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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-11-27 · 48 (27.11.1896) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
48 (27.11.1896)
Date
1896-11-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 48 Seite 951 Vr Bloch's Wochenschrift oder Sicherung vor sonstigem .Schaden zu erlangen. Besonders war es das Einstürzen oder sonstige Zerstörung von Gebäuden, die Ulan dadurch zu verhindern suchte. (Siehe Grimm: Deutsche Mythologie. 1095.) Man berichtet auch von Menschenopfern, besonders Frauen und Kinder, bei Flußübergängen. Für Mißjahre oder Seestürme wurden die Fürsten verantwortlich gemacht und geopfert; so König Domaldi in Schweden. Dagegen opferte König Oen jedes zehnte Jahr einen seiner Söhne, um selbst lange leben zu können, und ebenso opferte Hakon Jarl der Thorgerd Hölgabrud, die, wie Simrock bemerkt, nicht einmal eine rechte Göttin war, seinen Sohn. Wie Dietmar von Merseburg berichtet, wurden in Seeland alle nenn Jahre am 6. Januar 99 Menschen und ebensoviele Pferde zur Versöhnung der Götter geopfert. Die alten Gothen, welche Grimm für Vorfahren der Deutschen hielt, opferten nur alle fünf Jahre sparsam nur einen Menschen, indem sie ihn, gebunden an Händen und Füßen, in die Höhe schleuderten und auf drei Lanzen anffingen. *) Es dauerte lange, bis das Christenthum diese Gebräuche ansrvttete, und der blutige Aberglaube hat noch lange bei den nur äußerlich christianisirten Germaneil geherrscht. Vor Kurzem ist in Frankreich der vierzehnhnndertste Jahrestag der Bekehrung des Frankenkönigs Chlodwig, zu dessen Taufe bekanntlich eine Taube vom Himmel das Salböl brachte, gefeiert worden. Fünsundvierzig Jahre nach dieser Bekehrung fiel König Theudebert, ein Enkel Chlodwigs, mit seinem Heere in Italien plündernd ein und opferte, um sich den Sieg zu sichern, wie Prokopins erzählt, zahlreiche Frauen und Kinder den Göttern. Es fehlt hier der Raum, um von allen Menschenopfern während des Mittelalters zu berichten, und so nlögen zwei Fälle aus späterer Zeit aus unserer schönen, so stark vom Antisemitismus angesteckten Steiermark genügen. Als dort vor einigen Jahrhunderten die Pest grassirte, wurden in Weigelsberg, an dem Orte, wo gegenwärtig eine Pestsäule steht, drei kleine unschuldige Mädchen lebendig begraben, worauf die Seuche augenblicklich erlosch. Eine, gleiche Sage geht von der Pestsäule zu Eibersberg, wo jedoch nur zwei Mädchen, die einzigen Kinder einer frommen armen Witwe, begraben worden sein sollen. So berichtet Doctor Richard Peinlich in seiner Geschichte der Pest in Steiermark, Graz 1877, nach Mittheilung des hochwürdigen Herrn Admonter Stiftscapitulares Emmeran Schlünder, der diese Sagen ans dem Munde der dortigen Bürger vernahm. Da hätten wir also gleich fünf von sich Christen nennenden „Ariern" dem Aberglauben geopferte Kinder, gegen den einen angeblich von Inden getödteten Christenknaben von Trient! Und es sind nicht etwa verleumderische Semiten, sondern Christen, welche von diesen Gränelthaten ihrer Glaubensgenossen erzählen. Erinnert man sich solcher Geschichten aus alter Zeit, so erscheint der Antrag des Abgeordneten Hauck wegen der Opfersteine in ominösem Lichte. Man wird uns freilich das eingangs von der Niederlage der Deutschnationalen und dem Siege der Clericalen Gesagte zur Beruhigung entgegenhalten, aber hat nicht ein Clericaler gesagt, es sei ihm einerlei, ob die Inden gehängt oder ertränkt werden, und hat nicht Schneider ein Schußgeld aus Juden beantragt? Und dann, wir schreiten ja immer weiter zurück, und es ist nicht viel über hundert Jahre, seit der letzte Ketzer nach Urtheil des Jnqnisitionstribnnals verbrannt wurde. Freilich, Juden sind keine Ketzer und es kann sein, daß mancher Antisemit die Rückkehr in's Mittelalter, wenn anch nicht auf dem Scheiterhaufen, doch in anderer Weise früher und unangenehmer spüren wird, als wir Juden. „Merk.m Sie sich das!" pflegt in solchen Fallen Dr. Karl Lueger zu sagen. M. Korns Germanifrrung. Der Reiche, dem Schatze und Wohlstand befchieden, erinnert sich nur selten und. ungerne der Armuth der Ahnen. Darin liegt eben die dämonische Kraft des Goldes, daß es unser ganzes Wesen beeinflußt, es macht den leise uub bescheiden auftretenden