Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 49 Seite 967 Dr. Vlortz's Wochrnschrtst weiß ja zur Genüge, wie arg der commercielle Verkehr mit den jüdischen Mitbürgern die braven christlichen Handwerker und Industriellen schädigt, daß Jeder, der mit einem Juden zu thnn bekommt, beschwindelt und betrogen wird. Nun denn, das antisemitische Eldorado scheint gekommen zu sein. Die Juden kaufen nichts. Die antisemitische Geschäftswelt kann sich nicht mehr über „jüdische Aufdringlichkeit" beklagen und die Semiten befleißen sich einer rührenden Zurückhaltung. Dos ist von einer gewiß vorurtheilsfreien, von einer sicherlich unbeeinflußten Seite anerkannt worden. Als die Weihnachtsaussteliung des Wiener Kunstgewerbevereines im Oesterreichischen Museum eröffnet wurde, da erschien in Vertretung des Kaisers einer unserer erleuchtetsten Prinzen, und als ihm von allen Seiten über den schlechten Geschäftsgang geklagt wurde, als er hier und dort zu Horen bekam, daß werthvollere Objecte in Wien überhaupt nicht mehr an den Mann gebracht werden könnten, da that er eine bemerkenswerthe Aeußerung. Das Wort des Erzherzogs Rainer verdient festgehalten zu werden, es gibt Vieles zu denken, man könnte es als Leitmotto über eine Schilderung unserer wirthschaftlichen Verhältnisse setzen. Das Dictum des hohen Herrn lautete: „Derherrschende Antisemitismusschreckt viele Käufer vom Erwerbe solcher Stücke ab und bestimmt sie zur Zurückhaltung." Man lese diesen Satz genau und sinngemäß und man wird in der einfachen, nüchternen Constatirung des Erzherzogs eine Anerkennung finden, die geeignet erscheint, uns Juden wohlthuend zu berühren. Wir haben gehandelt, wie wir handeln mußten. Wir haben uns zurückgezogen. Wir haben jene Zurückhaltung geübt, die uns nach den erlittenen rohen Beschimpfungen das einfachste Gebot der Ehre anferlegt. Es mag schon richtig sein, daß nunmehr die Wiener Geschäftswelt aus den tiefen Wunden blutet, die ihr ein vergiftetes Schwert geschlagen hat. Dieses Schwert aber, das in ätzendes Drachengift getaucht wurde, ist der Antisemitismus. Die Hand, die dieses Schwert führte, verlor die Herrschaft über dasselbe und die todtbringende Waffe wandte sich gegen Jene, welche Andere mit ihr bedroht halle,,. Es gibt keine „jüdische Aufdringlichkeit" mehr. Zwar war sie für Einsichtige und Verständnißvolle schon früher ein Phantasiegebilde der Borortetribunen; aber der G'scheitere gibt nach. Die Judenschaft hat endlich eingesehen, daß es die Geschäftsthüren der antisemitischen Kaufleute, Gewerbetreibenden und Fabrikanten sind, an denen sie vor Allem ihre Zurückhaltung bethätigen muß. Die Stütze des Burgtheaters. Ein Kaiferwort ist bekannt geworden. Unser Monarch hat einem großen Künstler, dem ersten deutschen Schauspieler, wie er wohl genannt wurde, seine Anerkennung in einer Weise ausgedrückt, die nichts von dem höfischen Etiquettezwang, nichts vom ceremoniellen Formelthum an sich hat, sondern das rein menschliche Moment in schöner, herzerquickender Weise hervortreten läßt. Wenn der Kaiser von Oe st erreich dem Burgschauspieler Adolf von Sonnenthal sein Biloniß schenkt und darauf die Worte niedcrschreibt: „Der Stütze Meines alten Burgtheaters", dann wird auch unter normalen Zeitläuften alle jene Naturen, deren geistiger Horizont von keiner Beamtenuniform verdunkelt wird, eine gewisse Befriedigung ergreifen, wie sie sich in jenen seltenen Augenblicken einzustellen pflegt, da wir uns dessen bewußt werden dürfen, daß wir in der Neuzeit leben, daß auch auf der Menschheit Höhen rein geistiges Streben neidlose und rückhaltslose Anerkennung findet. Die Auszeichnung Adolf von S o n n e n t h a l's hat aber bei uns zu Lande in diesen traurigen Tagen eine doppelte Bedeutung. Man weiß, daß die edle Künstlernatur des großen Tragöden in die widerlichen Kämpfe unserer Winkelgassenpolitik hineingezogen wurde. .Dieser Mann, dessen künstlerischen Genius die ganze gebildete Welt verehrt, von dem auch die Gegner eingestehen mußten, daß er ein Musterbürger sei, stets bereit, sein herrliches Können in den Dienst humanitärer Bestrebungen zu stellen, wurde einer kommunalen ^Auszeichnung