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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-04 · 49 (4.12.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 968 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 49 welche sie für die geistige Kost bestreiten muß, riesig. Aber, freut j Euch, Ihr Buben und Mädchen, die Ihr oft hungern mußtet! I Das wird in Zukunft nicht wieder Vorkommen. Die tvohlthütige! Baronin von Hirsch, die würdige Frau des größten und seltensten Menschenfreundes, der der ganzen Welt zu früh entrissen tvurde, hat zu Eurem Besten der Alliance einen großen Betrag übergeben. Die äußerst guten Beziehungen, die ztvischen der vttomanischen Regierung und den Juden der Türkei bestehen, zu getvahren, fehlt es nicht an Gelegenheit. Unsere levantimschen Glaubensgenossen sind nun im Begriffe, ihre Liebe und Treue zum osmanischen Reiche durch eine neue That zu erhärten. Wie durch die politischen Nachrichten auswärtiger Blätter bekannt, wird hier eine freiwillige Kopfsteuer erhoben, über deren Absicht und Ziel schon viel geschrieben und gestritten wurde. Die getreuen Unterthanen des Sultans kümmern sich jedoch wenig um diese Meinungsverschiedenheit. Welche Bestimmung das Geld, um das sie gebeten wurden, auch haben soll, sie geben es gerne und nach Vermögen her, um einfach das Land aus seiner ernsten Verlegenheit zu ziehen. Selbstverständlich fragen auch die Juden nicht nach dem Zweck ihrer Gabe, wenn sie ihren Beitrag leisten. Darum wird der Aufruf, der an die Juden der Hauptstadt und der Provinzen erlassen wurde, sicherlich die gewünschte Wirkung nicht verfehlen. Und das umsomehr, als auch Se. Ehrwürden der Großrabbiner der Türkei von seiner Seite Rundschreiben an die religiösen Häupter aller Provinzen versendet und Ausschüsse gegründet hat, die sich unter seinem Vorsitz mit der Bertheilung der Zettel für die Zeichnungen abgeben sollen. Was die Juden für die Türkei auf dem Gebiete der Industrie gethan, welchen Antheil sie an der Hebung des Handels und des Verkehrs in diesem Lande haben, ist mit einem Worte nicht gesagt. Um ihren Verdiensten gerecht zu werden, bedarf es zuvor einer gründlichen Studie in dieser Hinsicht. So viel steht fest, ihrem Unternehmungsgeiste wird viel verdankt, was dem türkischen Reiche zum Vortheil und ihnen zur Ehre gereicht. Der Erfolg, den die hiesige Firma S o u h a m i auf der Millenniums- > Ausstellung zu verzeichnen gehabt, hat in unserer Stadt viel von j sich reden gemacht. Solcher Häuser gibt es nun hier nicht wenige. Da ist erst neulich von Inden ein Geschäft in's Lebeir gerufen worden, das sich „Orientalisches Museum" nennt und in kurzer Zeit erstaunliche Fortschritte gemacht hat. Es ist der Sammelplatz von allen Liebhabern von Antiquitäten. Die reichen Teppichsammlungen, die kostbaren Seidenstoffe, die kunstvollen Stickereien, die mannigfachen Assortiments von orientalischem Schmuck und Geschmeide, die merkwürdigsten Nippsachen, alles das bildet eine Ansammlung, die in ihrer glücklichen Aufstellung dem Auge Freude bereitet und sie fo zu einem wahren orientalischen Museum macht. Mit einem Blick können die Liebhaber und Reisenden alle Wunder umfassen, die hier der Leiter des Hauses vereinigt. Das Orientalische Museum steht unter dem directen Schutze der kaiserlichen Regierung und macht der türkischen Hauptstadt wirklich Ehre. Schon hat sich dessen guter Ruf über das Ausland und viele europäisch n Höfe verbreitet. Se. Majestät der Kaiser von Deutschland hat Herrn S. Robert P a r d o gestattet, den Titel als Lieferant der deutschen Botschaft in Constantinopel anznnehmen uub Ihre Majestät die Königin-Regentin von Spanien hat ihn zum Speciallieferanteu der hiesigen Legation ernannt. Diese Ehrungen bestätigen das Verdienst um Handel und Kunstgewerbe dieses jüdischen Hauses. Noch ein anderes jüdisches Geschäft erfreut sich hier allgemeiner Beliebtheit und Hochachtung. Es gehört einem österreichischen Staatsbürger, der es von sehr geringen Anfängen zu einer angenehmen Position gebracht, um die ihn Biele beneiden. Doch die Mißgunst trifft nicht so - sehr die materielle Wohlfahrt des Braunes, als vielmehr dessen makel- und tadellosen Ruf. In der That sind die Leute, die ihm übelwotten, nur Feinde seiner großen Redlichkeit und Rechtschaffenheit. So sehen wir das geschäftliche Gebühren wie das persönliche Betragen des Herrn Jacob S ch apirer durch allerhöchste Anerkennung ausgezeichnet, indem er von Sr. Majestät dem Sultan zum kaiserlichen Hoflieferanten ernannt wurde. In chm ist auch das Judenthum geehrt worden, dem er, im Gegensatz zu vielen Glaubensgenossen in der