Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 962 Dr. Vloch's WochensthrM Nr. 48 der in seinen einunddreißig Büchern das Geschichtswerk des Tacitus von Nerva bis auf Valens fortgesetzt hat. Da find ferner Salvian und der Dichter Ausonius, Männer von echt römischer Gesinnung, die nicht der Haß gegen die Germanen, sondern die Liebe zu Roms Größe und weltgeschichtliche Bedeutung geleitet hat. Sie haben, anders wie einst Tacitus, germanisches Wesen und urdeutsche Eigenart nicht aus flüchtigen Beobachtungen und zweifelhaften Ueberlieferungen, sondern aus eigener Erfahrung, durch persönlichen Umgang kennen gelernt. Die Vorwürfe die sie gegen die Germanen erhoben, sind also zumeist aus den Verhältnissen ihrer Zeit hervorgegangen. Welcher Art sind nun diese Vorwürfe? Da ist vorerst der Vorwurf, daß die Idee einer Nation den Germanen fremd ist, daß sie in den Legionen als Söldlinge der Römer gegen ihre eigenen Stammesgenossen fochten. Daun heißt es wieder, daß sie selbst die Römer entnationalisiren, dieweil sie ein einheitliches Volk bilden, dessen Wesen dem Römerthume fremd ist, und es schädlich beeinflußt. So widersinnig und einander widersprechend nun diese beiden Vorwürfe auch sind, sie wurden in einem Athemzuge erhoben, ganz so wie den Juden von einer Seite ihre Ässimilationsfähigkeit, von der anderen ihr starres Natioualwesen, das Alles verjudet, vorgeworfen wird. Es war aber nur Kurzsichtigkeit, die sich gegen den germanischen Einfluß zeternd erhob. Rom durfte vor den Barbaren noch so sehr zittern ihrer entrathen konnte und durfte es nicht, denn mit ihrem beweglichen Naturell waren sie die Hechte im großen Karpfenteiche des Römerreiches. Das öffentliche Leben war versumpft, es fristete ein derart kümmerliches Wesen, daß es sich außer im Lagerleben, sonst nirgends kundgab. Das Blut in den Adern Roms war in Stockung gerathen, es mußte, sollte das Reich nicht an Altersschwäche sterben, mit neuem aufgefrischt werden. Von einem Volke, das einen derart scharf ausgeprägten Nationalcharakter hatte wie die Juden, ein Volk, das dem Römerthum feindlich gegenüberstand, konnte diese Arbeit nicht besorgt werden. Dazu war, sagen wir, die „schmiegsame" Art der Germanen nöthig. Sie paßten sich den Römern an, auf den Fußspitzen schleichend, bemächtigten sie sich der wichtigsten Aemter, und trotz der strengen Controle ihrer Gegner, eroberten sie sich eine Position um die andere, bis Ron: gänzlich germanisirt wurde. Vorsichtiger als ihre römischen Vorfahren sind die Germanen unserer Zeit in der Vertheidigung ihres sogenannten nationalen Besitzstandes. Sie verhindern es, daß der Jude sich der Aemter bemächtige, sie drängen ihn aus einmal errungenen Positionen hinaus und erheben, vom alten furor teutonieus besessen, den Ruf, daß Alles verjudet sei. Man sieht es ihnen an, daß sie zu Rom in die Schule gegangen sind, nur daß sie noch unduldsamer sind, als es Rom je gewesen. Hat es aber Rom trotzdem verhindern können, daß die jugendfrischen und lebenskräftigen Germanen jene weltgeschichtliche Rolle übernehmen, die ihnen beschieden war? Kann es der alte Stamm hindern, daß um ihn her ein hoffnungsvoller Jungwald sich erhebe? Im Innern der Völker lebt eine verborgene geheimnißvolle Kraft, die sich nicht zurückdrängen läßt, die zur Geltung gelangen will und auch wird, wie groß immer die Kräfte sind, die sie daran hindern wollen. Deutschland ist groß geworden, es stehet achtunggebietend im europäischen Völkerconcert da, und die besorgten Klagen eines Ammian haben nur noch einen geschichtlichen Werth. Es sind keine Machtgelüste, die das Judenthum erfüllen, es war ein träumender Dichter, der bei der Theilung der Erde immer leer ausging. Aber wie jene jugendlichen Germanenstämme, so durchdringt es sämmtliche Culturvölker Europas, es hat das Geistesleben unseres Welttheiles beeinflußt und gibt ihm täglich frische Anregungen und neue Ideen. Nichts kann das Judenthum in diesem Bestreben aufhalten. Es gleicht