, sondern gegen unverfälschte arische Christen, ja gegen deren geistlichen Leiter und Berather. Daß die Bibel einer solchen Vertheidigung bedarf, daß sie, die Urquelle alles göttlichen und menschlichen Rechtes, von denen angefeindet wird, die sie zu schirmen berufen sind, von denen in den Schlamm gezerrt wird, die schon durch ihren Stand bestimmt sind, das Buch der Bücher zu verherrlichen, ist ein trauriges Symptom unerhörter Verwilderung, beklagenswerther Verirrung, ein beschämendes Zengniß geistiger Armuth, das sich unsere Zeit selbst ausstellt. Der würdige Erzbischof von Charkow, Ambrosii, hielt im geistlichen Seminar der Stadt Charkow eine lange Allocution, in welcher er bestrebt ist, die Bibel gegen die Anklagen und Beschuldigungen zu vertheidigen, die letzthin von Seite der Antisemiten gegen sie geschleudert worden. Die „Moskowskije Wjedomosti" bringen den ausführlichen Text dieser höchst bemerkenswerthen Rede, in welcher der berühmte russische Kirchenfürst (einer der würdigsten Vertreter der griechisch-orthodoxen Gottesgelehrheit) durch Citate aus der heiligen Schrift den Beweis zu liefern bestrebt ist, daß^ entgegen den Behauptungen fanatischer Antisemiten, die heilige Schrift das Wort der Liebe in des Wortes weitester und edelster Bedeutung ist. Der Erzbischof bringt eine lange Reihe von Citaten aus der Bibel, die Menschenuüd Nächstenliebe athmen und thut durch tteffend angebrachte Vergleiche dar, daß die fünf Bücher Mosis nicht nur Alles das, was Jesus Christus vorgeschrieben, enthalten, sondern daß auch daselbst eingehend bestimmt ist, wie diese humanen Gebote im Leben anzuwenden sind. Ich halte es für überflüssig, alle diese zahlreichen, von: Erzbischof zur Bekräftigung seiner These angeführten biblischen Citate zu wiederholen, da dieselben den Lesern der „Oesterreichischen Wochenschrift" genügend bekannt sind und auch bei verschiedenen Gelegenheiten zur Abwehr feindlicher Ausfälle angeführt worden sind. Ich begnüge mich, nur die Schlußworte zu bringen, mtt denen der würdige Kirchenfürst sich an seine zahlreichen Zuhörer — künftige Seelenhirten — wandte: „Im Angesichte dieser von mir angeführten Gesetze und Vorschriften des Alten Testaments, die Nächsten- und Menschenliebe athmen und die bestrebt sind, die Grundsätze gegenseitiger Liebe der Menschheit festzustellen, kann man nicht umhin, die jetzt leider häufig rottrenden Kritiken und Verleumdungen dieser Gesetze und deren Gesetzgeber, des Gottes Israel, Gotteslästerung zu nennen. Ja, es ist Gotteslästerung, diese Gesetze und Verordnungen zu tadeln. Man erwidert: Im Alten Testament ist befohlen, „Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß" zu fordern. Das ist wirklich das mosaische Gesetz über Verletzungen. Jedoch noch vor Moses war Noah das Gesetz über Tödtungen gegeben: „Wer menschliches Blut vergißt, dessen Blut soll von Menschenhand vergossen werden, denn der Mensch ist nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen worden." Was bedeuten diese Gesetze? Eben dasselbe wie in jeder Gesetzgebung, das heißt Forderung der Wahrheit und Vergeltung für Verbrechen, dann eine gegen die Demoralisation gerichtete Drohung und mögliche Verhütung von Verbrechen; sie haben den Zweck, den Uebelthäter zur Einsicht zu bringen, und enthalten keineswegs den Befehl, daß der leidende Theil durchaus für den ihm aus geschlagenen Zahn dem Nächste» einen Zahn ausreiße, für die verletzte Hand oder den beschädigten Fuß dieselben Glieder verkupple. Woher ist jedoch zu entnehmen, daß diese Vorschriften die Verzeihung ausschließen, oder jede Aeußerung des Mitleides und Erbarmens mit denen, die Verbrechen begangen, verbieten. Die Barmherzigkeit ist nirgends verboten. Man erwidert ferner: Im Alten Testament befahl Gott alle Völker des Landes Kanaan und andere Nachbarstämme grausam zu vernichten. Was ist jedoch der Grund dieser Verordnung? Die