türkischen Hauptstadt, nicht nur dem Namen nach, sondern auch mit dem ganzen Herzen angehört. Daß er ein ernster Verfechter der jüdischen Interessen, ein warmer Freund der Armen und Nothleidenden ist, dafür zeugt seine Mitgliedschaft in allen Vereinen und mehr noch sein Vorhandensein in den Comitös derselben. Ja, Herr Jacob S ch a p i r e r, ein Kind der Stadt Kimpelung in der Bukowina, hat, obwohl erst seit 1884 hier ansässig, für die jüdische Bevölkerung in Constantinopel bedeutend mehr gethan, als die meisten der reichen eingeborenen Juden während vieler Jahrzehnte. Es seien noch zwei andere Auszeichnungen an Juden erwähnt. Der Sultan hat Herrn I. P o l i a k o f f, türkischen Generalconful in St. Petersburg, den Großcvrdvn des Medjidje- Ordens verliehen, in Anerkennung seiner Verdienste um die Türkei. Herrn Arslan Effendi F r e s c o, Lieferant des Kriegsministeriums und der kaiserlichen Garde, der erst vor kurzer Zeit zum Range eines Oula, Geheimrathes UI. Classe, erhoben wurde, hat der! Großherr einen neuen Beweis seines Wohlwollens gegeben, indem er ihn in Vergeltung wichtiger Dienste, die er dem Staate erwiesen, den Medjidje-Orden dritter Classe zuerkannte. Die „Deutsche Rundschau" und Treitschke's Iudenseindschaft. Es kommt wenig dabei heraus, wenn wir die Größe und den Ruhm unserer Gegner zu verkleinern trachten; daß wir die Augen schließen, hindert Andere nicht am Sehen. T r e i t s ch k e, der uns Juden in den besten Kreisen der deutschen Gesellschaft fo sehr geschadet hat, hat zweifellos nicht nur in den Herzen der studirendeu Jugend, sondern auch bei gereiften und ernsten Männern eine tiefe und dankbare Erinnerung zurückgelassen; thränenden Auges erzählte mir im Hochsommer auf den Tiroler Bergen ein hoher preußischer Staats beamter a. D., daß er mit vielen emeritirten Excellenzen und Officieren in den Reihen der Studenten den gewaltigen Worten T r e i t s ch k e's gelauscht nnb nationale Begeisterung geschöpft habe. Sein großes Geschichtswerk wird durch seine Fehler fast ebenso wie durch seine Vorzüge noch lange nachwirken. Wenn j wir Juden uns beklagen, so müssen wir anderseits anerkennen, daß Treitschke auch mit den Großen der Erde nicht glimpflich umgegangen ist; ihm war es nicht gegeben, einem richtigen Gedanken mit Mäßigung zu dienen; so war er ein leidensck östlicher Unitarier, so verfolgte er mit Ingrimm die Fürsten der deutschen Kleinstaaten, ohne zu bedenken daß das starre Prenßenthum eines Gegengewichts bedurfte, sollte ganz Deutschland nicht eine große Kaserne werden, daß der Segen der deutschen Einheit nicht gefördert, sondern verkümmert werde, wenn die Eigenart die Frische süddeutschen Lebens sich völlig beugen sollte unter dem rauhen Wesen des preußischen Unterofficiers, des schroffen, wortkargen, oft unnöthig strengen altpreußifchen Beamten. Das ist ja eben das drückende dieser altpreußischeu Art, daß militärische Anschauungen und Formen alle Gebiete des staatlichen Lebens beherrschen. Sonderbar ist der Versuch, der neuerdings in der „Deutschen Rundschau", der vornehmen, von Julius Rudenberg herausgegebenen Halb-Monatsschrift, gemacht worden ist, um Treitschke's Haltung in der Judenfrage zu rechtfertigen. Daß Treitschke's Judenfeiudschaft schon ans einer Zeit datirt, in welcher der Antisemitismus in Preußen weder officielle noch officiöse Geltung hatte, ergibt sich aus einer dort mitgetheilten Briefstelle. Treitschke schreibt an einen Freund im Jahre 1873; er werde an Deutschland nicht irre werden trotz Gründern, Juden, Pfaffen, Aufklüricht, Heiratsgesuchen, Socialisten, Milliarden u. f. w. „Aufkläricht", war Treitschke kein religiös aufgeklärter Mann?! aber wenn ihm Jemand entgegentrat, so nahm Treitschke jeden beliebigen Stein, der gerade am Wege lag und warf ihn dem v -- Gegner an den Kopf. Die tiefste Ursache des Grolls gegen die Juden erkennen wir, wenn er int Jahre 1878 an einen Freund schreibt: So viel weiß ich schon heute, daß ich mit Lasker u. Co. unter keinen Umständen wieder in einer Fraction Zusammentreffen will." Der Archivar Bailleu, der in Rodenberg's Zeitschrift Heinrich v. Treitschke ein literarisches Denkmal setzt, wundert sich, daß, wie aus dem Tone der Nekrologe zu schließen ist, die Artikel „zur Judenfrage" „auf vielen Seiten weder vergessen noch verziehen sind". Aber wie sollen wir vergessen, was heute noch mächtig nachwirkt. Jeder, der mit Aufmerksamkeit der Entwicklung der Krankheit, welche wir Antisemitismus nennen, gefolgt ist, hat es noch in der lebhaftesten Erinnerung, wie der Artikel Treitschke's erregt hat.

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