einem krystallklaren Bache, das die Landschaft fruchtbringend bewässert, sie aber verheerend überfluthet, so man ihm den Weg verlegen will. In diesem Sinne ist der Hilferuf unserer Gegner, daß alles verjudet wird, wohl war. So wenig aber die Klagen römischer Schriftsteller die Germanisirung Roms verhindern konnten, so wenig werden die Angstrufe moderner Römlinge der „Verjudung" Europas Einhalt gebieten können. Das Judenthum besitzt eben einen gewaltigen Beschützer — seine innere Wahrheit, und es verfügt über einen Schatz von Ideen, der nicht erschöpft werden kann. Wohl wird die feindselige Stimmung, die heute in der Judenfrage die Oberhand hat, nicht, oder wenigstens nicht bald schwinden, sie wird aber den Entwicklungsgang unseres Stammes so wenig stören können, wie einst der gewaltige Siegeslauf der germanischen Stämme gehindert werden konnte. Sie beweist nur, daß die Nachkommen jener Deutschen, die einst Ron: germanisirt haben, ein kurzes Gedächtniß haben und jenen reichgewordenen Protzen gleichen, die sich ihrer einstigen Armuth schämen. Mißlitz. Rabb. Dr. L. G o l d s ch m i e d. Vom Jahrmarkt des Lebens. Kleider machen Leute. Kleider machen Leute! Nicht nur von solchen Kleidern gilt das, die Einem wirklich gehören, sondern auch ausgeliehene Kleider, Röcke und Hosen, die gar nicht aus den Leib passen, sondern zu eng oder auch zu weit sind, geben ihrem Träger mitunter ein Ansehen, das ihm eigentlich nicht zukommt. Der Bürgermeisterrock des Herrn S t r o b a ch ist ein gepumptes Kleidungsstück. Dr. Lueger hat es dem Freunde aus seiner Garderobe zur Verfügung gestellt, er konnte den Rock nicht tragen, da wurde er dazu mißbraucht, die Strobach'schen Blößen zu bedecken. Kleider machen Leute! Wer ist jener Herr Stro b ach eigentlich, der einen Einspännerkutscher beschimpft hat und dann im Gerichtssaal vor ihm ausgckniffen ist? Versetzen wir uns aus dem bürgermeisterlichen Dermalium in das papierhändlerische Damalium. Hätte vor Jahresfrist der Lehrmittelverschleißer und Papierhändler S t r o b a ch eine Meinungsdifferenz mit dem Einspännerkutscher Bauer gehabt, da wäre wahrlich das Staunen der Welt ein geringes gewesen. Man hätte vielleicht den Kopf darüber geschüttelt, daß auch Lehrmittel ihren Verschleißer so wenig bilden, aber du lieber Himmel, die süßesten Lyriker sind mitunter die gröbsten Kerle, warum soll ein Lehrmittel- Verschleißer sich nicht den Luxus von Wasserermanieren gestatten dürfen? Seine Schultheken werden dadurch nicht schlechter und seinen Fibeln schadet es nicht, wenn er sie nur nothdürftig buchstabiren kann. In der Zeit, die dem Strobach'schen Dermalium vorausging, hätte sich's freilich Niemand träumen lassen, daß dereinst die Stadt Wien ein vitales Interesse an den Manieren jenes Papierhändlers haben würde. Unglücksraben, die uns gekrächzt hätten, daß dereinst ganz Wien die moralische Mitverantwortung tragen würde an dem Thun und Lassen des Herrn S t r o b a ch, wären durch ein homerisches Gelächter zum Schweigen gebracht worden. Aber, wie gesagt, Kleider machen Leute, und wenn der erste Bürger von Wien mit Worten, wie ..besoffener Schweinkerl" herumwirft, so fliegen die Kothpatzen uns allen in's Gesicht. Im Damalium hätte man sich freilich manches Andere auch nicht träumen lassen. Zum Beispiel wäre es wesentlich unwahrscheinlich gewesen, daß gerade der Herr Papierhändler S t r o b a ch in der Lage sein würde, der Themis die Binde tiefer über die Augen zu ziehen, daß just er das Privileg haben würde, ungestraft zu beleidigen. Es gibt ja viele gerichtssaalscheue Angeklagte; aber — Kleider machen Leute. Und von diesem Gesichtspunkte aus erscheint es ganz selbstverständlich, daß der Mann im Bücgermeisterrocke einen Einspännerkutscher beschimpfen darf, daß die Zeugen, die ihm zuliebe die Aussage verweigern, nicht vor die Schranken des Gerichtes geführt werden. Und wie gut war es, daß man diese Verhandlung nicht beeilte, wie treffliche Folgen hatte die Vertagung!