Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Vr. Vloch's Wochen lchrtfi Seite 969 Nr. 49 Unglaublich schien es uns Anfangs, dass Treitschke, der für Deutschlands Einheit und Freiheit am wärmsten geredet hatte, den wir als den Bannerträger moderner Ideale feierten, Herabstieg zu den Helden der Gasse, zu den verlorenen Existenzen, welche den bösen Jnstincten des Pöbels schmeicheln. Das soll vergessen, das soll verziehen werden: wollte denn'Treitschke Verzeihung, hatte er sich nicht immer tiefer in den Haß hineingeredet? Baillen selbst, der nicht ohne antisemitische Steigungen ist, sagt, daß Treitschke „an der Universität in dem Kreise der Collegen sich wie ein Schuldiger gemieden sah." Ja wessen Urtheil soll denn gelten, wenn nicht dies der Elite der Gelehrtenwelt? Was hat es diesem Berdicte gegenüber zu bedeuten, daß die Mehrheit der Studenten ihm zujnbelte. Da ist zu glauben, daß Treitschke keinem Attentate gegen die Gleichberechtigung der Inden zngestimmt hätte: er hatte, so meinte Baillen, auf die Zustimmung aller jener Juden gerechnet, „die sich ohne Vorbehalt als Deutsche fühlten''; rechnete Treitschke, so fragen wir, auch Laster und Bamberger zu den Juden, die sich ohne Vorbehalt als Deutsche fühlen? er that es nicht, weil er unduldsam war wie nur je ein Großinquisitor, weil er nur nst Dentschthnm Treitschke's kannte. Baillen citirt einen Satz Anton Bettelheim's, daß der Antisemitismus sowohl das Kennzeichen der größten Verworfenheit wie des reinsten Idealismus sein könne. Wir glauben von diesem Satze die erste Hälfte, ohne damit Herrn Treitschke verworfen nennen 51t wollen. Treitschke's Fehler wie sein Vorzug, war seine Leidenschaft; sie riß ihn nicht selten weit weg vom Gestade besonnener Erwägung; einzelne Inden, und wahrlich nicht die schlechtesten, erweckten leinen Groll; so machte er es wie einst Hainau und schleuderte gegen ganz Juda die Brandfackel; der Talmud sagt, wer Lindere zur Sünde verführt, der findet keine Vergebung, weil das Gift fortwirkt. Können wir dem Manne verzeihen, der es präparirt hat? _ B. R. Mn jüdischer Fraurnrongretz in New-Horkr. Man schreibt uns vom 17. v. M. aus New Dort: Bor einigen Tagen wurde hier der „National Council of Jewish Women", der da beweist, welch reges Interesse die Frauen für die Sache des Judenthums und seiner Religion hegen, unter großer Betheilignng eröffnet. Es waren mehr als 120 Delegaten, darunter ungefähr 50 von New- Aork selbst zugegen. Um 3 Uhr wurde die erste Sitzung in dem prächtig geschmückten großen Saale des „Tuxego" eröffnet. Dieselbe wurde durch Formalitäten ausgefüllt. Nach der Begrüßungsrede, die eine der Damen hielt, wurden die Delegaten, nachdem sie ihre Mandate überreicht, registrirt und die nächste Sitzung für den Abend anberaumt. Untet den hervorragenden Delegaten befanden sich folgende Damen: Frau Carrie S. Benjamin, Denver, Col.; Frau Rebecca Hirsch, Atlanta. Ga.; Frau Ellen M. Henrotiu, Chicago, Jll.; Frau Ella L. Nußbaum, Indianapolis, Jnd.; Frau Cecil R- Hirsch, Des Moines, Iowa; Frau Hattie Heller St. Louis. Mo.; Frau Bertha Frank, Baltimore, Md.; Frau Rena M. Cohen. Minneapolis; Frau Therese Grata, Newark, N. I.; Frau Ella N. Philipson, Cincinnati, O.; Frau Pauline H Rosenberg, Philadelphia, Pa.; Frau Nelli L. Milles,' Memphis, Tenn.; Frau Melidola de Sala aus Cauada. Die Beamten des „Council", alle von Chicago, sind folgende: Frau H. Salomon, Präsidentin; Frau E. Mandel, Bicepräsidentin; Frau H. I. Selz, Schatzmeisterin; Fräulein Sadie American, corr. Secretärin; Frau T. I. Wolf, Prot. Secretärin. Achtzehn Staaten sind auf dem Convent, der am Donnerstag Nachmittags schließen wird, vertreten. Die Beamten der New-Dorker Section sind: Frau A. Kohut, Präsidentin; Frau S. A. Ruskay, Bicepräsidentin; Frau H. N. Vineberg, Schatzmeisterin; Frau Carrie Wise, Prot. Secretärin; Fr!. Miriam Fischer, corr. Secretärin. Abends sprach Rev. Dr. K. Köhler zum Beginn der Verhandlungen ein Gebet, und Frau Sophie Beer, die Bicepräsidentin für den Staat New-Iork, hieß die Delegaten willkommen, sie sagte, sie würden während des Convents in Erfahrung bringen, was der „Council" in den drei Jahren seit seiner Gründung erreicht habe. Der Convent sei sehr wichtig für alle Israelitinnen und würde sehr viel dazu beitragen, sie zudem Kampfe für Erziehung und Recht zu vereinigen. Dann hielt Frau A. Kohut, die Präsidentin der New-Dorker Abtheilung, eine Ansprache. „Es ist gesagt worden", so Hub Frau Kohut an, „daß Frauen nicht zusammen arbeiten können. Ich behaupte, daß das bei Jüdinnen nicht zutrifft, sie können sogar definitive Resultates erzielen.