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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-12-04 · 49 (4.12.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
49 (4.12.1896)
Date
1896-12-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 966 Vr Vloch's Wochenschrtfl wenn Jemand ein kärglich besoldetes Amt unter staatlicher Aussicht imte hat, er dies Aemtchen festhält und es nicht gegen einen gm bezahlten Dienst in einer jüdischen Gemeinde vertauschen will und die preußische Bnreaukratie ist doch nicht dafür bekannt, daß sie gar so saust die Ziegel sührt, und am allerwenigsten verdient sie den Vorwurf, daß sie die Inden bevorzugt. Diese Vorsteher sind ja nicht so böse Menschen, als sie vielfach geschildert werden; aber sie sind bei uns völlig souverän, Niemand redet innen darein, wenn nur die Rechnungen stimmen, und im Großen und Kleinen verdirbt despotische Gewalt den Charakter; die Vorsteher erliegen bei allem persönlichen Wohlwollen der Verführung, die darin liegt, daß der Hohe keinen Höncren bar, der ihn vor Ausschreitungen behütet. Da zeigt sich jetzt in Altprenßen für dieses liebet eine allzu bittere Medicin, die fast schlimmer ist als die Krankheit, der üorior vacui, der Schrecken, daß Keiner da ist, der eine leer gewordene Amtsstätte in der rechten Weise ansfüllen kann. Cs gibr rn Preußen nur wenig Stellungen für Rabbiner, Cantvren, Lehrer, die völlig gesichert sind, die betreffs des Anftellungsmodus, der Pension, des Witwengehaltes dieselben Garantien kneten wie staatliche oder städtische Aemter. Wer nun, wie ein Kaufmann, die unbegrenzte Aussicht auf Gewinn hat, wem die Möglichkeit winkt, in seinem Berufe große Schätze zu eriverben, der ninß dafür die Unsicherheit in den Kauf nehmen, daß ihm vielleichl auch das Nothwendigste einmal entgeht. Aber der Beamte der jüdischen Gemeinde hat oft die doppelte Plage, die Cnge und die schmalen Bissen in der Gegenwart und die Ungewißheit in der Zukunft. Ist doch schon der jüdisch-rituelle Hausbatt, was so viele nicht nach dem Ritus lebende Vorsteher, uue leulit begreiflich, ganz vergessen, kostspieliger, als der unserer Landsleute. So fromm sind doch nun einmal die Jetztlebenden nicht, daß sie durch vieles Fasten das einbringen, was die koschere Küche mehr kostet. Jener alte Rabbi sagte freilich auf die Frage, wie viel ihm sein Amt trage: wenn nicht die vielen Fasttage wären, wäre es zum Hungersterben. So genügsam sind unsere Zeitgenossen meist nicht, aber sie verschmähen selbst ein üppiges Brvd, das bin und wieder von einer jüdischen Gemeinde gereicht wird, null sie, vielleicht mehr als recht ist, die Laune und die Willkür der Verwaltung fürchten. In Preußen, wo doch sonst Alles unitarisch ist, gilt für jüdische Verhälrnisfe zweierlei Maß. Die im Jahre 1866 auuecrirteu Provinzen hatten eine jüdische Verfassung, nach welcher in Hannover, Hessen-Kassel, Nassau der Staat den jüdischen Geistlichen eine gewisse Autorität einränmt, die Gemeinden zu Verbanden mit gemeinsamer, sich gegenseitig fördernder Verwaltung vereinigt und sodann aus dem Staatssäckel wie für alle anderen religiösen Bekenntnisse auch für die Inden ein paar raufend Mark hergibt. Diese Staatsspende hat neben der prakrischen Bedeutung auch den idealen Werth eines Anerkenntnisses, daß der Staat die Sorge für unseren Cultns als dem allgemeinen Besten dienlich versieht. Im Jahre 1M6 hielt man es für undenkbar, daß zwei so grundverschiedene jüdische Kirchenverfassnngen, nie die in Alivreußeu und Neupreußen, lange Zeit nebeneinander werden bestehen können; man hosste, daß was in Neuprenßen recht ist, auch in Altprenßen den Juden werde zugestanden werden, natürlich unter Benützung der Erfahrungen, die seitdem auf diesem Gebiete gemacht tvvrden tvaren. Aber der latente Antisemitisinns, der stets in der preußischen höheren Beamtenwelt waltete, brachte es fertig, daß dieses Provisorium schon länger als dreißig Jahre besteht; die Behörden hatten nur ein sehr mäßiges Interesse daran, einen Zustand zu ändern, welcher das Judenthum jeder staatlichen Anwrität beraubt; die Gemeindevorstäude aber wollten, das ist so menschlich, die Macht, die sie hatten, nicht ans den Händen geben, sich nicht schmälern, lassen, und sie deckten ihre selbstherrlichen Neigungen mit dem Banner des Liberalismus, der Gemeindefreiheit. In Altpreußen gilt es mit der Würde des Jndenthums für verträglich, daß an der Spitze der Gemeinde häufig Männer stehen, deren Kinder dem Jndenlhum längst den Rücken gekehrt haben. Freilich wird der Glanbenswechsel, wie man hört, durch manche Pastoren unglaublich erleichtert. Besonders die freisinnigen christlichett