unwerth befunden, weil er ein Jude ist. Der Künstler Sonnenthal bedarf gewiß nicht der Approbation seitens jener bunt zusammengewürfelten Sumper- und Spießergesell'chaft, die über ihm zu Gericht saß Der Mensch Sonnenthal wird sich darüber hinwegsetzen, daß die Denunciantenmedaille mit welcher unsere Stadtväter ihre Helfershelfer bedachten, ihm verweigert wurde. Nicht in der Nichtauszeichnung Adolf Sonnent h a l's liegt das signisicante Moment des Verhaltens unseres Gemeinderathes. Der Höhepunkt der unfreiwilligen Satyre ist vielmehr darin gelegen, daß jene heuchlerisch nach oben schielenden, von dynastischen Gefühlen triefenden Patentpatrioten ihr Mißbilligungsvotum an eine ganz andere Stelle entsandten, als an diejenige, der es ursprünglich zugedacht war. Wie? DerMann, welchen die loyale, dynastische, patriotische, kaisertreue Gemeindevertretung von Wien der kleinsten communalen Auszeichnung unwürdig erachtet, wird dessen werth gehalten, in erster Stellung am Wiener Burgtheater, in dem Hause des Kaisers zu wirken? Jawohl, und mehr als das! E r, der Jude S o n n e n t h a l, ist die Stütze des alten Burgtheaters. So sagt es klipp und klar das Votum des Kaisers, welches wahrlich überaus schwer mit dem Votum des Wiener Gemeinderathes in Einklang gebracht werden kann. An einem Kaiserwort soll man nicht drehen und nicht deuteln. Das ist hier nicht möglich. In seiner schlichten Einfachheit und Klarheit spottet es der antisemitischen „Talmudisten". Darum wird es von der antisemitischen Presse einfach verschwiegen. Adolf von Sonnenrhal aber, die Stütze des alten Burgtheaters, dürfte über den Entgang der Salvatormedaille getröstet sein. * * * Man meldet aus Brünn, 30. November. Heute Nachmittags besuchte Erzherzog Leopold Ferdinand Salvator in Begleitung des Statthalters Freiherrn o. Spens-Booden den israelitischen Tempel in Brünn, wo der Cultusvorsteher Herrenhausmitglied Julius Ritter o. Gomperz und der Landesrabbiner Dr. Placzek den Prinzen empfingen, der von den zahlreich versammelten Gemeindemitgliedern ehrfurchtsvoll begrüßt wurde Vom Goldenen Horn. Constantinopel, 20. November 1896. Die arme jüdische Schuljugend des Orients, die heranzuziehen und auszubilden unser großer philantropischer Weltbund sich die größte Mühe gibt, ist von Neuem Gegenstand hoher Vor- und Fürsorge gewesen. Die Wohlthat, deren sich die notbdürftigen Kinder jetzt erfreuen werden, hat allgemein Freude und Begeisterung hervorgerufen, weil sie mit einem Schlage einem längst gefühlten Bedürfnisse in großartiger Weise abhilft. Man kann indeß die außerordentliche Bedeutung des neuen Liebeswerkes nur ermessen, wenn man die Verhältnisse, in welchen der größte Theil der jüdischen eingeborenen Bevölkerung des Morgenlandes lebt, genau kennt. Man kann sich kaum eine Vorstellung von ihrem schrecklichen Elend machen, ohne es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Wenn man die Viertel besucht, die von unseren Glaubensgenossen bewohnt werden, gewahrt man schon aus den ersten Blick das traurige Bild ihrer großen Dürftigkeit. Welche Kleidung! Welches Aussehen! Aber merkwürdig und angenehm berührend ist die Reinlichkeit und Sauberkeit, welche überall im Innern der Häuser herrscht. Auch unterscheiden sich die Frauen und Mädchen in Kleidung und Aussehen vortheilhast von den Männern und Knaben. Trotz der Aermlichkeit, die nicht ganz zu verstecken und zu verbergen ist, macht ihre Erscheinung im Ganzen doch einen angenehmen Eindruck. Insofern besteht auch ein gewaltiger Unterschied zwischen den Knaben- und Mädchenschulen. Wenn auch die Armuth hier wie dort gleich groß ist, so ist sie in diesen doch mehr übertüncht und zugedeckt, während sie in jenen craß an den Tag tritt, in ihrer ganzen Peinlichkeit und Schrecklichkeit. Ja, hier wie dort gibt es Kinder, kleine und große, die, ohne gefrühstückt zu haben, zur Schule kommen, weil im Hause noch kein Broo gewesen, und Mittags nichts essen aus demselben Grunde. Die armen Kleinen! Wie herzzerreißend! Leider hat die Alliance bis jetzt nichts dagegen thun können. Wie sollte es ihr auch möglich gewesen fein? Sind doch schon die Ausgaben,