^ Wir sind Schwestern in einer Religion und hier versammelt, diessgemeinschaftliche Band fester zu knüpfen. Wir müssen aus diesem Convent für die Aufrechthaltung des Sabbaths einstehen. Wir Haben unsere Heimstätten verlassen, um dem Gemeinwesen zu Hilfe zu kommen und müssen uns in Acht nehmen, keine Fehler zu begehen. Der Jude ist ein Pairivt in jeder Bedeutung des Wortes. In Allen, was das Werk der Erziehung angeht, werden wir uns mit unseren christlichen Schwestern vereinigen." Verschiedene andere Damen hielten Ansprachen und dann erfolgte Vertagung auf den nächsten Tag, Vormittag l0 Uhr. Die zweite Sitzung des Jahrescoiiveuts des .National Council of Jewish Woinen" fand in Tnxedo Hall unter dem Vorsitz der Frau Hannah G. Solomon von Chicago statt. Nach Uebergabe der Beglaubigungsschreiben verlas die Secretärin Carrie M. Wolfs den Jahresbericht, aus welchem hervorgeht, daß dies Council 30 Organisationen und 3000 Mitglieder umfaßt. Die Schatzmeisterin, Frau Bertha A. Selz aus Chicago, meldet ihren Bericht über den Stand der Finanzen. Die verschiedenen Sectionspräsidentinnen erstatten kurze Berichte über das Wirken ihrer Sectionen. Dann wurden folgende Comites ernannt: Religion: Frl. Julie Felsenthal von Chicago; Frl. Cillia Hershsield von New-Uork; Frl. Sarah Lyons von New-Iork; Frl. Mary M. Cohen von New-Iork. Philantropie: Frau Carrie S. Benjamin von Denver; Frau I. M. Appel von Denver; Frau Hvlzmanu von Denver; Frau Josef G. Wallach von New-Aork und Frau Pauline Witkowsky von Chicago. Religionsschulen: Frl. Julie Richmann von New- Uork; Frl. Ella Jacobs von Philadelphia; Frl. Rebecca Cesem von Quincy; Frl. Emma Schulum von Kansas City; Frl. Sadie Americain von Chicago. In der Nachmittagssitzung verlas Frau Nellie L. Miller von Memphis, Tenn., eine interessante Abhandlung über das Thema: „Unsere Bereinigung, ihre Vorzüge und Schwierigkeiten." Die Dame führte im Wesentlichen den Gedanken aus: „Durch Bereinigung und Umgang mit unseren christlichen Schwestern können wir viel lernen, und ein solcher Umgang sollte daher ermnthigt und gefördert werden, aber nicht bis zu dem Zweck, daß wir unsere Individualität und unsere Identität als Glaubensgenossenschaft verlieren." Frau Flora Schwab von Clcvelaud, O., Frau Laura Jacobson von St. Louis, Frau Daniel P. Hanes, Frau Melidola de Sola von Montreal, Frl. Hirschfield von Buffalo hielten kurze Ansprachen. Frl. Hirschfield, eine Lehrerin an der Hochschule in Buffalo, erklärte, ihre christlichen Schüler seien betreffs des Inhaltes der Bibel ebenso unwissend, wie die jüdischen, allein es sei Unrecht, die Eltern dafür verantwortlich zu halten. Frau Miller bemerkte hiezu, daß ans Berichten aus allen Theilen des Südens hervorgehe, daß dort unter der israelitischen Jugend sich ein Mangel an Interesse für die Religion bemerklich mache; es möge richtig sein, daß die Eltern hiefiir nicht allein die Verantwortung trügen, allein trotzdem habe sie die Ueberzengung, daß die israelitischen Frauen geistig, pbnsisch, in so vieler Beziehung und sicherlich in moralischer Hinsicht ebenso hoch ständen, wie ihre christlichen Schwestern. In der Abendsitzung verlas Frau Rachael H. Sulzberger eine Abhandlung über „Unsere Organisation in großen Städten", und Frau Ella L. Nußbaum von Marion. Jnd., ein Essay über „Die Organisation in kleinen Städten". Beitrag zur Geschichte der rulsischen Juden. LXIII. Ein rechtgläubiger Kirchenfnrst über das?llte Testament. Mau kann nicht umhin, aus die befremdliche Erscheinung atlsmerksam zu machen, daß in dem Maße, wie der Autisemitismns durch sein gewaltsames Vorgehen droht, die gesummte Cultur den Ausschreitungen wilder Barbarei preiszugeben, die Adepten derselben bestrebt sind, die Lehren des Alten Testaments zu discreditiren. In ihrem blinden Hasse gegen die Inden gehen die Antisemiten so weit, daß sie die moralischen Grundlagen der Menschheit zu untergraben bestrebt sind, blos weil dieselben jüdischen Ursprungs sind. Ter Haß macht blind, daher auch die Antisemiten die Gefahr nicht sehen, welche sie über die gesummte Menschheit heranfbeschwören, wenn ihnen ihr tolles, verbrecherisches Gebühren gelingen sollte, wenn sie es in der That zu Wege bringen würden, die in den elvigen Büchern ausgestellten Grundsätze zu vernichten, indeiu sie das Alte Testament auf eine unerhört rohe Weise angreisen. Daß die öffentliche Meinung, daß die Regierung diesem verbrecherischen Gebühren gleichmüthig zusieht und keinen Finger rührt, wenn von der Höhe der Kanzel von sogenannten Seelsorgern das Buch der Bücher geschmäht und in den Koth gezerrt wird — ist eine außerordentliche Erscheinung, die man gar nicht begreifen kann. Der Clericalismns scheint dem Anarchismus die Hand zum Bunde zu reichen und die schwarze Internationale mit der rothen Internationalen