Geistlichen leisterr darin das Menschenmögliche. Z. B.: Ein jüdischer Arzt tritt über. Der Geistliche, der ihn anfgenvmmen, sagt ungenirt: Früher war er kein Jude, jetzt ist er kein Christ. Ein anderer jüdischer Arzt kommt zu einem Pastor und fragt ihn, was er zu thun, was er zu lernen Nr. 49 habe, um den Uebertritt zum Christenthum vorzubereiten. Aber wie erstaunt der Jude, als ihm der Pastor das Anerbieten machte, die Sache auf der Stelle zu ordnen. Die Motivirung war über alle Maßen vernünftig. „Sie," so sagte der Pastor, „werden, wenn ich Ihnen noch soviel vorpredige und Sie noch soviel Katechismusstoff in ihren Kopf packen, doch kein Christ und wir machen uns mit dem auswendig gelernten Kram vor einander zum Narren. Also an Ihnen liegt mir nichts, wohl aber an Ihren Kindern, und diese gewinne ich auch, wenn ich bei Ihnen die Form des Uebertrittes möglichst vereinfache." So war der Mann als Jude vom Hause fortgegangen und kam ohne Weiteres nach einer Stunde mit dem Taufzeugniß zurück. Vielleicht kommt die Erleuchtung noch später. Auch dafür gibt es Beispiele. Vor einigen Jahrzehnten kam einst der Eisenbahndirector L e h m a n n, der bekannte Herausgeber des „Magazins für Literatur des Auslandes" und Freund Heine's, zu. Zacharias Fran el, dem berühmten frommen jüdischen Theologen, mit dem ihn innigste Neigung verknüpfte; Lehmann war bewegter als sonst und erklärte dann dem Freunde die Erregung mit der Freude, daß seine zweite Tochter sich mit einem Juden verlobt habe, dem Mediciner F. in Berlin; dessen Sohn, der Enkel Lehmann's, hat sich inzwischen mit der herrschenden Kirche befreundet und - eine reiche Erbin von jüdischer Abstammung aus der Provinz geheiratet, die auch erst als erwachsenes Mädchen die Wahrheit des Christenthnms erkannt hatte Ein Pastor, der die jungen Leute getauft hatte, wurde ans Berlin verschrieben, um das Paar zn trauen. Der gescheidte und tactvolle Mann enthielt sich in der Traurede, die fast nur vor Inden oder getauften Juden gehalten wurde, jedes confessionellen Momentes; aber bei Tisch erhob sich Herr F. gen. 'und dankte dem Pastor in sehr sentimentalen Worten dafür, daß er diese jungen Menschen zum ewigen Heile geführt habe re. Die Sprossen dieses Mannes werden wahrscheinlich später die schönsten Antisemiten und die „überzeugten" Gläubigen des Märchens vom Christenblut werden. Es ist hier in der Bürgerschaft ein besserer Geist, zu den Orgien, die in Oesterreich der Antisemitismus feiert, könnte es in Preußen nur dann kommen, wenn von oben herab die Parole gegen uns ausgegeben würde; das zu befürchten, ist keine Veranlassung, nicht sowohl „ans Liebe zn Mordechai, als ans Haß gegen Haman"; aber die jüdische Bevölkerung sollte die Gunst der Zeit wahrnehmen, sich concentriren und eine Verfassung anstreben, die nicht systematisch den Einfluß der Rabbiner und Religionsbeamten zerstört, die die Gemeinden verbindet und eine dem Staate verantwortliche aber auch dem Staate imponirende jüdische Autorität schafft. Dieser Versuch wäre eine passende Jubiläumsfeier für das Judengesetz von 1847, das nun bald ein halbes Jahrhundert besteht. Leine „jüdische Aufdringlichkeit" mehr! Die interessanten Tabellen, welche der nicht subventionirte Verein für Wiener Fremdenverkehr herausgibt, illustriren ziffermäßig den Erfolg der antisemitischen Agitation. Man könnte, wenn man Lust und Muße hat, genau ausrechnen, wie viel Fremde-Minus auf eine Hetzrede L u e g e r's oder Ernst Schneider's entfallen. Damit haben sich die gegenwärtigen Machthaber von Wien bereits abgefunden, sie freuen sich darüber, daß unsere liebe Vaterstadt nicht von Zugereisten „verschandelt" wird, und sind mit dem Erfolge ihrer volksfreundlich n Thätigkeit höchlicbst zufrieden. Sie suchen auch sich und Anderen einzureden, daß damit die Wirkungen, welche der Antisemitismus aus unser Verkehrsleben aus» übt, abgeschlossen seien. Außerdem liest man noch tagtäglich auf der eisernen Stirn—feite ihrer Zeitungen: „Kauft nur bei Christen!", was die fortschreitende Erkenntniß der letzten Jahre in ein noch gesinnungskräftigeres „Kaust nur bei Gesinnungsgenossen" umstampiglirt hat. Wer wollte annehmen, daß dieses schöne Schlagwort ein Pendant finden könnte, sie haben ja niemals gesagt oder geschrieben: „Verkauft nur an Gesinnungsgenossen!" Und wahrlich, es wäre die höchste jüdische Frechheit, die potenzirte Semitenanmaßung, wenn sich die Juden vielleicht von selbst zu dieser Erkenntniß aufschwingen wollten. Aber wenn schon, das wäre weiter kein Unglück. Das würde unserer christlichen Geschäftswelt sicherlich keinen Abbruch thun. Man

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