Armen zum lauten Protzen, es bewirkt in vielen Fällen, daß der Mensch, dem es zu Theil wurde, seiner armen Väter und Vergangenheit sich schämt. Was weiß der vom furor teutonicus geblähte Germane der Gegenwart von jener Abneigung, der seine Väter begegnet? *) Carl Simrock: Handbuch der deutschen Mythologie, Opfer, 8 134. Im rosigen Lichte der Gegenwart sieht er anch die Vergangenheit umwebt vom strahlenden Glanze der Heldensage, er kann es nicht begreifen, daß die Sonne, die ihm so vielverheißend scheint, in der Morgendämmerung verhüllt war, von undurchdringlichen Nebelschleiern? Das Tentschthum, das in der Tacitns'fchen Schildcrnng so kraftstrotzend und lebensstark erscheint, die blondlockigen, blauäugigen Recken des Nordens, das ist der gewaltige Felsen, ans welchem der Deutsche gehauen wurde. Es soll nicht versucht werden, durch die nörgelnde Thätigkeit der kritischen Geschichtsforschung an diesen für feststehend gehaltenen Thalsachen zu rütteln. Auch der Umstand möge unerörtert bleiben, ob einem mitten in der größten Sittenverderbtheit und in einer von moralischer Fäulniß durchseuchten Gesellschaft lebenden Schriftsteller unbedingte Glaubwürdigkeit zuerkannt werden kann, wenn er jene Zustände schildert, die er als nachahmenswerthe Ideale hinstellt. Auch jenes Fehlers, wonach die Tagesbeschäftigung der Germanen oft nur im Trinken bestand — tranken sie doch immer noch eins — soll nicht gedacht werden. Daß das Gefühl der Zusammengehörigkeit bei ihnen nicht entwickelt war, daß sie als Freunde und Feinde Roms gegeneinander fochten, daß Sueben und Bruktaren sich heftiger befehdeten als ihren gemeinsamen Gegner, daß Grausamkeit und zügellose Beutegier ihre hervorstechenden Charaktereigenthümlichkeiten bildeten, daß der Hang zum Würfelspiel, daß List und Verschlagenheit ihnen anhafteten, wollen wir ihnen auch nicht allzu hoch anschlagen. Man darf an Urvölkeru nicht den Maßstab anlegen, den wir bei eivilisirten Völkern anwenden, und auch die Tugenden, mit welchen sie sich rühmen durften, sollen nicht vergessen werden, zumal diese ihre Fehler reichlich aufwogen. Aber in jener Zeit, in welcher das sinkende und von den letzten großen Kaisern, von Constantin, Justinian und Valentin künstlich znsammengehaltene römische Reich von mehr oder minder starken germanischen Sturzflnthen überschwemmt wurde, als Germanen sich in der verödeten Poebene und in den industriereichen Städten allmälig ansiedelten, in jener Zeit traten Erscheinungen zu Tage, die mit der modernen Judenfrage eine verzweifelte Aehnlichkeit besitzen. Ueberall drängten sich die Germanen vor, wir begegnen ihnen als Sclaven, die den Acker ihrer Herren bestellen, sie nehmen als Geistliche in der noch jungen christlichen Kirche eine bedeutende Stellung ein, sie eignen sich zu gut besoldeten Beamten und kämpfen in den Legionen am Nil, am Euphrat, am Rhein und der unteren Donau. Sie schmiegten sich dem Römerwesen immer mehr an, die glänzende Civilisation des sich zu Tode schwelgenden Roms umstrickte sie mit ihrem verführerischen Zauber. Ihrerseits wurde aber das Wesen der Weltmacht auch beeinflußt, und in vielen Einzelnheiten hat sich germanische Eigenart dem römischen Charakter ausgeprägt. Sie werden daher mit den verschiedensten Empfindungen begrüßt. Ihre urwüchsigen Kerngestalten werden nicht ohne respectvollen Staunen betrachtet, ihre von ihrer verlotterten Umgebung abstechende Sittenreinheit erzwingt sich allgemeine Achtung. Das hindert aber die Römer nicht, einen tiZen Widerwillen gegen die Germanen zu empfinden, sie zu hassen, zu verabscheuen und gering zu schätzen. Der Entrüstungsfchrei, daß das germ nische Element im Begriffe steht, das römische zu unterdrücken, wird allgemein erhoben, und ans der antigermanischen Literatur jener Tage starren uns Vorwürfe entgegen, die sich in der antisemitischen Literatur — si venia verbo — wiederfinden. Nur, daß dortjener pestilente Cloakengeruch fehlt, der uns hier athembeklemmend entgegenquillt. Dieser Unterschied wird erklärlich, wenn wir nur die Namen einiger germanenfeindlicher Schriftsteller dieser Periode neunen. Da ist vorerst der, um die Mitte des vierten nachchristlichen Jahrhunderts lebende Ammianus Marcellinus

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