Unmöglichkeit, das Dasein von Völkern zu toleriren, welche nur Missethaten und Verbrechen erzeugten, in denen auch keine Spur geistigen Lebens geblieben war und die blos von thierischen Jnstincten beseelt waren. So wurden die antidiluvianischen Menschen, die Bewohner von Sodom und Gomorrha ausgerottet. Es handelte sich um die Erhaltung des Volkes Israel, des Trägers der wahrhaften Erkenntniß Gottes und der göttlichen Versprechungen der Rettung des Menschengeschlechtes vor dem demoralisirenden Beispiel der heidnischen Völker. Die gottesfürchtigen Juden erkannten dies an, da sie einsahen, daß ihre Stammesgenossen sich mit den Heiden vermengten und von ihnen lernten, ihre Götzen anbeteten und ihre Söhne und Töchter den Dämonen zum Opfer brachten. (Psalm 105, 35—37). Man sagt jedoch ferner, daß Gott auch sein Volk nicht geschont und es mit schweren Strafen heimgesucht. Und diese Strenge verstanden die auserwählten Israeliten als wohlverdiente Sühne dafür, daß sie seinen Gesetzen untreu geworden. Das war ungefähr der Inhalt der Allocution des Erzbischofs von Charkow an die Zöglinge des Seminariunis und brachte dieselbe auf die zahlreichen zukünftigen Seelenhirten einen ungewöhnlich tiefen Eindruck hervor. Besonders bemerkt wurde die Stelle, in welcher der Prälat betonte, daß Alles, was der Stifter der christlichen Religion an göttlicher Liebe und himmlischem Erbarmen gelehrt, in der Bibel enthalten ist und daß das Neue Testament blos humane Grundsätze entwickelt, die in dem Alten Testament weit eingehender erörtert sind. Ist doch selbst das christliche Vaterunser, wie es seinerzeit in der „Oesterreichischen Wochenschrift" nachgewiesen worden, aus Bruchstücke:: von Sätzen zusammengesetzt, die in der so viel geschmähten Bibel enthalten sind. Hiebei muß noch benlerkt werden, daß obige Auslassungen des Erzbischofs von Charkow umso bemerkenswerther sind, da gehässige Ausfälle gegen das Alte Testament bei uns nur vereinzelt Vorkommen und auch dann außerordentlich vorsichtig auftreten, und zwar blos maskirt. Ein offenes freches Vorgehen gegen die Bibel, wie es sich zum Beispiel die Herren Rohling und Deckert in Oesterreich gestatten, wäre bei uns ganz undenkbar, da eine derartige „Gotteslästerung" (als solche muß ein derartiges Vorgehen nach dem Ausspruche des Charkower Erzbischofs betrachtet werden) strenge geahndet werden würde. Wir Wilde sind doch manchmal bessere Menschen.... LXIV. Am Vorabende der Volkszählung. Wir befinden uns am Vorabende eines höchst wichtigen Ereignisses, welches dem Anscheine nach berufen ist, im Schicksal der russischen Inden eine hervorragende Rolle zu spielen und auf deren Geschicke in der nächsten Zukunft einzuwirken — ob günstig oder ungünstig, will ich einstweilen dahingestellt sein lassen, obgleich das erstere vorauszusehen und zu erhoffen ist. Dieses Ereigniß, welches also für das Haus Israel in Rußland von solcher eminenter Bedeutung sein dürfte, ist die bevorstehende Volkszählung, die erste effective und eingehende, die gleichzeitig an einem Tage im gesummten weiten russischen Reiche, von den Gestaden des Schwarzen Meeres bis zu den Ufern des Eismeeres, von den Granitfelsen Finnlands bis zu den mit ewigem Schnee bedeckten Bergrücken des Kaukasus, vorgenommen werden soll. Fünf Millionen Rubel sind zur Bewältigung dieser Riesenarbeit, zu welcher ein großer Theil der Beamtenwelt, der Schullehrer und überhaupt der Vertreter der Intelligenz herangezogen worden, assignirt, und sollte diese Summe nicht ausreichen, so werden auch fernere Millionen zur Disposition gestellt. Man will nun einmal die Wahrheit wissen, wie viel die Gesammtbevölkerung des russischen Reiches ausmacht, da die Ziffer stets variirt und zwar von 110 bis 140 Millionen. Sie sehen, es handelt sich um die Kleinigkeit von 30 Millionen Menschen. In Rußland sind

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