Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dr. Bloch’s Iahrgangi XIII. Crntralorgsn für die gessmmten Inirresten des Iudenthums. ». k. PoysparraWen-Amr Elrsringverkrhr Nr. 810.976. SUbftttUm und Administration: HP i * « ., JUntsrx Klusarlrnprstzr 1«. Telephon-Nr. 6535. .=m Wien, 4. Derember 1896. -- - Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wien. -^=.-.z=!; Bejug*pcet* für Srstxrrrird:!!;; Halbjährig 4 fl. 8 £r. ü :j Einzelexemplare 36 ft. J :j Mr'» Ausland: j :! halb ährig 6 fl. — 10 Ar. I ganzjährig 10 .. — 20 „!! An zeigen: Die «mal gespaltetes;I Petitzeile 12 kr. P Inhalt: L e i t ar t i k e l: Aus Altpreußen, ein Zeitbild. — kleine „jüdische Ansdringlichkeick' mehr! — Die Llütze des Bnrgthcnlers. — Vom goldenen Horn. — Die „Deutsche Rundschau" und Treitschke's Jndenfeiudschafr. — Ei» jüdischer Fraueiieongres; in New- Aork. — Beitrag zur Gesichchte der russischen Juden. — V o m Jahrmarkt des Lebens: Die Aufforderung zum Boycott. Der objective Stadtrath. Aiord aus Aberglaube. Antisemitische Heye gegen einen Geistlichen. Zur Statistik der Duelle. Ter neue Direktor der Pariser Sternwarte — ein Jude. — C o r r e s p o n d e n z e i, : Wien, Wien-Mariahilf, Preßburg, Lemberg, Saa;, Prag, Raudnitz an der Elbe, Berlin, Wreschen, Hessen-Nassau Württemberg, Kopenhagen, Paris, Rom, Grenieil, Klerksdorp, Bombay. — Vermischtes: Wien, Troppan, Brünn, Ko,etcin, Budapest, Lemberg, Aükolsburg, Prag, Freistadt, Cr.-Krenz, Berlin, München, Jassy, Rom, Paris, Nizza, London. — Feuilleton: Der König der Schnorrer. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Aus Nltpreutzen, ein Zeitbild. Jüngst ist in diesen Blättern die Berliner Gemeinde gepriesen worden, weil sie einen großen Ueberschnß habe, während die Judengemeinde in Wien an einem Deficit leide. Dieses Deficit, das für den Kopf kaum dreißig Kreuzer beträgt, ist an sich sv unbedeutend, daß es nur eines etwas stärkeren Anziehens der Steuerschraube bedarf, um es zu beseitigen. Aber es ist überhaupt nicht wohlgethan, diesen rein materiellen Maßstab als den allein gütigen zu betrachten, daß wir an ihm die Gesundheit einer religiösen Gemeinde messen. Das Judengesetz von 1847 feiert bald sein Jubiläum und es ist immerhin anzuerkennen, daß die schlechteste Ordnung tloch besser ist, als die völlige Unordnung; so haben sich unter diesem Gesetze die jüdischen Verhältnisse einigermaßen cvnsolidirt; so Mancher, den nur der Ehrgeiz und der Machthunger lockte, Vorsteher zu werden, hat dann mit seiner Theilnahme an der Verwaltung einer jüdischen Gemeinde auch eine tiefere Theilnahme gewonnen für die idealen Ziele eines jüdischen Gemeinwesens; es ist nie ein Segen, den Laien vom Kirchenregiment auszuschließen, und wir machen dem Judengesetz keinen Vorwurf daraus, daß es das Volk herbeirief zur Verwaltung der Heiligthümer; aber das ist eine Absurdität, daß es mit besonderem Raffinement gerade Diejenigen hinauswies, die kraft ihres Berufes, kraft ihrer Studien gleichsam dazu verpflichtet sind, vom Judenthnnl etwas zu verstehen, nämlich die Rabbiner und sonstigen religiösen Beamten. In Preußen ist es möglich, daß ein Rabbiner von den wichtigsten Bewegungen in seiner Gemeinde nichts erfährt; er existirt nach dem Gesetze gar nicht. Eine jüdische Volkskirche ist etwas sehr Schönes in einem Lande, das ein officielles Kirchenthum nicht kennt; wir sehen in Amerika, wie gut das Jndenthum gedeiht und aufstrebt in dieser Freiheit für Alle. Aber in Preußen, wo der Staat noch mehr Macht hat, als selbst in dem wegen seiner Centralisation verrufenen Frankreich, muß jede Institution verkümmern, die nicht von der Sonne des Staates Licht und Wärme empfängt. In Preußen ist ein höherer Beamter unglücklich, wenn er keinen Orden hat; dieser ungeschmückte Frack macht ihn zmn Paria unter denen, die sonst seines Gleichen wären; was nützt es ihm, daß er frei wie ein Philosoph über diesen Schmuck denkt; in der Gesellschaft, auf die er durch seinen Beruf und sein Amt angewiesen ist, ist ein leerer Kopf nicht so schlimm, als ein leeres Knopfloch; was aber ist dann ein Rabbiner, dem wohl nur nitter ^anz besonderen Verhältnissen, allenfalls knrz bevor er ins Grab wanden, solch ein Vogel ins Rest fliegt, der auch ans der niedrigsten Stufe der bureankratischen Leirer nicht das bescheidenste Plätzchen in 'Anspruch nehmen darf! Diese Freiheit voll jeder hierarchischen Fessel haben die Urheber des Gesetzes von 1847 nicht ans besonderem Wohlwollen für die Inden decrerirt, sondern es lag ihnen daran, die religiöse Macht des Judenthums zu schwächen. Man erzählt sich vom alten Fritz, er habe einmal einen jüdischen Eultusbeamten nach seinem Berufe gefragt, und als dieser sagte: Judenschlächter, habe ihm der König zugerufen: Sei er nur fleißig, mein Sohn. Solche Witze haben einen ernsten Kern; sie sind jedenfalls gut erfunden und sie kennzeichnen die Gesinnung des gegen die Juden keineswegs großen Königs; das Wohlwollen der regierenden Kreise ist uns nur selten zu Theil geworden, und als in Friedrich III. die Sonne fürstlicher Gunst und Gerechtigkeit uns aufzuleuchten schien, ist sie nutergegaugeu, kaum daß wir au ihren Strahlen einen flüchtigen Moment uns wärmen konnten. Es herrscht unter den Folgen dieses Gesetzes jetzt die vollständige Anarchie und den Vorstehern selbst, deren autokratische Neigungen dieses Gesetz sv sehr begünstigt, wird vor ihrer Goltäbnlichkeit bange, dein: es fehlt au Beamten, um int Gotteshaus, der Schule, dem Schlachthaus :c. die Forderungen des religiösen Lebens zu erfüllen. Fürst Bismarck und sein getreuer Jünger Herr von P u t t k a m e r sind längst von der Bildfläche verschwunden, aber ihr Ukas gegen die ausländischen Juden lebt und erschwert auf's Bedenklichste die Verwaltung. Früher, wenn Lücken entstanden, wenn es uns an Religionsbeamten fehlte, so bot der verarmte aber judenreiche Osten Ersatz. Fürst B i s m a r ck jedoch hat nicht nur die Grenze für die Juden fest verschlossen, sondern, wie bekannt, längst in Preußen ansässige Juden von der Stätte, die ihnen lieb geworden war, wo sie ihr redliches Brod sich erworben, verscheucht; viele aus Rußland und Polen stammende Canloren mußten den Wanderstab ergreifen; und von den auf deutschen Boden geborenen Jtlden finden sich nur wenige bereit, ein religiöses Amt zu übernehmen; während auf allen Berufsgebieten Ueberfüllung herrscht und viele Bewerber es geduldig ertragen, ein Jahrzehnt zu warten und umsonst zu arbeiten, um nur eine Anstellung im Staatsdienste zu erreichet!, nehmen wir bei Vacanzen jüdischer Religionsämter den empfindlichsten Mangel wahr; ja, tvir machen die beschämende Erfahrung, daß,